Die Katastrophe

In den letzten Tagen hat man wieder einmal bemerkt, wie schnell ein krisengebeuteltes Land endgültig in den Ausnahmezustand getrieben wird. Die Alpen waren immer wieder ein großes Problem, zum Beispiel weil sie oft topographisch zu kompliziert sind für die notwendigen Grenzzäune. Und nun haben sie dafür gesorgt, dass wir von der Flüchtlingskrise direkt in die Schneekatastrophe geschlittert sind. Haben die Urlauber bisher meistens darunter gelitten, dass es zu wenig Schnee gibt leiden sie jetzt unter der plötzlichen unverhältnismäßigen Überproduktion. Gut, vor 30 Jahren gab es solche Schneemassen jedes Jahr, damals hieß das einfach Winter. Damals waren Menschen, die sich nicht an die Wetterverhältnisse angepasst haben, selbst schuld, heute leiden wir mit den Autofahrern mit Sommerreifen mit und ärgern uns über die Vorhersagen, weil sie die cm-Angaben nicht korrekt vortragen. Menschen, die gewohnt sind, in der Früh mit dem Auto direkt vor die Eingangstüre der Bäckerei zu fahren, um Brötchen zu holen, haben plötzlich eine Schneewand vor sich und müssen einen Bogen gehen, vielleicht sogar einen größeren, an manchen Stellen ist es durch die Schneeberge sogar unmöglich, direkt am Gehweg zu halten, da es selbigen nicht mehr gibt. Menschen, die sich grundsätzlich nicht an Regeln halten, gefährden damit plötzlich sich und ihr Leben, nur weil die Schneekanonen überproduzieren oder die Pistenraupen nicht direkt eingreifen. Autos stehen stundenlang auf Autobahnen im Stau, nicht weil LKW-Fahrer fahrlässig unterwegs sind, sondern weil es unvorbereitet mitten im Januar schneit. Flüchtlingen merken endlich, wie hart das Leben in Deutschland oder Österreich in Wahrheit ist und wenn es so weitergeht, werden viele froh sein, dass sie endlich abgeschoben werden. Afghanistan hat leicht lachen, die haben keinen Wintersport, der jetzt zusammenbricht und keine Autobahnen, die Urlauberkolonnen transportieren müssen und keine Deutsche Bahn, die erst dann den Schneedienst anfordert, wenn sie die eigenen Büros nicht mehr erreichen kann. Oder Syrien. Gut informierte Leser wissen, dass es auch dort kalt sein kann, aber das ist etwas anderes, dort ist man das gewohnt. Wir waren das früher auch gewohnt. Aber das ist lange her. Mittlerweile haben wir der Klimaerwärmung vertraut und technische Hilfsmittel erschaffen um den Schnee so zu produzieren, wie wir ihn benötigen. Es reicht vollkommen, wenn die Pisten weiß sind. Rundherum, auf der Autobahn, auf dem Balkon, in der Stadt, da brauchen wir keinen Schnee, da haben wir andere Themen abzuarbeiten. Und außerdem sind wir eine mobile Gesellschaft und müssen uns bewegen. Schnell und von Tür zu Tür. Da braucht es keine Naturbeschneiung. Das schadet nur dem Gemeinwohl. Klar sieht es nett aus, aber nicht im Januar. Dafür war Weihnachten da – aber? Wo war denn da der Schnee? Jetzt ist es zu spät, jetzt sind die Winterferien vorbei, jetzt müssen wir arbeiten, jetzt ist der Schnee völlig überflüssig.

 

Der österreichische Journalist mit afghanischen Wurzeln Emran Feroz hat in einem Artikel bei Deutschlandfunk.de unter dem Titel „Die andauernde Katastrophe braucht unsere Aufmerksamkeit“  geschrieben, dass 2018 in Afghanistan über 45.000,- Menschen ermordet wurden. Durch Selbstmordattentäter, Kleinwaffen, Bomben, vor allem aber durch unbemannte Drohnen. Eine stolze Zahl. Und in dieses Land, das gegenwärtig zu den tödlichsten Ländern der Welt gehört, schiebt die Bundesregierung unter der Schirmherrschaft unseres bayerischen Terminator und Innenministers des Landes der Menschenrechte Menschen sicher ab. Klar, wenn wir weniger Probleme hätten würden wir bei manchen, die hier arbeiten und vielleicht sogar gerade für die Bahn den Schnee wegschaufeln, ein Auge zudrücken. Aber wir haben hier leider mit großen Themen zu tun und mit großen Probleme zu kämpfen: Frau Merkel muss einen Weg finden, wie sie ausgerechnet die Landwirtschaft in den direkten Zusammenhang mit dem Internet stellen kann, um einen nicht nachvollziehbaren Bogen vom Hackerangriff zur wirtschaftlich einwandfreien Ökologie zu schlagen; Nachdem die Steinkohle abgewickelt wurde muss man die Braunkohle irgendwie unmerklich retten; Marokko ist noch immer kein sicheres Herkunftsland; Die Grünen sind laut bayerischem Staatssekretär die größte Bedrohung überhaupt; Und dann noch diese Schneemassen…! Vielleicht wäre es interessant, herauszufinden, wie viele Menschen durch Krieg, Machtmissbrauch, Waffenhandel, Drogen und Terror in dieser einen Woche weltweit gestorben sind, in der wir hier unaufhörlich von der Katastrophe lesen und den winterlichen Schneefall meinen. Wer veranlasst die Menschen hier, so weltfremd über die nassen Schuhe in Verzweiflung zu geraten, während zigtausende Flüchtlinge in Zelten weit weg von unseren verzweifelten Alpenländern frieren oder erfrieren. Denn die meisten Flüchtlinge, nur um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, befinden sich nicht in unserer krisengebeutelten Alpenregion. Der Tod ist entsetzlich und macht betroffen, egal ob er durch einen Unfall, eine Lawine, einen Infarkt, eine Schusswaffe oder das Alter hervorgerufen wird, aber der Wintersport ist keine Zwangsveranstaltung und der Schneefall keine unvorhergesehene Katastrophe.

 

Seit dem Einmarsch von sowjetischen Truppen vor 40 Jahren befindet sich Afghanistan in kriegsähnlichen Zuständen mit wechselnden Machthabern und Partnern. Menschen, die zum Beispiel 20jährig nach Deutschland kommen, als Flüchtling, haben nicht ur einen weiten und gefährlichen Weg hinter sich, sondern auch nie etwas anderes erlebt als Angst, Schrecken, Armut und Tod. Menschen, die aus den gebirgigen Regionen vor Armut und der Taliban-Miliz flüchten kommen nach Deutschland, das sie aus dem Fernsehen kennen und sollen innerhalb weniger Wochen so denken und handeln und fühlen wie wir. Wir, das sind Menschen, die mehrheitlich gar nicht wissen, wo Afghanistan genau liegt, dass es dort schneit, dass es dort gefährlich ist, dass man dort besser gar nicht hinfliegen sollte (trotz möglicherweise hervorragender wintersportlicher Bedingungen) weil einem ganz schnell das Auto, in dem man sitzt, um die Ohren fliegen kann. Die Menschen dort haben nicht viel (außer Angst und Frustration, weil der Krieg überhaupt nichts mit ihnen zu tun hat und ihnen nur die Lebensgrundlage nimmt) und wissen nicht viel von Europa und Deutschland. Und weil sie nicht viel haben darf man ihnen Ihr Nichtwissen nicht über nehmen. Aber wir hätten, wenn wir nicht gerade unter der Schneekatastrophe leiden, Zeit und Möglichkeiten, und zum Beispiel mit Afghanistan auseinanderzusetzen. Und dann könnten wir den Herrn Innenminister fragen, ob er eigentlich noch ganz hell ist im Kopf, dass er die Leute dorthin abschiebt, im Namen der Menschlichkeit. Wie wäre die Alternative, wenn man für die Menschen aus Afghanistan – und da wir heuer den 40. Jahrestag der durchgehenden Lebenskatastrophe feiern muss man davon ausgehen, dass die Situation in diesem Land nicht in den nächsten Wochen deutliche besser werden wird, trotz der großen Bemühungen unserer Verteidigungsministerin – wie wäre es, wenn man sich mit diesen Menschen beschäftigen würde anstatt sie alleine zu lassen bis sie entweder von selbst einen Beruf finden, oder ohnehin abgeschoben werden, oder eine Straftat begehen. Wie wäre es, wenn man den Menschen durch Bildung, Dialog, Arbeitsgruppen und psychologische Betreuung zuerst einmal eine Chance gibt um dann vielleicht festzustellen, dass die meisten von ihnen ganz normale, willige, dankbare und uns irgendwie ganz ähnliche Zweibeiner und -innen sind von denen wir gar nichts zu befürchten haben.

 

Umgekehrt könnte man sich natürlich auch fragen, wie das wäre, wenn wir, also einer von uns, zum Beispiel ein CSU-Mitglied aus einem Bergbauernhof im verschneiten Niederbayern, plötzlich in Kabul sitzen würde, alleine und ohne Hilfe. Ohne die Sprache zu verstehen. Ohne die Kultur zu verstehen. Ohne die Religion zu verstehen. Und ohne auf Menschen zu treffen die sagen, schön dass Du da bist. Und dann könnten wir uns vielleicht fragen, ob unser Umgang mit den Menschen der Welt in Zusammenhang mit unserer Befindlichkeit eigentlich wirklich optimal ist. Zuerst kamen die Russen nach Afghanistan, dann die USA und die Saudis, dann die Taliban und die Deutschen und andere Europäische Interessen und alle unterstützten immer ein paar Männer, die sich wichtig fühlten und ihre große Chance sahen, noch viel wichtiger zu werden. Und diese wichtigen Männer hatten jeweils Handlanger und Unterstützer, weil die Menschen grundsätzlich hoffen, dass es stimmt, was ein Chef sagt und dass es weiterhilft wenn man für den Chef ist. So ungefähr hatte sich das auch in Deutschland zugetragen, in den 30ern. Und in Österreich und in einigen anderen Ländern auch. Ein Großteil der Bevölkerung in Afghanistan war weder für Russland, noch für die UA oder die Saudis oder die Taliban oder die Deutschen, sondern für den Bürgermeister in dem kleinen Dorf, und was der sagte war für viele die Wahrheit, weil ein Bürgermeister ja nicht sagt, wählt mich ich werde Euch schaden, sondern er sagt natürlich, wählt mich ich werde Euch nützen. Und weil wir in Deutschland und Österreich und anderen Ländern hier in Europa nicht nur ein gewaltiges Problem mit dem Schnee haben sondern auch ein Gedächtnis und ein Gehirn, erinnern wir uns vielleicht dran, dass auch hier in unserem Land Krieg war, an dem Menschen beteiligt gewesen waren. Und dann sind wir vielleicht ein bisschen weniger arrogant wenn es um Menschen geht, die sich hier erstmal nicht zurecht finden, weil alles sehr anders ist als in dem armen, kriegsgebeutelten Afghanistan. Und dann fragen wir uns natürlich, warum man nicht aufhört mit dem Wahnsinn, mit dem Kriegsirrsinn, der nichts anderes bewirkt als zerstörte Psychen. Seit Menschen auf dem Mond waren und die Welt als Kugel gesehen haben, seit es ständig Fotos von der Welt gibt sehen wir, dass die Grenzen der Länder etwas vollkommen Virtuelles sind, etwas Ausgedachtes, eine Fata Morgana die als „Wahrheit“ nur auf den Landkarten existiert und nichts mit der Wirklichkeit unserer Erde zutun hat. Niemand anderer ist für die Grenzen und die Konflikte verantwortlich, als wir selbst. Wir Menschen, die, egal von wo wir sind und wie wir aussehen, glauben, besser zu sein als andere und man fragt sich natürlich, mit welchem Recht? Es ist gut und wichtig, dass uns manche Menschen besser gefallen, optisch und von ihren Gewohnheiten, ihrem Geruch, ihrer Stimme, ihrem Geschmack. Manche mögen Blumen im Zimmer andere kahle Wände oder Bilder, manche lieben Bäume, andere Autos. Es ist ein schmerzlicher Irrtum, sich vorschreiben zu wollen, das nicht empfinden und sich das nicht erlauben zu dürfen. Es hilft uns nicht, wenn wir uns vorgaukeln, dass uns alle Menschen gleich gut gefallen. Aber dabei muss uns unbedingt bewusst sein, dass es sich bei unseren subjektiven Empfindungen und Beurteilungen um Geschmack handelt. Und Geschmack hat nichts mit Moral zu tun, mit Objektivität, mit Qualität oder anderen Grundsätzen. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Menschen, keinen grundsätzlichen. Das sollte sich eigentlich durch das Internet, durch die Technik, durch das globale Wissen endlich geklärt haben. Nicht vor Gott sind alle gleich, aber vor Apple.

 

Leider hat das Internet, die Revolution des Globalen Wissens, nicht zur Verbesserung unseres Miteinander geführt, obwohl  grundsätzlich jeder Mensch Zugang zu denselben Texten, Bildern. Inhalten und Themen hat, sondern zur Intensivierung des Hasses, der Zerstörung und der Vernichtung. Die Gier nach Macht, Reichtum und Befehlsgewalt hat sich seit tausenden von Jahren nicht verändert, es sind nur die Mittel andere geworden. Etwa 5000 Drohnen wurden 2018 von der USA gegen Afghanistan eingesetzt, ohne erkennbare Ergebnisse aber mit großem Gewinn für die Industrie und den Handel. Die Oberschicht profitiert so lange von der Unterdrückung und Zerstörung der Menschheit, bis sie selbst daran zugrunde geht. Die alles entscheidende Frage aber ist, warum wir, die wir das alles wissen oder jedenfalls wissen können, so weiter machen und so weiter machen lassen. Zu dieser Frage passt ein Zitat aus dem bemerkenswerten Buch „Ich habe es nicht gewusst“ des Österreichers Andreas Salcher: „In dem Roman Reise um die Welt in 80 Tagen von Jules Verne gibt es eine Szene, in der die Hauptfigur Phileas Fogg plötzlich erfährt, dass die Kohle für die Dampfkessel seines Schiffes nicht ausreichen wird, um damit Liverpool zu erreichen. Fogg trifft eine schnelle Entscheidung. Er kauft dem Kapitän das Schiff zu einem überhöhten Preis ab und gibt den Befehl, alle hölzernen Bestandteile des Schiffes, von den Kajüten über die Deckplanken bis zu den Masten zu zerschlagen und zu verbrennen, um mit Volldampf weiterfahren zu können. Als das Festland endlich erreicht wird, sind vom Schiff nur mehr der eiserne Rumpf und die Maschinen übrig. Der britische Gentleman Phileas Fogg hat durchaus rational gehandelt, weil es für ihn gilt, eine Wette zu gewinnen, für die er sein ganzes Vermögen riskiert hat. Wie würden wir aber das Verhalten einer Spezies beurteilen, die erkennt, dass ihre Ressourcen bald enden werden und trotzdem beginnt, die Oberfläche ihres Mutterschiffs Erde zu verfeuern, nur um nicht an Geschwindigkeit zu verlieren? Vor allem, wenn das einzige vernünftige Ziel ja nur das Überleben der Spezies und ihrer Nachkommen und nicht die Beibehaltung der Geschwindigkeit und das Aufrechterhalten der Antriebsmethode sein kann. Den Planeten wird es sicher noch lange geben. Es wird auch noch eine Zeit lang Menschen darauf geben. Die Frage ist nur, wie sie leben werden? Wie krank oder gesund werden sie sein? Werden sie täglich gegeneinander um das Überleben kämpfen müssen oder friedlich miteinander leben und sich gemeinsam weiterentwickeln? Heute sind wir sieben Milliarden Erdenbürger. Sie sind einer von ihnen. Eines verbindet uns alle miteinander: Das tiefe Bedürfnis, geliebt zu werden und die Hoffnung, dass unser Leben gelingen wird. Das erfordert das tägliche Bemühen in unserer kleinen Welt und ein Gefühl der Verantwortung für unsere große Welt.“

 

Ich ergänze das Zitat um eine Frage: wissen das unsere Machthaber? Sind unsere Könige, Präsidenten, Autokraten, Regierungen und Manager nicht eher ein Phileas Fogg? Hauptsache ich erreiche mein Ziel, was kümmern mich Schiff und Besatzung…?

 

Nachsatz: Taliban bekennen sich zu Anschlag in Kabul „Die radikalislamischen Taliban haben sich zu dem Autobombenanschlag in Kabul mit vier Toten und mehr als hundert Verletzten bekannt. Vier Attentäter hätten einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen zur Explosion gebracht, sagte ein Taliban-Sprecher. Mindestens 113 Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt – darunter zwei deutsche Polizisten, wie aus dem Auswärtigen Amt in Berlin verlautete.“ 14. Januar 2019, 17:59 Uhr Aktualisiert am 14. Januar 2019, 22:23 Uhr Quelle: ZEIT ONLINE, AFP, dpa (https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-01/afghanistan-kabul-anschlag-terror-autobombe-un)

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Der Konflikt

Der Konflikt an sich ist – wie die Weltpolitik ebenso deutlich macht wie die Regionalpolitik – etwas Wunderbares und Beliebtes, denn man ist bei einem Konflikt immer auf der richtigen Seite. Es benötigt für einen Konflikt immer mindestens zwei Parteien, ist man auf der einen Seite ist man im Recht, ist man auf der anderen Seite, ebenso. Im großartigen und sehr zu empfehlenden Buch „Africa“ von Richard Dowden kann man im Kapitel über Somalia gut nachlesen, dass der Konflikt als Grundhaltung bis zur totalen Selbstvernichtung führen kann. Aber selbst in einem nicht mehr funktionierenden Staat mit zertrümmerter Hauptstadt ist man noch immer auf der richtigen Seite, vielleicht ohne Bein und ohne Familie, aber der andere Clan, der andere Somalier ist auf der falschen Seite und daher ist man auf der richtigen und das befriedigt offenbar so, dass man nicht aufhört, alles kurz und klein zu schlagen, notfalls auch sich selbst. Diese Struktur kann man sich als begabter Machtmensch natürlich wunderbar zu Nutze machen, indem man Konflikt schürt, um vom eigenen Versagen abzulenken, oder um in die eigene Tasche zu arbeiten, und die eigene Tasche ist im Machtbereich wie man weiß, grenzenlos groß. Sehr gut kann das wieder einmal beim Fußball studiert werden. Fußball ist ja für viele Menschen, auch im Bereich der Bildung und der Entwicklungszusammenarbeit, ein beliebtes Allheilmittel. Jeder versteht grundsätzlich worum es geht, die Regeln sind nur im Detail kompliziert, im Großen und Ganzen geht es darum, durch Geschicklichkeit, Schnelligkeit oder Glück den Ball in das Tor des Gegners zu befördern und aus dem eigenen herauszuhalten. Man hat zwei gegen einander antretende Gruppen, also einen Konflikt. Man hat kein besonderes Thema, außer dass die andere Gruppe verlieren soll und ist damit bereits durch das Tragen des entsprechenden Schals auf der richtigen Seite. Und es gibt eine kleine Personengruppe, die unverhältnismäßig reich wird, vor allem dadurch, dass die überwiegende Mehrheit Geld bezahlt. Das scheint dem Menschen als Grundhaltung gegeben zu sein: für einen Konflikt, bei dem ich auf der richtigen Seite bin, bezahle ich gerne. Im Fußball für Eintrittskarten, Fanartikel, Bahntickets etc. In anderen Bereichen, wie etwa dem gesellschaftlichen Leben, mit der Gesundheit, dem Einkommen oder dem Genuss.

Es ist ja sehr interessant zu beobachten, dass Menschen lieber einen Feind haben als ein angenehmes Leben. Kaum gibt es einen Führer, der laut und deutlich davon spricht, dass man auf der richtigen Seite ist, weil die anderen auf der falschen Seite sind, hat man kein Problem damit, weniger Geld für sich zu haben und mehr Geld für die Führer bereitzustellen. Niemand würde einfach so, aus Nächstenliebe, Geld auf ein Konto einzahlen auf dem als Verwendungszweck steht: „Palast für Erdogan“ oder „höhere Diäten für die Deutschen Abgeordneten“ oder „Privatkonto für kenianischen Gesundheitsminister“ oder „Goldenes Steak für Fußballer“ etc. Aber man akzeptiert das alles weil man ja von diesen Menschen auf die richtige Seite geführt wird und weil man dadurch auf der richtigen Seite ist. Wenn ein Fußballer 1.200,- für ein Steak bezahlt und ein Gesundheitsminister erklärt, dass man mit Hartz IV gut leben kann dann ist das eigentlich ein Skandal. Aber da der Fußballer unsere Herzen erobert hat weil er viele Tore für uns geschossen hat und dadurch auch dazu beigetragen hat, dass ein paar Manager so viel Geld verdienen, dass ein ganzes Dorf davon mindestens eine Generation hervorragend leben könnte, und auch diese Manager unsere Herzen erobert haben, weil wir auf ihrer Seite sein dürfen, weil sie den Fußball für uns alle so wunderbar ermöglichen, deswegen finden wir das in Ordnung. Und deshalb freuen wir uns auch über die deutsche Politik. Weil sie spaltet. Und wir damit auf der richtigen Seite sind, egal auf welcher. Weil die Minister und die Parlamentarier und die Bürgermeister immer dann sprechen, dass es anders wäre wenn nicht sie sondern die anderen an der Macht wären und dass es natürlich schlechter wäre mit den anderen, zahlen wir gerne mehr Steuern und kommen regelmäßig zu höheren Preisen mit der Bahn zu spät oder stehen mit dem Auto im Baustellenstau. Die anderen erklären uns, dass es natürlich anders wäre wenn sie an der Macht wären und nicht die anderen, und dass es natürlich besser wäre durch sie. Und so sind wir auf der richtigen Seite, entweder mit den einen oder mit den anderen. Für die Fans zum Beispiel der Grünen ist es richtig, den Wald nicht abzuholzen und für die Fans zum Beispiel der AfD ist es richtig, den Wald abzuholzen. Die einen wollen mehr saubere Luft und die anderen eine Schnellstraße. So einfach ist das. In Deutschland sind alle, die man nicht mag, Linke. In der Türkei sind alle, die man nicht mag, Terroristen. In Amerika sind alle, die man nicht mag, Kommunisten. Oder Mexikaner. In Brasilien sind alle, die man nicht mag, Indigene oder Umweltschützer oder ebenfalls Kommunisten, manchmal alles zusammen. Und umgekehrt sind diese Staatsfeinde, also die Gegner der Macht (oder sagen wir besser, die temporären Gegner der Macht) natürlich auch auf der richtigen Seite, weil sie gegen die Dreistigkeit der einen antreten. Manchmal werden die Gegner der Dreistigkeit plötzlich auch Machthaber und dann sind die ehemaligen Machthaber gegen die Dreistigkeit der neuen Machthaber, denn seltsamerweise verändert sich das Verhalten immer sehr schnell, je nachdem ob man Gegner der Macht oder Inhaber der Macht ist und das macht die ganze Sache so angenehm austauschbar. Man kann sich daher ganz einfach entscheiden, auf welcher Seite man stehen will. Es ist ein gutes Gefühl auf der richtigen Seite zu sein, auch wenn einem weder die eine noch die andere Seite viel bringt. Denn profitieren werden immer nur ein paar wenige, die ganz oben nämlich, die goldenes-Steak-Esser. Und der Rest schaut zu. Auf der richtigen Seite.

In Brasilien wird es bald egal sein, ob man Indogener ist und sein Lebensumfeld verliert, oder Umweltschützer und eingesperrt wird, oder Bauer und den Regenwald vernichten muss (oder will), oder Arbeiter in der chemischen Fabrik und das Gift herstellt oder Polizist und die Drogenleute erschießt, oder Drogendealer und die Kinder süchtig macht (oder die Gefangenen beliefert) und so weiter. Sie alle werden, egal ob auf oder gegen Regierungsseite, nicht von der radikalen Politik profitieren. Aber sie werden, je nachdem, auf der richtigen Seite sein. Auch in der Türkei geht es weder den Kurden noch den Türken durch Erdogan besser. Weder seine Anhänger, noch seine Gegner profitieren von ihm. Oder von ihrem Fan-Sein. Die Preise für Lebensmittel steigen ebenso wie die Preise für Wohnungen, die Einkommen sinken ebenso wie der Frieden, und zwar für alle, aber das macht nichts, denn man ist auf der richtigen Seite und die anderen auf der falschen Seite und damit ist die Sache dann auch in Ordnung. China hat das sehr lange und sehr konsequent praktiziert. So lange, bis es praktisch keine andere Seite mehr gibt (außer im Fußball) und dadurch hat China jetzt eine ganz große Gemeinschaft und die andere Seite ist sozusagen das Nicht-China. Die Chinesischen Strategen haben so lange das anders sein in China bekämpft, bis sie den Konflikt aus dem Land draußen hatten und zu einer überdimensionalen Fußballmannschaft im Weltwirtschaftsfußball wurden und jetzt gegen alle anderen spielen, als Wirtschaftsgroßmacht. Und da haben die anderen Vereine jetzt ganz schön viel zu tun, denn sie haben noch immer viel zu viel Konflikt im eigenen Land um wirklich gegen China antreten zu können. In den USA hat man die Republikaner und Demokraten, in Europa hat man so viele verschiedene nicht zu vereinbarende Interessen, dass man praktisch mit 11 verschiedenen gegeneinander spielende Einzelvereinsspielen antritt, man kann sich vorstellen, wie lustig das aussieht. China spielt als eine geschlossene Mannschaft und die gegnerische Mannschaft spielt vor allem gegen sich selbst. China kann ganz ruhig zuschauen, wie sich die Spieler der anderen Mannschaft gegenseitig das Bein stellen oder ins Aug fassen und sich dbei behindern, ein Tor zu schießen. China kann gemütlich gelegentlich ein Torschießen und ansonsten abwarten. Fertig. Die afrikanischen Staaten haben die Tribes und die persönlichen Bankkonten. Das führt auch nicht gerade zu einer verlässlichen Mannschaftsstrategie. Man stelle sich vor, Hoeneß wäre der Präsident von Bayern München und Borussia Dortmund gemeinsam und würde vor allem in seinem Sinne handeln. Dann würde er zwar selber weiterhin profitieren, aber die beiden Mannschaften hätten im internationalen Vergleich durch ständige Selbstzerstörung keine Chance. Denn Hoeneß wür4de nicht mehr nur die wichtigsten Spieler aus dem BVB heraus kaufen, sondern auch aus Bayern und damit beide Mannschaften ständig in ihrer Vorbereitung und in ihrem Spielaufbau irritieren. Aber mit den Prozenten für seinen Verkauf würde er für sich natürlich ganz schön was rausholen und mit den vielen Dienstreisen auch ganz schön fesch leben. Mit dem Bedürfnis, eine eigene Liga zu schaffen, wo nur mehr die mitspielen, die Herrn Hoeneß auf gute Hotels bezahlen, hat er schon ganz gut vorgedacht, was Österreich als EU-Vorsitzender gemacht hat. Hoeneß wollte die Bundesliga spalten und Österreich hat die EU gespalten. Und schon haben wir wieder einen brauchbaren Konflikt.

Österreich hat alle anstehenden Themen eigentlich nicht bewältigt, aber es hat für sich und seine Tasche hervorragend gearbeitet. Die Bunderegierung hat den Vorsitz einfach nur für sein Standing als Bunderegierung verwendet. Sonst für nichts. Aber das reicht einem kleinen pensionierten Wiener Ehepaar mit heimlichen ausländischen Wurzeln und Mindestrente für ihr Wohlbefinden, weil mehr als dass die Bunderegierung für sie da ist bekommen sie von der Politik nicht mit. Und an der Rentenkürzung sind die Islamisten schuld. Dieses Modell hat Uli Hoeneß übrigens sehr vorbildlich praktiziert: er hat alle anderen deutschen Vereine immer wieder zerstört, teilweise sehr subtil, teilweise sehr grob und hat damit erreicht, dass Bayern finanziell immer überlegener wurde und damit in der Bundesliga immer weiter vorankam und immer noch mehr Geld verdiente und irgendwann nicht mehr einzuholen war, außer durch Blödheit. Aber damit haben sie in der Bundesliga natürlich auch keine wirklichen Partner mehr gehabt und sind dadurch international abgerutscht. Und kaum haben sie nicht mehr nur eingekauft sondern nachgedacht waren sie schon nicht mehr an erster Stelle. Und so geht es vielen afrikanischen und europäischen Ländern. Sie waren so sehr mit ihrer eigenen korrupten Selbstbereicherung beschäftigt auf Kosten ihres Vereins, dass ihnen jetzt die Chinesen alles wegnehmen. Österreich hat sich in den letzten sechs Monaten sehr intensiv mit den europäischen Partnern verbündet, die alle in großer finanzieller Not sind. Das ist nicht grundsätzlich klug und beweist auch keine große Weitsicht, aber es erhöht kurzfristig die Machtchancen, weil es eine Zweckgemeinschaft der Polterer ist. Die EU der Österreichfreunde ist eine EU der zurückweichenden Demokratie und der reduzierten Pressefreiheit und der sinkenden Beobachter und Visionäre. Das ist langfristig schwierig aber kurzfristig großartig. Und erhöht das Angriffspotential der anderen, der demokratiefördernden Länder und somit haben wir wieder einen brauchbaren Konflikt. Haider hatte zu Lebzeiten ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles Modell und war somit in gewissem Sinne ein Vordenker der Österreichischen Politik: Er hat nichts für den Fortschritt des Bundeslandes Kärnten getan, aber er allen Kärntnerinnen und Kärntnern immer gesagt, wie toll sie sind und dass ihnen Wien, also die Bunderegierung, immer Prügel zwischen die Beine werfen würde. Böse Großstadt gegen liebes Alpenland. Das hat genügt, dass er noch immer verehrt wird.

Ein anderes Modell praktiziert Deutschland. Die Bundesregierung hat ihrem Land so eine Art Beruhigungstee verabreicht und völlig aufs Fußballspielen verzichtet. Die Bundesregierung hat schöne Sätze verteilt, die Menschen waren grundsätzlich zufrieden ohne zu wissen womit und haben sich am Deutschland Sein gefreut. Man war sozusagen immer in der Spielpause, hat über die erste Halbzeit geredet oder über die kommenden Spiele, aber man wusste alles aus dem Fernsehen, gar nicht mehr vom Platz und hat gar nicht mehr wirklich gespielt. Man hat die anderen spielen und sich Prämien ausbezahlen lassen. Man war so entwöhnt vom Spielen, dass man gar nicht wusste, was man jetzt mit einem Herrn Seehofer machen soll. Die große Koalition war zufrieden, die anderen waren nicht groß und nicht stark genug, taktisch war man erfahren und so konnte man das Land wie ein Computerspiel gemütlich aus dem Sofa heraus verwalten. Seehofer war ein Problem. Seehofer wollte Fußball spielen, im Alleingang, gegen alle. Normalerweise hätte man so einen Nudisten abgeführt und irgendwo bei großartiger Bezahlung entsorgt, aber man konnte schon gar nicht mehr laufen. Man hat verzweifelt auf die Fernbedienung gedrückt und viel zu spät gemerkt, dass der echt ist. Und dann war es schon zu spät. Und dabei war alles so wunderbar. Man war gegen die Atomkraft (rot-grün), dann war man für die Atomkraft (schwarz-gelb), dann kam Fukushima, dann war man wieder dagegen und bis heute laufen Atomkraftwerke (schwarz-rot). Man war international extrem für den Klimaschutz und ließ national die Autoindustrie machen was sie wollte. Man war und man ist für die Menschenrechte und hat fröhlich Waffen geliefert an Kriegsparteien. Man war gegen Diskriminierung und hat bis heute eine Frauenquote im Parlament erfolgreich verhindert. Man war für Flüchtlinge und hat einen schmutzigen Deal erwirkt um sie möglichst weit weg zu halten. Man ist für Gerechtigkeit und will Marokko (das die Westsahara besetzt hält) und Afghanistan (das 2018 in etwa so viele Kriegstote wie in Syrien und Jemen zusammen registriert hat) zu sicheren Herkunftsländern machen. Man ist für Völkerrecht und lässt Erdogan in Syrien agieren. Man will in Afrika investieren und keine deutsche Firma macht mit. Aber diese Doppelmoral wird möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt, man muss viel lesen und gut recherchieren, um sich ein halbwegs realistisches Bild der politischen Wirklichkeit machen zu können. Das Regierungsziel ist offensichtlich, abzulenken von der Härte des Weltgeschäfts, alles ist schön ruhig und beschaulich und böse sind – ununterbrochen – die anderen. Ganz besonders geschickt war es, auch gleich noch die CDU zu spalten (Konflikt hilft, haben wir gelernt) und sich die Prozedere vom Sofa aus anzuschauen. Mit Schlaf- und Nerventee und (wichtig!) gemeinsam mit dem Herrn Gemahl.

Ein kleiner Beipacktext für Schlafmittelpolitik war am 4. 1. 2019 in einem Artikel von Frank Mostar, dpa zu lesen: „Bundesweit haben Kindertagesstätten das gleiche große Problem: Es fehlt Personal. „Die Lage ist dramatisch schlecht“, sagt Hauptvorstandsmitglied Björn Köhler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Eigentlich bräuchten wir 100.000 Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten.“ Das Bundesfamilienministerium hat die Not erkannt und ein Förderprogramm angekündigt: Ministerin Franziska Giffey (SPD) will die Länder von Sommer 2019 an bis 2022 mit rund 300 Millionen Euro unterstützen, um mehr Kita-Fachkräfte zu gewinnen.“ Und ich frage mich, was haben die bisher getan im Ministerium? Sind die lieben Kleinen ganz plötzlich zu hunderttausenden aus dem Himmel gefallen? Kann man nicht rechnen? Will man nicht rechnen? Lesen die Damen und Herren in den Ministerien keine Zeitungen? Da stand das schon öfter drinnen. Oder werde ich in zwei Jahren denselben Artikel wieder lesen? Das Interessante ist, das sich schon deshalb nichts ändert, weil die Menschen ja ungern zugeben möchten, dass sie sich geirrt haben, dass sie auf der falschen Seite gestanden haben. Noch immer gibt es Anhänger von Thatcher. Oder von Bush. Oder von Berlusconi. Oder (was besonders schlimm ist) von Hitler, Mussolini, Stalin und so weiter… Der neue Präsident aus Brasilien ist ein großer Vertreter der Militärdiktatur. In seinem Umgang mit den Indogenen wird er sicher auch ein Bewunderer von Hitler sein. Und er hat Anhänger. Viele. Er wurde gewählt. Es wiederholt sich alles immer, weil man eben gerne auf einer Seite sein will. Wenn möglich auf der Seite der Gewinner. Und bis rauskommt, welche Seite die richtige war, welche Seite die Gewinnerseite war, ist man oft schon (geistig) abgetreten, oder kann sich nicht mehr an die besseren Zeiten erinnern, oder man wechselt dann einfach die Seiten, dann ist man auch wieder auf der richtigen Seite. Ein besonders originelles Beispiel für den Seitenwechsel ist Stuttgart 21.

Stuttgart 21 hatte die Gesellschaft gespalten. Ein Ministerpräsident musste ebenso seinen Hut nehmen wie seine Partei, es kam zum Regierungswechsel und zum ersten Ministerpräsidenten des Bündnis 90 / die Grünen in Deutschland. Baden-Württemberg wird seither grün regiert, zum Bahnhofsprojekt gab es eine Volksabstimmung, die Mehrheit sprach sich für den Bau aus, vor allem, weil eine Mehrheit weit weg des Bahnhofsprojekts andere Schwerpunkte setzte als in der Region Stuttgart. Die Grünen, die an die Macht gekommen waren, weil sie das Projekt bekämpft haben, mussten es bauen. In vielen Sitzungen und einer Schlichtung wurden die Vorzüge diskutiert, viele Bahn-Experten erklärten, warum das Projekt wichtig und wirtschaftlich ist, alles Berechnungen der Gegner wurden vom Tisch gewischt – und stellen sich mittlerweile als richtig heraus. Die Bahn prüft seit kurzem eine Alternative zum ursprünglichen Vorhaben und erklärt, dass verschiedene Probleme bei Bauentscheid nicht absehbar waren. Sie meint damit die Probleme (schwierige Bodenverhältnisse zum Beispiel) die während der Schlichtung öffentlich diskutiert und vom Tisch gewischt wurden. Wie geht so etwas? Ganz einfach: erstens waren mal wieder alle gegen Linke, Kriminelle und Idioten. (Ein unübersehbarer Großteil der Anti-Stuttgart 21 – Bewegung waren Bürgerliche, aber egal). Zweitens sind die leitenden Personen nicht mehr im Amt. Drittens gehen die Machthaber wie gesagt immer davon aus, dass das Volks vergisst, keine Zeit hat sich zu informieren  oder im Idealfall bereits unter der Erde ist, wenn die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Wahrscheinlich sind sie auch wirklich so von sich und ihrer Unfehlbarkeit überzeugt, dass sie schon wegen ihrer charakterlichen Struktur keinen Widerspruch akzeptieren können. Und außerdem hat der Konflikt den Vorteil, dass man eben immer Gleichgesinnte hat. Und diese Gleichgesinnten helfen dem Machthaber. Und der Mehrwert der ersten Jahre heiligt die Mittel. So einen Mehrwert hatte sich auch Herr Seehofer ausgerechnet, mit seiner Hetz-Politik. Für ihn ist es schief gegangen, die deutsche Gesellschaft hat sich zwar ebenso unrühmlich verhalten wie die Medien, aber ihm hat es nichts gebracht. Und jetzt, da die Sache schief gegangen ist rudern viele zurück. Ebenso wie bei Stuttgart 21. Und über allem schweigt mit Kräutertee und Fernbedienung, die deutsche Bundesregierung. Im nächsten Blog schreibe ich über das sichere Herkunftsland Afghanistan.

Frohes Neues Jahr

Dear Hope Theatre Nairobi

Dear members, friends, supporters, partners, 2019 is the year we will celebrate the 10th anniversary of the Project and I want to thank you all for the intensive and finally successful time we had together. The 1st day of our important year is the right day to pause for a moment and reflect. When we had started the group no one of us thought of going to Germany ten times, of celebrating 10 years of common work, to have reached over hundreds of reports in German, Austrian and Kenyan media, of developing 7 plays, of playing more than 500 shows and to deal with a lot of high class partners. Honestly we didn’t think of anything else than to just start something that had to do with theatre. Back from my first trip to Nairobi I started with a website (that is still existing) and promised to come back. Already in February 2010 I had contact to people who are now leaders of the NGO, we planned the 1st slum theatre festival in National Theatre Nairobi and realised it the same year in December. In August 2010 we talked about structures and managed to have our logo. In 2011 we knew that we will have our 1st premiere in Germany in 2012, we founded the Hope Theatre Nairobi CBO and the Kenya Art Projects e.V. and our 2nd Slum Theatre Festival was inaugurated through the Austrian ambassador. After a great 1st tour through Germany and Austria in 2012 we decided to go on, in 2013 a member disappeared and the dram of a great future was immediately destroyed. After several meetings with some members, an appointment with the former Minister of Development in Baden-Württemberg, the guarantee of the Major from Stuttgart and a second chance from the visa-department of the German Embassy in Nairobi we managed a 3rd tour and even started the relationship with new partners. 2014 was the 2nd foundation of the project and a very successful tour with fair-trade Germany, Bread for the World and the State Ministry Baden-Württemberg. Lot of partners, big ones and local ones can be traced back to this wonderful year, the 5th anniversary of the project.

The anniversary-show took place in the Linden Museum Stuttgart, the only ethnological state museum in Baden-Wuerttemberg, on 3rd May 2014 and presented a mixed program of dances, scenes, and statements from the group and friends like Alexandra Kamp, Elisabeth Kabatek, Peter Friedrich and Heike Schiller. Dieter Overath surprise the audience in a short play I wrote for him as an actor representing a horrible German do-gooder with a black young wife. Part of the audience even got annoyed about this guy because they didn’t recognize him and took it seriously. Funny enough that many sentences he said I had just tapped from real conversations with people who had worked in Africa. Anyway, the birthday-show was a success and Dieter is still our member and active guest-actor. With scenes like “Der Unterschied” or “Second Hand People” we mirror the German view on Africa and reflect the German self-image. Interesting, that pupils and students are mostly more open minded than experts. The hope theatre members have learned a lot from the European people and are grateful about it. But sometimes they also have to set the record straight.

Now, in the year of our 10th birthday we can count on several continuous partners, who support us with money, knowledge, network and input and we can look retrospectively at intensive, controversial, helpful, cooperative, various encounters, performances, discussions and cross-border cooperation. In December 2017 we were proud of welcoming the delegation of the State Ministry and the ministry of Economy Baden-Württemberg in our rehearsal hall in Mathare Slums. Organized by department-head Simone Höckele-Häfner the delegation saw the group and the juniors in their real living environment. We presented some scenes and dances and opened the space for an open talk with chai and chapatti for mutual understanding. It was impressing and enduring morning and we are so grateful, that State-Minister Theresa Shopper will salute the audience for our anniversary show in Stuttgart in Theater der Altstadt. Peace is not only the name of the play we will present on our tour but also the motto of the whole tour. Why?

In an Article of the German Press Agency on the 28th December was written under the headline: “Rüstungsindustrie droht Regierung mit Schadenersatzforderungen” (Armaments Industry threatens the German Government with claim for compensation” amongst others: Wegen des Rüstungsexportstopps für Saudi-Arabien droht die Industrie der Bundesregierung mit Schadenersatzforderungen. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), Hans Christoph Atzpodien, forderte die große Koalition aus Union und SPD in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur auf, „rein politische Themen“ nicht auf dem Rücken der Unternehmen auszutragen. (Because of the stop of armaments export to Saudia-Arabia the industry threatens the government with claim for compensation. Chief executive of the federation of German Industries for defense and security, Hans Christoph Atzpodien, demands the Coalition of CDU and SPD, not to apportion political issues at the expense of the companies.) This means in easy words, that profit ranks first. Regardless of the fact, that this profit causes death, pain, destruction and traumas of humans and societies. This means secondly a clear blackmail. If you, government, think about humanity you have to pay us money. In this simpleness I haven’t heard it before.

The German government is very talkative but not everything was realised as explained. When we started with the preparation of our play „On the Run“ in September 2015 we read newspapers about Kenya and Germany like every day to substantiate our scenes and we learned that political talking and political acting can be two complete different things. The more we read the more we realised that the real decisions are not done by the politicians but by the big global companies, managements and brokers and that the politicians mainly try to balance, to obscure or to exert. Honestly, I have started to commiserate the politician coz they are more the henchmen of the business than their decider. They can misuse their position for their own benefit but they cannot really have an effect on it. Merkel some weeks ago said that we shouldn’t be too tough with the car-industry, because we need it. This was maybe one of her most true and honest sentences in her career. Since 3 years Germany tries the balancing act between being a role model and the market leader and discloses the simple reality: greed rules the world. And us, we are chanceless as well, because we can deselect a politician, but not a lobbyist.

So, what can we do? Maybe this is the basic question in life since humans can reflect and decide: do I want to grab as much as possible for myself not caring of any consequences or do I try to follow personal qualities. Is my aim to care for the human worth or to benefit myself? No one else can answer this question for myself than me. As a human I can misuse everything, religion, politics, love, intelligence, skills. Or I can use it for my fellow human beeings. It is my decision. As an artist I can use my skills mainly to earn money or to develop society. But we shouldn’t be naive: theatre will not change the world, as well as not even the most serious politicians will stop war. But is this the authority to give up? Members and partners of Hope Theatre Nairobi will not change the world, not Kenya or Germany, not even Nairobi. But we all go for an idea which cannot be wrong, even though many people will smile about it: peace and human rights. It is like being a doctor: many people will die and maybe never reach the hospital. But is this the authority to stop being a doctor? We all, all humans on this planet are responsible for our world, our society and our community. What we as artist can do is, not to accept, not to be quiet, not to look the other way – but to act for the future of the human rights, of peace and understanding, of global respect and acceptance. And this we do.

I want to say thank you to all who supported us in the last 10 years and I want to take my head off to all members of Hope Theatre Nairobi who decided against the easy way and worked continuously hard for their project, for their aims and for value ethics. Hope Theatre Nairobi has proved that people from African slums can be role models even for Germany and Austria and they have demonstrated that reliability is the only secure basement a big house can stand on…

Thank you for your power, believe and energy – Happy New Year 2019

Weihnachten

Am 22. Dezember kochten wir für 70 Kinder in Ruai, einem Bezirk weit im Osten von Nairobi. Die Schule Pehucci beherbergt neben den Schulkindern auch etwa 50 Waisenkinder, die bekommen vom Hope Theatre Nairobi regelmäßigen Tanzworkshop, das Projekt wurde ursprünglich von einer deutschen Privatinitiative finanziert, nun kümmern wir uns um neue finanzielle Patenschaften. Zu den 50 Waisenkindern luden wir auch unsere Juniors, mit einem gemieteten Mattau kamen sie angefahren, mit an Bord war eine geschlachtete Ziege, Reis, Zwiebeln, Tomaten, Mehl, Kartoffeln, Dicksaft und Süßkram. Wir schnippelten, kochten (auf offenem Feuer) und fabrizierten Chapatti für alle. Die Kinder hatten große Freude, tanzen und spielten zusammen, nach dem üppigen Essen gab es noch einen Geburtstagskuchen von Susie und als uns der Bus wieder abholte war es schon dämmrig. Ein wunderschöner Weihnachtstag für uns alle – Fotos gibt es auf unserer Facebook – Seite: hope theatre tour – aktuell.

Als wir zuhause in Kibera ankamen, war es finstere Nacht. Und die blieb es auch, denn es gab keinen Strom. Und kein Wasser. Bis zum 25. 12.

Die Weihnachtsgeschichte kommt von meiner Mutter, sie ist verlegt im Sonderheft „Frieden 2018“ des Österreichischen Schriftsteller/innenverbands.

Abie Nathan  – Der Mann der den Friedensnobelpreis NICHT bekam

Eigentlich hatte alles mit einem Rollstuhl begonnen. Nach einem Bombenabwurf über Palästinensergebiet – er war damals Pilot bei der israelischen Luftwaffe – wollte er sich ein Bild von der Zerstörung machen. Das war ungewöhnlich, viele junge Soldaten flogen solche Einsätze, ohne dass es ihnen in den Sinn gekommen wäre, das Ergebnis  begutachten zu wollen. Vielleicht war doch seine Erziehung bei den Jesuiten daran schuld, wie seine Eltern vermuteten. Jedenfalls war er entsetzt über das Ausmaß der Verwüstung. Da war eine junge Frau, der beide Beine fehlten. Er besorgte ihr einen Rollstuhl und besuchte noch mehrmals das Palästinenserdorf, brachte Lebensmittel und Medikamente. Damals wurde er zum Kämpfer für den Frieden. Er kandidierte für die Knesset und versprach, wenn er gewinnen sollte, würde er nach Ägypten fliegen und Friedensgespräche  anregen. Er verlor nur ganz knapp, flog aber trotzdem nach Ägypten. Dort wurde er sofort verhaftet und nach Israel zurückgeschickt,  wo man ihn ins Gefängnis steckte.

Jetzt, nach dem Schlaganfall, saß er also ebenfalls in einem Rollstuhl, wie einst die Palästinenserin. Alpträume plagten ihn. In seinem Zustand konnte er sich nicht einmal umbringen. Er hatte es versucht: man kippt aus dem Rollstuhl und liegt dann am Boden wie ein gestrandeter Fisch – es ist entwürdigend. Danach  standen sie vor ihm, Arzt und Pflegepersonal, und diskutierten: „Festbinden oder medikamentös behandeln?“ Es werden wohl Medikamente gewesen sein, denn von da an dämmerte er vor sich hin. Nun war er ausgeliefert: den Händen der Pflegerinnen und den Blicken der anderen Insassen, meist Frauen,  die er mit einer Mischung aus Sarkasmus und Weinerlichkeit seine Kolleginnen nannte. Die Tochter kam jetzt öfter, sie hatte ihm offenbar verziehen, dass er sich nie um sie gekümmert hat. Es war gut, dass sie kam, Pflegefälle ohne Angehörige werden schlecht  behandelt, musste er leider feststellen. Seinen Platz im Altersheim verdankte er jedenfalls der Tatsache, dass er nach dem Militärdienst für die EL AL geflogen war und  in den frühen 60er Jahren in Tel Aviv ein Restaurant betrieben hatte. Vermutlich wurde damals in eine Sozialkasse eingezahlt.

Eine Pflegerin brachte ihm eine Schüssel mit Brei. Nur weil er Angst vor der Magensonde hatte war er bereit, überhaupt noch etwas zu essen. Sie verwendete ein Parfüm, das ihm bekannt vorkam und plötzlich sah er den Hafen von Marseille vor sich, in dem sein Schiff „Voice of Peace“ vor Anker lag. Es war schwer gewesen, das Geld dafür aufzutreiben, dann hatte er nicht einmal mehr die Mittel für die Hafengebühr. Und da kamen sie dann alle: die Hafendirnen genauso wie die Edelprostituierten aus der Innenstadt, in abenteuerlichen Gewändern, langen Mänteln, Stiefel mit Plateausohlen, manche sogar oben ohne. Sie hatten für ihn gesammelt und auch die Hafengebühr bezahlt. Natürlich bekam die Presse davon Wind – wann kann man schon am helllichten Tag ein so lichtscheues Völkchen gesammelt in die Medien bringen? Man filmte und fotografierte ihn, mit Pfeife und ohne, mit den Damen und ohne. Er war damals bereits eine Berühmtheit und entsprechend eitel, wie er jetzt, im Alter, zugeben musste. Damals glaubte man noch an die Möglichkeit, als Zivilperson etwas zu bewegen. Wenn er in Hungerstreik trat, um eine Forderung durchzusetzen, erhielt er zumindest Aufmerksamkeit in den Medien. John Lennon widmete ihm seinen Song „Give Peace a Chance“, er wurde zu Talkshows eingeladen, er traf den Dalai Lama, den Papst, David Ben Gurion, Indira Gandhi und Vertreter der PLO.

Am darauf folgenden Tag erhielt er dann die Erlaubnis zur Weiterfahrt. In internationalen Gewässern vor Tel Aviv ging sein Schiff vor Anker und sendete rund um die Uhr Musik und Friedensappelle, 20 Jahre lang.  Im Jahr 1993  schließlich versenkte er das Schiff, denn erstens war er mit seinen finanziellen Mitteln am Ende, und zweitens schien ja der Friede zum Greifen nahe!

Immer wieder tauchten  in seinem Kopf Bilder aus der Kindheit in Bombay auf: die Farben, der Lärm, die Gerüche… Und aus seiner Schulzeit hatte er vor allem einige kluge Lehrer in Erinnerung. Es wurde viel diskutiert. Wie kommt der Krieg in die Welt? Und haben jene recht, die behaupten, der Friede sei nur eine kurze Abwesenheit vom Krieg und eigentlich auch langweilig, vor allem für junge Männer? Warum gab es in der Geschichte so wenige Herrscher wie König Ashoka, der, entsetzt über die Gräuel des Krieges, den er selbst angezettelt hatte, sich wandelte zum Friedensfürsten? Er hinterließ blühende Landschaften und glückliche Menschen, aber der Friede war nach seinem Ableben natürlich bald zu Ende. Warum nur wird das Wort „Friedensaktivist“ von manchen so ausgesprochen, als wäre es etwas Verwerfliches, oder, noch schlimmer, etwas Lächerliches? In den Geschichtsbüchern steht nicht viel über Ashoka, verglichen mit Kriegskaisern, Feldherren und Diktatoren.

Eine Pflegerin kam vorbei: “Sie weinen ja!“ Schnell wischte sie ihm die Tränen ab und war auch schon wieder verschwunden. Er hatte vom Jahr 1993 geträumt, von den Hoffnungen, die sich damals alle machten. So nahe am Frieden wähnten sie sich, als in Oslo das Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina unterzeichnet wurde und 1994 Perez und Arafat zusammen mit Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis erhielten. Abi Nathan war zu keiner der Zeremonien eingeladen, aber er freute sich am Ergebnis

Und dann? Nach dem tödlichen Attentat auf Jitzchak Rabin war der mühsam ausgehandelte Friede in weite Ferne gerückt. Abie Nathan flog wieder Hilfseinsätze in Krisengebiete, damals vermehrt nach Afrika. Aber das Feuer, die Begeisterung waren verflogen. Als er daran dachte, seine Memoiren zu schreiben, ereilte ihn der Schlaganfall.

Abie Nathan starb 2008. Auf seinem Grabstein steht „Nissit“ – ich habe es versucht!

(Elfriede Bruckmeier)

 

Kenya Art Projects e.V. und die Hope Art Theatre Nairobi NGO wünschen Friedliche Weihnachten

Der weiße Mann

Zum ersten Mal in den Jahren meines kenianischen Privatlebens fuhren wir zur großen Familie von Winnies Mutter. Winnies Mutter hatte kaum Kontakt zu ihren Geschwistern gehabt, sie hatte ein Leben in Nairobi als Krankenschwester geführt und da man durch ehrliche Arbeit bekanntlich nicht reich werden kann ein kleines Lehmhäuschen in Kibera bewohnt. Ihre erste Tochter starb als junge Mutter von 3 kleinen Kindern und deren Ehemann kurz darauf an Herzstillstand. Eine glückliche Familie war plötzlich nicht mehr existent und Winnies Mutter kümmerte sich um die drei kleinen Kinder, die mittlerweile erwachsene Menschen sind. Seit 2 Jahren liegt Winnies Mutter nun in der heimatlichen Erde und wir besuchten das Grab um die Memorial-Messe zu feiern. Nach 10 Stunden Fahrt erreichten wir die Einfahrt zum Besitz der Familie, 3 Brüder hatten das Land der Eltern übernommen gehabt und leben nun als Farmer. Das Landstück ist sehr groß, die aktuelle Ernte durch die zu spät und zu lange niederprasselnde Regengüsse vernichtet. Die erste Ernte des Jahres fiel der Dürre zum Opfer, die zweite dem Regen. Durch die lange anhaltende Regenperiode war der Untergrund sehr weich und der Bus blieb stecken. Sofort waren zahlreiche Jugendliche zur Stelle: was früher die Trommelzeichen waren sind heute die Mobiltelefone. Für die Dorfjugendlichen sind diese Wetterkapriolen ein gutes Geschäft, da sie mindestens einmal täglich ein Auto aus dem Schlamm ziehen müssen. Aber da ein Weißer an Bord war wollten sie einen höheren Salär.

Da halfen keine Diskussionen, sie blieben neben dem Auto stehen und taten nichts. Also stiegen wir aus, schulterten unser Gepäck und gingen los. Wir stapften etwa eine halbe Stunde durch den schlammigen Boden, bis wir den weit sichtbaren hellen Ort erreichten: die Küche. Die Küche war eine große Fläche unter einem gigantischen Mangobaum mit mehreren Kochstellen. Viele Frauen waren eifrig am Kochen, die älteren Männer mit dem Feuer beschäftigt, die jüngeren Männer waren beim Bus geblieben. Einer der drei Farmer, der den Kindern beim Tragen geholfen hatte, ging mit einem soliden Geldbündel zurück, nach gut einer halben Stunde kam der Bus mit lauter Musik bei uns an. Ich rechnete: der Farmer ist ohne Gepäck schneller zum Bus zurück gegangen, sagen wir in knapp 20 Minuten, der Bus benötigte ungefähr 5 Minuten Fahrzeit, es hatte also keine 10 Minuten gedauert bis der Bus aus dem Schlamm war. 2000 Schilling (umgerechnet etwa 18 Euro) für 10 Minuten Arbeit. Das ist natürlich grundsätzlich nicht viel und es waren sicher 5 kräftige Kerle, die das Geld unter sich aufteilen würden. Wenn man aber bedenkt, dass ein junger Grundschullehrer am Land mit 8000 Schilling pro Monat startet und die Jungs ohne den Weißen 500 bekommen hätten dann war das eine Preissteigerung durch die Hautfarbe um 300% und ein Wochenlohn eines Grundschullehrers aus der Nachbarschaft.

Selbstverständlich wurde ich auch beim großen abendlichen Familienfest zu Ehren von Winnies Mutter von vielen Augen durchgescannt, immer wieder setzte sich eines der FamilienmitgliederInnen der wirklich sehr großen Familie neben mich und erzählte mir eine Geschichte. Ich wurde sozusagen getestet, war sehr freundlich, erzählte von meiner Arbeit und dem Leben als freischaffender Künstler in Europa. Ich hätte auch von Nilpferden reden können oder von Kaugummis, es war vollkommen uninteressant, das wesentliche Thema war: ist der Mann nett, kann man ihn gebrauchen und wie viel wird er da lassen. Nun kenne ich das seit mittlerweile 15 Jahren, auch bei meiner ersten Theaterarbeit in einem afrikanischen Land, im Mosambik, war das nicht anders. Aber jetzt bin ich sozusagen Familienmitglied und plötzlich ist die kleine Familie, deren Älteste nun Winnie selbst ist, wieder interessant. Ich habe mich an meine Hautfarbe und ihre Wirkung gewöhnt und versuche mich mit Klarheit, unsentimentaler (wenn auch oft sinnloser) Haltung und Verständnis zu verhalten. Denn natürlich verstehe ich die Menschen hier. Ich erlebe es ja, wie sich die Weißen nach wie vor benehmen und ich muss mich natürlich fragen, warum ich davon ausgehen sollte, dass man mich für anders hält als alle anderen. Das wäre vermessen. Die Weißen leben entweder in abgeschlossenen Siedlungen (weil sie zum Beispiel bei der UNO oder der EU arbeiten) und haben schwarze DienerInnen, die zuhause erzählen wie die Weißen leben, fahren mit großen Autos durch die Stadt und essen in den teuersten Restaurant. Oder sie sind Touristen, leben ebenfalls in abgeschlossenen Siedlungen, haben ebenso schwarze DienerInnen die zuhause erzählen wie die Weißen leben, machen Safaris, benehmen sich schlecht und geben ein gutes Trinkgeld. Was bitte soll man von den Weißen sonst denken als dass sie „rich and careless“ sind.

Machen wir einen kleinen Zeitsprung zurück: Mein Vater, der im selben Jahr gestorben ist wie Winnies Mutter, wurde 1927 in München geboren. Mit 17, also im letzten Kriegsjahr, wurde er zum Militär eingezogen und an die Front geschickt, sozusagen um seinen Vater, eine Institution in Schwabing, zu bestrafen, da er sich leise aber deutlich weigerte, die Nazis gut zu finden. Durch eine schwere Verletzung kurz nach Erreichen der Front blieb meinem Vater ein Großteil der Kriegserlebnisse oder eine wahrscheinliche Gefangenschaft erfreulicherweise erspart und er konnte nach der langwierigen Genesung in den berühmten „Vier Jahreszeiten“ in München eine Ausbildung zum Kellner machen. Das war ungefähr zu der Zeit, als man über Menschenrechte nachdachte und die NATO gegründet wurde. In dieser Zeit begann auch Deutschland, das sich langsam aus den Trümmern neu zusammensetzte und mit geschockten und zukunftswilligen Augen in die Welt blickte, über sich nachzudenken. Und Deutschland beschloss, sich neu zu erfinden. Schritt für Schritt wurde es das Land der Guten, arbeitete die Geschichte auf, verurteilte die Nazis, kümmerte sich um neue Partner und verlegte sich aufs Geldverdienten. Man verteilte sein Know How in der Welt, durfte mitreden, Hände schütteln und reich werden. Man hatte ein schönes Ziel, nämlich das Land wieder zu einem ganzen Land werden zu lassen, das Land zum Mittelpunkt eines großen guten Europas werden zu lassen, das Land zu einem großen, einflussreichen, vereinigten guten Land einer guten Welt werden zu lassen. Für dieses Ziel hatte man einen Feind, nämlich den Osten, und einen Freund, nämlich den Westen und man hatte ein neues Konzept: man entschloss sich, seine Ziele nicht mehr mordend zu erkämpfen, sondern in friedlicher Partnerschaft zu erwirtschaften. Deutschland erkannte, dass es etwas gibt, das viel schöner ist als brennende Häuser, kreischende Kinder, explodierende Bomben, zerstörte Familien, zertrümmerte Städte, zerfetze Menschen: reich sein.

Natürlich klappte das nicht von heute auf morgen, es dauerte, es gab immer noch die mit den Ideologien, es gab immer noch die mit den Themen, es gab einen hässlichen Zaun mitten im Land, und es gab zweifelnde Nachbarn, vor allem Frankreich. Aber mit dem Reichtum kam das Vertrauen und die Ruhe. Irgendwann fiel die Mauer, friedlich, und Deutschland war wieder ein ganzes Reich. Irgendwann fielen die Grenzen, unaufgeregt, und Deutschland war wieder das Zentrum. Irgendwann fiel die Angst vor der Deutschen Fahne und alle waren glücklich. Glücklich und reich. Irgendwo sah die Welt natürlich anders aus, irgendwo fielen Bomben, fielen Schüsse, fielen Menschen, irgendwo war der Deutsche Frieden noch nicht angekommen, das erklärte uns das Fernsehen. Da schüttelten die guten Menschen in den Parlamenten die Köpfe und waren sehr betroffen. Aber davon mal abgesehen war alles gut. Der gemeinsame Wohlstand lag auf Deutschland wie Zuckerwatte, duftend leicht und süß. Deutschland war so gut geworden, dass es gar kein Problem mehr war, von der Deutschen Einheit zu sprechen, es klang ganz anders als in den 30er-Jahren, nicht mehr forsch und national, sondern friedlich und weltoffen. Und das war das Friedliche Deutschland: offen für die Welt – denn Deutschland durfte überall hingehen und Deutschland ging überall hin. Und überall, wo Deutschland hinging war Deutschland: Deutsche Hotels, Deutsche Partner, Deutsche Wirtschaft, Deutsche Waffen, Deutsche Autos, Deutsche Kulturinstitute. Deutschland war überall zuhause und Deutschland war überall reich.

Und jetzt wundern wir uns, dass Menschen, die sich keinen Daimler leisten können und keine Maschinen für die Landwirtschaft und die keine Filteranlagen in den Fabriken haben und unsere alten stinkenden Schrottbusse benutzen müssen (die in Europa nicht mehr zugelassen sind) und die in Lehmhütten leben obwohl sie berufstätig sind und die für wenig Geld alles das herstellen was wir für unseren Luxus als selbstverständlich erachten, jetzt wundern wir uns, dass uns diese Menschen nicht unbedingt nur lieb haben und sich freuen, wenn wir da sind und sagen: kein Problem, lieber Weißer, weil Du es bist ziehen wir Dir das Auto kostenlos aus dem Dreck, weil Du hast es ja auch nicht leicht. Und wir wundern uns, dass diese Menschen, wenn sie versuchen, weil sie sich nicht mehr anständig ernähren können, langsam aber sicher dorthin zu gelangen wo das Geld ist und wo wir sie in Blechkontainern zusammenfassen, tatsächlich andere Sorgen haben, als sich mit unserer deutschen Leitkultur auseinanderzusetzen. Nein, diese Menschen wollten einfach nur satt werden und sich wenigstens ein bisschen was von dem kaufen können, das wir auch haben. Oder, um es mit den Worten einer kürzlich wenn auch kaum öffentlich wahrgenommenen türkischen Demonstration in Istanbul zu formulieren: Wir wollen Brot, Arbeit und Freiheit“. So wie ich die Menschen hier in in den vielen Armenvierteln in Kenia kennen lerne – und ich lebe gerne hier und habe viele sehr gute Erlebnisse – glaube ich nicht, dass sie sich in Europa so richtig wohl fühlen würden, weil sie erstens dort immer die Unterschicht sein werden (was nicht lustig ist), zweitens immer als die anderen offensichtlich sind (nämlich durch die Hautfarbe) und drittens in ihrer Lebensumgebung eigentlich durchaus glücklich sind, wenn sie sich ein halbwegs menschenwürdiges  Leben in ihrer Umgebung auch leisten könnten. Ein Zusammenleben im Sinne der Völkerverständigung auf Augenhöhe kann nur durch gegenseitiges Interesse funktionieren. Und wir müssen uns in Deutschland irgendwann einmal darüber im Klaren sein, dass es den Menschen nicht um unsere großartige Leitkultur geht, sondern um unserem Wohlstand, den wir uns auf dem Rücken der Menschen die jetzt zu uns wollen, aufgebaut haben. Aber dafür müssten wir aufhören, alle belehren zu wollen, sondern beginnen, uns auch für die anderen zu interessieren, Aber das Interesse an einer anderen Kultur hat ja nicht einmal bei den Ostdeutschen Brüdern und Schwestern funktioniert. Ich kann aber natürlich ebenso aus eigener Erfahrung bestätigen, dass es in Kenia auch nicht viel Interesse an anderen Kulturen gibt. Warum auch? Ich nehme es den europäischen Ländern nicht sonderlich übel, dass sie leben wollen wie sie wollen, ich nehme es den europäischen Ländern aber übel, dass sie kein Verständnis dafür haben, dass auch andere Länder gerne so leben sollen wie sie wollen.

Nein, die Deutschen sind keine Weltmeister in der Integration. Weder in der einen noch in der anderen Richtung. Sie integrieren sich kaum, wenn sie in anderen Ländern auftauchen. In Brasilien gibt es einen großen Bezirk, in dem nur Deutsch gesprochen wird. Auch in den USA haben wir Städte mit Deutscher Leitkultur, Deutschem Bier und Deutscher Sprache. Und andere sind da nicht anders. Malindi, eine Kleinstadt in Kenia, ist fest in italienischer Hand. Dort sprechen alle, die afrikanischen Menschen, die arabischen Menschen und die italienischen Menschen italienisch. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Afrikaner und Araber auch italienisch sprechen während die Italiener nur italienisch sprechen. Und im Hotel „The Sands at Nomads“ wo wir eine große Silvestershow durchgeführt hatten, waren die Touristen total begeistert, die Einheimischen aber nicht. Warum? Die „Einheimischen“ waren Italiener und die hatten die Schnauze voll von afrikanischer Musik und afrikanischer Tradition. Und diese afrikanischen oder muslimischen Menschen sollen sich nun auf die europäischen Werte, die europäischen Sprachen und die Europäischen Leitkulturen freuen? Und das alles soll man in Belchkontainern lernen mit großer Dankbarkeit? In Kenia gibt es eine Deutsche Schule. Ganz klar. Gibt es in Deutschland ein Schule für die Swahili-Sprechende Bevölkerung? Warum werden nicht mehr gut ausgebildete LehrerInnen eingestellt, die zum Beispiel arabische Sprachen kennen und Deutsch unterrichten? Das würde helfen. Aber das würde ja Geld kosten. Und man möchte bei der Integration ja lieber Geld verdienen. Man will gut ausgebildete Menschen ins Land holen die günstiger arbeiten und arme Menschen in ihre sicheren Heimatländer zurückführen. Und was sicher ist bestimmt Deutschland. Klar. Und darum nannte man 2006 das große Fußballfest, bei dem die Welt in Deutschland zu Gast war bei Freunden war, auch ehrlicherweise ein deutsches Sommermärchen. Weil das Glück in der Welt eben nur ein Märchen ist.

Am nächsten Tag war ich dann noch in der kleinen Kirche, wo die dörfliche Glaubensgemeinschaft für Winnies Mutter betete. Das war sehr berührend, weil der mehrstimmige Gesang für jeden die Herzen öffnete. Ich dachte an Fibi, wie Winnies Mutter gerufen wurde. Ich hatte sie noch regelmäßig im Krankenhaus besucht und sie auch noch auf ihren Wunsch nach hause gebracht. Sie saß auf ihrem Bett wie ein glückliches kleines Kind und wollte Coca Cola. Das war meine letzte Erinnerung. Eine Woche nachdem ich nach Österreich zurückgeflogen war, ist sie gestorben. Auf dem Rückweg von unserem Wochenend-Ausflug zu Finis Ehren machten wir kurz bei Java halt, ich brauchte einen guten afrikanischen Kaffee. Ich fragte den Busfahrer, ob er auch einen möchte, er bejahte. Wie ich später erfahren hatte, schmeckte ihm dieses starke schwarze Zeug überhaupt nicht. Aber er trank es bis zum letzten Tropfen, denn es war ein Geschenk vom weißen Mann. Nein, wir sind nicht alle gleich, ganz im Gegenteil. Und das ist gut so und richtig und spannend obendrein. Aber wir alle sind gleich an Würde und gleich an Rechten. Und daher sollten wir uns in unserem kleinen reichen Kontinent endlich wahrhaftig um Frieden in der Welt kümmern und nicht nur um den wirtschaftlichen Gewinn.

Die gute Nachricht

Heute vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948 wurde die Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet. Aus diesem Grund veranstaltete die Europäische Union in Kenya das erste Green Space Festival im Karura Forest. Wir waren der offizielle Beitrag der Österreichischen Botschaft in Nairobi. Wir, das waren die Adults der Truppe und die Juniors. Unsere Nachwuchsgruppe gibt es seit 2 Jahren, vor einem Jahr zeigten sie bereits ihr Können beim Besuch der Delegation des Staats- und Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg in unserer Probebühne in Mathare und jetzt, am 8. 12. hatten sie ihren ersten großen Auftritt auf einer sehr großen Bühne. Durch den heftigen Regen – auch ein Ergebnis des Klimawandels – war die Technik bei unserem Auftritt noch indisponiert, da sich Wasser in Teilen des Generator gesammelt und ihn lahm gelegt hatte – also begannen wir die Show mit traditional dances –  die kids improvisierten und performen wie die Profis. Es war eine große Freude. Den ganzen Tag sangen und spielten Künstlerinnen und Künstler aus Kenia, Jazz-Sängerinnen, Poetry-Slammer, HipHopper und TänzerInnen. Da wir das Festival eröffneten hatten wir danach eine entspannte Zeit uns alles anzusehen und uns mit den vielen Informationsständen zu beschäftigen. Für die Kleinen gab es ebenso Programm wie für internationale Gäste. Nach dem Dauerregen der letzten Tage öffnete sich der Himmel und die Sonne zeigte ihre Kraft. Sie schien, als wollte sie uns sagen, „ja, für die Menschenrechte mache auch im mich stark“. Es war ein wunderschönes Fest, das Hoffnung gab – auch wenn wir am Abend wieder in die Realität zurückkehrten, in die Nachrichten über Machtwahn, Rücksichtslosigkeit und Kriegsgeplärre. Eine liebe Kollegin und Förderin des Hope Theatre aus Jagsthausen leitete mir einen Artikel weiter, den ich hier in Auszügen zitieren möchte.

„Erklärung der Menschenrechte „Jubiläum ohne Feierstimmung“ von Martin Steinmüller-Schwarz, ORF.at (10. Dezember 2018 – gekürzt)

Vor 70 Jahren hat die UNO die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Bis heute gilt die Deklaration als ein Meilenstein der internationalen Gemeinschaft. Doch das Jubiläum wird weniger von Jubel als von besorgten Worten begleitet.

Stefan Zweig war zwar seit sechs Jahren tot. Der 10. Dezember 1948 hätte sich dennoch einen Platz in seinen „Sternstunden der Menschheit“ verdient. Im Pariser Palais de Chaillot verabschiedete die noch ganz junge UNO an diesem Tag eines ihrer bis heute bedeutendsten Papiere. Geprägt von den Gräueln des Nationalsozialismus und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs hatte die UNO-Menschenrechtskommission fast zwei Jahre um ein Dokument gerungen, das die Basis für ein friedliches Miteinander der Menschheit legen sollte.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, heißt es im ersten der insgesamt 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Worin dieses Recht gründet, ob in der Natur, der Vernunft oder gar einem göttlichen Schöpfungswerk, lässt die Deklaration unbeantwortet. Eine Anknüpfung an Religion, Philosophie oder Tradition findet sich bewusst nicht. Menschen haben Rechte, einfach weil sie Menschen sind.

So wegweisend die Deklaration war, so wenig verbindlich war das Dokument. Unter dem beginnenden Ost-West-Konflikt wurde in den Verhandlungen schnell klar, dass ein völkerrechtlicher Vertrag außerhalb der Möglichkeiten lag. Dazu kam: Auch in den westlichen Demokratien waren die geforderten Rechte noch nicht gänzlich Realität.

Mit Eleanor Roosevelt, Witwe des 1945 verstorbenen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, waren die USA zwar eine der treibenden Kräfte hinter der Menschenrechtserklärung. In den USA erhielten Afroamerikaner das Wahlrecht freilich erst über 15 Jahre später. Und dass 1948 gerade einmal 58 Staaten Mitglied der UNO waren, ist in erster Linie einem Umstand geschuldet: Der Kolonialismus war noch nicht Geschichte.

Strahlkraft entwickelte das Papier dennoch. „Die Erklärung war nur der Beginn eines sehr viel umfassenderen Kodifizierungsprozesses“, sagt der Wiener Völkerrechtsprofessor und Menschenrechtsexperte Manfred Nowak im Gespräch mit ORF.at. Insgesamt neun Menschenrechtsabkommen schlossen die UNO-Staaten seither ab. „Alle Staaten der Welt haben Menschenrechte rechtlich verbindend anerkannt. Selbst Staaten wir Nordkorea oder Eritrea“, sagt Nowak. „Die Menschenrechte sind das anerkannteste Wertesystem der Gegenwart.“

Das könnte Grund zum Feiern sein. Und doch waren zuletzt vor allem mahnende Worte zu hören. Nicht nur zeigen die täglichen Berichte über Kriege, Folter, Unterdrückung, Vertreibung und Ausbeutung, wie weit die Weltgemeinschaft noch von dem gesetzten Ziel entfernt ist. Warnende Stimmen sehen überhaupt den vor 70 Jahren auf den Weg gebrachten Grundkonsens gefährdet. Erst vergangene Woche stellte die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, fest: „In vielen Ländern ist die fundamentale Erkenntnis, dass alle Menschen gleich sind und angeborene Rechte haben, unter Beschuss.“

Noch drastischer formuliert es Völkerrechtler Nowak. „Wir befinden uns in der tiefsten Krise der Menschenrechte und der Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Der Leiter des Wiener Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte arbeitete jahrelang für die UNO als Sonderberichterstatter für Folter. Er war Richter der Menschenrechtskammer von Bosnien und Herzegowina und fungiert mittlerweile als Generalsekretär des European Interuniversity Centre for Human Rights and Democratisation (EIUC) in Venedig. Nicht nur in Österreich hat Nowaks Stimme Gewicht. Als Experte war Nowak auch an der Weltmenschenrechtskonferenz 1993 in Wien beteiligt. Sie brachte explizite Rechte für Frauen, Kinder, Minderheiten und indigene Völker. Und sie ebnete den Weg für ein UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte. Dass sich ein ähnlicher Erfolg heutzutage wiederholen ließe, hält Nowak für ausgeschlossen. „Die Situation derzeit ist so schlecht, dass das, was rauskommen würde, den Menschenrechten eher schaden als nützen würde“, sagt der Völkerrechtler. 1993 machten die Menschenrechte einen großen Schritt vorwärts. Heute wäre das laut Nowak nicht möglich.

Die Einschätzung teilt auch sein Kollege Reinhard Klaushofer. Der Jusprofessor an der Uni Salzburg und Leiter des Österreichischen Instituts für Menschenrechte konstatiert gegenüber ORF.at ein „schlechtes Klima für Menschenrechte“. Die „Überzeugung, dass es wert ist für Menschenrechte zu kämpfen“, lasse nach. Und das „zieht sich quer durch alle Hemisphären“, sagt Klaushofer.

Sowohl Nowak als auch Klaushofer sind zu sehr Wissenschaftler, als dass sie nur eine Ursache hinter diesen Entwicklungen festmachen würden. Ein Punkt ist aber bei beiden zentral: Nowak verweist auf die „neoliberale, globale Wirtschaftsordnung“, die zu wachsender Ungleichheit führe. Nach dem Ende der kommunistischen Diktaturen habe die Welt eine historische Chance verpasst. Anstatt den Sieg der Demokratie und der Menschenrechte zu feiern, sei einzig der „Endsieg über den Kommunismus“ begangen worden. Klaushofer spricht davon, dass „mit der Globalisierung der Druck auf Menschenrechte gestiegen“ sei.

Die Kluft zwischen Arm und Reiche führt laut Nowak zu einer ständigen Aushöhlung staatlicher Strukturen, fördere Kriminalität, Gewalt und Konflikte und produziere „failed states“. Heute würden weltweit mehr Konflikte geführt als jemals zuvor in der Nachkriegszeit, sagt Nowak. Bei vielen handle es sich um lokale, aber umso brutalere Bürgerkriege.

Man mag einwenden, dass in den vergangenen Jahrzehnten die extreme Armut weltweit stark gesunken ist; dass die Zahl der Hungertoten beständig fällt und dafür die globale Lebenserwartung im Steigen begriffen ist. Nicht von der Hand weisen lässt sich aber, dass noch nie so viele Menschen auf der Flucht waren wie zurzeit. Fast immer sind laut der UNO bewaffnete Konflikte die Ursache. In Zukunft könnte die durch den Menschen verursachte Erderwärmung als gewichtiger Fluchtgrund hinzukommen. Dass die Klimakrise auch neue Konflikte auslösen wird, ist ebenfalls keine gewagte Prognose.

(…)

Am Ende ist die Frage der Menschenrechte auch immer eine Frage der Gleichheit. Was bedeutet es, in einer globalisierten Welt „frei und gleich an Würde geboren zu sein“? Und kann es so etwas wie eine globale Gleichheit überhaupt geben? „Die reichen Demokratien tragen die Fahne der Menschenrechte in die letzten Winkel der Erde, ohne zu bemerken, dass sie auf diese Weise den nationalen Grenzbefestigungen, mit denen sie die Migrantenströme abwehren wollen, die Legitimationsgrundlage entziehen“, schrieb dazu der 2015 verstorbene deutsche Soziologe Ulrich Beck. Ein Menschenrecht auf Migration gibt es nicht. Das Recht, sein eigenes Land zu verlassen, findet sich aber in der Erklärung.

Viele Menschen würden die verkündete Gleichheit als Menschenrecht auf Mobilität ernst nehmen. Und sie „treffen auf Länder und Staaten, die die Norm der Gleichheit an ihren bewaffneten Grenzen enden lassen wollen“. Beck verfasste diese Sätze 2008. Angesichts der Diskussionen über Migrations- und Flüchtlingspakte ist ihnen ihr Alter nicht anzumerken.“

In Kenia sollte die Prügelstrafe (oder sagen wir pädagogische körperliche Züchtigung) an Schulen wieder eingeführt werden. In Familien ist sie ohnehin noch weit verbreitet. Dazu mass man wissen, dass Präsident Kibaki in seiner zweiten Amtszeit bemüht war, sich ein international positives Denkmal zu setzen und hat eine neue Verfassung erstellen und vom Volk abstimmen lassen. „In dem Verfassungsreferendum vom 4. August 2010 stimmte die Bevölkerung Kenias mit deutlicher Mehrheit einer neuenVerfassung zu, die die Rechte des Staatspräsidenten zugunsten des Parlaments einschränken soll. Die neue Verfassung trat am 27. August 2010 in Kraft und ersetzte die seit 1963 gültige, die unter Beteiligung der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien formuliert wurde.“ Die Verfassung wurde nach dem Vorbild der südafrikanischen Verfassung zu einer der modernsten und aufgeschlossensten Staatsdokumente der Welt. Einen der Verfassungsrichter, der Menschenrechtsaktivist Albi Sachs, habe ich durch meine langjährige Bekannte Margit Niederhuber in Wien kennen gelernt und auch in Nairobi getroffen. In Wien hatte er einen Vortrag über Südafrika gehalten, er war als weißer Jurist im ANC, also im Widerstand gegen die Apartheid gewesen und fast einem Bombenattentat in Maputo (Mosambik) zum Opfer gefallen. Wie durch ein Wunder hatte er überlebt und wurde zu einem Denkmal der Ungerechtigkeit. Dass ein Weißer für die Rechte der Schwarzen eintrat war nicht so ungewöhnlich, dass er dafür ermordet werden wollte, doch. Und dass er Jurist war und in England während seiner langwierigen Genesungsphase nicht aufhörte, für die Gleichberechtigung zu kämpfen, trug Früchte. Nächstes Jahr ist der 25. Jahrestag des Endes der Apartheid, nächstes Jahr vor 15 Jahren hatte ich zum ersten Mal Probenbeginn in einem afrikanischen Land, nämlich in Maputo, nächstes Jahr feiert das Hope Theatre sein 10-jähriges Bestehen, nächstes Jahr wird mein Sohn 30 Jahre alt. Er wurde im Oktober 1989 geboren, im selben Monat als die Mauer fiel. Das freie und demokratische Südafrika ist also jünger als das wiedervereinigte Deutschland. Noch immer sprechen wir in Deutschland von Ost und West, noch immer bekommen die Menschen in Ostdeutschland für dieselbe Arbeit durchschnittlich weniger Geld als in Westdeutschland, noch immer bekommen die Frauen in ganz Deutschland für dieselbe Arbeit durchschnittlich weniger Geld als die Männer und noch immer gibt es in weiten Teilen der ehemaligen DDR eine sehr unregelmäßige Internetverbindung.

Kenia ist ein Jahr jünger als ich. Die Kolonialherrschaft wurde 1963 offiziell beendet. Vor 1963 waren die Menschen in Kenia Leibeigene, die nichts zu entscheiden hatten. Die zu erfüllen hatten und sonst nichts. Das freie Denken, die freie Entscheidung gab es nicht. Es ist also fast ein Wunder, dass Kenia nur etwas mehr als 50 Jahre benötigte, um eine eigene, moderne und aufgeschlossene Verfassung zu installieren. Und bei aller Kritik an vielen Unzulänglichkeiten muss man sich diesen Umstand immer vor Augen halten. Die jetzigen Machthaber Kenias haben Eltern, die Dreck waren, unwerte Menschenmasse und sonst nichts. Der jetzige Präsident Uhuru Kenyatta ist der Sohn des bekanntesten Revolutionsführers des Landes, hat in Oxford studiert und kann eine halbe Stunde eloquent und frei sprechen. Er ist international erfahren und versucht wie sein Vorgänger, Innovationen zu setzen und das Land voranzubringen. Das geht nicht ohne Parlament und da sitzen natürlich mehrheitlich korrupte Selbstverwirklicher, denen es vor allem um ihre ausländischen Konten geht und ihr Leben nach der Parlamentszeit. Aber ist das in Deutschland so wesentlich anders? Wie viele politische Entscheidungen werden aus Eigennutz und wirtschaftlicher Korruption weggebogen? Wo wäre Deutschland, wenn die Bundesregierung unter Merkel alles das tatsächlich umgesetzt hätte, was sie versprochen hatte und wofür sie international gelobt wurde?

Warum will man prügeln? Ich glaube, dass die Machthaber in Kenia (wie in vielen anderen Ländern der Welt) gemerkt haben, dass freies Denken, die Liberalisierung der Bildung und die Förderung des Selbstwertgefühls, sprich die Umsetzung der Menschenrecht bereits in der Schule zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern führt. Und das kann gefährlich werden. Denn je mehr Menschen denken können und sich auch denken trauen, um so mehr kritische Beobachterinnen und Beobachter wird es geben. Wenn die Menschen nicht mehr nur machen, was der Lehrer, der Pastor, der Politiker sagt, sondern das Gesagte zu hinterfragen beginnen, dann wird es eng für Korruption und Selbstbereicherung, dann muss man sich für seine Politik rechtfertigen, dann muss man erklären statt bestimmen – und das macht Angst.

Die Prügelstrafe wird nach heutigem Stand der Kenntnis erstmal nicht wieder eingeführt, die Verfassungsänderung wurde abgeschmettert, zu viele internationale Organisationen und Partner, die das Schulsystem wesentlich mitfinanzieren, waren dagegen. Das ist, trotz der verheerenden Situation in dieser Welt des zu Ende gehenden Jahres 2018 eine sehr gute Nachricht.

Poa sana

Aus dem Flugzeug

Ich sitze im Flieger nach Nairobi. Ich fliege mit Qatar Airways und frage mich, ob das gut ist. Soll man arabische Ölscheichbetriebe unterstützen? Wenige Auserwählte, die der Zufall und das Glück zu einem Zeitpunkt auf unwirtliche Gebiete gesetzt hat, als man Öl brauchte und genau unter diesen Wüsten das Geld sprudelt. Wäre ich mit einer Fluggesellschaft von Ludwig XIV. geflogen? Eine Studentin hat mich bei einem Symposium in Jena bezüglich meines Afrikaprojekts als Kulturimperialist angegriffen und es hat eine Zeit gedauert, bis wir uns jenseits der Phrasen – die natürlich teilweise durchaus richtig, aber situationsabhängig sind – konkret unterhalten konnten. Ich habe ihr gesagt, dass ich genau so viel von den Menschen in Afrika lerne wie umgekehrt, dass wir ein gemeinsames Projekt entwickeln, nicht anders, als zum Beispiel ein zeitgenössisches Musiktheater mit KünstlerInnen aus den Niederlanden, Indien und Deutschland, bei dem ich die Ehre hatte, dabei sein zu dürfen. Die Proben fanden 2007 in Stuttgart statt, die Damen und Herren kamen aus 3 Ländern, niemand sprach von Kulturimperialismus. Aber bei Afrika ist gleich wieder alles ein bisschen anders. Ich bemühte mich, begreiflich zu machen, dass es mir neben der gemeinsamen künstlerischen Arbeit vor allem darum geht, Menschen aus einem afrikanischen Land die Möglichkeit zu geben, in Deutschland mit Deutschen engagiert, authentisch und live zu sprechen. Das kostet sehr viel Geld, aber es ist wichtig gerade in Zeiten wie diesen, dass man nicht nur über die Afrikaner redet und sie nicht nur als Flüchtlinge aus einem kleinen Teil des Kontinents wahrnimmt sondern sie vor allem als Menschen sieht, die genau so Fähigkeiten, Träume, Wünsche, Arbeitsmoral, Wut, Spaß und eine Lebensberechtigung haben wie wir. Nur so kann man sich mit der Welt auseinandersetzen, wenn man die Welt auch zulässt und ihr zuhört. Und dann habe ich sie gefragt, weil sie ja sehr über die Probleme in Afrika Bescheid wusste, in welchem Land sie war – ich dachte nämlich, dass sie ein Soziales Jahr hinter sich hatte und deswegen so intensiv, nicht falsch aber doch übertrieben und extrem moralisch argumentiert hat. Die Antwort war verblüffend: in keinem. Ich fliege nicht. Aha. Fliegen ist schlecht für die Umwelt. So kamen wir also vom Kulturimperialismus zum Umweltschutz. Auch hier war das Argument grundsätzlich richtig. Fliegen schadet der Umwelt. Aber im Zusammenhang mit dem Auftreten als Afrikaexpertin passte das dann überhaupt nicht mehr zusammen. Die Deutschen, das muss ich jetzt als halbdeutscher Gastbewohner sagen, erklären und belehren gerne. Und man kann es sich mit einer Anzahl grundsätzlich richtiger Feststellungen sehr häuslich einrichten und gemütlich machen im „ich bin gut – Wohnzimmer“ – aber was heißt das konkret?

Konkret heißt das, dass bald nur mehr die skrupellosen Touristen und die Umwelt- und Lebensraumzerstörer nach Afrika fliegen und ungehindert machen können was sie wollen, weil ihnen niemand mehr widerspricht – weil die, die widersprechen würden, nämlich zuhause sitzen und sich gut fühlen. Der ganze falsche Quatsch über die Deutsche Flüchtlingskrise war doch nur deshalb möglich, weil 1. ein Großteil der deutschen Bevölkerung keine Ahnung vom Großteil der anderen Welt hat, 2. die Boulevardpresse nicht differenziert geschrieben und aufgeklärt hat sondern mit der Angstmache und den Allgemeinplätzen ihre Auflagenzahl erhöhen wollte und weil 3. das Thema nur und ausschließlich aus Deutscher Sicht dargestellt wurde, weil es nämlich gar keine andere Sicht gibt. Weil sich viele nicht auskennen. Und sich nicht auskennen wollen. Weil das eigene Wohnzimmer nämlich sehr bequem ist. Und das ist in Kenia nicht anders. Es ist viel einfacher, sich einzureden, dass alle Weißen Millionäre sind und dass Gott heuer eben mehr Regen schicken wollte, als dass man sich mal mit der eigenen Politik auseinander setzen würde. Denn die kenianische Politik ist natürlich an dem Desaster des Landes sehr wohl mitschuldig. Wenn man MP wird – also Member of Parlament – dann hat man es eigentlich schon geschafft. Die kenianischen Parlamentarier sind extrem reich, teilen sich das Land, das Geld und die Ressourcen untereinander auf und ein großer Rest der Bevölkerung schaut zu. Die Mitglieder des Hope Theatre haben mittlerweile eine andere Sicht auf ihr Land, denn sie haben gesehen, dass die Menschen in Deutschland nicht leben wie im Urlaub sondern hart und viel arbeiten, dass es Bettler gibt die auf der Straße leben, dass der weiße Mann bei der Müllabfuhr arbeitet, im Schlachthof, oder in der Bäckerei. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis für die jungen schwarzen Frauen aus den Slums von Nairobi, dass ihnen ein weißer Mann freundlich Brötchen verkauft hat. Diese Situation am Ankunftstag der ersten Tournee 2012 hat das Weltbild und das Leben verändert. Die vielen Gespräche mit Deutschen haben das Wissen und die Kenntnisse verändert und vergrößert. Das wiederum hat Einfluss auf das Leben in Kenia. Und umgekehrt geht es den SchülerInnen in Deutschland ebenso, nachdem sie mit den Leuten aus Afrika gesprochen, getanzt, diskutiert und gelacht haben. Denn die MitgliederInnen des Hope Theatre Nairobi sind cool, kommen aus einer Großstadt mit mehr Hochhäusern als Frankfurt, können Englisch obwohl sie im Slum leben und haben viel zu erzählen. Man darf sie angreifen und man muss kein Schulgefühl mitschwingen lassen. Man kann darüber reden, dass die Menschen auf der ganzen Welt gut zusammen leben würden, wenn man sie ließe und sie nicht gegeneinander aufbringen würde. Ich glaube ganz fest daran, dass dieser Austausch wesentlich ist. Und solange Touristen, Politiker und Waffenhändler durch die gegen fliegen, müssen auch wir unterwegs sein, um ein Gegengewicht zu schaffen.

Aber mit welcher Fluglinie soll man fliegen? Kann man in der heutigen Zeit überhaupt noch von guten und schlechten Unternehmen sprechen? Aktienmehrheiten bestimmen die Geschicke. Englische Fußballvereine gehören arabischen Konzernen, deutsche Konzerne gehören amerikanischen Mehrheiten, in europäischen Kooperationen finden sich chinesische Partner und so weiter. Afrikanische Länder haben kaum wirtschaftliche Anteile, schon gar keine Mehrheiten. Warum? Weil nur die reichen Länder und Konzerne Mehrheiten kaufen und besitzen können. Und bei internationalen Aktienmehrheiten gibt es keine Landesgrenzen und keine Moral. Ich fliege meistens mit Emirates, Türkish Airlines, oder Äthiopien Airlines. Höchst ungern fliege ich mir KLM – warum? Weil ich dann 4 – 5 Stunden länger in der Luft bin als nötig, also mehr Treibstoff verbrauche als nötig. Regelmäßige LeserInnen werden sich wundern, dass ich mit der türkischen Fluglinie unterwegs bin, wo ich doch so viel und nicht unbedingt positiv über die Türkei schreibe. Dazu folgendes: ich schreibe nicht über die Türkei und schon gar nicht über die Menschen in der Türkei, denn ich kenne sie nicht, ich war noch nie in der Türkei (außer am Flughafen). Ich schreibe über die deutsche Politik am Beispiel der Türkei. Da sie gerade sehr deutlich zeigt, wie sie funktioniert. Und weil ich sie seit dem Flüchtlingsdeal der deutschen Bundeskanzlerin mit dem türkischen Autokraten vor 3 Jahren intensiv beobachte. Über türkische BürgerInnen kann ich nur schreiben, wenn ich über die in Deutschland lebenden schreibe die ich kenne. Ich kenne einige und habe bisher nur positive Erfahrungen mit ihnen gemacht. Ich würde mich nicht einmal trauen, über den türkischen Autokraten Erdogan zu schreiben, das können andere viel besser. Aber ich kann und ich will und ich muss darüber schreiben, dass sich die Deutsche Bundesregierung mit diesem Abkommen schuldig gemacht hat und dass diese Schuld noch viele Menschenleben kosten und viele politische Lügen hervorrufen wird. Und genau darüber schreibe ich auch im Zusammenhang mit Kenia. Über die Moral und die Wahrheit dahinter. Ich schreibe darüber, weil ich als Österreicher in Deutschland lebe und als Deutscher in Kenia und weil ich Österreich und Deutschland (und ein bisschen Europa und die Welt) aus Kenia heraus betrachte. Daher fliege ich zwischen diesen Ländern hin und her und kann anhand der Erfahrungen und der Spiegelperspektive einiges erleben, erfahren und beschreiben. Und manchmal auch aufs große Ganze schließen.

Ein wesentliches Thema unserer Stücke ist der Faire Handel. Alleine dieser Begriff macht ja bereits deutlich, dass der normale Handel nicht unbedingt fair ist. Und das ist das Problem. Ich nenne die deutsche Moral die Bananenmoral. Im deutschen Supermarkt wird man feststellen, dass Äpfel aus der Region teurer sind als Bananen von weit weg. Obwohl die Bananen mit Schiffen weit über den Ozean transportiert werden. Die Erklärung ist ebenso einfach wie beschämend: wir wissen nichts über die Bananenbauern weit weg, und wenn wir mal was erfahren dann verdrängen wir es ganz schnell wieder. Die Bananenbauern weit weg haben – im Gegensatz zu den Obstbauern ganz nah – keine Lobby und keine Rechte. Und das macht die Bananen so billig. Und das war die Idee von Frau Merkel und ihren Beraterinnen und Beratern: wir hier in Deutschland wir machen uns die Hände nicht schmutzig, wir zahlen einem Land, das Geld braucht, vieles dafür, dass sie die Flüchtlinge weit weg parken. Dass Herr Erdogan nicht so dumm ist wie Frau Merkel und ihre Beraterinnen und Berater, Koalitionskolleginnen und Kollegen dachten, sondern den Spieß umgedreht hat und jetzt sagt: wisst Ihr was, Ihr lieben Deutschen, Ihr wolltet mal wieder über uns alle bestimmen, und jetzt bestimme ich über Euch. Denn ich habe Euch in der Hand. Und Deutschland schweigt und staunt. Und wäre Herr Seehofer nicht so unangenehm vorlaut gewesen, weil er in Bayern eine Wahl gewinnen wollte, dann wäre der ganze Deal sogar aufgegangen, denn dann hätte man bald nicht mehr genauer hingeschaut, sondern wäre mit den Zahlen zufrieden gewesen. Kaum noch Flüchtlinge. Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu hat übrigens auch die Österreichische Bundesregierung geleistet. So unangenehm diese Regierung agiert, hat sie Deutschland doch die Flüchtlinge sehr bald vom Hals gehalten. Und darüber denke ich in einer arabischen Fluglinie nach auf dem Weg nach Nairobi, wo wir am kommenden Sonntag beim Green Space Festival der Europäischen Union in Kenia zum 70jährigen Jubiläum der Unterzeichnung der Charta der Menschenrechte auftreten werden.

Die Menschenrechte gehören zu den elementaren, grundlegenden Rechten, ohne die ein geordnetes “menschliches” Miteinander nicht möglich ist. Mit der “Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte” haben die Vereinten Nationen ein Resolution verfasst, die als Absichtserklärung die darin enthaltenen Menschenrechte in möglichst allen Staaten durchsetzen und schützen will. In vielen Verfassungen sind die Menschenrechte mit aufgenommen worden. So sind auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Menschenrechte enthalten. In der UN-Menschenrechtscharta haben sich die Vereinten Nationen zu den allgemeinen Grundsätzen der Menschenrechte bekannt. Auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 ist die Charta verkündet worden. Bereits 1946 wurde eine Fachkommission gegründet, deren Aufgabe darin bestand, einen internationalen Menschenrechtskodex zu entwickeln. Die Kommission unter Leitung der Witwe des ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Eleanor Roosevelt, bestand aus 18 Experten, die unter dem Druck des immer stärker gärenden Ost-West-Konflikts den Plan eines völkerrechtlichen Vertrages aufgeben mussten. Letztendlich einigte man sich auf eine allgemeine unverbindliche Erklärung der Menschenrechte. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde von 48 (vor allem westlich orientierten) Ländern unterzeichnet. 8 Länder haben sich enthalten: Jugoslawien, Polen, Saudi-Arabien, Sowjetunion, Südafrika, Tschechoslowakei, Ukraine und Weißrussland. Es gab keine Gegenstimmen. Da noch viele Länder Kolonien waren bestand die Versammlung aus 56 stimmberechtigten UN-Mitgliedsstaaten. Der Artikel 1 ist die Basis eines neuen Weltbildes: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Am Flughafen von Nairobi empfing mich ein lauer Sommerregen. Nach der Visakontrolle setzte ich mich ins Café und trank meinen ersten Java Housecoffee white strong. Ich war zuhause. Um 9 Uhr wurde ich abgeholt und in die Wohnung gefahren. Dort schlief ich lange und tief.