Traurig

Der Journalist Jamal Khashoggis ist also ermordet worden. In der Botschaft des Königreichs Saudi Arabien in Istanbul. Und alle sind sehr traurig. 18 Tage lang wusste niemand, wo sich der Journalist, der in die USA emigriert ist und seine türkische Lebensgefährtin heiraten wollte wofür er Dokumente aus der Botschaft seines Heimatlandes benötigte, aufhielt, on der die Botschaft wieder verlassen, oder noch immer in ihr anwesend oder als Geist auf dem Fenster genebelt war und plötzlich wusste man die Details und gab diese um 1 Uhr Nachts, zu einer Zeit also in der das Königreich schlief, in einem eher kurzen Statement offiziell bekannt. Der Bericht von Spiegel online vom 20. 10. 2018 liest sich wie ein Drehbuch eines neuen James Bond – Films und man ist doch immer wieder überrascht, dass die Wirklichkeit nicht wesentlich anders funktioniert als das Unterhaltungskino. Traurig ist das Saudische Königshaus, weil sie ein paar ihrer guten Männer zur Verantwortung ziehen müssen, das läuft dann ähnlich ab wie bei unserem Herrn Maaßen, traurig ist der Amerikanische Präsident, wiewohl er sofort mitteilte, dass die Waffenlieferungen ebenso unbeeindruckt bleiben würden wie das Ölgeschäft, traurig ist auch der Herr Erdogan, da er doch in seinem Lande Bitteschön selber entscheiden möchte, wer hier wie getötet, gefoltert oder eingesperrt wird und traurig ist natürlich auch unser Herr Maas, der gerade erst seinen Kniefall vor den Saudis absolviert hatte. Besonders aber ist man traurig, dass Saudi Arabien jetzt wieder in schlechtem Licht dasteht in der Öffentlichkeit, der Jemen-Krieg wieder diskutiert wird und das alles, wo man doch die Wirtschaft wieder ungestört und von der Öffentlichkeit im Wesentlichen unbemerkt, mit dem Königreich ankurbeln wollte.

Auch in NRW ist man sehr traurig. Hat man doch durch verschiedene Regierungskonstellationen hinweg intensiv mit der RWE zusammengearbeitet und am Braunkohleabbau festgehalten. Man weiß natürlich, dass die Braunkohle – Kraftwerke zu den schlimmsten Luftverpestern zählen, aber da man in der Regierungskoalition gleich formuliert hatte, dass die Klimaziele ohnehin nicht erreicht würden, stand dem forcierten Abbau nichts mehr im Wege. Und jetzt hat sich die Bevölkerung also gewehrt und das Gericht erstmal nein gesagt zu den bereits von der Politik zugesagten Fakten. Der deutsche Partnerverein des Hope Theatre Nairobi sitzt in Stuttgart, hier weiß man, dass sich die Bevölkerung nie durchsetzen wird, denn auch Stuttgart 21 wird gebaut, weil man auch in Freiburg und in Lauda über den Bahnhof abstimmen durfte und obwohl alles noch viel teurer und komplizierter und langwieriger wird als damals von den Gegnern (unter denen sich auch hochrangige Expertinnen befanden) vorausgesagt – Wurscht, gebaut wird. Und daher darf man auch davon ausgehen, dass sich RWE durchsetzen wird. Denn die Politik ist nicht mehr im Dienste der Bevölkerung unterwegs, sondern im Dienste der Konzerne. Wie man ja auch gut bei den Diesel-Gesprächen in Brüssel sehen konnte.

Dort wurde beschlossen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen von 2020 bis 2030 um 35% sinken soll. Deutschland war sehr traurig. Denn die Bundesregierung wollte nur 30% während viele europäische Länder 40% anstrebten. Die Umweltministerin hat „ihren Widerstand aufgegeben und damit eine einheitliche Position der Bundesregierung möglich gemacht, die eine ähnliche Linie wie die Autobranche vertritt.“ Diesem Satz aus der Zeit folgt im selben Artikel ein anderer: „Ein Großteil der deutschen Bevölkerung befürwortet strengere CO2_Grenzwerte, wie eine Studie darlegt…“ (Umweltministerin akzeptiert laschere CO2-Vorgaben für Autos, Zeit online, 26. 9. 2018) Das ist das wirklich Traurige, dass die Bevölkerung jetzt bereits überall mitreden will, sogar bei der Autoindustrie. Und dabei leben so viele vom Autobau. Das ist natürlich richtig, aber ein gesünderes Auto würde keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern nur die Atmungserkrankungen bei Kindern und älteren Menschen ein wenig reduzieren und vielleicht den Managern weniger Gewinne und damit weniger Dividende bringen. Und das wäre natürlich sehr traurig. Also sollte sich so wenig wie möglich ändern, vor allem nicht im Bereich der Aktiengewinne deutscher Topverdiener. Natürlich glaube ich nicht, dass wir aufhören sollten, Auto zu fahren, das wäre nicht durchsetzbar. Aber man könnte umdenken, wenn man wollte, aber man will nicht.

Dazu passt, wie ich finde, ein Auszug aus dem Bericht der Klimakonferenz: „Grundlage für Weltklimakonferenz

Der Weltklimarat wurde damit beauftragt, einen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel zu erstellen. Er analysierte daraufhin über 6000 Studien. Die Zusammenfassung des neuen Berichts wurde in der vergangenen Woche mit Vertretern von 195 Staaten abgestimmt, so dass diese nun ein politisches Gewicht hat. Die Daten sind auch Grundlage für die Weltklimakonferenz im Dezember im polnischen Kattowitz.

Der globale Ausstoß etwa von Kohlendioxid (CO2) müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 Null erreichen. Nach dem neuen IPCC-Bericht kann der Mensch im Vergleich zu älteren Berichten möglicherweise etwas mehr CO2 ausstoßen, um dennoch das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Hofreiter und Schulze fordern schnelles Handeln

Bundesumweltministerin Svenja Schulze setzte sich für schnelles Handeln ein. „Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren. Das ist die Kernbotschaft des Berichts“, sagte die SPD-Politikerin. „Die nächsten Jahre sind entscheidend, damit unser Planet nicht aus dem Gleichgewicht gerät.“ Man müsse den Abschied von Kohle, Öl und Gas hinbekommen.“

Da lesen Sie es. Und was passiert…?

Deutschland gehört zu den Meistern der Versprechungen. Man hat ein System entwickelt, uns ständig Glauben zu machen, das die Politik in unserem Sinne, also im Sinne der Bevölkerung, handelt. Dafür wurden Statistiken geschaffen, Arbeitsberichte, Tabellen und Statistiken. Und in diesem Dickicht der vielen Formulierungen passiert, was den Gewinn voranbringt. Denn der Gewinn ist neutral. Originellerweise war es ein CDU-Politiker, der eine andere Vision hatte, mi der man die Welt anders hätte organisieren können. Menschlicher. Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard war von 1929 – 1963 Bundesminister für Wirtschaft und galt in dieser Funktion als Vater des deutschen Wirtschaftswunders und der Sozialen Marktwirtschaft. Heute behauptet man, dass Angela Merkel die CDU mehr nach links geführt hatte, aber da stimmt bei genauerem Hinsehen gar nicht. In ihren Reden ja, in ihrem handeln nein. Und das ist dieser unangenehme Geschmack der Koalitionsregierung seit Merkel – diese extreme Diskrepanz zwischen Handeln und Reden. Vieles von dem was gesagt wird ist eigentlich zu begrüßen, nun erkennen wir aber langsam, dass davon kaum etwas umgesetzt wurde, oder nur unvollkommen und nur kurzfristig. Die großen Themen wurden ungeheuerlich viel öffentlich debattiert und damit wurde uns das Gefühl vermittelt, dass auch etwas passiert. Aber es passiert nichts. Und das hat der Wähler mittlerweile gemerkt. Sehr zum Groll der Regierenden, die überhaupt keinen Sinn darin sehen, an dem Prinzip „Wir haben die Macht und daher behalten wir sie auch“ etwas zu verändern. In den 12 Jahren der Ära Merkel haben sich viele Strukturen und Partnerschaften verfestigt, sehr zum Nutzen der Protagonisten und ihres Umfelds – und sehr zum Schaden der Bevölkerung.

Auch in Bayern war man über die Wahl sehr traurig. Aber auch hier hat man in wenigen Stunden bereits einen Weg gefunden, um nichts ändern zu müssen. Im Gegenteil, der Wahlverlust liest sich jetzt wie ein gemeinsamer Sieg, Söder wird bleiben was er war (in jeder Hinsicht) und Bayern ebenso. Auch wenn es in der Bevölkerung dramatisch rumort, aber das wird ausgesessen. Denn wenn wir etwas in den letzten 12 Jahren gelernt haben, dann die Fähigkeit des Aussitzens. Im 13ten Jahr wird das Aussitzen zunehmend schwieriger, da die Bevölkerung nicht mehr alles so einfach hinnehmen möchte. Plötzlich erinnert man sich, dass wir nur wegen Fukushima aus dem Atomzeitalter ausgestiegen sind, jedenfalls so halbwegs, nicht aus Überzeugung. Entscheidungen über unsere Gesundheit sind also Wahlzuckerl. Das wird bei der Braunkohle nicht anders, und beim Auto auch nicht. Aber die Bevölkerung regt sich. Nach der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung war es ruhig geworden in Deutschland, man hat sich einlullen lassen. Schröder hatte die SPD zertrümmert und Merkel die FDP, aber das Volk blieb insgesamt sehr ruhig. Nun reicht es. Nun will man wieder Resultate sehen und nicht nur Statistiken und Protokolle.

Wir waren wieder zu Gast in Jena, beim Eine-Welt-Netzwerk Thüringen. Wir trafen uns mit Kolleginnen und Kollegen des Chat-der-Welten-Programms um über Verbesserungen und Intensivierungen des Projekts zu sprechen, seit über 2 Jahren sind wir nun bereits in einem direkten Dialog zwischen Thüringen und Kenia. Dieser Chat ist – für alle, die es nicht wissen – ein Programm, das von Engagement-Global gefördert wird und bei dem SchülerInnen und Expertinnen per Internet live miteinander sprechen. Über Ernährung, Lebensgefühl, Schulweg, Politik, Umweltprobleme, Natur, Freundschaften und so weiter. Ein grandioses Programm, das leider viel zu wenig präsent ist und nur durch das große Engagement einiger weniger richtig am Leben erhalten wird. Das Besondere ist, dass in diesem Programm genau das passiert, was eigentlich passieren sollte, nämlich der direkte Kontakt auf Augenhöhe. Nicht wir reden über die Menschen woanders, wie das leider meistens der Fall ist, sondern die Menschen reden direkt miteinander. Betreut durch ExpertInnen auf beiden Seiten. Zwei Mal im Jahr, wenn die MitgliederInnen des Hope Theatre in Deutschland sind, treffen wir uns persönlich und tauschen uns aus. Natürlich hat das Projekt auch Probleme: es gibt kein Budget für die Schulen / Veranstalterinnen aus den anderen Ländern. Man benötigt einen Computer und einen Internetanschluss. Man muss sich vorbereiten und Interesse an den Menschen aus anderen Ländern entwickeln. Das ist in der deutschen Entwicklungspolitik noch etwas schwerfällig. Noch möchte man lieber seine Programme abspulen und über die Menschen dort sprechen als mit ihnen. Miteinander sprechen scheint überhaupt etwas zu sein, das mit Argwohn behandelt wird. Viel wichtiger sind Listen, übergeordnete Programme, Konzepte, Zielsetzungen und so weiter. Der Dialog auf Augenhöhe ist so ein Konzept-Titel, so ein Projekt. Dass der Dialog miteinander dazugehört und dass es durchaus sinnvoll ist, jungen Menschen aus Kenia, Mexiko, Brasilien, Südafrika etc. zuhören, zeigen die wunderbaren Ergebnisse des Chat der Welten mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen.

Auch in Bayern denkt man über die Menschenrechte nach. Karl-Heinz Rummenigge mahn Artikel 1 des Grundgesetzes an, weil die Medien ausnahmsweise den FC Bayern nicht in seinem Sinne berichterstattungsmäßig unterstützt haben. Das ist wirklich sehr mutig. Der FC Bayern, der regelmäßig Spieler aus anderen Vereinen rauskauft oder durch Angebote irritiert, um die Konkurrenz nicht stark werden zu lassen, deren beiden Bosse Karl-Heinz Rumginge und Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung – also Betrug an der Bevölkerung – rechtskräftig verurteilt wurden (Rummenigge ohne Gefängnisaufenthalt) und nichts desto trotz weiter gesellschaftliches Vorbild im Sport sein dürfen sind beleidigt, weil ihre Mannschaft kritisiert wird. Und sprechen von Menschenrechten. Also da gehört schon eine große Arroganz und Dreistigkeit dazu. Vor allem wenn man in Deutschland auf die Pressefreiheit verweist und gerne über andere redet. Herr Rummenigge hatte 2013 zwei goldene Rolex mitgebracht. Geschenke aus Katar im Wert etwa 100.000,- € für seine Sammlung. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um seine Menschenrechte und wünsche mir den FC Bayern in die 3. Liga. Die CSU und der FC Bayern waren mal ein Packerl. Es wird die Welt nicht retten, aber es tut gut, dass beide mal eine auf den selbstherrlichen Deckel bekommen haben. In anderen Ländern werden Journalisten ins Gefängnis geworfen, weil sie Betrug und Missstände aufzeigen, in Deutschland werden Journalisten beschimpft, weil sie schreiben, was jeder sehen konnte: das Bayern gerade nicht gewinnt. Zynischer geht’s kaum…

Ich bemühe mich, mit jährlicher privater Bezuschussung, den kontinuierlich für das Projekt arbeitenden Menschen in Kenia 200,- pro Monat zu zahlen, die Leute arbeiten das ganze Jahr, entwickeln Stücke zu relevanten Themen und spielen in Deutschland ausgebuchte Tourneen. Trotzdem rechnet sich das Projekt nicht, da afrikanisches Theater keine Lobby hat und der Sinn, Theater aus Afrika in Deutschland zu präsentieren, noch immer nicht wirklich verstanden wird. Fußball trägt offensichtlich mehr zur Völkerverständigung bei, vor allem zwischen Dakar und München. Auch das ist irgendwie traurig…

Der nächste Blog kommt aus den Beruflichen Schulen Heilbronn, die seit knapp 15 Jahren eine Austausch-Initiative mit einer kenianischen Schule haben…

viel Spaß beim Lesen wünscht das Hope Theatre Nairobi (ohne Rolex)

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Trommeln für alle… !

Gestern, 6. Oktober, sind wir bei der langen Nacht der Kultur Heilbronn im Deutschhofkeller aufgetreten. Es war ein kurzer, schöner und übervoll besuchter Auftritt, wir spielten 2 Szenen, zeigten einen traditionellen Tanz und einen HipHop und gaben, sehr zur Freude des Publikums, einen kurzen Tanzworkshop. Nach einer halben Sunde war die Aufführung vorbei und es wurde schon für die nächste Gruppe aufgebaut. Im Innenhof trafen wir dann SchülerInnen, LehrerInnen und kenianische AustauschschülerInnen der Christiane-Herzog-Schule Heilbronn und hatten sehr viel Spaß zusammen. Wir werden sie in einer Woche bei einem gemeinsamen Theaterprojekt unterstützen, manchmal finden gute Dinge eben ganz spontan statt. Vor unserem Auftritt hatten wir, organisiert von unserem Freund Christoph Schulz, ein Treffen mit LehrerInnen und ElternvertreterInnen mehrere Schulen aus dem Landkreis Heilbronn, um über die Projekte auf unserer Tournee 2019 zu sprechen, der Kreis der Schulen in der Region wächst und wir werden wahrscheinlich ingesamt 2 Wochen mit Schulen im Landkreis und der Stadt Heilbronn zusammenarbeiten. Das ist sehr erfreulich. Bevor wir dann zu späterer Stunde noch etwas essen gingen sahen und hörten wir einer deutschen Trommelgruppe zu. Im Programm stand dazu: „Die Musik Afrikas ist Ausdruck von Kraft und Lebensfreude. Die Trommel ist auf jedem Erdteil und bei allen Kulturen bekannt. (…) Die Gruppe Hakuna Matta aus Löwenstein besteht seit 2003.“ Wir erlebten großartige Musik, dargeboten von mehreren Männern, alle aus der Region, alle weißhäufig, alle deutschsprachig. Ich habe damit kein Problem, im Gegenteil, ich freue mich, wenn Menschen hier die Musik, die Rhythmen und die Kultur des Afrikanischen Kontinents toll finden und sich mit ihr beschäftigen und sie interpretieren. Womit ich aber en Problem habe ist die Tatsache, dass man dem Hope Theatre Nairobi, einer Gruppe von Menschen, die in Nairobi leben und in Kenia geboren sind, unterstellen möchte, dass sie ihre Musik als Folklore für uns Deutsche spielen. Soll heißen, wir hier in Deutschland dürfen afrikanische Musik machen, aber die Menschen aus einem afrikanischen Land nicht, weil das – Originalzitat – ein falsches Afrikabild präsentiert. Wir haben dazu eine Szene geschrieben mit dem Titel „Second Hand People“ Der moderne Afrikaner soll aussehen wie ein Europäer, aber natürlich second hand. Das ist eine der vielen absurden Weltsichten eines Landes, das sich vor allem mit sich selbst beschäftigt. Gestatten Sie mir einen Sprung nach Nairobi, seit 2013 meine zweite Heimat. Dort saß ich bei einem Geschäftstermin mit 4 Männern und 3 Frauen an einem Tisch, es ging um Regionalwahlen, nicht um Kultur, die Personen waren folgendermaßen gekleidet: die Politikerin hatte ein in Kenia genähtes Kleid im europäischen Stil mit einer kenianischen Kopfbedeckung, eine zweite Frau trug ein traditionelles Kleid aus kenianischem Stoff, die 3. Frau ein schwarzes Business-Dress, ein Herr war im Anzug, einer im Kaftan, einer in Hose und afrikanischem Hemd und einer mit Jeans und T-Shirt vom FC Barcelona. Eine bunte Mischung, niemand hat sich gewundert oder irgendwas thematisiert. Diese Gespräche finden immer nur hier in Deutschland statt, wer wie aussehen soll und warum und was man davon hält. Da ist Nairobi viel moderner, aufgeschlossener und weltoffener.

Nein, wir sind keine afrikanische Trommelgruppe, ja, wir sind eine kenianische Theatergruppe, die auch Tanz- und Musikszenen hat, auch HipHop (selbst geschrieben) und auch traditionelle – nein nicht afrikanische – sondern kenianische Musik. Eine der beiden Szenen war aus unserem Stück zum Klimawandel – Herr Ökonomie und Frau Ökologie treffen sich zufällig und haben ein Streitgespräch. Eigentlich eine Art Trennungsgespräch. Die Ökonomie hat sich von der Ökologie getrennt und geht nun ihren eigenen Weg. Nach der Szene konnte ich noch kurz meiner Freude Ausdruck verleihen, (privat, nicht als Figur verständlicherweise), dass RWE eine Niederlage erlitten hatte, der Rechtsstaat hat die Politik in die Schranken gewiesen. Dazu ein (gekürzter) Auszug  aus der Zeit online 6. Oktober 2018: „Am späten Freitagvormittag verschickte das Oberverwaltungsgericht Münster ein Urteil, das sowohl Braunkohlegegner als auch RWE überraschte. Die Richter verhängten nach Beschwerde des BUND per Eilbeschluss ein vorübergehendes Rodungsverbot. (…) Die Justiz hatte den Konzern in die Schranken gewiesen und die schwarz-gelbe Landesregierung blamiert, die mit einem für Nordrhein-Westfalen historischen Großaufgebot der Polizei ein paar Dutzend Baumbewohner vertreiben ließ. (…) Beseelt steht nun Hubert Weiger vor dem Infopoint des BUND. Der Bundesvorsitzende des Umweltverbands ist begeistert von der Stimmung, die von einer neuen Umweltbewegung künde. „Es ist eine neue Bewegung, die von der Jugend dominiert wird und die nicht gewillt ist, weiter hinzunehmen, wie ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird“, sagt er. „Das ist ein großes Zeichen, auch an die Demokratie.“Die Demo am Hambacher Forst soll der Beginn von etwas Größerem sein, da sind sich die Menschen hier einig. Es gehe nicht mehr allein um die Energiewende, sondern vielmehr um das Bedürfnis der Menschen nach Wiederbelebung einer träge gewordenen Demokratie. „Ob dieses kleine Stück Wald nun bleibt oder nicht, ist mir eigentlich nicht so wichtig“, sagt Demonstrant Junge. „Ich bin gekommen, um zu zeigen, dass ich es nicht mehr hinnehmen will, dass Konzerne für die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen das Geschehen diktieren und die Politik sie gegen den mehrheitlichen Willen des Volkes dabei unterstützt.“ Die Autohersteller und der Dieselskandal, RWE und der Hambacher Forst, all das seien die jüngsten Beispiele dafür, wie die Politik an den Menschen vorbeiregiere und den Radikalen auf diese Weise die Wähler in die Arme treibe. „So kann es doch nicht weitergehen.“

Das macht Mut. Und gleichzeitig natürlich auch wieder nicht, denn auch in Stuttgart hatten die BürgerInnen mit allen ihren Argumenten recht, wie sich jetzt herausstellt, der Bahnhof wird trotzdem gebaut. Für jemanden wie mich, der erfolgreich an der Rettung der Hainburg Au in den frühen 80er Jahren beteiligt war, der erfolgreich gegen das Österreichische Atomkraftwerk mitgekämpft hat und der 1978 als Landesschulsprecher eine Ausstellung zum Buch „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome organisiert hatte stellt sich die Frage, ob sich eigentlich irgendetwas seit damals geändert hat. Im Weltdurchschnitt. Unser Stück „Stop breathing, it can damage your health“ von den KlimaexpertInnen Hannes Lauer und Natalia Roizzenzon-Sipple, das wir im Frühjahr 2018 auf unserer Deutschlandtournee sehr erfolgreich gespielt hatten und am 26. Oktober auch im Museum im Deutschhof spielen werden, hat mich nachdenklich und resigniert gemacht. Ja, es haben sich in Deutschland ein paar Faktoren gegenüber 1968, dem Jahr der Erstveröffentlichung des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ verbessert, nein, weltweit ist die Gesamtsituation nicht besser geworden sondern schlechter. Es nützt nichts, hier über Diesel zu diskutieren, wenn die Ozeanriesen und die Kreuzfahrtschiffe ungeniert den Dreck in die Luft pusten und die Autos, die in Deutschland nicht mehr fahren dürfen, in ein anderes, vielleicht weit entferntes Land verschickt werden. Irgendwann haben wir den Dreck gleichmäßig verteilt auch wieder bei uns. „Wir haben nur eine Luft“ heißt es in unserem Stück. Und da will uns 2018 ein Energiekonzern weiß machen, dass wir ohne Braunkohle untergehen. Auf der Website erklärt RWE die Braunkohle als alternativlos. Dabei wissen wir, dass Deutschland Stromüberschuss exportieren muss. Ebenso Lebensmittelüberschuss… Wir leiden keine Not, auch nicht im Energiebereich. Aber wir haben zunehmend Klima- und Gesundheitsprobleme. Die Bundesregierung verkauft uns den Dieseldeal als politischen Erfolg. Und vergisst dabei zu erwähnen, dass die Automobilindustrie nicht zur Kasse gebeten wird sondern wir, die Steuerzahler.

Vor 3 Tagen saßen wir bei fairtrade Deutschland im Headquarter in Köln. 2 x im Jahr treffen wir unseren Partner Dieter Overath zum inhaltlichen Update. Wo hat der Faire Handel Fortschritte gemacht und wo nicht, und warum. Wo können wir bei unseren Auftritten in Schulen helfen, was müssen wir intensiv thematisieren, wo sind fairtrade Grenzen gesetzt und so weiter… Die Geschichte mit dem Fairen Handel ist, wie vieles das gerecht und fair sein will, nicht unkompliziert. Es ist interessant, dass bei fairtrade viele irgendeinen Verdacht haben, dass irgendwas nicht ganz so hundertprozentig ist wie vorgegeben. Bei Nestle fragt seltsamerweise niemand nach. Bei Coca Cola und McDonald’s auch nicht. Im Bereich des fairen Handels gibt es auch Kritiker, die es nicht gut finden, dass sich fairtrade dem Discounter geöffnet hat, da es ja per se nicht erfreulich ist, dass der deutsche Lebensmittelhandel zu über 80% in der Hand von 4 großen Playern ist. Die sollte man nicht auch noch mit fairem Image unterstützen. Das stimmt. Andererseits würde man ihnen dann das ganze Feld überlassen und der faire Handel blieb eine Nische für wenige wirklich intensiv Interessierte. Um aber vielen Menschen im armen Süden eine Chance zu geben, müssen viele faire Produkte verkauft werden und es ist nunmal eine Tatsache, dass die meisten Menschen eher im Discounter einkaufen und da ein paar faire Produkte kaufen, als dass sie für Kaffee oder Schokolade extra in den Weltladen gehen. Umgekehrt ist im Weltladen das Angebot aus speziellen Produkten, Kunsthandwerk, einem breiten Sortiment aus fair gehandelten Süßwaren und Geschenkartikel zu erwerben, das man im Discounter nicht findet. Die Zusammenarbeit wäre also sicher für alle Beteiligten gut, Zusammenarbeit für die gute Sache ist aber oft schwierig, weil alles immer gleich grundsätzlich wird. Wahrscheinlich ist das ein wesentliches Problem der Menschen, die sich für etwas engagieren, dass es ihnen nicht egal ist, wie genau die Idee umgesetzt werden soll. Da haben es die Manager einfacher. Denen ist alles egal, Hauptsache es bringt Gewinn. Dieter hat uns jedenfalls zwei bemerkenswerte Zahlen genannt: zum einen werden mittlerweile fast ein Drittel aller in Deutschland verkaufen Bananen fair gehandelt. Und zweitens hat der fair gehandelte Kaffee in Deutschland noch immer nicht die 5% erreicht. 96% des Kaffees ist also das Ergebnis von miesen Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, ungebremstem Gifteinsatz, Fehlen jeglicher Frauen- und ArbeiterInnenrechte, Preisdumping und Lebensraumzerstörung. Ob unsere Bayerischen „mir san mir“ – Politiker vor der Wahl besonders viel unmenschlichen Kaffee trinken? – Da ihnen die Menschen außerhalb des schönen Landes wesentlich unwichtiger sind als das Weltall ist es sehr wahrscheinlich, dass sie bei fairem Kaffee glauben, dass sie den größten Gewinn machen, weil es Fairness ja nur für den bayerischen Konsumenten geben darf. Und für die Bayerische Staatskasse… Übrigens engagiert sie der BVB für den fairen Handel, der FC Bayern nicht.

In Brasilien kann man von einer Wende ausgehen. Jair Messias Bolsonaro wird wohl die Stichwahl gewinnen, der Erfolg des Rechtsextremen in der ersten Runde zeigt, dass die Sehnsucht nach einfachen Parolen, nach Radikalität und nach unhaltbaren Heilsversprechen immer mehr Menschen erfasst. Der Ex-Militär versteht sich als Retter Brasiliens, hetzt gegen Homosexuelle und Schwarze, verspricht keine Gnade für Verbrecher, für Indogene und für den Regenwald und wird von den Streitkräften, einem großen Teil der Wirtschaft und den Evangelikalen unterstützt. Er verspricht Steuererleichterung für die Reichen und Vereinfachung der Bewaffnung. „Das Problem der Diktatur war, dass sie nur gefoltert und nicht getötet haben“ sagte er auf einer Wahlkampfveranstaltung. Was treibt die Menschen an, jemanden zu wählen, der sexistisch und rassistisch ist? Was haben wir aus der Geschichte gelernt? Arm will riech werden und reich will riech bleiben. Das ist eigentlich alles. Und da einfache Parolen den Armen gefallen und Steuersenkung für Reiche den Reichen ist man schnell über 40%. Bei einem Treffen mit der Jungen Union hat Bundeskanzlerin angemahnt, dass ihr geschäftsführender Vorstand schön männlich sei, aber 50 Prozent des Volkes fehlen würden. „Frauen bereichern das Leben, glauben Sie mir: nicht nur privat, sondern auch politisch.“ Auch das Kabinett von Innenminister Horst Seehofer ist rein männlich. Das Bild zu Seehofers Männerministerium wurde nach heftiger Kritik durch ein Foto des Gebäudes ersetzt, die Männer aber blieben. Wir befinden uns 50 Jahre nach der Studentenrevolution, in einem Land der Frauenrechte und der Gleichstellungsanwaltschaften, mit einer Frau an der Regierungsspitze seit mehr als 12 Jahren, was ist hier eigentlich passiert? Seit 1968 wird geredet – und zum Jubiläum wird erkannt: dass alles soweit beim alten ist oder nach einer Irritation der Geschichte durch Freiheits- Umweltschutz- und Menschlichkeitsgedanken alles wieder dort angekommen ist, wo es hingehört: im konservativen männlichen Mittelmaß.

Ein Bild aber ist anders: während wir in Brasilien, den USA, Kanada und vielen anderen Ländern des amerikanischen Kontinents weiße Eroberer-Nachfahren als Staatschefs haben sind es in Afrika Einheimische. Nicht alle sind gut, manche sind sogar richtig schlecht, aber sie sind Menschen ihrer Heimat, keine Besatzer, keine Fremden, die sich anmaßen, ein Land regieren zu können, in dem sie die Urbevölkerung ignorieren oder diskriminieren, oder ausrotten. Die afrikanischen Länder haben es schwer, sind großteils jünger als die durchschnittliche Lebenserwartung und waren fremdbesetzt. Aber sie haben sich durchgesetzt – mühsam, ungeschult, traditionsverbunden, aufbegehrend, wild, diplomatisch, missbraucht – und sind ihre eigenen Verwalter. Und trotzdem maßen wir uns an, „den Afrikaner“ aufklären zu müssen? Warum? Weil er sich uns widersetzt? Weil er sich nicht erobern und vernichten ließ? Wollen wir deswegen, dass „der Afrikaner“ wenigstens europäisch aussieht und Cello spielt anstatt zu trommeln, damit wir nicht ganz und gar zugeben müssen, dass diese Menschen alles ausgehalten, alle Schmach und Erniedrigung ertragen und sich selbst dabei nicht verloren haben? Obwohl der sogenannte Westen alles versucht (hat), den Schwarzen Menschen zu diskriminieren, zu diskreditieren und zu ruinieren. Bayern first, America first, Brasilien first, Energiekonzerne first, Autokonzerne first, Chemielandwirtschaft first und so weiter… Die weiße Geldmachmaschine gräbt sich weiter ins humane Erdreich. Aber die Menschen, die weggeschafft werden sollen wie das Unterholz, beginnt sich wieder einmal zu wehren. Man muss wieder an etwas glauben und dafür eintreten. Das ist primär die Notwendigkeit um einer Politik entgegenzutreten, die jegliche moralische Hemmschwelle verloren hat. Frau Kanzlerin Merkel hat gesagt, man muss sich mehr um Afrika kümmern. Dazu darf ich abschließend für heute ein Magazin zitieren: Unter dem Titel „Marshallplan mit Afrika – Guter Plan oder schlechter Witz“ ist u.a. zu lesen: Die Bundesregierung hat kürzlich entschieden, sich nicht direkt an den UN-Gesprächen für ein Menschenrechtsabkommen (mit Afrika) zu beteiligen und führt damit die gesamte Rhetorik des Marshallplans mit Afrika einmal mehr ad absurdum. Hier der Link zum ganzen, ausgesprochen lesenswerten Artikel: https://www.medico.de/guter-plan-oder-schlechter-witz-17078/

Seit 50 Jahren wird für Umweltschutz, Frieden, Abrüstung, Gleichstellung, Menschenrechte, wird gegen Diskriminierung, Kinderhandel und Kinderarbeit, Unterdrückung von Minderheiten, Chemiewaffen, Abholzung und Ausbeutung von Rohstoffen und so weiter demonstriert – und wie am Sandstrand ist am nächsten Morgen wieder alles wie es war. Im nächsten Blog beschäftige ich mich mit der geplanten Wirtschaftspartnerschaft der EU mit Ostafrika und dem Thema des Rassismus in der europäischen Politik.

PS: Wie jedes Jahr ist es eine große Überraschung, dass nach mehreren Spiel-Wochen der Bundesliga nicht alle Vereine unter den ersten 3 sind. Das sind die wahren Probleme…

 

Bis nächste Woche,

poa sana

 

Informationen zum Projekt unter http://www.hop-theatre.info

Buchungen für unsere Jubiläumstournee unter lroth.htn@web.de

Das Problem mit den Menschenrechten

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe nicht vor, in diesem Blog jede Woche meinen persönlichen Pressespiegel zu veröffentlichen, aber diese Woche war so voll von aufschlussreichen und zusammenpassenden Informationen, dass es kaum möglich ist, diesen Thriller noch durch persönliche Gedanken zu toppen. Eigentlich steckte in dieser Woche das ganze Dilemma, mit dem wir uns in unseren Texten und Collagen auseinandersetzen.

Außenminister Maas hat gegenüber Saudi Arabien sein Bedauern über Missverständnisse in der Vergangenheit ausgedrückt und die diplomatischen Beziehungen wieder hergestellt. Im Focus kann der Artikel unter dem Titel „ Kniefall in New York: Maas entschuldigt sich bei Saudis für Sigmar Gabriel“ nachgelesen werden. Nach Lektüre wird schnell offensichtlich, dass es vornehmlich um wirtschaftliche Beweggründe geht. Sigmar Gabriel hatte als Außenminister Kritik an der (kriegerischen) Außenpolitik im Jemen geübt, womit sofort die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurde. Klar, ein Land, in dem Frauen ähnlich gehalten werden wie Hunde in Deutschland ist nicht geschult, mit Kritik umzugehen. Dabei sollte bedacht werden, dass Sigmar Gabriel im Zusammenhang mit der Türkei vor einem moralischen Rigorismus in der Deutschen Politik gewarnt hat. „Wenn wir nur noch die Staaten respektvoll behandeln, die unsere Vorstellungen von Demokratie teilen, sind wir bald ziemlich einsam und einflusslos auf der Welt.“ (Ex-Außenminister warnt Berlin und EU vor türkischer Atombombe – Focus online). Wenn selbst der (sagen wir es höflich) extrem wirtschaftsliberale Gabriel ein politisches Problem mit Saudi Arabien hat, dann kann man sich ungefähr das Ausmaß der undemokratischen Strukturen vorstellen, die Herr Maas nun locker lächelnd in Kauf nimmt. Im Internet findet man zahlreiche Artikel über die Verhaftung von Frauenrechtlerinnen in Saudi-Arabien im Mai 2018. Das Hope Theatre hat eine Szene recherchiert und geschrieben zu Arbeitssklaven in demselben Land. Wenn das kenianische Ensemble fähig ist, zu recherchieren, dann sollten das deutsche Politiker eigentlich auch sein, solle man meinen. Aber unliebsame Artikel werden von unseren Politikern entweder nicht gelesen oder ignoriert. Wirtschaftsexperten rechnen jedenfalls seit dem Kniefall mit einem spürbaren Exportanstieg. Und genau darum geht es. Offensichtlich ausschließlich…

Dazu passt natürlich der Empfang eines Autokraten mit militärischen Ehren, dessen Wendehals – Politik jegliches Vertrauen zerstören muss. Manche Deutsche Politiker haben ihre Haltung sehr deutlich gemacht, das ist das Positive der Wochenend-Veranstaltung. Ob das etwas bewegen wird bleibt fraglich, schließlich möchte man erstens Geld verdienen und zweitens die Flüchtlinge weiterhin weit weg und für uns zumeist unsichtbar parken, und dafür benötigt man eben die Türkei. Wir, das Hope Theatre Nairobi, hatten uns vor 3 Jahren bereits gefragt, warum Europa, wenn das Thema Flucht ein europäisches Thema sein soll, nicht auch von Europäischen Ländern getragen werden soll – also in diesem Fall vor allem durch die Unterstützung von Spanien, Italien und Griechenland. Warum ausgerechnet von einer politisch wankelmütigen Türkei. Der Deutsche Außenminister hat zu den Fragen der Opposition und auch zahlreicher Regierungsmitglieder bloß verlauten lassen, dass Kritik eben Teil der Demokratie in Deutschland ist und damit war die Sache dann vom Tisch. Dass es in der Türkei Willkür gibt im Umgang mit Kritikern Journalisten und Minderheiten ist nebensächlich. Ob es da moralisch ausreichend ist wenn als Gegenleistung zum Beispiel für das Milliardenprojekt einer türkischen Bahnaufrüstung ein paar Deutsche aus der türkischen Haft entlassen werden, ist fraglich.

Fast möchte man meinen, dass manche Herrn Erdogan für seinen politischen Stil ein bisschen neidisch sind. Wir müssen in Deutschland immer noch so tun, als ginge es nicht nur ums Geld Verdienen sondern auch um politische Moral. Das ist anstrengend. Da geht es anderen Ländern in Europa bereits wesentlich besser. Österreich zum Beispiel, mein Heimatland, das ich 1994 aus beruflichen Gründen verlassen habe, ist ganz offensichtlich und unverblümt rechtspopulistisch und demokratiefeindlich geworden. Die neue Bundesregierung tut gleich gar nicht so, als ging es ihr um hehre Ziele. Erstaunlicherweise aber ohne nennenswerte Probleme in der (über)regionalen Öffentlichkeit. Im Jahr 2000 sprach die EU Sanktionen gegenüber Österreich aus, als es das erste Mal die rechtspopulistische FPÖ in die Regierung geschafft hatte. Damals war der rechte Teil der Partei schnell zum Schweigen gebracht. 2017 hat es die rechtspopulistische FPÖ wieder in die Regierung geschafft, mit wesentlich schärferem Nationalbewusstsein und einem durchaus rechtsverliebten Kanzler – und niemand hat etwas dagegen. In Deutschland hat diese Woche erstmals ein CDU-Politiker eine Koalition mit der AfD für möglich gehalten. Europa ist kälter geworden. Man ist wieder zu vielem bereit, was vor 20 Jahren noch undenkbar war. In Österreich gab es in der vergangenen Woche einen klaren Auftrag des Innenministeriums, die Presse gezielter mit den „richtigen“ Nachrichten zu versorgen. Pressefreiheit ade – dazu gibt es ein sehr kluges und aufschlussreiches Interview mit Florian Klenk, dem Chefredakteur des Falter. „Pressefreiheit in Österreich: ‚Eine Karotte für die Braven, einen Stock für die Kritischen“ vom 25. 9. 2018 in der Zeit Online. Da muss man es der Kanzlerin, die vieles falsch gemacht hat, hoch anrechnen, dass sie zu den Vorbereitungen des Tags der Deutschen Einheit vor wenigen Tagen folgendes formulierte:

„Nein, es gibt keine Entschuldigung und Begründung für Hetze, zum Teil Anwendung von Gewalt, Naziparolen, Anfeindungen von Menschen, die anders aussehen, die ein jüdisches Restaurant besitzen, Angriffe auf Polizisten. Und begriffliche Auseinandersetzungen darüber, ob es nun Hetze oder Hetzjagd ist, helfen uns dabei wirklich nicht weiter, meine Damen und Herren. Das kann doch nur eines heißen: Dem stellen wir uns entschieden entgegen, und zwar ganz im Geiste von Artikel 1 unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Artikel 1 gilt für jeden Menschen, und wer dagegen verstößt, der legt die Axt an die Wurzel unseres Zusammenlebens…“

Und in einem anderen Zusammenhang sagte sie: „Aber auch da müssen wir einen klaren Schlussstrich ziehen, dort, wo Hass ist, wo generelle Verdächtigungen sind, wo Minderheiten ausgegrenzt werden. Da muss man sich absolut abgrenzen…“

Aber wenn die Kanzlerin dieses Statement abgibt, warum ist dann unsere Politik so durchschaubar anders? Warum konnten in den letzten Jahren Begriffe wie Wirtschaftsflüchtling oder Sicheres Herkunftsland erfunden werden, rigorose Abschiebegesetze durchgesetzt, ein unwürdiger Deal mit der Türkei durchgeführt und intensive Beziehungen zu Diktaturen oder demokratiefeindlichen Systemen weiterhin oder wieder geführt werden?  Alles aus Gründen des Schutzes der Menschenrechte? Aber welcher Rechte welcher Menschen? Der Rechte von Politikern, globalen Wirtschaftstreibenden, einer reichen Elite und konservativen Inländern. Die entscheidende Frage ist doch: wenn wir uns schon dazu überwinden, dass wir mit Regierungen Geschäfte machen, die kein großes Verständnis für die Existenz ihrer Bürgerinnen und Bürger haben, warum sind dann die Menschen in unserem geliebten Deutschland nicht alle sehr reich? Für irgendwen muss sich dieser ganze beschämende Irrsinn doch lohnen. Oder? Unsere Schulen brechen zusammen, es gibt zu wenig Lehrpersonal, zu wenig Krankenhaus- und Pflegepersonal, viele Menschen benötigen 3 Jobs um über die Runden zu kommen, weil es zu wenig seriös bezahlte Arbeit gibt und so weiter… Wie past denn das alles zusammen?

Bemerkenswert ist dazu der Satz des deutsch-äthiopischen Autors Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate bei seinem Einführungsvortrag beim Wirtschaftsgipfel Afrika 2018 des Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg am 20. 9. 2018: „Es waren die europäischen Länder, die Jahrzehntelang die korrupten Machthaber in Afrikanischen Ländern unterstützt und mit ihrer selbstsüchtigen Wirtschafts- und Agrarpolitik die extreme Armut in Afrika vorangetrieben haben. Der Reichtum des Westens beruht auf wirtschaftlicher Ausbeutung. Aber nur wenn der Westen Afrika als Partner behandelt und diejenigen Staaten unterstützt, die demokratische Strukturen aufbauen und in ihre Jugend investieren, kann verhindert werden, dass die fluchtbereiten Menschen zu Millionen ihre Heimat Richtung Europa verlassen…“ Das Beispiel mit den Hühnern ist wohl bekannt: Europa exportiert Hühnerklein zu subventionierten Dumpingpreisen nach Afrika und zerstört auf diese Weise das Einkommen der einheimischen Bauern. Afrikanische Flüchtlinge arbeiten schlecht bezahlt in europäischen Hühnerfarmen… Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht naiv, Weltpolitik ist kein Kindergeburtstag. Aber irgendeine ethische Linie muss es doch geben, eine Linie, die man nicht überschreitet. Weil man sich daran erinnert, dass für die Grundrechte des Menschen gekämpft wurde und dass es eine Konvention der Vereinten Nationen gibt, die (fast) alle Nationen dieser Erde unterzeichnet haben… „Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren…“ (1948) Werden wir uns mit unserer politischen Collage „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“ der Lächerlichkeit preisgeben, weil wir uns noch immer darum bemühen, sie ernst zu nehmen…?

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss: Hans-Georg Maaßen verdient bald doch mehr Geld. (t-online.de)

Kein Kommentar.

 

Wünsche eine schöne Woche,

kwa heri,

Stephan

 

http://www.hope-theatre.info

KICK OFF

Liebe Leserin, lieber Leser,

herzlich Willkommen auf meinem Blog zur Vorbereitung der Jubiläumstournee „10 Jahre Hope Theatre Nairobi – 10 years for peace and equality“

Ich werde ab jetzt jedes Wochenende einen Beitrag posten – Erinnerungen an die gemeinsamen 10 Jahre, Überlegungen zum Thema „Afrika und Europa“, Stationen der Vorbereitungen zur Tournee, Einblicke in die Sorgen, Nöte, Freuden und Erfolge des Hope Theatre Nairobi, Kommentare zur Politik (aus Deutschland, Kenia, Österreich und Europa) im Zusammenhang mit der Frage, ob das Bedürfnis nach Frieden ein unrealistischer romantischer Kitsch einiger ewig Naiver ist oder das einzige Ziel für das sich Engagement und persönlicher Aufwand überhaupt lohnt.

Gemeinsam mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich überlegen, was man tun kann, was man tun sollte und ob es noch sinnvoll ist, sich darüber Gedanken zu machen. Es wird eine politische und assoziative Seite werden, ein Tagebuch der Gedanken über das Menschsein in einer Welt der globalen Kommunikation ohne Dialog. Ob das Ergebnis kritisch, resignativ oder hoffnungsvoll sein wird kann ich jetzt noch nicht beantworten, da ich selber zwischen diesen Emotionen schwanke. Wenn ich die Zeitungsartikel der letzten Tage zusammenfasse ist der Ansatz eher resignativ, aber es kann sich ja noch vieles ändern…

Im Herbst 2015 begannen wir das Thema „Flucht“ zu bearbeiten, der konkrete Anlass war die Reise der Deutschen Bundeskanzlerin in die Türkei, um mit dem Autokraten Erdogan einen Deal auszuhandeln, in diesem Fall aber nicht über wirtschaftliche Zusammenarbeit sondern über das Ablagern von Menschen. Die Premiere des Stücks fand 2016 statt, in dem Jahr also, das als „Jahr ohne Sommer“ im Internet gefunden werden kann und als eine der größten Fluchtbewegungen des heutigen Baden-Württembergs in die Geschichte einging, über 4.5 Millionen Wirtschaftsflüchtlingen verließen in den darauffolgenden Jahren ihre süddeutsche Heimat.

2018 hatten wir mit unserer politischen Revue „Stop breathing, it can damage your health“ Premiere – das Stück von Natalia Roizzenzon-Sipple und Hannes Lauer thematisiert mit großer Sachkenntnis den Klimawandel – das Premierenjahr 2018 war auch das 50-jährige Jubiläum des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. Dieses Wochenende konnte man wieder über Forstgebiete in Deutschland lesen, die wegen weiterer Braunkohlengewinnung gerodet werden sollen. Wie bei der Atomkraft versuchen Bürgerinnen und Bürger Einhalt zu gebieten, wie damals werden sie kriminalisiert, wie damals wird die Geldvermehrung für Konzernstrategen an oberster Stelle stehen.

Im Juli dieses Jahres hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, das Stück „Allein unter Schwaben“ der Bestsellerautorin Elisabeth Kabatek im Theater der Altstatt in Stuttgart zu inszenieren. Das Stück handelt von einem Flüchtling, der versucht, in Stuttgart heimisch zu werden, der Deutsch lernt, fleißig ist, sich verliebt und zuletzt wieder nach Ghana zurückkehrt, da er hier keine Chance sieht, sein Leben zu ermöglicht. Ein komödiantisches und am Ende traurig realistisches Stück, fast durchgehend ausverkauft und hervorragend kritisiert. Den Flüchtling spielte Erick Fundi Marigu, ein Kenianer, der seit 2013 Mitglied des Hope Theatre Nairobi ist, mittlerweile in der Nähe von Stuttgart lebt, als Vater eines Kindes und nicht als Flüchtling, die Deutschkurse besucht und erfolgreich abgeschlossen hat und nun mit der Realität eines Lebens mit dunkler Haut in Deutschland konfrontiert wird. Sein Bild auf dem Jahresplakat des Theaters wurde mit schwarzem Spay übersprüht und somit aus dem deutschen Alltag entfernt. Dazu möchte ich auch auf den Blog von Elisabeth Kabatek verweisen (https://ekabatek.wordpress.com/2018/09/19/stuttgart-ist-nicht-chemnitz-aber/)

Dieses ereignisreiche Wochenende, in dem die Bundesregierung einen leitenden Beamten, der in die Kritik geraten ist, gleichzeitig entlassen und nicht entlassen möchte und mal wieder einen Deal erarbeitet, der an Absurdität und gesellschaftlicher Ignoranz kaum noch zu überbieten ist, war und ist der Kick Off für unsere Jubiläumstournee. Die Leiterinnen der NGO sind in Deutschland und hatten sowohl am Wirtschaftsgipfel Afrika des Wirtschaftsministeriums teilgenommen, als auch am Intensivseminar von Manager ohne Grenzen. Die Hope Art Theatre Nairobi NGO muss sich, da Förderungen in Deutschland absurderweise deswegen kaum möglich sein, weil wir alles so machen wie es von der Entwicklungszusammenarbeit eingefordert wird, in einer Weise organisieren, dass sie wirtschaftlich und unternehmerisch denken und handeln lernt, ihren Betrieb breiter auffächert und damit Einnahmen schafft, die das Theater selbst fördern können. Über den laufenden Fortgang der Gespräche der NOG-Leiterinnen mit ExpertInnen und KollegInnen werde ich ebenso berichten wie über den Verlauf der Buchungen, das Treffen mit unseren PartnerInnen von fairtrade Deutschland, der SEZ, dem Welthaus Stuttgart, dem Eine-Welt-Netzwerk Thüringen, kifafa, kikuna, den SchulleiterInnen im Heilbronner Land und so weiter…

Ich wünsche Ihnen viel Freude und inspirierende Minuten mit dem Tagebuch zum Jubiläum des Hope Theatre Nairobi – einer Gruppe aus den Armenvierteln einer ebenso großartigen wie problematischen afrikanischen Weltstadt.

Bis nächstes Wochenende grüße ich herzlich,

Stephan

 

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