Weihnachten

Am 22. Dezember kochten wir für 70 Kinder in Ruai, einem Bezirk weit im Osten von Nairobi. Die Schule Pehucci beherbergt neben den Schulkindern auch etwa 50 Waisenkinder, die bekommen vom Hope Theatre Nairobi regelmäßigen Tanzworkshop, das Projekt wurde ursprünglich von einer deutschen Privatinitiative finanziert, nun kümmern wir uns um neue finanzielle Patenschaften. Zu den 50 Waisenkindern luden wir auch unsere Juniors, mit einem gemieteten Mattau kamen sie angefahren, mit an Bord war eine geschlachtete Ziege, Reis, Zwiebeln, Tomaten, Mehl, Kartoffeln, Dicksaft und Süßkram. Wir schnippelten, kochten (auf offenem Feuer) und fabrizierten Chapatti für alle. Die Kinder hatten große Freude, tanzen und spielten zusammen, nach dem üppigen Essen gab es noch einen Geburtstagskuchen von Susie und als uns der Bus wieder abholte war es schon dämmrig. Ein wunderschöner Weihnachtstag für uns alle – Fotos gibt es auf unserer Facebook – Seite: hope theatre tour – aktuell.

Als wir zuhause in Kibera ankamen, war es finstere Nacht. Und die blieb es auch, denn es gab keinen Strom. Und kein Wasser. Bis zum 25. 12.

Die Weihnachtsgeschichte kommt von meiner Mutter, sie ist verlegt im Sonderheft „Frieden 2018“ des Österreichischen Schriftsteller/innenverbands.

Abie Nathan  – Der Mann der den Friedensnobelpreis NICHT bekam

Eigentlich hatte alles mit einem Rollstuhl begonnen. Nach einem Bombenabwurf über Palästinensergebiet – er war damals Pilot bei der israelischen Luftwaffe – wollte er sich ein Bild von der Zerstörung machen. Das war ungewöhnlich, viele junge Soldaten flogen solche Einsätze, ohne dass es ihnen in den Sinn gekommen wäre, das Ergebnis  begutachten zu wollen. Vielleicht war doch seine Erziehung bei den Jesuiten daran schuld, wie seine Eltern vermuteten. Jedenfalls war er entsetzt über das Ausmaß der Verwüstung. Da war eine junge Frau, der beide Beine fehlten. Er besorgte ihr einen Rollstuhl und besuchte noch mehrmals das Palästinenserdorf, brachte Lebensmittel und Medikamente. Damals wurde er zum Kämpfer für den Frieden. Er kandidierte für die Knesset und versprach, wenn er gewinnen sollte, würde er nach Ägypten fliegen und Friedensgespräche  anregen. Er verlor nur ganz knapp, flog aber trotzdem nach Ägypten. Dort wurde er sofort verhaftet und nach Israel zurückgeschickt,  wo man ihn ins Gefängnis steckte.

Jetzt, nach dem Schlaganfall, saß er also ebenfalls in einem Rollstuhl, wie einst die Palästinenserin. Alpträume plagten ihn. In seinem Zustand konnte er sich nicht einmal umbringen. Er hatte es versucht: man kippt aus dem Rollstuhl und liegt dann am Boden wie ein gestrandeter Fisch – es ist entwürdigend. Danach  standen sie vor ihm, Arzt und Pflegepersonal, und diskutierten: „Festbinden oder medikamentös behandeln?“ Es werden wohl Medikamente gewesen sein, denn von da an dämmerte er vor sich hin. Nun war er ausgeliefert: den Händen der Pflegerinnen und den Blicken der anderen Insassen, meist Frauen,  die er mit einer Mischung aus Sarkasmus und Weinerlichkeit seine Kolleginnen nannte. Die Tochter kam jetzt öfter, sie hatte ihm offenbar verziehen, dass er sich nie um sie gekümmert hat. Es war gut, dass sie kam, Pflegefälle ohne Angehörige werden schlecht  behandelt, musste er leider feststellen. Seinen Platz im Altersheim verdankte er jedenfalls der Tatsache, dass er nach dem Militärdienst für die EL AL geflogen war und  in den frühen 60er Jahren in Tel Aviv ein Restaurant betrieben hatte. Vermutlich wurde damals in eine Sozialkasse eingezahlt.

Eine Pflegerin brachte ihm eine Schüssel mit Brei. Nur weil er Angst vor der Magensonde hatte war er bereit, überhaupt noch etwas zu essen. Sie verwendete ein Parfüm, das ihm bekannt vorkam und plötzlich sah er den Hafen von Marseille vor sich, in dem sein Schiff „Voice of Peace“ vor Anker lag. Es war schwer gewesen, das Geld dafür aufzutreiben, dann hatte er nicht einmal mehr die Mittel für die Hafengebühr. Und da kamen sie dann alle: die Hafendirnen genauso wie die Edelprostituierten aus der Innenstadt, in abenteuerlichen Gewändern, langen Mänteln, Stiefel mit Plateausohlen, manche sogar oben ohne. Sie hatten für ihn gesammelt und auch die Hafengebühr bezahlt. Natürlich bekam die Presse davon Wind – wann kann man schon am helllichten Tag ein so lichtscheues Völkchen gesammelt in die Medien bringen? Man filmte und fotografierte ihn, mit Pfeife und ohne, mit den Damen und ohne. Er war damals bereits eine Berühmtheit und entsprechend eitel, wie er jetzt, im Alter, zugeben musste. Damals glaubte man noch an die Möglichkeit, als Zivilperson etwas zu bewegen. Wenn er in Hungerstreik trat, um eine Forderung durchzusetzen, erhielt er zumindest Aufmerksamkeit in den Medien. John Lennon widmete ihm seinen Song „Give Peace a Chance“, er wurde zu Talkshows eingeladen, er traf den Dalai Lama, den Papst, David Ben Gurion, Indira Gandhi und Vertreter der PLO.

Am darauf folgenden Tag erhielt er dann die Erlaubnis zur Weiterfahrt. In internationalen Gewässern vor Tel Aviv ging sein Schiff vor Anker und sendete rund um die Uhr Musik und Friedensappelle, 20 Jahre lang.  Im Jahr 1993  schließlich versenkte er das Schiff, denn erstens war er mit seinen finanziellen Mitteln am Ende, und zweitens schien ja der Friede zum Greifen nahe!

Immer wieder tauchten  in seinem Kopf Bilder aus der Kindheit in Bombay auf: die Farben, der Lärm, die Gerüche… Und aus seiner Schulzeit hatte er vor allem einige kluge Lehrer in Erinnerung. Es wurde viel diskutiert. Wie kommt der Krieg in die Welt? Und haben jene recht, die behaupten, der Friede sei nur eine kurze Abwesenheit vom Krieg und eigentlich auch langweilig, vor allem für junge Männer? Warum gab es in der Geschichte so wenige Herrscher wie König Ashoka, der, entsetzt über die Gräuel des Krieges, den er selbst angezettelt hatte, sich wandelte zum Friedensfürsten? Er hinterließ blühende Landschaften und glückliche Menschen, aber der Friede war nach seinem Ableben natürlich bald zu Ende. Warum nur wird das Wort „Friedensaktivist“ von manchen so ausgesprochen, als wäre es etwas Verwerfliches, oder, noch schlimmer, etwas Lächerliches? In den Geschichtsbüchern steht nicht viel über Ashoka, verglichen mit Kriegskaisern, Feldherren und Diktatoren.

Eine Pflegerin kam vorbei: “Sie weinen ja!“ Schnell wischte sie ihm die Tränen ab und war auch schon wieder verschwunden. Er hatte vom Jahr 1993 geträumt, von den Hoffnungen, die sich damals alle machten. So nahe am Frieden wähnten sie sich, als in Oslo das Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina unterzeichnet wurde und 1994 Perez und Arafat zusammen mit Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis erhielten. Abi Nathan war zu keiner der Zeremonien eingeladen, aber er freute sich am Ergebnis

Und dann? Nach dem tödlichen Attentat auf Jitzchak Rabin war der mühsam ausgehandelte Friede in weite Ferne gerückt. Abie Nathan flog wieder Hilfseinsätze in Krisengebiete, damals vermehrt nach Afrika. Aber das Feuer, die Begeisterung waren verflogen. Als er daran dachte, seine Memoiren zu schreiben, ereilte ihn der Schlaganfall.

Abie Nathan starb 2008. Auf seinem Grabstein steht „Nissit“ – ich habe es versucht!

(Elfriede Bruckmeier)

 

Kenya Art Projects e.V. und die Hope Art Theatre Nairobi NGO wünschen Friedliche Weihnachten

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