Siegen

Liebe Leserin, lieber Leser,

obwohl es in dieser Woche wieder bemerkenswerte Pressezitate gibt, möchte ich heute vor allem über ein wunderschönes Wochenende schreiben. Denn meine persönliche Sekundärliteratur zum Jubiläumsstück PEACE und die Verzweiflung über den moralischen Niedergang der Weltpolitik darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch sehr viel Positives zu berichten gibt. Wobei die Beobachtung eines moralischen Niedergangs nicht aus dem Glauben kommt, dass früher alles besser war, sondern aus dem Wissen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg vieles unternommen wurde, die menschenverachtende Brutalität aus dem weltweiten Zusammenleben zu verbannen. 70 Jahre Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen: am 10. Dezember 1948 verabschiedetet die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Dieses Jubiläum klingt schön und bezieht sich auf das Bedürfnis, mehr für friedliches und respektvolles Zusammenleben zu tun. Man darf davon ausgehen, dass auch die politisch Verantwortlichen dieser Welt schonmal etwas von den Vereinten Nationen und ihren Aufgaben gehört haben, jedenfalls essen sie da gelegentlich zusammen. Und genau die Ignoranz dieser Bemühungen macht die aktuelle Politik der Welt, die im Jubiläumsjahr 2018 eine neue Dimension der gegenseitigen Brutalität in Wort und Tun erreicht hat, so besonders unerträglich und hoffnungslos. Das Hope Theatre nimmt am 8. 12. an einem Festival zum Jubiläum teil, veranstaltet von der EU in Kenya in Zusammenarbeit mit Botschaften und Organisationen, und wird Szenen aus unserem Programm „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“ zeigen. Wir werden darüber berichten und uns am 9. 12. ausführlich dem Thema Menschenrechte – Traum und Realität – widmen. Heute aber freuen wir uns über ein schönes Wochenende in Siegen.

„Das Hope Theatre Nairobi, das am Mittwoch zu Gast im Apollo-Theater in Siegen war, möchte mit seinem Stück „The Fair Trade Play“ das Thema Fairness besprechen und sich kritisch mit dem Handel zwischen Europa und Afrika auseinandersetzen. Eingeladen hatte es das Peter-Paul-Rubens- Gymnasium (PPR) im Rahmen seiner Bewerbung für den Titel der Fair-Trade-Schule. Das Ensemble unter der Leitung von Stephan Bruckmeier bot zu diesem Thema eine tolle multimediale Bühnenshow. Mit Schauspiel, Musik, Tanz, dreisprachigem Gesang, eigenen Erfahrungsberichten, Videoprojektionen und Monologen war das Theater nicht nur unterhaltsam und ausdrucksstark, sondern machte auch ernsthaft auf Missstände aufmerksam. Höhepunkt des Abends war die Verleihung der Urkunde an das PPR von Fairtrade Deutschlands Geschäftsführer Dieter Overath. Das Gymnasium ist ab sofort die erste Siegener Fair-Trade-Schule und die 47. faire Schule in Deutschland. Das Gymnasium hatte außerdem das Bewerbungsverfahren von Fairtrade schneller als alle bisherigen Schulen durchlaufen.“

So hieß es in der Siegener Zeitung am 27. März 2014.

Mit von der Partie war die damals 11 Jahre junge Katrina Gobrecht. Sie war mir bei der dem Event vorausgegangenen Pressekonferenz durch ihre besondere Ausstrahlung aufgefallen und ich hatte sie gefragt, ob sie Lust hätte, einen Monolog zu spielen. Der Monolog hieß „Die Schneiderin“ und handelte von Kinderarbeit. Sie hatte Lust. Am 27. März spielte sie die kleine Schneiderin auf der großen Bühne des Apollo Theater und berührte die Menschen  nachhaltig. Wir alle kennen natürlich das Dilemma der Kinderarbeit, aber von weit weg, kurzen Bildern aus dem Fernsehen, Foto in Magazinen oder Kirchenzeitungen. Und wie in vielen Bereichen des Miteinander auf dieser Welt haben wir das Gefühl, dass Armut vor allem ein afrikanisches Problem ist. Armut hat dunkle Hautfarbe, große Kinderaugen und eine Fliege auf dem Gesicht. Aber plötzlich stand da ein deutsches Mädchen und erzählte, mit positivem Grundton, von ihrer Arbeit und von ihrem Leben, so als wäre der Bürgerkrieg zwischen dem Siegen links vom Fluss und dem Siegen rechts vom Fluss. Plötzlich war das Thema real und konkret und nicht als Hochglanzposter sondern in Form einer Tochter und Enkelin aus der Stadt. An diesem Abend konnten wir besonders deutlich machen, worum es uns, dem Hope Theatre Nairobi, geht: Theater als Vermittler, als Life-Act zu politischen Themen, als direkte Umsetzung von Problemen der gegenseitigen Betrachtungsweise, als kritischer Kommunikator, als Plattform für Menschen, die in einem afrikanischen Land, in einem Großstadt-Slum einer internationalen Metropole in Ostafrika leben und sich und ihre Geschichte zum Thema machen. Theater als Kulturbrücke, nicht als ästhetische Forschung. Katharina hat damals, als wir das 5-jährige Jubiläum feierten, ein Zeichen gesetzt, wie wirkungsvoll Theater sein kann.

Hier der Text: DIE SCHNEIDERIN

Hallo – Mein Name ist Marie Mörgele. Das heißt: die in der Morgensonne Geborene Ich bin 10 Jahre alt, fast schon elf. Ich bin Schneiderin, genau so wie meine Mama. Wie es dazu kam erzähle ich Ihnen gerne. Bitte entspannen Sie Sich – Willkommen!

Ich lebe hier mit meiner Mama, meinem Bruder und meiner kleinen Schwester. Mein Vater lebt leider nicht mehr. Er wurde erschossen. Aus Versehen. Ich kann mich nicht mehr sehr gut an ihn erinnern. Ich war erst fünf. Meine Mama sagt, „es war, weil die Wahlen nicht fair waren.“ Darum wurde gekämpft. Zwischen den Stadtvierteln. Mein Papa ist am Montagmorgen in die Stadt gefahren. Mit dem Bus. Er arbeitete als Kassierer im Supermarkt. Und da hat er schon gehört dass geschossen wurde. Am Abend wollt er schnell nachhause, damit uns nichts passiert, aber im Bus wurde er erschossen. Meine Mama sagt, dass er hinter dem Fahrer stand und durch das Fenster hat es ihn erwischt. Die wollten den Fahrer treffen. Haben sie dann auch. Das war das Beste für eine Straßenblockade. Einfach die Busfahrer erschießen

Jetzt muss ich mithelfen. Mein Bruder verkauft Obst, meine Schwester ist noch zu klein, und ich bin Schneiderin, wie meine Mama. Wir nähen Hemden. Meine Mama näht die Hemden mit der Nähmaschine, und ich nähe die Knöpfe an, mit der Hand. Für die Nähmaschine bin ich noch zu klein. Weil ich komme mit den Füßen nicht zum Boden. Mein Rücken tut mir ganz doll weh – vom immer gebückt sein. „Aber von irgendwas muss man ja leben,“ sagt meine Mama Und das ist ja auch klar. Wir müssen alle arbeiten. So ist die Welt

Am Samstag bringen wir die Hemden zu Mister Idaki. Er sagt: „Wir sollen froh sein, dass wir Arbeit haben!“ Sind wir ja auch! Aber stöhnen wird man ja noch dürfen. Denn viel Geld ist es nicht. Wir müssen 100 Hemden abliefern, mindestens. „Sonst brauchen wir gar nicht erst kommen“ sagt Idaki. Dann haben wir Geld, das für eine Woche reicht . Und neuen Stoff

Das ist meine Tasse. Auf die muss ich sehr aufpassen. Da kommt mein Essen hinein. Weil aus den Händen kann man ja nicht essen. Das ist ja klar Und eine neue Tasse können wir uns nicht leisten „Wer auf seine Tasse nicht aufpasst bekommt kein Essen“, sagt meine Mama In der Früh gibt es Porridge, und am Abend essen wir Gemüse: Sukuma Wiki oder Bohnen mit Mais. Am Sonntag wird die Tasse voll gemacht mit Ugali. Und oben drauf dann Fleisch. Oder ein Ei

Manchmal, auf dem Kleidermarkt sehe ich unsere Hemden. „Die meisten Frauen und Mädchen hier nähen für Europa“, sagt meine Mama. Manchmal kommen die Hemden zurück zu uns. Aber da sind sie dann schon alt und gebraucht. Komisch ist, dass die Hemden am Second Hand Markt teurer sind, als was wir bekommen wenn wir sie machen. Meine Mama sagt: „Das ist der Markt.“ Aber was das jetzt genau heißt weiß ich eigentlich nicht. Manchmal sagt meine Mama, dass wir einfach woanders hingehen sollten wo es besser ist. Aber ich glaube das sagt sie nur so wenn sie traurig ist. Denn wo soll es denn besser sein? Vielleicht im Himmel?

Das war meine Geschichte – Asante sana“

Auch für Dieter Overath hatte ich damals zum 5-jährigen Jubiläum eine Szene geschrieben. Als Herr Deutschmann saß er mit kenianischer Gattin im Zuschauerraum und wurde von unserer „Pressesprecherin“ als Blog-Bekanntschaft auf die Bühne geholt. Dort outete sich Herr Deutschmann als fragwürdiger Afrikaversteher mit Sätzen, die das Publikum durchaus gelegentlich zu Buh-Rufen herausforderte. Das Traurige an der Sache ist, dass die schlimmsten Aussprüche Zitate waren aus Gesprächen mit Menschen aus dem Bereich, mit dem wir zutun haben. Also mit Menschen, die es eigentlich gut meinen mit Afrika, aber eben aus dem Gefühl, überlegen zu sein. Und genau dagegen kämpfen wir an. Manchmal sogar mit Erfolg. Oft aber auch mit einem gewissen Unverständnis. Denn noch immer ist nicht allen Menschen aus dem reichen Kontinent klar, warum man mit den Menschen aus dem armen Kontinent sprechen muss. Warum man sie fragen sollte, was sie wollen, bevor man ihnen etwas geben möchte.

An diesem Wochenende war ich also wieder in Siegen, um Freunde zu besuchen. Freunde, die uns seit diesem ersten Auftritt begleiten und unterstützen. Die Familie Gobrecht mit Katrina, die mittlerweile 15 ist, in der Theater-AG, in der Ballettausbildung und nach wie vor in der fairtrade-Steuerungsgruppe aktiv ist und mit uns u.a. im Staatstheater Karlsruhe, in den Hamburger Kammerspielen und im Theater im Bauturm Köln auf der Bühne gestanden hatte. Robin Schneider, der uns als Lehrer und Leiter der fairtrade-Innitiative des P.P.Rubens-Gymnasiums geholt und seither jedes Jahr nach Siegen eingeladen und dort großzügig bewirtet hatte. Und Mareike Haas, die mit einer Kölner Theaterproduktion in Siegen zu Gast war. Es gehört fast schon zur Tradition, dass ich im Herbst einmal privat nach Siegen fahre, um meine Freunde dort zu treffen. Von Simone Gobrecht bekomme ich immer Salben und Tropfen aus eigener Herstellung und herrliches Essen für mindestens eine Woche… Und zu später Stunde kommen wir immer wieder zum wichtigen Ergebnis, dass man bei aller Tragik dieser Welt achtsam sein muss auf das uns unmittelbar Umgebende, auf die Menschen, die wir erreichen können, auf die eigene Gesundheit ohne die man nicht für Würde und Frieden kämpfen kann, auf die Gesundheit der Kinder und der Familie, auf das Positive dieser Welt, das es natürlich auch gibt. Und so fuhr ich nach einem großartigen Wochenende wieder nach Stuttgart zurück, dachte an meine Gruppe in Kenia und daran, dass das alles schon irgendwie einen Sinn macht.

Ich muss nicht extra erwähnen, dass ich nicht pünktlich ankam in Stuttgart sondern mit fast 2-stündiger Verspätung. Dass ich mir bei den langen Wartezeiten auf verschiedenen Bahnsteigen eine saftige Erkältung geht habe. Und dass ich den Montag im Bett verbracht und verschiedene Zeitungen gelesen habe, mit bemerkenswerten Erkenntnissen. Unter dem Titel: Altmaier hofft auf engere Zusammenarbeit“ schreibt Carla Neuhaus im Tagesspiegel Mobil.

„Man muss schon Optimist sein, wenn man derzeit mit der Türkei Geschäfte macht. So wie Johannes Teyssen. Am Freitagmorgen steht der Eon-Chef in einem fensterlosen Konferenzraum in Ankara am Rednerpult, im Publikum sitzen deutsche und türkische Unternehmer und Politiker. „Jetzt darüber zu diskutieren, ob die Türkei noch ein gutes Investitionsziel ist, wäre falsch“, sagt Teyssen. Und verspricht: Eon werde innerhalb seiner Möglichkeiten weiter im Land investieren. Für den Chef des Energiekonzerns steht viel auf dem Spiel. Die Türkei ist für Eon der wichtigste Auslandsmarkt. Elf Milliarden Euro hat der Konzern zusammen mit der türkischen Industriellenfamilie Sabinci in den letzten sechs Jahren im Land investiert. Zusammen gehört ihnen der türkische Energieversorger Enerjisa Enerji, der Millionen Türken mit Strom versorgt. Erst im Februar haben Eon und die Sabincis ihn zum Teil an die Börse gebracht. Deshalb hat Teyssen ein starkes Interesse daran, dass die Türkei ihre wirtschaftliche Krise überwindet: Das Land leidet seit Monaten unter einer hohen Inflation und der starken Abwertung der Lira. Deshalb springt der Eon-Chef auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zur Seite. Der ist in Ankara unterwegs, um für die deutschtürkischen Wirtschaftsbeziehungen zu werben. Wie wichtig ihm das ist, betont Altmaier an den zwei Tagen in der türkischen Hauptstadt immer wieder. Seine Ausführungen gipfeln am Donnerstagabend in einer Rede bei einem Empfang mit deutschen und türkischen Unternehmen: „Ich bin sicherlich nicht der wichtigste Minister in der Bundesregierung“, sagt Altmaier da, „aber ich werde am stärksten an der Zusammenarbeit mit der Türkei arbeiten.“ Es sind neue Töne, die der Bundeswirtschaftsminister damit anschlägt. Schließlich war das Verhältnis der Deutschen zur Türkei lange angespannt. Nach dem Putschversuch 2016 hat die Türkei auch deutsche Staatsbürger verhaften lassen, ihnen Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Noch immer sitzen mindestens fünf Deutsche in der Türkei in Haft. Altmaier will das nicht schön reden. „Wir müssen darüber weiter diskutieren“, sagt er. Gleichzeitig dürfe man die deutsch-türkischen Beziehungen „nicht rein auf diese Frage reduzieren“. (…) „Es ist von großer Bedeutung, dass sich die wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei wieder normalisieren“, sagt Altmaier. Dabei geht es ihm allerdings längst nicht nur um die deutschen Firmen, die in der Türkei aktiv sind. Er verfolgt auch geopolitische Interessen. Im Syrienkrieg und der Flüchtlingskrise spielt das Land eine wichtige Rolle. „Wir sind dankbar dafür, dass die Türkei den Waffenstillstand in Idlib ausgehandelt hat“, sagt Altmaier. Gleichzeitig harren aktuell etwa drei Millionen Syrer in der Türkei aus: Viele von ihnen werden nur durch die strengen Grenzkontrollen im Land gehalten. Sollte sich die Wirtschaftskrise in der Türkei ausweiten, könnte das einen neuen Flüchtlingsstrom gen Deutschland auslösen.“

Aha. Darum geht es also. So unverblümt hat das noch selten jemand aus der deutschen Bundesregierung formuliert, obwohl es natürlich jeder weiß. Erdogan darf gegen das Völkerrecht verstoßen und gegen die Demostrations- und Pressefreiheit, Zigtausende inhaftieren und unterdrücken, darf sich mit Nato-Partnern anlegen und mit Putin kooperieren, alles vollkommen ohne deutsche Kritik. Warum? Nun, erstens will man Geschäfte machen und zweitens hält er uns die Flüchtlinge vom Leib (beziehungsweise von der Grenze). Und was, bitteschön, ist jetzt der Unterschied zu Trump und Co?

Gut, dass ich von Simone auch etwas gegen Magenprobleme bekommen habe, denn irgendwie ist mir gerade ziemlich schlecht…

Der nächste Blog kommt aus dem Flugzeug nach Kenia. Alles Gute für die Woche,

Stephan

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Reiselektüre

Heute schreibe ich über die Deutsche Bahn. (Wahrscheinlich lachen Sie jetzt schon…) Ich bin, beruflich und im Zusammenhang mit der Hope Theatre Tournee ein sogenannter Vielfahrer. Manche Strecken frequentiere ich oft, manche selten, manche nur einmal. Im Durchschnitt gibt es nahezu keine Fahrt, bei der alles so wie im Fahrplan angekündigt, klappt. Zug verspätet / Speisewagen nicht vorhanden oder mangelhaft / Wagons nicht vorhanden / Ersatzzug mit weniger Wagons / WLAN defekt / Anschlusszug nicht erreicht und so weiter. Originell ist es, wenn man zum Beispiel den Speisewagenkellner, der bei der Übernahme informiert wird, dass die Kühlaggregate ausgefallen sind, antworten hört: „Was, noch immer?“ Oder ein Zug monatelang ohne Speisewagen fährt und bei der Ansage so getan wird, als wäre es heute zum ersten Mal. Oder wenn im Internet steht: „starker Reisetag, Reservierung empfohlen“ und man dann einen Zug bekommt mit weniger Wagen ohne Reservierungsausweisung. Besonders originell war folgende Geschichte: ich wollte von Hamburg HBF nach Stuttgart fahren. Zehn Minuten vor Abfahrt erfuhren wir per Lautsprecher, dass der Zug leider ausfällt. Dazu muss man wissen, dass der Zug aus Altona kam, d. h. es war schon früher klar, dass er nicht fährt, denn er ist nicht erst kurz vor dem Hauptbahnhof zusammengebrochen. Er ist erst gar nicht losgefahren, es gab gar keinen Zug zum losfahren. Trotzdem war der Zug bis 10 Minuten vor Abfahrt regulär ausgewiesen. Gut, kann passieren. Wir wurden informiert, dass wir den nächsten Zug nach Hannover nehmen und von dort dann mit einem anderen ICE nach Stuttgart und München weiterfahren sollten. Gut, taten wir. Im nachfolgende Zug gab es keinen Speisen im Speisewagen. Das wurde nicht angesagt, obwohl der Zug aus Kiel kam. Gut. In Hannover kam ein ICE, wir stiegen ein, es gab einen Speisewagen. Wir setzten uns hin und warteten. Lange. Nach einiger Zeit stand ich auf, ging auf das andere Ende des Speisewagens in den Bistrobereich, da saßen ein paar Reisende mit Kaffee und ich entdeckte tatsächlich einen Kellner. Ich fragte, ob jemand zum Tisch kommen könnte, wir würden gerne bestellen. Und ich ergänzte lächelnd, es gibt doch was zu essen oder? Die Antwort war grandios. „Ja, es gibt was zu essen, er dürfe aber nicht zum Tisch kommen, da es sich hier um einen Ersatzwagen handeln würde, normalerweise hat dieser Zug einen Bistrowagen. Wir müssten also bei ihm bestellen und das Essen auch selber holen. Er habe aber keine Bistro-Speisekarte, da der Zug ein Speisewagen ist mit Speisewagenkarte, die Speisen gäbe es zwar, aber die dürfe er nicht rausgeben, da sonst die Abrechnung als Bistrowagen nicht möglich wäre.“ Ich war platt. „Und, was gibt es dann zu essen?“ fragte ich gegen 12h ohne Frühstück gehabt zu haben. „Currywurst, Suppeneintopf, Schokoladenkuchen, vielleicht noch Baguette, Und Sandwich.“ – Salat? – „Kann ich leider nicht machen, ich bin kein Koch. Nur Bistrokellner.“ – Danke. – Ich bin zum Platz zurück, nahm die Bestellung meiner Kollegen auf und orderte 3 x Currywurst und 3 x Cola. Wenn schon leiden, dann richtig.

Eine andere sehr originelle Situation erlebte ich beim Umsteigen: Mein Zug aus Saarbrücken hatten über 50 Minuten Verspätung und der Zug in Mannheim konnte leider nicht warten… (Sie kennen die Formulierung!) Wir warteten vor dem Bahnhof Mannheim, bis der Zug, der nicht warten konnte, abgefahren und die Schienen gekreuzt hatte und dann fuhren wir ein. Mit 56 Minuten Verspätung. Unsere 56 Minuten Verspätung waren nicht die Schuld der BahnfahrerInnen, trotzdem konnte der andere Zug keine 3 Minuten warten. Diese originelle Form von Kundenservice erlebt man in Mannheim zum Beispiel regelmäßig, wenn man da umsteigen muss. Ich muss da oft umsteigen… Einmal wollte ich nach Hamburg fahren. Mit dem Nachzug. Ich fuhr also mit dem Iintercity von Stuttgart nach Karlsruhe und von dort mit dem Nachtzug bis – in Frankfurt war Endstation. Ein Unwetter hat die Strecke nach Hamburg lahmgelegt. Kann passieren. Ich wartete um 5h früh in Frankfurt, bis klar war, dass kein Zug da hochfahren wird und fuhr mit einem Regionalzug nach Stuttgart zurück. Ich meldete alles beim Servicepersonal, schickte das übliche Formular, bekam aber kein Geld zurück, da mein Regionalzug nach Stuttgart pünktlich in Stuttgart angekommen war. Gut, ich hätte mich beschweren, vielleicht sogar einen Anwalt nehmen können. Aber das hätte Jahre gedauert, wer weiß, ob es bis dahin noch den Euro gibt. Vor über einem Jahr hat die Bahn meine BahnCard 50 mit falscher Nummer von meinem Konto abgebucht. Ich musste mich mit dem Inkasso-Büro herumstreiten, immer wieder erklären, dass sie nicht recht haben mit ihrer Anschuldigung, dass es nicht mein Fehler war, denn ich habe nicht überwiesen, sondern das Geld wurde abgebucht, ich musste erklären, dass ich einen Vertrag habe, dass die Adresse, die sie im Computer haben absurderweise nicht mit der Adresse übereinstimmen würde, an die sie die Mahnungen schicken und dass ich für eine BahnCard nicht zweimal bezahle. Vor kurzem kam ein Brief, indem mir das Inkasso-Büro mitteilte, dass sie unter diesen Gesichtspunkten leider nicht imstande seien, den Fall zu lösen und daher die Angelegenheit an ihren Auftraggeber zurückgeschickt hätten. Das war über ein Jahr nach meiner ersten Richtigstellung.

Ich bin mir sicher, dass Sie, werte Leserin, werter Leser auch eine lustige Bahngeschichte haben. Wahrscheinlich mehrere. Jede / jeder hat solche Geschichten. Und nur in den seltensten Momenten sagt jemand, „also bei mir war kürzlich tatsächlich alles wie vorhergesagt…“ Wow! Man fragt sich natürlich, woher das kommt. Warum sind die Überlandbusse in Kenia meistens pünktlich und die Deutsche Bahn meistens nicht? Dazu gibt es einen bemerkenswerten Artikel von Valentin Pretzer in der Welt.de vom 12. 07. 2018. Unter dem Titel „Warum ‚Versager an der Spitze‘ auch noch belohnt werden“ schreibt der mutige Autor in seinem Kommentar:

„Was haben Mehdorn und Maschmeyer, Winterkorn und Ackermann gemeinsam? Richtig, sie sind Versager. Weil sie es ihren Nachfolgern unmöglich gemacht haben, jemals wieder Land zu sehen. Es muss endlich ein Umdenken stattfinden. (…) Deutschland gehört zu den größten Gewinnern des Egoismus. Er hat das Land zu dem gemacht, was es heute ist: eine reiche Nation, in der 83 Prozent der Haushalte über mindestens ein Auto verfügen und in der sich weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung regelmäßig Urlaub leisten kann. Doch das Register hat nur ein winziges Loch, das gestopft werden muss. Wo im Streben nach Gewinn und Wohlstand der Egoismus einziges Leitmodell wurde, sind die wenigen nicht zu halten, deren Ego zu groß für das System ist. Wer es ganz nach oben geschafft hat, wer durch die Glasdecke gebrochen ist, der hat nicht nur die Verantwortung für sein Unternehmen, seine Familie oder sich selbst übernommen. Wer so viel Macht angehäuft hat, dass er zu Deutschlands oder gar zur globalen Finanzelite gehört, der darf auch die Verantwortung für seine Angestellten, seine Kunden sowie für die Umwelt und die Mitmenschen nicht vergessen. Wer Steuergelder erhält, der ist gegenüber den Steuerzahlern verpflichtet. Es ist aber manchmal lukrativer, seine Kunden zu ignorieren. Manchmal haftet man nur für kurzfristige Fehler. Manchmal kann ein Vorstand ein Unternehmen zugrunde richten und dabei fantastische Zahlen generieren – aber er macht es seinen Nachfolgern unmöglich, jemals wieder Land zu sehen. Und plötzlich funktioniert ein Kapitalismus, der sonst Wohlstand für alle generiert, nach dem Prinzip der verbrannten Erde. Die Superreichen in all ihrem scheinbaren Erfolg, werden zu Versagern. Versager an anderen Menschen, weil sie an der Wirtschaft versagt haben. Sie wird verdreht, bis sie nur noch der Spitze dient, nicht mehr allen Marktteilnehmern. Die größte wirtschaftliche Aufgabe unserer Zeit ist es, die Balance zwischen Allgemeinwohl und ökonomischem Erfolg wiederzufinden. (…)“

Valentin Pretzer ist Journalist und Autor, In seinem aktuellen Buch „Versager an der Spitze“ (Finanzbuchverlag) erzählt er fünf Fälle von Managerversagen. Dazu noch ein Beispiel der Unglaublichkeit: In Stuttgart wurde jahrelang über den Bau eines unterirdischen Bahnhofs diskutiert und gestritten. Experten warnten, Menschen gingen zu Hunderten auf die Straße, Wasserwerfer kamen zum Einsatz, es gab eine offizielle Schlichtung und eine BürgerInnenbefragung. Der Bau wurde begonnen, unter der Prämisse, dass die Zahlen und Fakten, auf deren Grundlage die Schlichtung durchgeführt wurde, eingehalten werden. Zumindest halbwegs. Nun wird alles viel viel teurer und die Bahn behauptet, sie wusste nicht, dass der Boden so schwierig sei. Das aber war eines der Hauptthemen der Proteste gewesen und ein elementarer Teil der Diskussionen und der Schlichtung. Jeder wusste das. Und die Bahn behauptet nun, dass sie nichts wusste. Was für ein Gedächtnis haben die Menschen dort? Oder, wenn sie umbesetzt wurden, können sie nicht lesen? Oder ist das eben der Stil, einfach irgendetwas zu sagen. Einen Text, der gerade gebraucht wird, ohne jegliche Relevanz. Oder ist es der Versuch, zu retten, was hoffnungslos verloren ist um die zu decken, die eigentlich verantwortlich sind für diesen Schaden, nämlich die Deutsche Politik?

Das Problem betrifft ja nicht  nur die BahnfahrerInnen und beschränkt sich auch nicht auf die Deutsche Bahn. Es ist ein grundsätzliches Problem einer Regierung, die sich zu sehr mit dem egoistischen Management verbündet hat und vergessen hat, dass es in Deutschland nicht nur Gewinnoptimierungen und Börsennotationen gibt, sondern auch noch eine Bevölkerung. Die Rendite, die Herr Mehdorn und Kollegenschaft in 10 Jahren Sparstruktur, gestützt von der Politik, erhalten haben, bleiben sein Eigentum. Die Verluste, die nun durch einen vollkommen kaputtgesparten und marode Konzern entstanden sind und entstehen, zahlen wir, die normale Bevölkerung. Und gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass es in diesem „armen, krisengebeutelten“ Deutschland kein Geld gibt für Bildung, Krankenhäuser, Kitas, Altenpflege und so weiter. Womit wir uns von der Deutschen Bahn weg zum Problem eines ganzen Landes hinbewegen. Die Macht der Manager, die unangetastet Konzerne des allgemeinen Wohls, Großkonzerne, sowie städtische Unternehmen nach Einsparungsmöglichkeiten hin durchforsteten und die Betriebe rücksichtslos skelettierten, begann flächendeckend ziemlich zur selben Zeit, als die Beraterfirmen Hochkonjunktur hatten und nach einem Schema alles wegsparten, was kurzfristig nicht nötig war. Das war dann eben auch kurzfristig eine super Idee: hohe Rendite, Gewinnoptimierung, super Gehälter für wenige Menschen, die eigentlich nur Zahlen verschoben hatten und für ihre Tätigkeit keine Investition benötigten. Denn im Gegensatz zu einer Schreinerei, die Holz und Maschinen ankaufen muss, haben Berater nichts anderes zu tun, als Zahlen und Menschen zu streichen, Abteilungsleiter nichts anderes zu tun, als zuzusehen, was von den Berater gestrichen wird und Manager nichts anderes zu tun, als die Gewinne für sich zu vermarkten. Das heißt nun aber, dass Deutschland, ähnlich wie die Deutsche Bahn, langsam und flächendeckend kaputt ging und wir, die Bevölkerung, die zum Sparen gezwungen wurden, Jobs verloren hat, Stresskrankheiten und Ängste aushalten muss und trotz hoher Arbeitsleistung in eine unsichere Zukunft blickt, nun mit den eigenen Steuergeldern das reparieren muss, was die Misswirtschaft einer habgierigen Finanzelite verbrochen hat.

Aber nochmal zurück zur Deutschen Bahn: eine beliebte Anzeige (15 Minuten vor Zugabfahrt) lautet: „Wegen Bauarbeiten heute ohne Waggon 5 und 9 – bitte die veränderte Wagenreihung beachten – Verspätung wegen Defekt am Zug, bitte informieren Sie Sich“

Gute Reise

Das Dilemma

Ein langjähriges Mitglied des Hope Theatre Nairobi hat die Zusammenarbeit hat die Zusammenarbeit mit der Truppe beendet. In einem sehr emotionalen Gespräch teilte er mir mit, dass er zuhause keine Unterstützung für die Theaterarbeit habe und es damit für ihn zu kompliziert wird. Es war eine sehr traurige Unterredung. Den Kollegen hatte ich im Frühjahr 2013 kennen- und schätzen gelernt, er war damals im Leitungsteam einer Theatergruppe in der Industrial Area, einem Slum in Nairobi. Seit Herbst 2013 probte er und seine KollegInnen gemeinsam mit dem Hope Theatre und brachte eine sehr gute, verlässliche und professionelle Energie in das Projekt, das gerade seine erste große Krise erlebte. 2014 war er dann zum ersten Mal mit auf Tour. Diese Tour war ein Neubeginn und ein großer Erfolg. Eine junge Kollegin aus Deutschland verliebte sich in ihn, ging mit nach Kenia, arbeitet mit uns zusammen, wurde schwanger und ist jetzt gegen das Theater. Es gibt ja viele Menschen am Theater, die ein Kind haben, meistens verlassen die Menschen deswegen ihren Beruf nicht, aber beim Hope Theatre geht es offenbar nicht so sehr um die Leidenschaft am Theater, sondern darum, sich einen tollen Typen zu angeln, ohne Rücksicht auf das Projekt. Denn es war nicht der erste Fall. Das ist nicht nur sehr traurig, sondern auch sehr ärgerlich. Denn erstens investieren die Leute viel Zeit und Entbehrungen, um vielleicht etwas mehr zu erreichen, als ihnen die Armenvierteln in afrikanischen Großstädten normalerweise bieten können und zum zweiten investiere ich und der Verein viel Zeit und Geld in die Ausbildung. Und da wir kein gut subventionierter Stadttheaterbetrieb sind sondern eine kleine private Initiative, sind es vor allem persönliche Verluste, privat und finanziell. Im Fall dieses Kollegen ist es besonders bedauerlich, da er nicht nur sehr verlässlich und begabt war, sondern seine Qualitäten auch erfolgreich in Deutschland unter Beweis gestellt hat. Im Theater der Altstadt spielte er in der vergangenen Saison die männliche Hauptrolle in Deutscher Sprache, nämlich einen Flüchtling in der Tragikomödie „Allein unter Schwaben“ der Bestsellerautorin Elisabeth Kabatek mit hervorragender Kritik in der Stuttgarter Zeitung, geschrieben vom ersten Kritiker Roland Müller und ausverkauften Vorstellungen. Es gab also durchaus auch viele andere, die ihn als Schauspieler ernst nahmen. Eine Hauptrolle in der Jubiläumsproduktion „Peace“ des Hope Theatre hätte ihm weiteres Feedback, neue Regie- und Kollegenbekanntschaften und Geld gebracht. Und natürlich auch Kontakte für andere berufliche Möglichkeiten, denn ein junger Afrikaner ohne besonderes Standing hat es heutzutage nicht sonderlich einfach in Deutschland, wie wir alle wissen. Nun, jetzt ist es also vorbei. Wir sind alle sehr traurig.

Dies Aktion passt zur schwierigen Situation des Hope Theatre und ich möchte diese Woche zum Anlass nehmen, ein wenig über Respekt zu schreiben. Nein, ich jammere nicht, ich mache mich nicht zum Opfer. Ich habe gute Aufträge, inszeniere im Sommer Fidelio von Ludwig van Beethoven und Kunst von Jasmina Reza, arbeite an den Schauspielbühnen Stuttgart und lebe in Stuttgart und Nairobi. Das Hope Theatre ist in Deutschland hervorragend gebucht, viele Schulen haben die jährliche Aufführungen fix im jährlichen Angebot, ebenso Theater und Initiativen. Und in Kenia hat die Truppe kontinuierliche Workshop-Partner und Auftritte. Demnächst beim Green Space Festival in Nairobi – ein Projekt zum Thema Menschenrechte der EU. Man könnte also sagen, es geht uns gut. Und trotzdem fällt es vielen Menschen hier in Deutschland schwer, einen normalen, respektvollen Umgang mit der Theatergruppe zu pflegen. 2013 zum Beispiel kam es zur Zusammenarbeit mit einem hochkarätigen Manager aus Berlin. In eine sehr heikle Situation, bei der vorangegangenen Tour war nämlich ein Mitglied abgetaucht, was die Visabeschaffung für die Zukunft sehr fraglich machte und ein Schweizer Kulturagent hatte sich als Betrüger herausgestellt (und wurde verhaftet) was mir eine ziemliche finanzielle Krise bescherte. Der erfolgreiche Manager aus Berlin wollte uns helfen, das Projekt in Kenia auf professionellere Beine zu stellen, ich gab ihm freie Hand und beobachtete die Prozedere von Hamburg aus, dort arbeitete ich am Bühnenbild für die Uraufführung der Theaterfassung des Bestseller-Romans „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Der Manager brachte die Gruppe gegen mich auf, spaltete sie, erarbeitete Statuten, wonach ich nicht mehr im Projekt war und ließ die Gruppe in dem Glauben zurück, dass mit ihm (dem Millionär) alles besser werden würde. Parallel verwendete er die Kontakte, die wir in Kenia aufgebaut hatten, fand eine Schule in Kibera und begann dort, ein Computerprogramm für GrundschülerInnen zu testen. Die Schulleiterin dachte, der Segen wäre nun über sie gekommen. Mittlerweile ist er nicht mehr ernsthaft in der Schule aktiv, hat das Tablett-Schulprogramm für Grundschulen zu einem von der EU geförderten Projekt gemacht und wird viel Geld damit verdienen. Ich glaube, das nennt man „respektvollen Umgang“… Mir hat das damals ziemlich den Boden unter den Füßen weggezogen und so ganz haben wir uns bis heute nicht von diesem katastrophalen Jahr 2013 erholt. Zum einen hatte ich plötzlich Schulden – was mir zumindest gezeigt hat, dass ich ein paar sehr gute Freunde habe, sonst hätte ich in Privatkonkurs gegen und das Projekt beenden müssen – zum anderen, dass die MitgliederInnen jedem auf dem Leim gehen, wenn er mit Geld winkt und mich für ein paar Doller sofort fallen lassen würden und zum dritten, dass ich mich im Zusammenhang mit Afrika auf die üblichen Verhaltensmuster meiner sonstigen Arbeit nicht verlassen kann. Beim Hope Theatre Nairobi war alles anders, vor allem in Deutschland. Ich glaube aus heutiger Sicht, dass es diese Mischung aus Exotik, Konzentration auf die eigene Befindlichkeit und Respektlosigkeit gegenüber den Menschen aus Afrika ist, die es dem Projekt so schwer macht.

Ist Ihnen schonmal aufgefallen, dass fast alle Werbeplakate für Hilfsorganisationen mit afrikanischer Armut werben. Arme schwarze Kinder mit großen Augen, arme alte Frauen mit einem weißen Helfer etc. Dabei gibt es in Asien, Südamerika, Osteuropa und sogar am Stuttgarter Hauptbahnhof Leid, Verzweiflung und Hilfsprojekte. Aber ein verkrüppelter Rumäne am Straßenrand ist einfach nicht so sexy wie ein kleines schwarzes Kind mit einer weißen helfenden Hand. Wie soll sich Afrika mit einer solchen, nicht selbst gestalteten Werbekampagne jemals emanzipieren? Wie soll der durchschnittliche Deutsche die 54 afrikanischen Staaten differenziert betrachten, wenn die ganze Problematik dieser Welt auf Menschen mit schwarzer Haut reduziert wird? Israel und der Gaza-Streifen beschießen sich gerade wieder, ein neues Inferno, kurz in der Presse notiert. Dort sterben Menschen, auf beiden Seiten. Abgesehen davon, dass es nicht nachzuvollziehen ist, warum man Palästina noch immer nicht als Staat akzeptieren will, was alles einfacher machen würde, da sich ein offizielles Palästina an die internationale Rechtslage halten müsste, ein unterdrückter Haufen von Menschen aber logischerweise nicht, ist es nicht nachvollziehbar, warum Organisationen, die sich auch in der Dauerkrise an den israelischen Grenzen, oder in Mexiko, oder in Kalifornien nach den verheerenden Waldbränden oder wo auch immer in dieser völlig kollabierenden Welt einsetzen und engagieren, mit afrikanischen Kindern um Spendengelder werben. Und genau aus diesem Grund muss ich auch über den Jemen, den Gazastreifen, die Kurden, die Indogenen Brasiliens, Osteuropa oder die moderne arabische Sklavenstruktur schreiben, nämlich um zu zeigen, dass Krieg, Armut, Verzweiflung, Unterdrückung und Erniedrigung kein afrikanisches Thema sind, wenn es das alles auch dort gibt, sondern ein weltweites und dass afrikanische Länder, so unterschiedlich sie zudem auch sind, vor allem eines gemeinsam haben: einen großen Prozentsatz von Menschen mit dunkler Haut, mit allen menschlichen Facetten, Religionen, sozialen Schichten und Strukturen und Staatsformen. Erst wenn man zutiefst verinnerlichen möchte, dass der / die Schwarze kein Südweißer / keine Südweiße aus dem globalen Süden ist, sondern ein Mensch aus Kenia oder Gambia oder Mosambik, der eine dunkle Haut hat was nichts anderes aussagt, als eine andere Hautfarbe, erst dann hat der Dialog auf Augenhöhe eine Chance. Ich bin mit einer Schwarzen verheiratet, leben in Deutschland und Kenia, arbeite seit 15 Jahren in afrikanischen Ländern und mache dort dasselbe wie in Deutschland oder Österreich und zwar genau so und verbreite Themen, Sichtweisen und Aussagen von Menschen aus den Ländern meiner Tätigkeit. Die Menschen in allen diesen Ländern sind Menschen und ich glaube diese einfache Wahrheit gilt für alle Länder, auch für die Länder in denen ich noch nicht war. Die Menschen auf der Welt sehen unterschiedlich aus, haben unterschiedliche Historien und Prägungen – auch mit ähnlicher Hautfarbe in einem einzigen Land – und sind in ein paar wesentlichen Grundsätzen alle gleich: sie möchten ein menschenwürdiges Leben führen. Kein Mensch aus Afrika hat einen Mehrwert, wenn wir uns hier mit ständig neuen Begriffen quälen um sie zu bezeichnen. Alleine dieses Bedürfnis ist bereits ausgrenzend, überheblich und diskriminierend. Jeder sieht doch, dass es Menschen mit heller, dunkler, gelblicher oder rötlicher Hautfarbe gibt, dass es blonde, dunkle, graue und schwarze Haare gibt, große und kleine Menschen, dicke und dünne. Die Hautfarbe ist weder positiv noch negativ, sie besagt überhaupt nichts, außer, dass es eben eine andere Hautfarbe ist. Das nicht formulieren zu wollen und die dunkelhäutigen Menschen gleichzeitig zu stigmatisieren als Wirtschaftsflüchtlinge, Männerhorden, Kriegstreiber oder Asoziale ist skandalös.

Ich habe mir, um die Problematik unsere Weltsicht vereinfacht darzustellen, ein deutsches Szenario ausgedacht, sozusagen eine Versuchsanordnung im Kleinen für die ganze Welt. Bayern hat ab jetzt in Deutschland keine Rechte mehr, die Bayern heißen ab jetzt Bergdeutsche, dürfen ihren Dialekt nicht mehr sprechen und München wird durch Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern besiedelt. Die Ämter werden durch Hamburger besetzt und wenn ein Bayer zum Arzt muss, dann braucht er zuerst eine Genehmigung aus Berlin. Die Geburten der Bayern werden geregelt, denn das Ziel ist, sie abzuschaffen. Die Bayerischen Wasserquellen werden eingezäunt und das Wasser wird nach Norddeutschland geschafft, die Bayern selbst müssen das Wasser kaufen, und zwar aus Stuttgart. Der Bodensee heißt ab jetzt Deutsches Meer und darf von den Bayern nicht mehr frequentiert oder benutzt werden. Bei den internationalen Gesprächen über Grenzkontrollen in den Süden darf Bayern nicht mitsprechen (aus Rücksicht auf den wichtigen Partner Deutschland) und Hilfsorganisationen werben mit schwarzen Kindern im Dirndl. Die ehemalige Bayerische Regierung wird als Terroristisch eingestuft. Der Münchener Flughafen darf nur mehr von Inlandsflügen frequentiert werden, die Hochgeschwindigkeitszüge der Deutschen Bahn in Kooperation mit der französischen und der chinesischen haben in München oder anderen bayerischen Großstädten aus Sicherheitsgründen keinen Halt. Bayern, die das Land verlassen oder verlassen haben werden vom Geheimdienst überwacht und bei Rückreise als Unterstützer terroristischer Netzwerke verhaftet. Die Bezeichnung Bayern wird in Süddeutschland umgewandelt, der Verwaltungssitz ist Ulm. BMW wird Porsche untergeordnet, die Ausbeutung der Bodenschätze und des Alpentourismus wird von den Bergdeutschen unter Aufsicht durchgeführt, die Einnahmen gehen nach Berlin. Fußballvereine und ähnliches wird nicht gestattet, da solche Spiele zu nationalistischen Kundgebungen missbraucht werden könnten.

Nun ja, im eigenen Land klingt das ziemlich schräg. Aber so einfach ist das Prinzip. Nur eben woanders. Je weiter weg, um so besser, um so anonymer werden „Gute“ und Böse“. Und solange Deutschland an diesem System viel Geld verdient wird sich da auch nichts ändern. Auch wenn wir uns mit großer Sorgfalt um politisch korrekte Sprache kümmern. Politisch korrektes Handeln wäre  auch wichtig. Aber offensichtlich bringt politisch korrektes Handeln im Sinne der Menschenrechte nicht so viel Geld. In einem Artikel von Marie-Astrid Langer in der Neuen Zürcher Zeitung vom 5. April 2016 ist in diesem Zusammenhang unter dem Titel „ Globales Hochrüsten“ zu lesen:

„Erstmals seit vier Jahren sind die weltweiten Rüstungsausgaben 2015 wieder gestiegen. Besonders Saudiarabien hat stark aufgerüstet. (…) Wie der am Dienstag publizierte Bericht des Stockholmer Instituts für Friedensforschung (Sipri) zeigt, haben die weltweiten Militärausgaben 2015 erstmals seit vier Jahren wieder zugenommen. Insgesamt gaben die Staaten der Erde im vergangenen Jahr 1,676 Billionen Dollar (etwa 1,6 Billionen Franken) für militärische Zwecke aus. Damit lagen diese Ausgaben ein Prozent über jenen des Vorjahrs. Die Hauptexporteure im Waffenbereich sind in dieser Reihenfolge: USA, China, Russland, Frankreich, Deutschland. Die weltweit größten Waffenimporteure sind (in dieser Reihenfolge): Indien, Saudiarabien, China, Vereinigte Arabische Emirate, Australien / Türkei. (…)“

Im April 2016 spielten wir das Stück „Auf der Flucht“. Herr Lindner, der fesche Manager der FDP, will jetzt (2018) einen Untersuchungsausschuss, weil man die Grenzen 2015 doch hätte schließen können. Ich würde mit diesem Manager, der Deutschland (übrigens ähnlich wie Trump) als eine Firma begreift und nicht wie ein Land von Menschen, gerne mal durch ein Krisengebiet wandern. Wandern, nicht fahren oder fliegen.

An den Schluss dieses Blogs stelle ich einen Newsletter des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz) mit aktuellen Zahlen zum weltweiten Rüsten:

Aufrüstung 2018!: Deutschland, Nato, Russland, USA, China – Rüstungsausgaben im Vergleich

„Die Staats- und Regierungschefs der NATO haben bei ihrem Gipfeltreffen am 11.7.18 in Brüssel gerade noch mal das skandalöse Ziel einer massiven Aufrüstung bekräftigt, dass alle Mitgliedsländer bis 2024 Verteidigungsausgaben von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung anstreben – da kommt der verhaltensoriginelle US-Präsident Donald Trump mit einer neuen Idee: Es sollten doch besser vier Prozent werden.

Mit großem Entsetzen verfolgen wir gerade die gut organisierte Aufrüstungsdebatte im Bundestag und in den Medien. Die Bewahrung des Friedens ist eine der zentralen Aufgaben der Menschheit und eine satzungsgemäße Aufgabe des BUND am Oberrhein. Dies gilt insbesondere in Zeiten, in denen immer mehr PolitikerInnen dem Druck des amerikanischen Rüstungslobbyisten Trump folgen und Deutschland massiv aufrüsten wollen. Der Bundeswehrverband fordert zusätzliche 15 Milliarden Euro und Aufrüstungsministerin von der Leyen will unglaubliche 25 Milliarden Euro mehr.

Der Rüstungsanteil am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland liegt zur Zeit bei 1,2 Prozent – bis zum Jahr 2020 soll der Verteidigungsetat weiter steigen und die unglaublich gut gemachten PR-Kampagnen für mehr Aufrüstung laufen (fast) unwidersprochen.

Um das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen, müsste Deutschland insgesamt mehr als 80 Milliarden Euro (80.000.000.000) für das Militär ausgeben. Es passt in die zeitgemäßen Durchsetzungsstrategien, dass Parteien und Rüstungslobby lieber von 2% reden, als von jährlich 80 Milliarden Euro.

Dieses Geld sollte für dringend benötigte soziale- und Umweltprojekte und nicht für die Rüstung ausgegeben werden. Eine solche Haltung erwarten wir gerade auch von der Regierungspartei SPD.

Die Rüstungsausgaben aller 29 Nato-Staaten beliefen sich im Jahr 2017 auf rund 900 Milliarden Dollar – das waren 52 Prozent der Ausgaben weltweit. Russland rüstet (auch wegen der Krise) ab und gibt 66 Milliarden Dollar für Rüstungszwecke aus, schreibt „Die Welt“, die, ähnlich wie der BUND ziemlich unverdächtig ist, zu den Putin-Verstehern zu gehören…

Die aktuelle, unglaublich gut organisierte Aufrüstungskampagne setzt ganz stark auf das Argument der „armen unterfinanzierten Bundeswehr“. Da werden nicht tauchende U-Boote und nicht flugbereite Hubschrauber und Eurofighter aufgelistet. Die Truppe jammert und die Rüstungs-Lobbyisten (leider auch in der SPD) verstärken den veröffentlichten Eindruck.

Doch der aktuelle Zustand der Bundeswehr hat weniger mit zu wenig Geld, als mit Verschwendung, misslungenen Rüstungsprojekten und einer altbackenen Bürokratie zu tun, die an die Bürokratie der ehemaligen DDR erinnert. Schon seit Franz Josef Strauß und dem Starfighter wird die Bundeswehr von Lieferfirmen und Lobbyisten über den Tisch gezogen Die Medien berichteten noch vor wenigen Jahren intensiv über die Verschwendungswirtschaft bei der Truppe. Heute wird der Grund für die selbst erzeugte Mangelwirtschaft nicht mehr öffentlich diskutiert und erstaunlich und erschreckend einheitlich der vorgeschobene Geldmangel als Grund für die Probleme genannt.

Wir sollten unsere Steuergelder für Dinge ausgeben, die den Menschen und dem Land nutzen.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer

(Wir haben diese Presseerklärung an viele, viele Medien verschickt. Wir wissen aber auch, dass die Pressefreiheit dann doch nicht so weit geht, dass der Text auch in den klassischen Medien verwertet wird. Er verbreitet sich allerdings erfreulich im Internet. Leite auch Du ihn über deine (Un-) Sozialen Medien weiter.)“

Und es gibt sie doch…

Ich war in Karlsruhe im Staatstheater und habe „Bestätigung“ gesehen. Zum zweiten Mal. Ein Monolog zum Thema Migration, Integration und nationalsozialistischem Gedankengut von Chris Thorpe. Ein Diskurs der mehr Fragen stellt als unsere Meinungen bestätigt und uns zwingt, unser selbstverständliches Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, zu hinterfragen. Ein Abend bei dem man sich dabei ertappt, mit dem Schauspieler diskutieren zu wollen und somit irgendwann beginnt, mit sich selbst zu diskutieren. Denn selbstverständlich, möchte man sagen, wissen wir was wir wissen…

„Wie umgehen mit politischen Haltungen, die einem zuwider sind? Was haben wir toxischen Narrativen entgegenzusetzen, die Bedrohung aus allen Richtungen suggerieren? Der Optimismus, die „Neue Rechte“ sei eine kurzfristige Erscheinung, die über kurz oder lang wieder von allein verschwinde, hat sich allerspätestens seit der Bundestagswahl ins Gegenteil verkehrt. Demokratie verlangt, die Dinge auch aus dem Blickwinkel anderer zu betrachten. Sie verlangt gemeinsame Grundsätze. Wenn wir unsere eigene kleine Welt jedoch nie verlassen und gänzlich bequem in der eigenen, vom Internet gestützten Filterblase baden, lassen wir zunehmend getrennte Parallel-Universen entstehen. Lebensrealitäten, die sich kaum noch kreuzen. Meinungen, die nicht der eigenen entsprechen, generell von Debatten auszuschließen kann keine Lösung sein und käme lediglich der „Wir gegen die“-Logik des Populismus gleich. „Bestätigung“ von Chris Thorpe beschäftigt sich intensiv mit genau diesem Gedankenkomplex: Ein nach eigener Aussage Linker sucht bewusst auf Augenhöhe das Gespräch mit jemandem, dessen Meinungen er absolut nicht teilt. Und er findet diesen Jemand in Glen, dem Betreiber einer beliebten Rassisten-Website. Dreh- und Angelpunkt des Monologs ist dabei das psychologische Phänomen des unbewussten Bestätigungsfehlers. Dieser besagt, dass wir unsere Umwelt stets als Bekräftigung bereits vorhandener Ansichten interpretieren…“ Soweit ein Auszug aus dem Programmheft des Staatstheater Karlsruhe.

Gehen wir mal davon aus, Sie, werter Leser oder werte Leserin, denken ähnlich wie ich, finden Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro ebenso bedrohlich wie das neue Wettrüsten und die AfD, sind wie ich der Meinung dass nicht jeder Moslem ein Terrorist ist und ein deutscher Mörder ebenso bestraft werden muss wie ein marokkanischer. Sie sehen Nachrichten und lesen aufgeklärte Presse. Sie denken mit, engagieren sich und kümmern sich um die Zukunft. Gut. Und trotzdem erschleicht Sie manchmal ein mulmiges Gefühl. Warum? Wegen des Dieselskandals? Weil Sie betrogen wurden und nicht mehr sicher sein können, dass sich diese Form des subtilen Betrugs nicht wiederholt oder bereits wiederholt hat. Oder weil Ihnen langsam doch zu viele junge Männer mit dunkler Haut und Kapuze in der Gegend unterwegs sind und man so einiges liest. Oder bedrückt Sie die politische Unruhe in Deutschland? Was wird geschehen? Hält die Regierung? Und wenn ja, ist das gut? Und was kommt danach? Frau Merkel hat vor wenigen Tagen ein schönes Foto für die Welt gemacht, Sie mit Putin, Erdogan und Macron. 4 staatstragende Persönlichkeiten, die sich mit der Zukunft Syriens beschäftigen. Man stelle sich vor, Macron, Putin, Bolsonaro und May würden ein Foto um die Welt schicken, 4 staatstragende Persönlichkeiten, die sich mit der Zukunft Deutschlands beschäftigen. Ein Aufschrei würde durch die deutschen Medien und den Reichstag hallen.

Die Sache ist im Fall des Merkel – Fotos besonders delikat, als sie mit zwei Herren Händchen hält, die sich gerne in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen, durchaus auch mit militärischen Mitteln. Während man bei Putin zurecht böse ist mit seinem Engagement in der Ukraine hat man bei Erdogan kein Problem. Er darf in Syrien einmarschieren. Ohne Mandat und ohne von Assad gerufen worden zu sein. Es gibt also offensichtlich unterschiedliche Maßstäbe in der europäischen Auffassung von Gleichheit. Deutschland ist unangenehmerweise auch nicht ganz inaktiv in Syrien, was diverse Kampfmittel betrifft. Und hat mit Erdogan einen Flüchtlingsdeal getroffen, der nun zu absurden Konsequenzen führen kann, dass sich nämlich die Türkei um die Flüchtlinge kümmern muss, die durch ihre illegalen Militäreinsätze in Syrien zur Flucht gezwungen werden. Das heißt, dass die Türkei die Menschen schützen muss die sie bekämpft. Warum aber verteidigt Deutschland die Rechte der Ukrainer. Und die der Kurden nicht? Weil alle Kurden Terroristen sind. Von der USA aufgerüstet Terroristen, wohlgemerkt. Die USA unterstützt also Terroristen. Und die Türkei schützt uns vor ihnen. Dank Frau Merkel und Herrn Macron. Die Kurden sind also, das haben uns die letzten Wochen (Monate, Jahre) gelehrt, ein Problem für den Frieden und als Terroristen zu entfernen.

Ich kann die Aussage von Herrn Erdogan bezüglich der Kurden natürlich nicht beurteilen, ich kenne nur zwei Kurden. Der eine betreibt einen Eissalon und hat nachweislich noch nie jemanden vergiftet. Und der andere ist Arzt und kam als Flüchtling nach Wien. Wenn es aber so ist, dass es Völker gibt die per se Terroristen sind, dann stellt sich natürlich die Frage, wer das beurteilt. Wie ist es möglich, dass die USA, die fast ausschließlich gegen Einwanderer und Terroristen vorgehen, genau diese Menschen bewaffnet, die von der Türkei, die sich neuerdings um Frieden in Syrien und sogar um Gerechtigkeit gegenüber ausländischer Journalisten kümmert, als Terroristen einstufen? Ist das nicht alles ein bisschen absurd? Welches Gen veranlasst Menschen zu glauben, dass sie über andere urteilen dürfen und vor allem, wie kommt es, dass so viele offensichtlich unbeeindruckt mitspielen? Eine Kollegin hat mir vor kurzem gesagt, dass Minister oder Manager, die in einer klimatisierten Villa mit ausreichend Grund drumrum leben, mit dem Dienstwagen zum Flughafen, von dort per Privatjet oder Dienstjet zu irgendeinem Kongress fliegen, der in großen Gebäuden mit klimatisierten Sälen durchgeführt wird um dann im klimatisierten Hotel mit Terrasse plus Topf-Palmen zu speisen und zu übernachten, gar keine Vorstellung von einem natürlichen Wald, oder vertrockneten Feldern oder hungernden Menschen haben, für die ist die Welt ein Glaspalast, in dem alles in Ordnung ist. Die werden es als letztes merken, wenn etwas schief läuft. Ich denke, so ist es auch mit unserer Bundesregierung, die sitzen im Reichspalast und kriegen nichts mit. Außer sich selbst.

Vor einiger Zeit habe ich ein Spiel gemacht und ich kann Ihnen nur empfehlen, das auch mal zu machen. Ich habe versucht die zehn Menschen aufzuschreiben, die ich liebe. Genau zehn. Das war gar nicht so einfach. Mal standen mehr auf dem Zettel, mal weniger. Je nach Kriterium von Liebe. Ganz besonders schwierig aber wurde es, als ich versucht habe sie zu ordnen. Das war ehrlich gesagt gar nicht möglich. Ich habe mir zwar überlegt, dass an erster Stelle mein Sohn stehen würde. Aber an zweiter? Meine Eltern? Meine Frau? mein bester Freund? Doch halt! Eltern gilt sowieso nicht. Mutter oder Vater. Wer steht weiter vorne? Und liebe ich meine Frau mehr als mich, oder anders als alle anderen? Und liebe ich mehr wenn ich weg bin oder wenn ich da bin? Wie viel von Liebe ist Sehnsucht? Ja, fragen Sie sich das mal. Ganz ehrlich. Sind solche Fragen der Anfang eines Weges? Oder das Ende einer Geschichte? Ist es besser, die Wahrheit für sich zu behalten? Am Besten sosehr für sich, dass man sie selbst nicht erfährt? Wie viel Diplomatie ist in solchen Erörterungen, selbst wenn sie nur mit sich selbst stattfinden? Wie sehr sucht man sich mit solchen Listen zu beruhigen, dass man kein schlechter Mensch ist? Und wieso fällt mir keine zehnte Stelle ein? Warum fällt es mir leichter, die Menschen aufzuschreiben, die ich nicht mehr sehen will, als diejenigen, die ich liebe? Und warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass ich ganz dringend ganz weit weg sein will? Am besten in einem anderen Erdteil. Am Besten in einer anderen Zeit…

Interessant ist auch, dass Herr Minister Strache aus Österreich mit den Rechten aus Serbien zum Beispiel gut zusammenarbeitet. Auch mit Ungarn oder den Rechten aus anderen Ländern. Das wäre früher undenkbar gewesen, denn früher waren die Rechten ausländerfeindlich. Besonders gegenüber den Menschen aus dem Osten. Heute sind die Ausländerfeinde aus den Ausländern miteinander befreundet. Zum Beispiel auch mit der AfD. Oder der CSU. Wie geht das? Nach der Lektüre von Zeitungen und Wahlplakaten erkennt man, dass sich die Rechten in Europa nun alle irgendwie zusammen getan haben um das christliche Abendland zu retten. Vor den Islamisten. Klar, denn die wollen uns ja alle ausrotten, da wir alle Ungläubige sind. Es gibt zwar Menschen, die sagen, nicht alle Menschen die an Allah glauben, also entsprechend des Islams leben, sind Islamisten, beziehungsweise Terroristen, viele (manche behaupten sogar, die meisten) sind auch einfach nur friedlich und wollen in Frieden leben, aber das ist natürlich nur ein Trick. Das wissen wir alle. Darum sagen wir auch nicht mehr Islam, sondern Islamist. Und vor denen müssen wir uns schützen, mit einer europäischen Armee. Die benötigen wir auch, wie Macron gestern sagte, gegen die Chinesen, die Russen und möglicherweise auch gegen die USA. Aha. Nicht gegen Erdogan. Nicht gegen den IS. Der IS ist plötzlich nicht mehr so dringend, denn der ist ja jetzt Teil der türkischen Friedenspolitik. Ich persönlich kenne mich mit dem Nahen Osten nicht aus. Aber ich weiß, dass in Nairobi, der Stadt, in der ich seit knapp 10 Jahren meine zweite Heimat habe, sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Religionen zusammen leben. Viele Christen, viele Muslime, viele archaisch Gläubige. Und alle leben eigentlich sehr friedlich beieinander. Kurz vor der Wahl gibt der amtierende Präsident aus, dass alle böse sind, die nicht ihn wählen sondern die Opposition, da wird es kurz hektisch, aber da Kenia sozusagen in Familienbesitz ist und sich niemand in der internationalen Politik daran stößt, da man ja ohnehin nur Geschäfte machen will, wird die Wahl dann ohnehin gewonnen und nach einiger Zeit beruhigt sich die Lage wieder. Die ärmeren und armen Menschen sind immer leicht zu beeinflussen, denn sie leiden und das Leid macht mürbe und braucht ein Ventil. Entweder bei Sportveranstaltungen oder eben alle vier Jahre nach der Wahl. Aber danach verstehen sich alle wieder und das Leben geht weiter wie vorher auch. Die Armen bleiben arm und die Reichen treffen sich wieder bei Brötchen und Sekt.

Ich habe mich dann entschlossen, das mit der Reihenfolge aufzugeben. Und es hat sich ganz von selbst die Frage aufgedrängt, wie es möglich ist, dass Menschen wirklich glauben, sie könnten die Welt ordnen. Sie könnten für die ganze Welt schlüssig sagen, was richtig und was falsch ist, wer wo steht oder stehen darf, wer verrecken soll oder abgewickelt wird. Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die genau wissen, wo die Guten und wo die Schlechten hinmüssen. So nach dem Motto: „Alle in einer Reihe aufstellen! Alle acht Milliarden Menschen in einer Reihe aufstellen! Dann stehen die da, dann kommt der eine, also der, der alles weiß, oder diejenigen, die alles wissen, und die teilen dann ein: gut – böse. ziemlich gut, ziemlich böse, noch ein bisschen gut – nur ein bisschen böse… Und ich schaffe es nicht einmal mit zehn? Weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen – weil es ja um Menschen geht, um Menschen über die ich urteile.

Ich glaube, die Rassentheorie ist doch nicht ganz falsch. Es gibt zwei Rassen auf dieser Welt. Die Herrenrasse, als diejenigen, die oben sind, die Machthaber. Und die anderen. Der unwichtige Rest. Der Rest ist zwar ein überwiegender Großteil der Menschen, aber eben leider die falsche Rasse. Und daher nicht der Rede wert…

Tuonane baadaye Hope Theatre Nairobi

Heute sind die Leiterinnen der Hope Art Theatre Nairobi NGO zurückgeflogen. Die letzte Woche war noch sehr arbeitsintensiv. Von Montag bis Mittwoch standen Proben für unseren Auftritt in den Städtischen Museen Heilbronn auf der Tagesordnung, während ich am Dienstag nach Mönchengladbach fuhr, um Christine Link von Exile, einer unserer frühesten Partnerorganisationen zu besuchen. Wir arbeiten seit 2014 zusammen und treffen uns einmal pro Jahr im Vorfeld der Tournee, um die Kooperation vorzubereiten, aber auch um uns über die aktuellen Themen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit auszutauschen. Die Gespräche sind immer sehr intensiv und motivierend, auch wenn wir natürlich immer wieder ins Schimpfen kommen. Denn es ist nicht einzusehen, warum wir alle, also ein überwiegender Großteil der Bevölkerung, darunter leiden müssen, dass sich die Politik nur mehr in von der Bevölkerung ziemlich abgekoppelten Machtkämpfen und Selbstzerfleischungsoperationen verzettelt. Das Geflecht der Regierungen in der Landes- Bundes- EU- und Weltpolitik sowie der verschiedenen Lobbys wirtschaftlicher Interessen hat sich lange in immer kleineren Maschen zu einem stabilen Netz verfestigt, das jetzt rasant Risse bekommt. Auslöser waren die Wahl von Trump zum US-Präsidenten, der Brexit, das Erstarken des IS und der dreckige Deal von Merkel mit Erdogan. Der ganze Wahnsinn der Politik, die immer mehrfache und sich widersprechende Interessen vertreten muss, war und ist im Syrienkrieg wie durch ein Brennglas zu sehen. Haben wir bisher in der Öffentlichkeit Brandherde und humanitäre Katastrophen immer weit weg halten können (die Unterdrückung der Tibeter, der Palästinenser, verschiedener afrikanischer Minderheiten, der Kurden, der indigenen Bevölkerung Amerikas, der arabischen Bevölkerung in den Öl-Nationen, um nur ein paar Langzeit-Probleme zu nennen) kam der Syrienkrieg durch die Massenflucht direkt zu uns nach Deutschland. Wobei das Problem vor allem darin bestanden hatte, dass man den Krieg 4 Jahre ebenso ignoriert hat wie alle anderen Kriege dieser Welt auch. Die deutsche Bundesregierung war mit Ausgleichen im Sinne des Geschäftemachers gut gefahren und plötzlich brach alles auf. Und jetzt merken wir plötzlich, dass auch sonst vieles nicht stimmt, die Korruption bei den deutschen Großbaustellen, der Nicht-Zusammenhalt in der EU, die überzogenen Mietpreise, die Unterversorgung in der Pflege und Bildung, der Klimawandel, der Dieselskandal, die ganze Beschwichtigungspolitik. Und da wir uns bei den bildungspolitischen Themen der Einen Welt eben auch mit dieser ganzen einen Welt beschäftigen, kommt man immer wieder ins (Ver)zweifeln. Was tun die mit uns und was können wir eigentlich noch tun? Nach meinem Treffen mit Christine besuchte ich noch Wynnie Kangwana in Saarbrücken und brachte ihr eine große Kiste von Laptops der Hilfsorganisation Labdoo, die ich vor ein paar Wochen aus Mühlheim an der Ruhr geholt hatte und die nun von einer Delegation der fairtrade-Initiative Saarbrücken nach Kenia gebracht werden. Über Labdoo werde ich in einem anderen Blog noch ausführlicher berichten. Wynnie Kangwana kommt ursprünglich aus Kenia, hat in Deutschland studiert und ist eine der Hauptakteurinnen des fairen Handels in Saarbrücken, das Bundesland, das anstrebt, das erste fairtrade – Bundesland zu werden. Dort werden wir mit dem Hope Theatre auch 2019 wieder auftreten.

Am Mittwoch Abend waren wir dann bei Hannes Lauer und seiner Frau zum Essen eingeladen. Er ist einer der beiden Autoren des Stücks „Stop breathing, it can damage your health“ mit dem wir im Frühjahr 2018 Premiere hatten und das auch im Museum in Heilbronn auf dem Spielplan stand. Es war ein sehr netter Abend, der darin endetet, dass wir uns gegenseitig HipHop und Popmusik aus unseren Heimatländern vorspielten. Von Attwenger aus Österreich über Söhne Mannheims bis zu Nyachakunga aus Kenya. Das Hope Theatre schreibt seine eigenen politischen Pop-Songs zu den Themen und ist in der modernen Musikszene sehr bewandert. Und manchmal sehr unterschiedlicher Meinung. Am Donnerstag hatten wir einen Chat „in eigener Sache“ mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen. Wir waren mit Lehrerinnen und Lehrern per Internet verbunden und konnten unser Programm für 2019 vorstellen, vor allem das Stück „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“. In Thüringen sind wir zwar in sehr gutem und produktivem Kontakt mit verschiedenen Schulen durch den Chat der Welten, aber wir haben kaum Vorstellungen in Schulen, da reicht das Geld nicht. Denn obwohl eigentlich alle Parteien Bildung immer zu einem ihrer zentralen Themen im Wahlkampf machen wird an der Schulbildung überall und weiterhin gespart und gespart und gespart und die kontinuierlichen Sparmaßnahmen werden uns dann als Bildungsinnovationen verkauft. Ich habe es mir in meiner mittlerweile doch recht langen beruflichen Laufbahn zum Prinzip gemacht, nur dann öffentlich zu jammern, wenn ein Problem nicht nur mich betrifft, sondern viele. Wenn ich in meiner Arbeit kritisiert werde so ist das legitim und das muss ich verkraften, das gehört zu meinem Beruf. Wenn ich aber sehe, dass ich ein (kleiner) Teil eines allgemeinen Problems bin, dann schreibe oder spreche ich darüber. Das Hope Theatre wird von so vielen Schulen jedes Jahr wieder eingeladen und hat so viel gute Presse und Feedback, dass ich es mir erlauben kann über die Probleme der deutschen Schulpolitik zu schreiben, diese waren auch Thema mit Christine Link, die selbst zwei Kinder hat.

Mein geschätzter Kollege Erick Fund Marigu, der seit 2013 Mitglied beim Hope Theatre Nairobi ist, in Kenia eine eigene Theatergruppe hatte, seit 2017 in Deutschland lebt und im Juli eine gefeierte Premiere im Theater der Altstadt spielte, hatte bei seinem (verpflichtenden!) Deutschkurs für die B1 – Prüfung hintereinander 7 verschiedene Lehrerinnen und Lehrer, einige davon gar nicht als Deutschlehrer ausgebildet. Erick hat die Prüfung bestanden, als einer von wenigen, aber vor allem durch die Hilfe meiner Regieassistentin am Theater der Altstadt, einer pensionierten Deutschlehrerin. Bei den Proben erzählte er immer, dass es Wahnsinn sei, was sich da abspiele. Und genau das ist das Problem: es gibt kein Geld für Schulen, kein Geld für Bildung, kein Bedürfnis nach einem breit gefächerten Angebot für eine immer differenziertere Gesellschaft. Und die vielen Männer ohne Zukunft und ohne Bildungsangebot nennt man dann abfällig Männerhorden. Deutschland hat so viel Geld, aber nicht für die jungen Menschen, nicht für die Begabten, oder die Randgruppen, oder die Flüchtlinge, oder die Musischen, oder die naturwissenschaftlich Orientierten etc. Alles, was Fantasie und Budget benötigt wird vergessen. Und das macht aggressiv, und genau das erleben wir jetzt. Wenn man zum Beispiel liest, dass Audi in der Dieselaffäre ein Bußgeld in Höhe von 800 Millionen Euro akzeptiert, weil sich „die Audi AG zu ihrer Verantwortung für die vorgefallenen Aufsichtspflichtverletzungen bekennt“ so wird sich ein junger Mann aus Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund berechtigterweise fragen, warum es in seine Schule hineinregnet und es keinen Lehrer gibt für Deutsch, wo er schwach ist und für Physik, wo er stark ist. Und wenn man dann noch darüber informiert wird, dass die mit 30,8 Prozent an VW beteiligte Porsche SE durch den Manipulationsskandal bei Audi in Mitleidenschaft gezogen wird und für 2018 nur mit einem Nettogewinn von 2,5 bis 3,5 Milliarden Euro rechnet, dann möchte man wissen, warum in einer Gemeinde, in der niemand etwas manipuliert hat, kein Geld für das Hallenbad übrig ist und das Jugendhaus geschlossen wird und kein Geld für Theateraufführungen zur Verfügung steht. Und wenn man darauf keine Antwort bekommt, dann bekommt man stattdessen eine Wut. Dann kann es schonmal vorkommen, dass die jungen Menschen saufen und mit dem Auto zu schnell durchs Dorf fahren, oder sich beim Fußball die Köpfe einschlagen, oder ein Mädchen vergewaltigen, oder sich einer radikalen Gruppe anschließen und so weiter. Das ist zwar für die jungen Menschen nicht hilfreich und ändert an ihrem Problem nichts, aber wenn ohnehin alles egal ist dann ist eben alles egal. Denn man weiß schon sehr lange, dass sich Frustration in Gewalt umwandelt. Das ist im Gazastreifen nicht anders als in Baden-Württemberg oder in Sachsen.

Am Freitag spielten wir dann unser Stück zum Klimawandel im Städtischen Museum im Deutschhof in Heilbronn. Vor etwa 120 begeisterten Schülerinnen und Schülern, mit anschließender Diskussion und anschließenden leckeren Linsen mit Spätzle. Es war eine wunderschöne Vorstellung zum Abschluss der kleinen Herbsttournee und wir fuhren glücklich und müde mit dem Regionalzug nach Stuttgart zurück. Zu diesem Abend und der Rückfahrt möchte ich noch folgendes ergänzen: zum einen kann man über das Klimastück „Stop breathing, it can damage your Health“ zur Frühjahrstournee 2018 einen ausführlichen Blog der Gruppe lesen (link siehe website: http://www.hope-theatre.info), zum zweiten sind Heilbronn und das Heilbronner Land mittlerweile ein Zentrum des Hope Theatre Nairobi mit mehr als 10 Schulbuchungen und mehreren sehr unterschiedlichen Workshop-Programmen und zum dritten ist es immer wieder verwunderlich, was für alte Züge auf schlechter Strecke in einem der reichsten Gebiete der Welt unterwegs sind. Dass der Stuttgarter Hauptbahnhof während des unendlichen Umbaus nicht mehr renoviert wird ist klar, aber dass Städteverbindungen zu Würzburg, Schwäbisch-Hall, Karlsruhe oder Tübingen in derart marodem Zustand sind ist jedenfalls befremdlich. Mit ähnlich klapprigen Zügen aus dem Altertum fuhren wir dann am Samstag nach Appenweier um von dort zur GV des kifafa e.V. abgeholt zu werden. Kifafa ist das Swahili – Wort für Epilepsie, womit das Hauptgeschäft des Vereins hinlänglich erklärt ist. Neben Aufklärung, Therapie und Medikament -Support betreibt kifafa ein Waisenhaus für Mädchen in Kendubay am Viktoriasee. Dort arbeitet das Hope Theatre regelmäßig mit den Mädchen. Auch in der Region Kehl – Appenweier werden wir wieder mehrere Auftritte haben. Diese kontinuierlich gewachsenen Partnerschaften wie mit kifafa, dem Landkreis Heilbronn, kikuna Dornstadt oder Exile sind die Säulen unserer Tournee. Schulen, die uns jedes Jahr buchen, Kooperationen auf die wir uns verlassen können, machen die Kalkulation einer Tournee mittlerweile sehr realistisch. Das hat natürlich ein paar Jahre gedauert, aber wenn man bedenkt, dass wir unsere erste Tournee durch Schulen in Deutschland überhaupt erst 2014 durchgeführt haben, dann sind wir ganz gut im Rennen.

Zur Wahl in Hessen gibt es einen hervorragenden Kommentar, den ich hier auszugsweise zitieren möchte. Er passt auf die besagte weltpolitische Entwicklung. Denn auch in Brasilien wurde gewählt und mit Bolsonaro ein nächster Hardliner in die Weltpolitik berufen.

„Einen Plural von Zeitgeist gibt es laut Duden in der deutschen Sprache nicht. In Bayern, in Hessen, in der politischen Realität ist das anders. Es gibt derzeit zwei Zeitgeiste, einen Zeitgeist I und einen Zeitgeist II, die sich an Wahltagen materialisieren. Zeitgeist I ist schon länger bei der AfD zu Hause, Zeitgeist II wohnt neuerdings wohlig bei den Grünen.

Zeitgeist I ist nationalistisch, fremdenfeindlich und europafeindlich; er ist dem autoritären Denken zugeneigt und hat manchmal braune Tupfen. Zeitgeist II ist europafreundlich, liberal und ökologisch; er ist grundrechtsbewusst auch dann, wenn es um Minderheiten geht. Zeitgeist I ist einer, der Abschließung und Ausschluss propagiert. Zeitgeist II propagiert Aufgeschlossenheit und Öffnung. Der Zeitgeist I und der Zeitgeist II stehen für die gespaltene Mentalität des Zeitalters.

Aus: Süddeutsche Zeitung, Kommentar von Heribert Prantl, 28. 10. 2018

Natürlich freue ich mich, dass 50 Jahre nach dem Erscheinen des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome mittlerweile immerhin durchschnittlich 20% ökologische Bedürfnisse und Themen wählen. Also ein Fünftel der Bevölkerung begreift sich mittlerweile als Teil eines begrenzten Systems. Diese Haltung entspricht der unsrigen, unseren Themen, unserer Hoffnung ebenso wie unserem kritischen Blick und man kann nur hoffen, dass die Grünen, wenn sie jetzt mehr Einfluss haben, nicht ähnlich wie in Österreich die ökologischen Themen vergessen. Aber es zeigt auch, dass die Welt immer mehr polarisiert wird und die Menschen offenbar genug haben von der gemütlichen Beschwichtigungspolitik und als Reaktion auf die Hilflosigkeit gegenüber den Vorgängen auch sehr fragwürdige und gefährliche Schritte setzen. Protestwahl kann sich nämlich ebenso wie Wut auch gegen sich selbst richten. Diese Instabilität ist den großen internationalen Playern durchaus angenehm, denn so können sie ungestört ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik betreiben. Eine breite politische Verantwortung ist zwar nur durch die Kooperation mit den Multis denkbar, kann sie aber auch in der Spur halten. Das wird nun mehr und mehr unmöglich. Was die Grünen einem brasilianischen Ausverkauf von Umwelt- und Menschenrechten entgegensetzen kann bleibt fraglich.

Alle Gute für den Novemberbeginn,

Stephan und das Hope Theatre

Arbeitsplätze sichern sozialen Frieden

Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen. Das sozialistische Wien der 70er – Jahre entwickelte gemeinsam mit der bürgerlichen Fraktion ein Konzept für die Stadt, das bis heute bewundert wird: lebenswerte Infrastruktur und Vollbeschäftigung. Das war natürlich nicht immer so, denn Ende der 60er und Anfang der 70er wollte man Stadtautobahnen durch die City und den Grüngürtel schlagen, nach dem Vorbild Hannovers und Stuttgarts, aber Geldnot und die ersten Bürgerinitiativen konnten diesen Irrsinn verhindern und heute ist man froh darum. (Widerstand hat also durchaus auch was Gutes!) Ein hervorragendes U- und S-Bahnnetz, Parkhäuser, Fußgängerzonen, Einkaufsmeilen und intensiver Tourismus lassen die Stadt blühen und ziehen immer mehr Touristen und Arbeitsfelder nach Wien und Umgebung. Ich kam 1972 nach Wien ins Gymnasium und habe die ganze Entwicklung von der maroden, rußgeschwärzten, abgasgeschwängerten, altmodischen Hauptstadt weit im Osten zur lebenswerten, modernen, innovativen, multinationalen Metropole im Herzen Europas, miterlebt.

Szenenwechsel:

Seit 2009 verbringe ich einen wichtigen Teil meines Privatlebens in Nairobi, ebenso wie Wien beherbergt Nairobi die UNO und viele internationale Organisationen, hat mit Wangari Maatei eine namhafte Umweltschützerin und zentrale Parkanlagen und Grüngürtel erhalten und erlebt BürgerInnenbewegungen. Die freie und unabhängige Republik ist nur 9 Jahre jünger als die freie und unabhängige Republik Österreich. Die Metropole ist multinational, im Verhältnis zu anderen Metropolen ziemlich aufgeschlossen und in vielen Bereichen recht modern. Vor allem in der Architektur zeigt sich Nairobi als innovative Großstadt und macht deutlich, was in Afrika möglich wäre. Wenn man es denn zuließe. Denn, im Gegensatz zu Wien gibt es vor allem ein großes Problem: Arbeit. Von Vollbeschäftigung gar keine Rede. Es gibt viele Schulen, großteils sehr gute, viele junge Menschen haben einen Schulabschluss und das war es dann. Die Zukunft heißt jobben, abhängen, dealen und NGO-hopping. So nennen die jungen Menschen die Tätigkeiten bei den unterschiedlichen Nicht-Regierungs-Organisationen (oder auf englisch eben Non-Government-Organisation). Und damit kommen wir zum Problem: unsere Förderstrukturen für Projekte in Afrika sind mit überwiegender Mehrheit kurzfristig angelegt, also maximal 2 – 3 Jahre. Das macht Sinn. Für uns hier. Denn zum einen können wir immer wieder neue Projekte anstoßen und zum anderen können wir sehr viele Projekte dokumentieren. Aber für die Menschen vor Ort ist das vollkommen kontraproduktiv. Denn wirkliche Veränderungen hin zu sozialen Strukturen und Planungssicherheit brauchen einen langen Atem und der wird durch ständig neue Projekte nicht erreicht. Klar, die große Anzahl an Projekten klingt toll und da Entwicklungszusammenarbeit leider sehr oft ebenso dem eurozentrierten Blick folgt wie Wirtschaftspolitik ist das langfristige Ergebnis in Afrika nebensächlich.

Die Lüge des Freihandelsabkommens mit den Ostafrikanischen Ländern kommt genau aus demselben Geist wie die Zollbestimmungen gegen die afrikanischen Länder. Es geht um den Wohlstand Europas. Und die Projektarbeit und Projektförderung in Deutschland und der EU denkt da selten anders. Es muss sich für uns rechnen und zwar kurzfristig. Selten habe ich erlebt, dass zuerst die Menschen in Kenia gefragt werden, was sie benötigen, bevor man hier überlegt, was man tun kann. Die Kriterien werden hier überlegt und geschaffen und die Menschen dort müssen sich freuen. Von daher kann ich eine Studentin gut verstehen, die in Jena bei einer Diskussion angemahnt hat, dass die Zusammenarbeit mit den Ländern des Südens doch wieder nur eine Bestimmerpolitik sei. Richtig. Und deshalb gebe ich nicht auf, das Hope Theatre Nairobi regelmäßig nach Deutschland zu holen. Denn erstens soll man hier mit den Menschen reden, die in einem afrikanischen Land leben und zweitens sollen wenigstens 10 Menschen durch meine Initiative Planungssicherheit haben. Denn auch wenn das Projekt hier in Deutschland oft belächelt wird, wurden 10 kontinuierliche und mehr als 30 temporär unterstützende Arbeitsplätze geschaffen. Und da ist es primär egal, ob es sich um Schreiner, Maurer, Künstler oder Busfahrer handelt.

Zum gemeinsamen Projekt an den beruflichen Schulen Heilbronn schreibt die Innitiatorin des Schulaustauschs mit Kenia, Frau Silke Fischer, einen Gastbeitrag:

Globales Lernen mit dem Hope-Theater Nairobi an der Christiane-Herzog-Schule Heilbronn

Im Rahmen des Partnerschaftsprojektes „Connecting Youth – Jugend in Eurafrika“ der CHS Heilbronn mit der Bishop-Sulumeti-Girls-High-School Kakamega und der NGO Mathare Children Fund panairobi (MCFp)Nairobi / Kenia, war in den ersten drei Oktoberwochen eine Gruppe von 5 Schülerinnen unserer Partnerschule zusammen mit ihrer stellvertretenden Schulleiterin Mrs. Doris Onginjo und Mr. Augustine Waziru, einem Sozialarbeiter des MCFp zu Besuch an unserer Schule. Für die jährlichen Begegnungen – in den ungeraden Jahren fährt eine deutsche Schülergruppe nach Kenia, in den geraden Jahren kommt eine kenianische Gruppe zu uns – wählt sich die Gruppe jeweils ein globales Thema, welches in einem gemeinsamen Projekt bearbeitet wird.

Diskriminierung und Rassismus, ein Thema das aufgrund weltweit zunehmender nationalistischer Strömungen bei gleichzeitig immer stärkerer wechselseitiger Abhängigkeit aller Länder der Erde voneinander, in den Fokus der Gruppe geriet und damit zum diesjährigen Projektthema gewählt wurde. Kein leichtes Thema für junge Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten, aber wie sich zeigte ein Thema, das schnell zu einem größeren Verständnis füreinander führen kann.

Das angestrebte Projektziel, ein Tanztheaterstück zum Thema Diskriminierung und Rassismus auf die Bühne zu bringen,  drohte aufgrund der Erkrankung der kenianischen Tanz- und Theaterpädagogin Veronika Mbaya zu scheitern, bis uns ein glücklicher Zufall bei der langen Nacht der Kultur in Heilbronn in Kontakt mit dem Hope-Theater Nairobi brachte. In einer selbstlosen und mitreißenden Aktion gelang es den Profis aus Nairobi in nur vier Tagen die Ideen unserer Gruppe aufzunehmen und mit uns in ein pantomimisches Tanztheater zu verschiedenen Arten der Diskriminierung umzusetzen. Für unsere Gruppe ein in verschiedener Hinsicht aufwühlendes Erlebnis. Denn zum einen ist es gar nicht so einfach Dinge die man vermitteln möchte mit dem eigenen Körper auszudrücken und das auch noch so, dass es gut aussieht und zur Musik passt. Da musste dann doch der eine oder andere innere Schweinehund überwunden werden.

Zum anderen stellten die Proben die im globalen Norden doch sehr weit verbreitete Ansicht, dass „wir im Norden“ „denen da im Süden“ überlegen sind und in erster Linie helfen müssen, radikal auf den Kopf. Stattdessen haben wir gelernt dass…

…wir zwar alle verschieden sind, es aber ein „wir hier“ und „die dort“ nicht gibt und jede und jeder in der Gruppe bestimmte Dinge gut kann und damit ihren oder seinen ganz besonderen Platz in der Gruppe hat.

…wir alle viel mehr können als wir dachten, wenn wir uns auf Neues und Unbekanntes wirklich einlassen.

…Herkunft und Aussehen völlig unwichtig sind, wenn man zusammen an einem Ziel arbeitet

…alle gewinnen, wenn jede und jeder offen dafür ist von anderen zu lernen.

Unser ganz besonderer Dank geht daher an:

Pauline und Monica, die in unglaublicher Geschwindigkeit erfasst haben, was wir gerne machen und was wir ausdrücken wollten und was in den vier Tagen machbar sein wird. Mit ihrer großen Erfahrung in der Arbeit an Tanz und sozial-politischem Theater mit Schülerinnen und Schülern aller Altersstufen haben sie es geschafft mehr aus jedem Mitglied der Gruppe herauszuholen als wir geahnt hätten.

Moffat, der mit viel Geduld und seinen Trommeln die passende Musik zu unserem Stück gefunden und gespielt hat, eine Probe geleitet und uns auch bei der Aufführung begleitet hat.

Winfred (Winnie), bei den letzten Proben nochmal jede und jeden im Auge hatte und dem Ganzen den Feinschliff verpasst hat.

Stephan, der an der langen Nacht der Kultur in Heilbronn sofort und ohne Wenn und Aber gesagt hat: tolles Projekt, wir helfen euch und der mit seiner unermüdlichen Schaffenskraft Unglaubliches auf die Beine stellt.

Ganz bestimmt war dies zwar unser erstes, aber nicht unser letztes gemeinsames Projekt mit dem Hope-Theater Nairobi.  Nächstes Jahr an der CHS und spätestens wenn wir zu unserer International Students Academy wieder in Kenia unterwegs sind geht die Geschichte weiter…

Silke Fischer

 

Traurig

Der Journalist Jamal Khashoggis ist also ermordet worden. In der Botschaft des Königreichs Saudi Arabien in Istanbul. Und alle sind sehr traurig. 18 Tage lang wusste niemand, wo sich der Journalist, der in die USA emigriert ist und seine türkische Lebensgefährtin heiraten wollte, wofür er Dokumente aus der Botschaft seines Heimatlandes benötigte, aufhielt, ob er die Botschaft wieder verlassen, oder noch immer in ihr anwesend oder als Geist aus dem Fenster genebelt war und plötzlich wusste man die Details und gab diese um 1 Uhr Nachts, zu einer Zeit also, in der das Königreich schlief, in einem eher kurzen Statement offiziell bekannt. Der Bericht von Spiegel online vom 20. 10. 2018 liest sich wie ein Drehbuch eines neuen James Bond – Films und man ist doch immer wieder überrascht, dass die Wirklichkeit nicht wesentlich anders funktioniert als das Unterhaltungskino. Traurig ist das Saudische Königshaus, weil sie ein paar ihrer guten Männer zur Verantwortung ziehen müssen, das läuft dann ähnlich ab wie bei unserem Herrn Maaßen, traurig ist der Amerikanische Präsident, wiewohl er sofort mitteilte, dass die Waffenlieferungen ebenso unbeeindruckt bleiben würden wie das Ölgeschäft, traurig ist auch der Herr Erdogan, da er doch in seinem Lande Bitteschön selber entscheiden möchte, wer hier wie getötet, gefoltert oder eingesperrt wird und traurig ist natürlich auch unser Herr Maas, der gerade erst seinen Kniefall vor den Saudis absolviert hatte. Besonders aber ist man traurig, dass Saudi Arabien jetzt wieder in schlechtem Licht dasteht in der Öffentlichkeit, der Jemen-Krieg wieder diskutiert wird und das alles, wo man doch die Wirtschaft wieder ungestört und von der Öffentlichkeit im Wesentlichen unbemerkt, mit dem Königreich ankurbeln wollte.

Auch in NRW ist man sehr traurig. Hat man doch viele Jahre durch verschiedene Regierungskonstellationen hinweg intensiv mit der RWE zusammengearbeitet und am Braunkohleabbau festgehalten. Man weiß natürlich, dass die Braunkohle – Kraftwerke zu den schlimmsten Luftverpestern zählen, aber da man in der Regierungskoalition gleich formuliert hatte, dass die Klimaziele ohnehin nicht erreicht würden, stand dem forcierten Abbau nichts mehr im Wege. Und jetzt hat sich die Bevölkerung also gewehrt und das Gericht erstmal nein gesagt zu den bereits von der Politik zugesagten Fakten. Der deutsche Partnerverein des Hope Theatre Nairobi sitzt in Stuttgart, hier weiß man, dass sich die Bevölkerung nie durchsetzen wird, denn auch Stuttgart 21 wird gebaut, weil man auch in Freiburg und in Lauda über den Bahnhof abstimmen durfte und obwohl alles noch viel teurer und komplizierter und langwieriger wird als damals von den Gegnern (unter denen sich auch hochrangige Expertinnen befanden) vorausgesagt – egal, gebaut wird. Und daher darf man auch davon ausgehen, dass sich auch hier das Geld, also die RWE durchsetzen wird. Denn die Politik ist nicht mehr im Dienste der Bevölkerung unterwegs, sondern im Dienste der Konzerne. Wie man ja auch gut bei den Diesel-Gesprächen in Brüssel sehen konnte.

Dort wurde beschlossen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen von 2020 bis 2030 um 35% sinken soll. Deutschland war sehr traurig. Denn die Bundesregierung wollte nur 30% reduzieren während viele europäische Länder 40% anstrebten. Die Umweltministerin hat „ihren Widerstand aufgegeben und damit eine einheitliche Position der Bundesregierung möglich gemacht, die eine ähnliche Linie wie die Autobranche vertritt.“ Diesem Satz aus der Zeit folgt im selben Artikel ein anderer: „Ein Großteil der deutschen Bevölkerung befürwortet strengere CO2-Grenzwerte, wie eine Studie darlegt…“ (Umweltministerin akzeptiert laschere CO2-Vorgaben für Autos, Zeit online, 26. 9. 2018) Das ist das wirklich Traurige, dass die Bevölkerung jetzt bereits überall mitreden will, sogar bei der Autoindustrie. Und dabei leben so viele vom Autobau. Das ist natürlich richtig, aber ein gesünderes Auto würde keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern nur die Atmungserkrankungen bei Kindern und älteren Menschen ein wenig reduzieren und vielleicht den Managern weniger Gewinne und damit weniger Dividende bringen. Und das wäre natürlich extrem traurig. Also sollte sich so wenig wie möglich ändern, vor allem nicht im Bereich der Aktiengewinne deutscher Topverdiener. Natürlich glaube ich nicht, dass wir aufhören sollten, Auto zu fahren, das wäre nicht durchsetzbar. Aber man könnte umdenken, wenn man wollte, aber man will nicht.

Dazu passt, wie ich finde, ein Auszug aus dem Bericht der Klimakonferenz:

Der Weltklimarat wurde damit beauftragt, einen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel zu erstellen. Er analysierte daraufhin über 6000 Studien. Die Zusammenfassung des neuen Berichts wurde in der vergangenen Woche mit Vertretern von 195 Staaten abgestimmt, so dass diese nun ein politisches Gewicht hat. Die Daten sind auch Grundlage für die Weltklimakonferenz im Dezember im polnischen Katowice.

Der globale Ausstoß etwa von Kohlendioxid (CO2) müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 Null erreichen. Nach dem neuen IPCC-Bericht kann der Mensch im Vergleich zu älteren Berichten möglicherweise etwas mehr CO2 ausstoßen, um dennoch das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Darauf folgte ein Statement deutscher PolitikerInnen: Hofreiter und Schulze fordern schnelles Handeln.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze setzte sich für schnelles Handeln ein. „Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren. Das ist die Kernbotschaft des Berichts“, sagte die SPD-Politikerin. „Die nächsten Jahre sind entscheidend, damit unser Planet nicht aus dem Gleichgewicht gerät.“ Man müsse den Abschied von Kohle, Öl und Gas hinbekommen.“

Da lesen Sie es. Und was passiert…?

Deutschland gehört zu den Meistern der Versprechungen. Man hat ein System entwickelt, uns ständig Glauben zu machen, das die Politik in unserem Sinne, also im Sinne der Bevölkerung, handelt. Dafür wurden Statistiken geschaffen, Arbeitsberichte, Tabellen und Evaluierungen. Und in diesem Dickicht der vielen Formulierungen passiert, was den Gewinn voranbringt. Denn der Gewinn ist neutral. Originellerweise war es ein CDU-Politiker, der eine andere Vision hatte, mit der man die Welt anders hätte organisieren können. Menschlicher. Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard war von 1929 – 1963 Bundesminister für Wirtschaft und galt in dieser Funktion als Vater des deutschen Wirtschaftswunders und der Sozialen Marktwirtschaft. Heute behauptet man, dass Angela Merkel die CDU mehr nach links geführt hatte, aber da stimmt bei genauerem Hinsehen gar nicht. In ihren Reden ja, in ihrem Handeln nein. Und das ist dieser unangenehme Geschmack der Koalitionsregierung seit Merkel – diese extreme Diskrepanz zwischen Handeln und Reden. Vieles von dem was gesagt wird ist eigentlich zu begrüßen, nun erkennen wir aber langsam, dass davon kaum etwas umgesetzt wurde, oder nur unvollkommen und nur kurzfristig. Die großen Themen wurden ungeheuerlich viel öffentlich debattiert und damit wurde uns das Gefühl vermittelt, dass auch etwas passiert. Aber es passiert nichts. Und das hat der Wähler mittlerweile gemerkt. Sehr zum Groll der Regierenden, die überhaupt keinen Sinn darin sehen, an dem Prinzip „Wir haben die Macht und daher behalten wir sie auch“ etwas zu verändern. In den 12 Jahren der Ära Merkel haben sich viele Strukturen und Partnerschaften verfestigt, sehr zum Nutzen der Protagonisten und ihres Umfelds – und sehr zum Schaden der Bevölkerung.

Auch in Bayern war man über die Wahl sehr traurig. Aber auch hier hat man in wenigen Stunden bereits einen Weg gefunden, um nichts ändern zu müssen. Im Gegenteil, der Wahlverlust liest sich jetzt wie ein gemeinsamer Sieg, Söder wird bleiben was er war (in jeder Hinsicht) und Bayern ebenso. Auch wenn es in der Bevölkerung dramatisch rumort, aber das wird ausgesessen. Denn wenn wir etwas in den letzten 12 Jahren gelernt haben, dann die Fähigkeit des Aussitzens. Im 13ten Jahr wird das Aussitzen zunehmend schwieriger, da die Bevölkerung nicht mehr alles so einfach hinnehmen möchte. Plötzlich erinnert man sich, dass wir nur wegen Fukushima aus dem Atomzeitalter ausgestiegen sind, jedenfalls so halbwegs, nicht aus Überzeugung. Entscheidungen über unsere Gesundheit sind also Wahlzuckerl. Das wird bei der Braunkohle nicht anders, und beim Auto auch nicht. Aber die Bevölkerung regt sich. Nach der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung war es ruhig geworden in Deutschland, man hat sich einlullen lassen. Schröder hatte die SPD zertrümmert und Merkel die FDP und jetzt sägt sie an der CDU. Aber das Volk blieb insgesamt sehr ruhig. Nun reicht es. Nun will man wieder Resultate sehen und nicht nur Statistiken und Protokolle.

Wir waren wieder zu Gast in Jena, beim Eine-Welt-Netzwerk Thüringen. Wir trafen uns mit Kolleginnen und Kollegen des Chat-der-Welten-Programms um über Verbesserungen und Intensivierungen des Projekts zu sprechen, seit über 2 Jahren sind wir nun bereits in einem direkten Dialog zwischen Thüringen und Kenia. Dieser Chat ist – für alle, die es nicht wissen – ein Programm, das von Engagement-Global gefördert wird und bei dem SchülerInnen und ExpertInnen per Internet live miteinander sprechen. Über Ernährung, Lebensgefühl, Schulweg, Politik, Umweltprobleme, Natur, Freundschaften und so weiter. Ein grandioses Programm, das leider viel zu wenig präsent ist und nur durch das große Engagement einiger weniger richtig am Leben erhalten wird. Das Besondere ist, dass in diesem Programm genau das passiert, was eigentlich passieren sollte, nämlich der direkte Kontakt auf Augenhöhe. Nicht wir reden über die Menschen woanders, wie das leider meistens der Fall ist, sondern die Menschen reden direkt miteinander. Betreut durch ExpertInnen auf beiden Seiten. Zwei Mal im Jahr, wenn die MitgliederInnen des Hope Theatre in Deutschland sind, treffen wir uns persönlich und tauschen uns aus. Natürlich hat das Projekt auch Probleme: es gibt kein Budget für die Schulen und die Veranstalterinnen aus den anderen Ländern. Man benötigt einen Computer und einen Internetanschluss. Man muss sich vorbereiten und Interesse an den Menschen aus anderen Ländern entwickeln. Das ist in der deutschen Entwicklungspolitik noch etwas schwerfällig. Noch möchte man lieber seine Programme abspulen und über die Menschen dort sprechen als mit ihnen. Miteinander sprechen scheint überhaupt etwas zu sein, das mit Argwohn behandelt wird. Viel wichtiger sind Listen, übergeordnete Programme, Konzepte, Zielsetzungen und so weiter. Der Dialog auf Augenhöhe ist so ein Konzept-Titel, so ein Projekt. Dass der Dialog miteinander dazugehört und dass es durchaus sinnvoll ist, jungen Menschen aus Kenia, Mexiko, Brasilien, Südafrika etc. zuhören, zeigen die wunderbaren Ergebnisse des Chat der Welten mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen.

Auch in Bayern denkt man über die Menschenrechte nach. Karl-Heinz Rummenigge mahnt Artikel 1 des Grundgesetzes an, weil die Medien ausnahmsweise den FC Bayern nicht in seinem Sinne berichterstattungsmäßig unterstützt haben. Das ist wirklich sehr mutig. Der FC Bayern, der regelmäßig Spieler aus anderen Vereinen rauskauft oder durch Angebote irritiert, um die Konkurrenz nicht stark werden zu lassen, deren beiden Bosse Karl-Heinz Rumginge und Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung – also Betrug an der Bevölkerung – rechtskräftig verurteilt wurden (Karl-Heinz Rummenigge ohne Gefängnisaufenthalt) und nichts desto trotz weiter gesellschaftliches Vorbild im Sport sein dürfen sind beleidigt, weil ihre Mannschaft kritisiert wird. Und sprechen von Menschenrechten. Also da gehört schon eine große Arroganz und Dreistigkeit dazu. Vor allem, weil man doch in Deutschland gerne auf die eigene Pressefreiheit verweist und gerne über andere redet, die gerne die Journalisten korrigieren oder angreifen oder ausmerzen. Herr Rummenigge hatte 2013 zwei goldene Rolex mitgebracht. Geschenke aus Katar im Wert etwa 100.000,- € für seine Sammlung. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um seine Menschenrechte und wünsche mir den FC Bayern in die 3. Liga. Die CSU und der FC Bayern waren mal ein Packerl. Es wird die Welt nicht retten, aber es tut gut, dass beide mal eine auf den selbstherrlichen Deckel bekommen haben. In anderen Ländern werden Journalisten ins Gefängnis geworfen, weil sie Betrug und Missstände aufzeigen, in Deutschland werden Journalisten beschimpft, weil sie schreiben, was jeder sehen konnte: das Bayern gerade nicht gewinnt. Zynischer geht’s kaum…

Ich bemühe mich, mit jährlicher privater Bezuschussung, den kontinuierlich für das Projekt arbeitenden Menschen in Kenia 200,- pro Monat zu zahlen, die Leute arbeiten das ganze Jahr, entwickeln Stücke zu relevanten Themen und spielen in Deutschland ausgebuchte Tourneen. Trotzdem rechnet sich das Projekt nicht, da afrikanisches Theater keine Lobby hat und der Sinn, Theater aus Afrika in Deutschland zu präsentieren, noch immer nicht wirklich verstanden wird. Fußball trägt offensichtlich mehr zur Völkerverständigung bei, vor allem zwischen Dakar und München. Auch das ist irgendwie traurig…

Der nächste Blog kommt aus den Beruflichen Schulen Heilbronn, die seit knapp 15 Jahren eine Austausch-Initiative mit einer kenianischen Schule haben…

viel Spaß beim Lesen wünscht das Hope Theatre Nairobi (ohne Rolex)