Reiselektüre

Heute schreibe ich über die Deutsche Bahn. (Wahrscheinlich lachen Sie jetzt schon…) Ich bin, beruflich und im Zusammenhang mit der Hope Theatre Tournee ein sogenannter Vielfahrer. Manche Strecken frequentiere ich oft, manche selten, manche nur einmal. Im Durchschnitt gibt es nahezu keine Fahrt, bei der alles so wie im Fahrplan angekündigt, klappt. Zug verspätet / Speisewagen nicht vorhanden oder mangelhaft / Wagons nicht vorhanden / Ersatzzug mit weniger Wagons / WLAN defekt / Anschlusszug nicht erreicht und so weiter. Originell ist es, wenn man zum Beispiel den Speisewagenkellner, der bei der Übernahme informiert wird, dass die Kühlaggregate ausgefallen sind, antworten hört: „Was, noch immer?“ Oder ein Zug monatelang ohne Speisewagen fährt und bei der Ansage so getan wird, als wäre es heute zum ersten Mal. Oder wenn im Internet steht: „starker Reisetag, Reservierung empfohlen“ und man dann einen Zug bekommt mit weniger Wagen ohne Reservierungsausweisung. Besonders originell war folgende Geschichte: ich wollte von Hamburg HBF nach Stuttgart fahren. Zehn Minuten vor Abfahrt erfuhren wir per Lautsprecher, dass der Zug leider ausfällt. Dazu muss man wissen, dass der Zug aus Altona kam, d. h. es war schon früher klar, dass er nicht fährt, denn er ist nicht erst kurz vor dem Hauptbahnhof zusammengebrochen. Er ist erst gar nicht losgefahren, es gab gar keinen Zug zum losfahren. Trotzdem war der Zug bis 10 Minuten vor Abfahrt regulär ausgewiesen. Gut, kann passieren. Wir wurden informiert, dass wir den nächsten Zug nach Hannover nehmen und von dort dann mit einem anderen ICE nach Stuttgart und München weiterfahren sollten. Gut, taten wir. Im nachfolgende Zug gab es keinen Speisen im Speisewagen. Das wurde nicht angesagt, obwohl der Zug aus Kiel kam. Gut. In Hannover kam ein ICE, wir stiegen ein, es gab einen Speisewagen. Wir setzten uns hin und warteten. Lange. Nach einiger Zeit stand ich auf, ging auf das andere Ende des Speisewagens in den Bistrobereich, da saßen ein paar Reisende mit Kaffee und ich entdeckte tatsächlich einen Kellner. Ich fragte, ob jemand zum Tisch kommen könnte, wir würden gerne bestellen. Und ich ergänzte lächelnd, es gibt doch was zu essen oder? Die Antwort war grandios. „Ja, es gibt was zu essen, er dürfe aber nicht zum Tisch kommen, da es sich hier um einen Ersatzwagen handeln würde, normalerweise hat dieser Zug einen Bistrowagen. Wir müssten also bei ihm bestellen und das Essen auch selber holen. Er habe aber keine Bistro-Speisekarte, da der Zug ein Speisewagen ist mit Speisewagenkarte, die Speisen gäbe es zwar, aber die dürfe er nicht rausgeben, da sonst die Abrechnung als Bistrowagen nicht möglich wäre.“ Ich war platt. „Und, was gibt es dann zu essen?“ fragte ich gegen 12h ohne Frühstück gehabt zu haben. „Currywurst, Suppeneintopf, Schokoladenkuchen, vielleicht noch Baguette, Und Sandwich.“ – Salat? – „Kann ich leider nicht machen, ich bin kein Koch. Nur Bistrokellner.“ – Danke. – Ich bin zum Platz zurück, nahm die Bestellung meiner Kollegen auf und orderte 3 x Currywurst und 3 x Cola. Wenn schon leiden, dann richtig.

Eine andere sehr originelle Situation erlebte ich beim Umsteigen: Mein Zug aus Saarbrücken hatten über 50 Minuten Verspätung und der Zug in Mannheim konnte leider nicht warten… (Sie kennen die Formulierung!) Wir warteten vor dem Bahnhof Mannheim, bis der Zug, der nicht warten konnte, abgefahren und die Schienen gekreuzt hatte und dann fuhren wir ein. Mit 56 Minuten Verspätung. Unsere 56 Minuten Verspätung waren nicht die Schuld der BahnfahrerInnen, trotzdem konnte der andere Zug keine 3 Minuten warten. Diese originelle Form von Kundenservice erlebt man in Mannheim zum Beispiel regelmäßig, wenn man da umsteigen muss. Ich muss da oft umsteigen… Einmal wollte ich nach Hamburg fahren. Mit dem Nachzug. Ich fuhr also mit dem Iintercity von Stuttgart nach Karlsruhe und von dort mit dem Nachtzug bis – in Frankfurt war Endstation. Ein Unwetter hat die Strecke nach Hamburg lahmgelegt. Kann passieren. Ich wartete um 5h früh in Frankfurt, bis klar war, dass kein Zug da hochfahren wird und fuhr mit einem Regionalzug nach Stuttgart zurück. Ich meldete alles beim Servicepersonal, schickte das übliche Formular, bekam aber kein Geld zurück, da mein Regionalzug nach Stuttgart pünktlich in Stuttgart angekommen war. Gut, ich hätte mich beschweren, vielleicht sogar einen Anwalt nehmen können. Aber das hätte Jahre gedauert, wer weiß, ob es bis dahin noch den Euro gibt. Vor über einem Jahr hat die Bahn meine BahnCard 50 mit falscher Nummer von meinem Konto abgebucht. Ich musste mich mit dem Inkasso-Büro herumstreiten, immer wieder erklären, dass sie nicht recht haben mit ihrer Anschuldigung, dass es nicht mein Fehler war, denn ich habe nicht überwiesen, sondern das Geld wurde abgebucht, ich musste erklären, dass ich einen Vertrag habe, dass die Adresse, die sie im Computer haben absurderweise nicht mit der Adresse übereinstimmen würde, an die sie die Mahnungen schicken und dass ich für eine BahnCard nicht zweimal bezahle. Vor kurzem kam ein Brief, indem mir das Inkasso-Büro mitteilte, dass sie unter diesen Gesichtspunkten leider nicht imstande seien, den Fall zu lösen und daher die Angelegenheit an ihren Auftraggeber zurückgeschickt hätten. Das war über ein Jahr nach meiner ersten Richtigstellung.

Ich bin mir sicher, dass Sie, werte Leserin, werter Leser auch eine lustige Bahngeschichte haben. Wahrscheinlich mehrere. Jede / jeder hat solche Geschichten. Und nur in den seltensten Momenten sagt jemand, „also bei mir war kürzlich tatsächlich alles wie vorhergesagt…“ Wow! Man fragt sich natürlich, woher das kommt. Warum sind die Überlandbusse in Kenia meistens pünktlich und die Deutsche Bahn meistens nicht? Dazu gibt es einen bemerkenswerten Artikel von Valentin Pretzer in der Welt.de vom 12. 07. 2018. Unter dem Titel „Warum ‚Versager an der Spitze‘ auch noch belohnt werden“ schreibt der mutige Autor in seinem Kommentar:

„Was haben Mehdorn und Maschmeyer, Winterkorn und Ackermann gemeinsam? Richtig, sie sind Versager. Weil sie es ihren Nachfolgern unmöglich gemacht haben, jemals wieder Land zu sehen. Es muss endlich ein Umdenken stattfinden. (…) Deutschland gehört zu den größten Gewinnern des Egoismus. Er hat das Land zu dem gemacht, was es heute ist: eine reiche Nation, in der 83 Prozent der Haushalte über mindestens ein Auto verfügen und in der sich weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung regelmäßig Urlaub leisten kann. Doch das Register hat nur ein winziges Loch, das gestopft werden muss. Wo im Streben nach Gewinn und Wohlstand der Egoismus einziges Leitmodell wurde, sind die wenigen nicht zu halten, deren Ego zu groß für das System ist. Wer es ganz nach oben geschafft hat, wer durch die Glasdecke gebrochen ist, der hat nicht nur die Verantwortung für sein Unternehmen, seine Familie oder sich selbst übernommen. Wer so viel Macht angehäuft hat, dass er zu Deutschlands oder gar zur globalen Finanzelite gehört, der darf auch die Verantwortung für seine Angestellten, seine Kunden sowie für die Umwelt und die Mitmenschen nicht vergessen. Wer Steuergelder erhält, der ist gegenüber den Steuerzahlern verpflichtet. Es ist aber manchmal lukrativer, seine Kunden zu ignorieren. Manchmal haftet man nur für kurzfristige Fehler. Manchmal kann ein Vorstand ein Unternehmen zugrunde richten und dabei fantastische Zahlen generieren – aber er macht es seinen Nachfolgern unmöglich, jemals wieder Land zu sehen. Und plötzlich funktioniert ein Kapitalismus, der sonst Wohlstand für alle generiert, nach dem Prinzip der verbrannten Erde. Die Superreichen in all ihrem scheinbaren Erfolg, werden zu Versagern. Versager an anderen Menschen, weil sie an der Wirtschaft versagt haben. Sie wird verdreht, bis sie nur noch der Spitze dient, nicht mehr allen Marktteilnehmern. Die größte wirtschaftliche Aufgabe unserer Zeit ist es, die Balance zwischen Allgemeinwohl und ökonomischem Erfolg wiederzufinden. (…)“

Valentin Pretzer ist Journalist und Autor, In seinem aktuellen Buch „Versager an der Spitze“ (Finanzbuchverlag) erzählt er fünf Fälle von Managerversagen. Dazu noch ein Beispiel der Unglaublichkeit: In Stuttgart wurde jahrelang über den Bau eines unterirdischen Bahnhofs diskutiert und gestritten. Experten warnten, Menschen gingen zu Hunderten auf die Straße, Wasserwerfer kamen zum Einsatz, es gab eine offizielle Schlichtung und eine BürgerInnenbefragung. Der Bau wurde begonnen, unter der Prämisse, dass die Zahlen und Fakten, auf deren Grundlage die Schlichtung durchgeführt wurde, eingehalten werden. Zumindest halbwegs. Nun wird alles viel viel teurer und die Bahn behauptet, sie wusste nicht, dass der Boden so schwierig sei. Das aber war eines der Hauptthemen der Proteste gewesen und ein elementarer Teil der Diskussionen und der Schlichtung. Jeder wusste das. Und die Bahn behauptet nun, dass sie nichts wusste. Was für ein Gedächtnis haben die Menschen dort? Oder, wenn sie umbesetzt wurden, können sie nicht lesen? Oder ist das eben der Stil, einfach irgendetwas zu sagen. Einen Text, der gerade gebraucht wird, ohne jegliche Relevanz. Oder ist es der Versuch, zu retten, was hoffnungslos verloren ist um die zu decken, die eigentlich verantwortlich sind für diesen Schaden, nämlich die Deutsche Politik?

Das Problem betrifft ja nicht  nur die BahnfahrerInnen und beschränkt sich auch nicht auf die Deutsche Bahn. Es ist ein grundsätzliches Problem einer Regierung, die sich zu sehr mit dem egoistischen Management verbündet hat und vergessen hat, dass es in Deutschland nicht nur Gewinnoptimierungen und Börsennotationen gibt, sondern auch noch eine Bevölkerung. Die Rendite, die Herr Mehdorn und Kollegenschaft in 10 Jahren Sparstruktur, gestützt von der Politik, erhalten haben, bleiben sein Eigentum. Die Verluste, die nun durch einen vollkommen kaputtgesparten und marode Konzern entstanden sind und entstehen, zahlen wir, die normale Bevölkerung. Und gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass es in diesem „armen, krisengebeutelten“ Deutschland kein Geld gibt für Bildung, Krankenhäuser, Kitas, Altenpflege und so weiter. Womit wir uns von der Deutschen Bahn weg zum Problem eines ganzen Landes hinbewegen. Die Macht der Manager, die unangetastet Konzerne des allgemeinen Wohls, Großkonzerne, sowie städtische Unternehmen nach Einsparungsmöglichkeiten hin durchforsteten und die Betriebe rücksichtslos skelettierten, begann flächendeckend ziemlich zur selben Zeit, als die Beraterfirmen Hochkonjunktur hatten und nach einem Schema alles wegsparten, was kurzfristig nicht nötig war. Das war dann eben auch kurzfristig eine super Idee: hohe Rendite, Gewinnoptimierung, super Gehälter für wenige Menschen, die eigentlich nur Zahlen verschoben hatten und für ihre Tätigkeit keine Investition benötigten. Denn im Gegensatz zu einer Schreinerei, die Holz und Maschinen ankaufen muss, haben Berater nichts anderes zu tun, als Zahlen und Menschen zu streichen, Abteilungsleiter nichts anderes zu tun, als zuzusehen, was von den Berater gestrichen wird und Manager nichts anderes zu tun, als die Gewinne für sich zu vermarkten. Das heißt nun aber, dass Deutschland, ähnlich wie die Deutsche Bahn, langsam und flächendeckend kaputt ging und wir, die Bevölkerung, die zum Sparen gezwungen wurden, Jobs verloren hat, Stresskrankheiten und Ängste aushalten muss und trotz hoher Arbeitsleistung in eine unsichere Zukunft blickt, nun mit den eigenen Steuergeldern das reparieren muss, was die Misswirtschaft einer habgierigen Finanzelite verbrochen hat.

Aber nochmal zurück zur Deutschen Bahn: eine beliebte Anzeige (15 Minuten vor Zugabfahrt) lautet: „Wegen Bauarbeiten heute ohne Waggon 5 und 9 – bitte die veränderte Wagenreihung beachten – Verspätung wegen Defekt am Zug, bitte informieren Sie Sich“

Gute Reise

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