Und es gibt sie doch…

Ich war in Karlsruhe im Staatstheater und habe „Bestätigung“ gesehen. Zum zweiten Mal. Ein Monolog zum Thema Migration, Integration und nationalsozialistischem Gedankengut von Chris Thorpe. Ein Diskurs der mehr Fragen stellt als unsere Meinungen bestätigt und uns zwingt, unser selbstverständliches Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, zu hinterfragen. Ein Abend bei dem man sich dabei ertappt, mit dem Schauspieler diskutieren zu wollen und somit irgendwann beginnt, mit sich selbst zu diskutieren. Denn selbstverständlich, möchte man sagen, wissen wir was wir wissen…

„Wie umgehen mit politischen Haltungen, die einem zuwider sind? Was haben wir toxischen Narrativen entgegenzusetzen, die Bedrohung aus allen Richtungen suggerieren? Der Optimismus, die „Neue Rechte“ sei eine kurzfristige Erscheinung, die über kurz oder lang wieder von allein verschwinde, hat sich allerspätestens seit der Bundestagswahl ins Gegenteil verkehrt. Demokratie verlangt, die Dinge auch aus dem Blickwinkel anderer zu betrachten. Sie verlangt gemeinsame Grundsätze. Wenn wir unsere eigene kleine Welt jedoch nie verlassen und gänzlich bequem in der eigenen, vom Internet gestützten Filterblase baden, lassen wir zunehmend getrennte Parallel-Universen entstehen. Lebensrealitäten, die sich kaum noch kreuzen. Meinungen, die nicht der eigenen entsprechen, generell von Debatten auszuschließen kann keine Lösung sein und käme lediglich der „Wir gegen die“-Logik des Populismus gleich. „Bestätigung“ von Chris Thorpe beschäftigt sich intensiv mit genau diesem Gedankenkomplex: Ein nach eigener Aussage Linker sucht bewusst auf Augenhöhe das Gespräch mit jemandem, dessen Meinungen er absolut nicht teilt. Und er findet diesen Jemand in Glen, dem Betreiber einer beliebten Rassisten-Website. Dreh- und Angelpunkt des Monologs ist dabei das psychologische Phänomen des unbewussten Bestätigungsfehlers. Dieser besagt, dass wir unsere Umwelt stets als Bekräftigung bereits vorhandener Ansichten interpretieren…“ Soweit ein Auszug aus dem Programmheft des Staatstheater Karlsruhe.

Gehen wir mal davon aus, Sie, werter Leser oder werte Leserin, denken ähnlich wie ich, finden Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro ebenso bedrohlich wie das neue Wettrüsten und die AfD, sind wie ich der Meinung dass nicht jeder Moslem ein Terrorist ist und ein deutscher Mörder ebenso bestraft werden muss wie ein marokkanischer. Sie sehen Nachrichten und lesen aufgeklärte Presse. Sie denken mit, engagieren sich und kümmern sich um die Zukunft. Gut. Und trotzdem erschleicht Sie manchmal ein mulmiges Gefühl. Warum? Wegen des Dieselskandals? Weil Sie betrogen wurden und nicht mehr sicher sein können, dass sich diese Form des subtilen Betrugs nicht wiederholt oder bereits wiederholt hat. Oder weil Ihnen langsam doch zu viele junge Männer mit dunkler Haut und Kapuze in der Gegend unterwegs sind und man so einiges liest. Oder bedrückt Sie die politische Unruhe in Deutschland? Was wird geschehen? Hält die Regierung? Und wenn ja, ist das gut? Und was kommt danach? Frau Merkel hat vor wenigen Tagen ein schönes Foto für die Welt gemacht, Sie mit Putin, Erdogan und Macron. 4 staatstragende Persönlichkeiten, die sich mit der Zukunft Syriens beschäftigen. Man stelle sich vor, Macron, Putin, Bolsonaro und May würden ein Foto um die Welt schicken, 4 staatstragende Persönlichkeiten, die sich mit der Zukunft Deutschlands beschäftigen. Ein Aufschrei würde durch die deutschen Medien und den Reichstag hallen.

Die Sache ist im Fall des Merkel – Fotos besonders delikat, als sie mit zwei Herren Händchen hält, die sich gerne in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen, durchaus auch mit militärischen Mitteln. Während man bei Putin zurecht böse ist mit seinem Engagement in der Ukraine hat man bei Erdogan kein Problem. Er darf in Syrien einmarschieren. Ohne Mandat und ohne von Assad gerufen worden zu sein. Es gibt also offensichtlich unterschiedliche Maßstäbe in der europäischen Auffassung von Gleichheit. Deutschland ist unangenehmerweise auch nicht ganz inaktiv in Syrien, was diverse Kampfmittel betrifft. Und hat mit Erdogan einen Flüchtlingsdeal getroffen, der nun zu absurden Konsequenzen führen kann, dass sich nämlich die Türkei um die Flüchtlinge kümmern muss, die durch ihre illegalen Militäreinsätze in Syrien zur Flucht gezwungen werden. Das heißt, dass die Türkei die Menschen schützen muss die sie bekämpft. Warum aber verteidigt Deutschland die Rechte der Ukrainer. Und die der Kurden nicht? Weil alle Kurden Terroristen sind. Von der USA aufgerüstet Terroristen, wohlgemerkt. Die USA unterstützt also Terroristen. Und die Türkei schützt uns vor ihnen. Dank Frau Merkel und Herrn Macron. Die Kurden sind also, das haben uns die letzten Wochen (Monate, Jahre) gelehrt, ein Problem für den Frieden und als Terroristen zu entfernen.

Ich kann die Aussage von Herrn Erdogan bezüglich der Kurden natürlich nicht beurteilen, ich kenne nur zwei Kurden. Der eine betreibt einen Eissalon und hat nachweislich noch nie jemanden vergiftet. Und der andere ist Arzt und kam als Flüchtling nach Wien. Wenn es aber so ist, dass es Völker gibt die per se Terroristen sind, dann stellt sich natürlich die Frage, wer das beurteilt. Wie ist es möglich, dass die USA, die fast ausschließlich gegen Einwanderer und Terroristen vorgehen, genau diese Menschen bewaffnet, die von der Türkei, die sich neuerdings um Frieden in Syrien und sogar um Gerechtigkeit gegenüber ausländischer Journalisten kümmert, als Terroristen einstufen? Ist das nicht alles ein bisschen absurd? Welches Gen veranlasst Menschen zu glauben, dass sie über andere urteilen dürfen und vor allem, wie kommt es, dass so viele offensichtlich unbeeindruckt mitspielen? Eine Kollegin hat mir vor kurzem gesagt, dass Minister oder Manager, die in einer klimatisierten Villa mit ausreichend Grund drumrum leben, mit dem Dienstwagen zum Flughafen, von dort per Privatjet oder Dienstjet zu irgendeinem Kongress fliegen, der in großen Gebäuden mit klimatisierten Sälen durchgeführt wird um dann im klimatisierten Hotel mit Terrasse plus Topf-Palmen zu speisen und zu übernachten, gar keine Vorstellung von einem natürlichen Wald, oder vertrockneten Feldern oder hungernden Menschen haben, für die ist die Welt ein Glaspalast, in dem alles in Ordnung ist. Die werden es als letztes merken, wenn etwas schief läuft. Ich denke, so ist es auch mit unserer Bundesregierung, die sitzen im Reichspalast und kriegen nichts mit. Außer sich selbst.

Vor einiger Zeit habe ich ein Spiel gemacht und ich kann Ihnen nur empfehlen, das auch mal zu machen. Ich habe versucht die zehn Menschen aufzuschreiben, die ich liebe. Genau zehn. Das war gar nicht so einfach. Mal standen mehr auf dem Zettel, mal weniger. Je nach Kriterium von Liebe. Ganz besonders schwierig aber wurde es, als ich versucht habe sie zu ordnen. Das war ehrlich gesagt gar nicht möglich. Ich habe mir zwar überlegt, dass an erster Stelle mein Sohn stehen würde. Aber an zweiter? Meine Eltern? Meine Frau? mein bester Freund? Doch halt! Eltern gilt sowieso nicht. Mutter oder Vater. Wer steht weiter vorne? Und liebe ich meine Frau mehr als mich, oder anders als alle anderen? Und liebe ich mehr wenn ich weg bin oder wenn ich da bin? Wie viel von Liebe ist Sehnsucht? Ja, fragen Sie sich das mal. Ganz ehrlich. Sind solche Fragen der Anfang eines Weges? Oder das Ende einer Geschichte? Ist es besser, die Wahrheit für sich zu behalten? Am Besten sosehr für sich, dass man sie selbst nicht erfährt? Wie viel Diplomatie ist in solchen Erörterungen, selbst wenn sie nur mit sich selbst stattfinden? Wie sehr sucht man sich mit solchen Listen zu beruhigen, dass man kein schlechter Mensch ist? Und wieso fällt mir keine zehnte Stelle ein? Warum fällt es mir leichter, die Menschen aufzuschreiben, die ich nicht mehr sehen will, als diejenigen, die ich liebe? Und warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass ich ganz dringend ganz weit weg sein will? Am besten in einem anderen Erdteil. Am Besten in einer anderen Zeit…

Interessant ist auch, dass Herr Minister Strache aus Österreich mit den Rechten aus Serbien zum Beispiel gut zusammenarbeitet. Auch mit Ungarn oder den Rechten aus anderen Ländern. Das wäre früher undenkbar gewesen, denn früher waren die Rechten ausländerfeindlich. Besonders gegenüber den Menschen aus dem Osten. Heute sind die Ausländerfeinde aus den Ausländern miteinander befreundet. Zum Beispiel auch mit der AfD. Oder der CSU. Wie geht das? Nach der Lektüre von Zeitungen und Wahlplakaten erkennt man, dass sich die Rechten in Europa nun alle irgendwie zusammen getan haben um das christliche Abendland zu retten. Vor den Islamisten. Klar, denn die wollen uns ja alle ausrotten, da wir alle Ungläubige sind. Es gibt zwar Menschen, die sagen, nicht alle Menschen die an Allah glauben, also entsprechend des Islams leben, sind Islamisten, beziehungsweise Terroristen, viele (manche behaupten sogar, die meisten) sind auch einfach nur friedlich und wollen in Frieden leben, aber das ist natürlich nur ein Trick. Das wissen wir alle. Darum sagen wir auch nicht mehr Islam, sondern Islamist. Und vor denen müssen wir uns schützen, mit einer europäischen Armee. Die benötigen wir auch, wie Macron gestern sagte, gegen die Chinesen, die Russen und möglicherweise auch gegen die USA. Aha. Nicht gegen Erdogan. Nicht gegen den IS. Der IS ist plötzlich nicht mehr so dringend, denn der ist ja jetzt Teil der türkischen Friedenspolitik. Ich persönlich kenne mich mit dem Nahen Osten nicht aus. Aber ich weiß, dass in Nairobi, der Stadt, in der ich seit knapp 10 Jahren meine zweite Heimat habe, sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Religionen zusammen leben. Viele Christen, viele Muslime, viele archaisch Gläubige. Und alle leben eigentlich sehr friedlich beieinander. Kurz vor der Wahl gibt der amtierende Präsident aus, dass alle böse sind, die nicht ihn wählen sondern die Opposition, da wird es kurz hektisch, aber da Kenia sozusagen in Familienbesitz ist und sich niemand in der internationalen Politik daran stößt, da man ja ohnehin nur Geschäfte machen will, wird die Wahl dann ohnehin gewonnen und nach einiger Zeit beruhigt sich die Lage wieder. Die ärmeren und armen Menschen sind immer leicht zu beeinflussen, denn sie leiden und das Leid macht mürbe und braucht ein Ventil. Entweder bei Sportveranstaltungen oder eben alle vier Jahre nach der Wahl. Aber danach verstehen sich alle wieder und das Leben geht weiter wie vorher auch. Die Armen bleiben arm und die Reichen treffen sich wieder bei Brötchen und Sekt.

Ich habe mich dann entschlossen, das mit der Reihenfolge aufzugeben. Und es hat sich ganz von selbst die Frage aufgedrängt, wie es möglich ist, dass Menschen wirklich glauben, sie könnten die Welt ordnen. Sie könnten für die ganze Welt schlüssig sagen, was richtig und was falsch ist, wer wo steht oder stehen darf, wer verrecken soll oder abgewickelt wird. Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die genau wissen, wo die Guten und wo die Schlechten hinmüssen. So nach dem Motto: „Alle in einer Reihe aufstellen! Alle acht Milliarden Menschen in einer Reihe aufstellen! Dann stehen die da, dann kommt der eine, also der, der alles weiß, oder diejenigen, die alles wissen, und die teilen dann ein: gut – böse. ziemlich gut, ziemlich böse, noch ein bisschen gut – nur ein bisschen böse… Und ich schaffe es nicht einmal mit zehn? Weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen – weil es ja um Menschen geht, um Menschen über die ich urteile.

Ich glaube, die Rassentheorie ist doch nicht ganz falsch. Es gibt zwei Rassen auf dieser Welt. Die Herrenrasse, als diejenigen, die oben sind, die Machthaber. Und die anderen. Der unwichtige Rest. Der Rest ist zwar ein überwiegender Großteil der Menschen, aber eben leider die falsche Rasse. Und daher nicht der Rede wert…

Tuonane baadaye Hope Theatre Nairobi

Heute sind die Leiterinnen der Hope Art Theatre Nairobi NGO zurückgeflogen. Die letzte Woche war noch sehr arbeitsintensiv. Von Montag bis Mittwoch standen Proben für unseren Auftritt in den Städtischen Museen Heilbronn auf der Tagesordnung, während ich am Dienstag nach Mönchengladbach fuhr, um Christine Link von Exile, einer unserer frühesten Partnerorganisationen zu besuchen. Wir arbeiten seit 2014 zusammen und treffen uns einmal pro Jahr im Vorfeld der Tournee, um die Kooperation vorzubereiten, aber auch um uns über die aktuellen Themen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit auszutauschen. Die Gespräche sind immer sehr intensiv und motivierend, auch wenn wir natürlich immer wieder ins Schimpfen kommen. Denn es ist nicht einzusehen, warum wir alle, also ein überwiegender Großteil der Bevölkerung, darunter leiden müssen, dass sich die Politik nur mehr in von der Bevölkerung ziemlich abgekoppelten Machtkämpfen und Selbstzerfleischungsoperationen verzettelt. Das Geflecht der Regierungen in der Landes- Bundes- EU- und Weltpolitik sowie der verschiedenen Lobbys wirtschaftlicher Interessen hat sich lange in immer kleineren Maschen zu einem stabilen Netz verfestigt, das jetzt rasant Risse bekommt. Auslöser waren die Wahl von Trump zum US-Präsidenten, der Brexit, das Erstarken des IS und der dreckige Deal von Merkel mit Erdogan. Der ganze Wahnsinn der Politik, die immer mehrfache und sich widersprechende Interessen vertreten muss, war und ist im Syrienkrieg wie durch ein Brennglas zu sehen. Haben wir bisher in der Öffentlichkeit Brandherde und humanitäre Katastrophen immer weit weg halten können (die Unterdrückung der Tibeter, der Palästinenser, verschiedener afrikanischer Minderheiten, der Kurden, der indigenen Bevölkerung Amerikas, der arabischen Bevölkerung in den Öl-Nationen, um nur ein paar Langzeit-Probleme zu nennen) kam der Syrienkrieg durch die Massenflucht direkt zu uns nach Deutschland. Wobei das Problem vor allem darin bestanden hatte, dass man den Krieg 4 Jahre ebenso ignoriert hat wie alle anderen Kriege dieser Welt auch. Die deutsche Bundesregierung war mit Ausgleichen im Sinne des Geschäftemachers gut gefahren und plötzlich brach alles auf. Und jetzt merken wir plötzlich, dass auch sonst vieles nicht stimmt, die Korruption bei den deutschen Großbaustellen, der Nicht-Zusammenhalt in der EU, die überzogenen Mietpreise, die Unterversorgung in der Pflege und Bildung, der Klimawandel, der Dieselskandal, die ganze Beschwichtigungspolitik. Und da wir uns bei den bildungspolitischen Themen der Einen Welt eben auch mit dieser ganzen einen Welt beschäftigen, kommt man immer wieder ins (Ver)zweifeln. Was tun die mit uns und was können wir eigentlich noch tun? Nach meinem Treffen mit Christine besuchte ich noch Wynnie Kangwana in Saarbrücken und brachte ihr eine große Kiste von Laptops der Hilfsorganisation Labdoo, die ich vor ein paar Wochen aus Mühlheim an der Ruhr geholt hatte und die nun von einer Delegation der fairtrade-Initiative Saarbrücken nach Kenia gebracht werden. Über Labdoo werde ich in einem anderen Blog noch ausführlicher berichten. Wynnie Kangwana kommt ursprünglich aus Kenia, hat in Deutschland studiert und ist eine der Hauptakteurinnen des fairen Handels in Saarbrücken, das Bundesland, das anstrebt, das erste fairtrade – Bundesland zu werden. Dort werden wir mit dem Hope Theatre auch 2019 wieder auftreten.

Am Mittwoch Abend waren wir dann bei Hannes Lauer und seiner Frau zum Essen eingeladen. Er ist einer der beiden Autoren des Stücks „Stop breathing, it can damage your health“ mit dem wir im Frühjahr 2018 Premiere hatten und das auch im Museum in Heilbronn auf dem Spielplan stand. Es war ein sehr netter Abend, der darin endetet, dass wir uns gegenseitig HipHop und Popmusik aus unseren Heimatländern vorspielten. Von Attwenger aus Österreich über Söhne Mannheims bis zu Nyachakunga aus Kenya. Das Hope Theatre schreibt seine eigenen politischen Pop-Songs zu den Themen und ist in der modernen Musikszene sehr bewandert. Und manchmal sehr unterschiedlicher Meinung. Am Donnerstag hatten wir einen Chat „in eigener Sache“ mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen. Wir waren mit Lehrerinnen und Lehrern per Internet verbunden und konnten unser Programm für 2019 vorstellen, vor allem das Stück „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“. In Thüringen sind wir zwar in sehr gutem und produktivem Kontakt mit verschiedenen Schulen durch den Chat der Welten, aber wir haben kaum Vorstellungen in Schulen, da reicht das Geld nicht. Denn obwohl eigentlich alle Parteien Bildung immer zu einem ihrer zentralen Themen im Wahlkampf machen wird an der Schulbildung überall und weiterhin gespart und gespart und gespart und die kontinuierlichen Sparmaßnahmen werden uns dann als Bildungsinnovationen verkauft. Ich habe es mir in meiner mittlerweile doch recht langen beruflichen Laufbahn zum Prinzip gemacht, nur dann öffentlich zu jammern, wenn ein Problem nicht nur mich betrifft, sondern viele. Wenn ich in meiner Arbeit kritisiert werde so ist das legitim und das muss ich verkraften, das gehört zu meinem Beruf. Wenn ich aber sehe, dass ich ein (kleiner) Teil eines allgemeinen Problems bin, dann schreibe oder spreche ich darüber. Das Hope Theatre wird von so vielen Schulen jedes Jahr wieder eingeladen und hat so viel gute Presse und Feedback, dass ich es mir erlauben kann über die Probleme der deutschen Schulpolitik zu schreiben, diese waren auch Thema mit Christine Link, die selbst zwei Kinder hat.

Mein geschätzter Kollege Erick Fund Marigu, der seit 2013 Mitglied beim Hope Theatre Nairobi ist, in Kenia eine eigene Theatergruppe hatte, seit 2017 in Deutschland lebt und im Juli eine gefeierte Premiere im Theater der Altstadt spielte, hatte bei seinem (verpflichtenden!) Deutschkurs für die B1 – Prüfung hintereinander 7 verschiedene Lehrerinnen und Lehrer, einige davon gar nicht als Deutschlehrer ausgebildet. Erick hat die Prüfung bestanden, als einer von wenigen, aber vor allem durch die Hilfe meiner Regieassistentin am Theater der Altstadt, einer pensionierten Deutschlehrerin. Bei den Proben erzählte er immer, dass es Wahnsinn sei, was sich da abspiele. Und genau das ist das Problem: es gibt kein Geld für Schulen, kein Geld für Bildung, kein Bedürfnis nach einem breit gefächerten Angebot für eine immer differenziertere Gesellschaft. Und die vielen Männer ohne Zukunft und ohne Bildungsangebot nennt man dann abfällig Männerhorden. Deutschland hat so viel Geld, aber nicht für die jungen Menschen, nicht für die Begabten, oder die Randgruppen, oder die Flüchtlinge, oder die Musischen, oder die naturwissenschaftlich Orientierten etc. Alles, was Fantasie und Budget benötigt wird vergessen. Und das macht aggressiv, und genau das erleben wir jetzt. Wenn man zum Beispiel liest, dass Audi in der Dieselaffäre ein Bußgeld in Höhe von 800 Millionen Euro akzeptiert, weil sich „die Audi AG zu ihrer Verantwortung für die vorgefallenen Aufsichtspflichtverletzungen bekennt“ so wird sich ein junger Mann aus Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund berechtigterweise fragen, warum es in seine Schule hineinregnet und es keinen Lehrer gibt für Deutsch, wo er schwach ist und für Physik, wo er stark ist. Und wenn man dann noch darüber informiert wird, dass die mit 30,8 Prozent an VW beteiligte Porsche SE durch den Manipulationsskandal bei Audi in Mitleidenschaft gezogen wird und für 2018 nur mit einem Nettogewinn von 2,5 bis 3,5 Milliarden Euro rechnet, dann möchte man wissen, warum in einer Gemeinde, in der niemand etwas manipuliert hat, kein Geld für das Hallenbad übrig ist und das Jugendhaus geschlossen wird und kein Geld für Theateraufführungen zur Verfügung steht. Und wenn man darauf keine Antwort bekommt, dann bekommt man stattdessen eine Wut. Dann kann es schonmal vorkommen, dass die jungen Menschen saufen und mit dem Auto zu schnell durchs Dorf fahren, oder sich beim Fußball die Köpfe einschlagen, oder ein Mädchen vergewaltigen, oder sich einer radikalen Gruppe anschließen und so weiter. Das ist zwar für die jungen Menschen nicht hilfreich und ändert an ihrem Problem nichts, aber wenn ohnehin alles egal ist dann ist eben alles egal. Denn man weiß schon sehr lange, dass sich Frustration in Gewalt umwandelt. Das ist im Gazastreifen nicht anders als in Baden-Württemberg oder in Sachsen.

Am Freitag spielten wir dann unser Stück zum Klimawandel im Städtischen Museum im Deutschhof in Heilbronn. Vor etwa 120 begeisterten Schülerinnen und Schülern, mit anschließender Diskussion und anschließenden leckeren Linsen mit Spätzle. Es war eine wunderschöne Vorstellung zum Abschluss der kleinen Herbsttournee und wir fuhren glücklich und müde mit dem Regionalzug nach Stuttgart zurück. Zu diesem Abend und der Rückfahrt möchte ich noch folgendes ergänzen: zum einen kann man über das Klimastück „Stop breathing, it can damage your Health“ zur Frühjahrstournee 2018 einen ausführlichen Blog der Gruppe lesen (link siehe website: http://www.hope-theatre.info), zum zweiten sind Heilbronn und das Heilbronner Land mittlerweile ein Zentrum des Hope Theatre Nairobi mit mehr als 10 Schulbuchungen und mehreren sehr unterschiedlichen Workshop-Programmen und zum dritten ist es immer wieder verwunderlich, was für alte Züge auf schlechter Strecke in einem der reichsten Gebiete der Welt unterwegs sind. Dass der Stuttgarter Hauptbahnhof während des unendlichen Umbaus nicht mehr renoviert wird ist klar, aber dass Städteverbindungen zu Würzburg, Schwäbisch-Hall, Karlsruhe oder Tübingen in derart marodem Zustand sind ist jedenfalls befremdlich. Mit ähnlich klapprigen Zügen aus dem Altertum fuhren wir dann am Samstag nach Appenweier um von dort zur GV des kifafa e.V. abgeholt zu werden. Kifafa ist das Swahili – Wort für Epilepsie, womit das Hauptgeschäft des Vereins hinlänglich erklärt ist. Neben Aufklärung, Therapie und Medikament -Support betreibt kifafa ein Waisenhaus für Mädchen in Kendubay am Viktoriasee. Dort arbeitet das Hope Theatre regelmäßig mit den Mädchen. Auch in der Region Kehl – Appenweier werden wir wieder mehrere Auftritte haben. Diese kontinuierlich gewachsenen Partnerschaften wie mit kifafa, dem Landkreis Heilbronn, kikuna Dornstadt oder Exile sind die Säulen unserer Tournee. Schulen, die uns jedes Jahr buchen, Kooperationen auf die wir uns verlassen können, machen die Kalkulation einer Tournee mittlerweile sehr realistisch. Das hat natürlich ein paar Jahre gedauert, aber wenn man bedenkt, dass wir unsere erste Tournee durch Schulen in Deutschland überhaupt erst 2014 durchgeführt haben, dann sind wir ganz gut im Rennen.

Zur Wahl in Hessen gibt es einen hervorragenden Kommentar, den ich hier auszugsweise zitieren möchte. Er passt auf die besagte weltpolitische Entwicklung. Denn auch in Brasilien wurde gewählt und mit Bolsonaro ein nächster Hardliner in die Weltpolitik berufen.

„Einen Plural von Zeitgeist gibt es laut Duden in der deutschen Sprache nicht. In Bayern, in Hessen, in der politischen Realität ist das anders. Es gibt derzeit zwei Zeitgeiste, einen Zeitgeist I und einen Zeitgeist II, die sich an Wahltagen materialisieren. Zeitgeist I ist schon länger bei der AfD zu Hause, Zeitgeist II wohnt neuerdings wohlig bei den Grünen.

Zeitgeist I ist nationalistisch, fremdenfeindlich und europafeindlich; er ist dem autoritären Denken zugeneigt und hat manchmal braune Tupfen. Zeitgeist II ist europafreundlich, liberal und ökologisch; er ist grundrechtsbewusst auch dann, wenn es um Minderheiten geht. Zeitgeist I ist einer, der Abschließung und Ausschluss propagiert. Zeitgeist II propagiert Aufgeschlossenheit und Öffnung. Der Zeitgeist I und der Zeitgeist II stehen für die gespaltene Mentalität des Zeitalters.

Aus: Süddeutsche Zeitung, Kommentar von Heribert Prantl, 28. 10. 2018

Natürlich freue ich mich, dass 50 Jahre nach dem Erscheinen des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome mittlerweile immerhin durchschnittlich 20% ökologische Bedürfnisse und Themen wählen. Also ein Fünftel der Bevölkerung begreift sich mittlerweile als Teil eines begrenzten Systems. Diese Haltung entspricht der unsrigen, unseren Themen, unserer Hoffnung ebenso wie unserem kritischen Blick und man kann nur hoffen, dass die Grünen, wenn sie jetzt mehr Einfluss haben, nicht ähnlich wie in Österreich die ökologischen Themen vergessen. Aber es zeigt auch, dass die Welt immer mehr polarisiert wird und die Menschen offenbar genug haben von der gemütlichen Beschwichtigungspolitik und als Reaktion auf die Hilflosigkeit gegenüber den Vorgängen auch sehr fragwürdige und gefährliche Schritte setzen. Protestwahl kann sich nämlich ebenso wie Wut auch gegen sich selbst richten. Diese Instabilität ist den großen internationalen Playern durchaus angenehm, denn so können sie ungestört ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik betreiben. Eine breite politische Verantwortung ist zwar nur durch die Kooperation mit den Multis denkbar, kann sie aber auch in der Spur halten. Das wird nun mehr und mehr unmöglich. Was die Grünen einem brasilianischen Ausverkauf von Umwelt- und Menschenrechten entgegensetzen kann bleibt fraglich.

Alle Gute für den Novemberbeginn,

Stephan und das Hope Theatre

Arbeitsplätze sichern sozialen Frieden

Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen. Das sozialistische Wien der 70er – Jahre entwickelte gemeinsam mit der bürgerlichen Fraktion ein Konzept für die Stadt, das bis heute bewundert wird: lebenswerte Infrastruktur und Vollbeschäftigung. Das war natürlich nicht immer so, denn Ende der 60er und Anfang der 70er wollte man Stadtautobahnen durch die City und den Grüngürtel schlagen, nach dem Vorbild Hannovers und Stuttgarts, aber Geldnot und die ersten Bürgerinitiativen konnten diesen Irrsinn verhindern und heute ist man froh darum. (Widerstand hat also durchaus auch was Gutes!) Ein hervorragendes U- und S-Bahnnetz, Parkhäuser, Fußgängerzonen, Einkaufsmeilen und intensiver Tourismus lassen die Stadt blühen und ziehen immer mehr Touristen und Arbeitsfelder nach Wien und Umgebung. Ich kam 1972 nach Wien ins Gymnasium und habe die ganze Entwicklung von der maroden, rußgeschwärzten, abgasgeschwängerten, altmodischen Hauptstadt weit im Osten zur lebenswerten, modernen, innovativen, multinationalen Metropole im Herzen Europas, miterlebt.

Szenenwechsel:

Seit 2009 verbringe ich einen wichtigen Teil meines Privatlebens in Nairobi, ebenso wie Wien beherbergt Nairobi die UNO und viele internationale Organisationen, hat mit Wangari Maatei eine namhafte Umweltschützerin und zentrale Parkanlagen und Grüngürtel erhalten und erlebt BürgerInnenbewegungen. Die freie und unabhängige Republik ist nur 9 Jahre jünger als die freie und unabhängige Republik Österreich. Die Metropole ist multinational, im Verhältnis zu anderen Metropolen ziemlich aufgeschlossen und in vielen Bereichen recht modern. Vor allem in der Architektur zeigt sich Nairobi als innovative Großstadt und macht deutlich, was in Afrika möglich wäre. Wenn man es denn zuließe. Denn, im Gegensatz zu Wien gibt es vor allem ein großes Problem: Arbeit. Von Vollbeschäftigung gar keine Rede. Es gibt viele Schulen, großteils sehr gute, viele junge Menschen haben einen Schulabschluss und das war es dann. Die Zukunft heißt jobben, abhängen, dealen und NGO-hopping. So nennen die jungen Menschen die Tätigkeiten bei den unterschiedlichen Nicht-Regierungs-Organisationen (oder auf englisch eben Non-Government-Organisation). Und damit kommen wir zum Problem: unsere Förderstrukturen für Projekte in Afrika sind mit überwiegender Mehrheit kurzfristig angelegt, also maximal 2 – 3 Jahre. Das macht Sinn. Für uns hier. Denn zum einen können wir immer wieder neue Projekte anstoßen und zum anderen können wir sehr viele Projekte dokumentieren. Aber für die Menschen vor Ort ist das vollkommen kontraproduktiv. Denn wirkliche Veränderungen hin zu sozialen Strukturen und Planungssicherheit brauchen einen langen Atem und der wird durch ständig neue Projekte nicht erreicht. Klar, die große Anzahl an Projekten klingt toll und da Entwicklungszusammenarbeit leider sehr oft ebenso dem eurozentrierten Blick folgt wie Wirtschaftspolitik ist das langfristige Ergebnis in Afrika nebensächlich.

Die Lüge des Freihandelsabkommens mit den Ostafrikanischen Ländern kommt genau aus demselben Geist wie die Zollbestimmungen gegen die afrikanischen Länder. Es geht um den Wohlstand Europas. Und die Projektarbeit und Projektförderung in Deutschland und der EU denkt da selten anders. Es muss sich für uns rechnen und zwar kurzfristig. Selten habe ich erlebt, dass zuerst die Menschen in Kenia gefragt werden, was sie benötigen, bevor man hier überlegt, was man tun kann. Die Kriterien werden hier überlegt und geschaffen und die Menschen dort müssen sich freuen. Von daher kann ich eine Studentin gut verstehen, die in Jena bei einer Diskussion angemahnt hat, dass die Zusammenarbeit mit den Ländern des Südens doch wieder nur eine Bestimmerpolitik sei. Richtig. Und deshalb gebe ich nicht auf, das Hope Theatre Nairobi regelmäßig nach Deutschland zu holen. Denn erstens soll man hier mit den Menschen reden, die in einem afrikanischen Land leben und zweitens sollen wenigstens 10 Menschen durch meine Initiative Planungssicherheit haben. Denn auch wenn das Projekt hier in Deutschland oft belächelt wird, wurden 10 kontinuierliche und mehr als 30 temporär unterstützende Arbeitsplätze geschaffen. Und da ist es primär egal, ob es sich um Schreiner, Maurer, Künstler oder Busfahrer handelt.

Zum gemeinsamen Projekt an den beruflichen Schulen Heilbronn schreibt die Innitiatorin des Schulaustauschs mit Kenia, Frau Silke Fischer, einen Gastbeitrag:

Globales Lernen mit dem Hope-Theater Nairobi an der Christiane-Herzog-Schule Heilbronn

Im Rahmen des Partnerschaftsprojektes „Connecting Youth – Jugend in Eurafrika“ der CHS Heilbronn mit der Bishop-Sulumeti-Girls-High-School Kakamega und der NGO Mathare Children Fund panairobi (MCFp)Nairobi / Kenia, war in den ersten drei Oktoberwochen eine Gruppe von 5 Schülerinnen unserer Partnerschule zusammen mit ihrer stellvertretenden Schulleiterin Mrs. Doris Onginjo und Mr. Augustine Waziru, einem Sozialarbeiter des MCFp zu Besuch an unserer Schule. Für die jährlichen Begegnungen – in den ungeraden Jahren fährt eine deutsche Schülergruppe nach Kenia, in den geraden Jahren kommt eine kenianische Gruppe zu uns – wählt sich die Gruppe jeweils ein globales Thema, welches in einem gemeinsamen Projekt bearbeitet wird.

Diskriminierung und Rassismus, ein Thema das aufgrund weltweit zunehmender nationalistischer Strömungen bei gleichzeitig immer stärkerer wechselseitiger Abhängigkeit aller Länder der Erde voneinander, in den Fokus der Gruppe geriet und damit zum diesjährigen Projektthema gewählt wurde. Kein leichtes Thema für junge Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten, aber wie sich zeigte ein Thema, das schnell zu einem größeren Verständnis füreinander führen kann.

Das angestrebte Projektziel, ein Tanztheaterstück zum Thema Diskriminierung und Rassismus auf die Bühne zu bringen,  drohte aufgrund der Erkrankung der kenianischen Tanz- und Theaterpädagogin Veronika Mbaya zu scheitern, bis uns ein glücklicher Zufall bei der langen Nacht der Kultur in Heilbronn in Kontakt mit dem Hope-Theater Nairobi brachte. In einer selbstlosen und mitreißenden Aktion gelang es den Profis aus Nairobi in nur vier Tagen die Ideen unserer Gruppe aufzunehmen und mit uns in ein pantomimisches Tanztheater zu verschiedenen Arten der Diskriminierung umzusetzen. Für unsere Gruppe ein in verschiedener Hinsicht aufwühlendes Erlebnis. Denn zum einen ist es gar nicht so einfach Dinge die man vermitteln möchte mit dem eigenen Körper auszudrücken und das auch noch so, dass es gut aussieht und zur Musik passt. Da musste dann doch der eine oder andere innere Schweinehund überwunden werden.

Zum anderen stellten die Proben die im globalen Norden doch sehr weit verbreitete Ansicht, dass „wir im Norden“ „denen da im Süden“ überlegen sind und in erster Linie helfen müssen, radikal auf den Kopf. Stattdessen haben wir gelernt dass…

…wir zwar alle verschieden sind, es aber ein „wir hier“ und „die dort“ nicht gibt und jede und jeder in der Gruppe bestimmte Dinge gut kann und damit ihren oder seinen ganz besonderen Platz in der Gruppe hat.

…wir alle viel mehr können als wir dachten, wenn wir uns auf Neues und Unbekanntes wirklich einlassen.

…Herkunft und Aussehen völlig unwichtig sind, wenn man zusammen an einem Ziel arbeitet

…alle gewinnen, wenn jede und jeder offen dafür ist von anderen zu lernen.

Unser ganz besonderer Dank geht daher an:

Pauline und Monica, die in unglaublicher Geschwindigkeit erfasst haben, was wir gerne machen und was wir ausdrücken wollten und was in den vier Tagen machbar sein wird. Mit ihrer großen Erfahrung in der Arbeit an Tanz und sozial-politischem Theater mit Schülerinnen und Schülern aller Altersstufen haben sie es geschafft mehr aus jedem Mitglied der Gruppe herauszuholen als wir geahnt hätten.

Moffat, der mit viel Geduld und seinen Trommeln die passende Musik zu unserem Stück gefunden und gespielt hat, eine Probe geleitet und uns auch bei der Aufführung begleitet hat.

Winfred (Winnie), bei den letzten Proben nochmal jede und jeden im Auge hatte und dem Ganzen den Feinschliff verpasst hat.

Stephan, der an der langen Nacht der Kultur in Heilbronn sofort und ohne Wenn und Aber gesagt hat: tolles Projekt, wir helfen euch und der mit seiner unermüdlichen Schaffenskraft Unglaubliches auf die Beine stellt.

Ganz bestimmt war dies zwar unser erstes, aber nicht unser letztes gemeinsames Projekt mit dem Hope-Theater Nairobi.  Nächstes Jahr an der CHS und spätestens wenn wir zu unserer International Students Academy wieder in Kenia unterwegs sind geht die Geschichte weiter…

Silke Fischer

 

Traurig

Der Journalist Jamal Khashoggis ist also ermordet worden. In der Botschaft des Königreichs Saudi Arabien in Istanbul. Und alle sind sehr traurig. 18 Tage lang wusste niemand, wo sich der Journalist, der in die USA emigriert ist und seine türkische Lebensgefährtin heiraten wollte, wofür er Dokumente aus der Botschaft seines Heimatlandes benötigte, aufhielt, ob er die Botschaft wieder verlassen, oder noch immer in ihr anwesend oder als Geist aus dem Fenster genebelt war und plötzlich wusste man die Details und gab diese um 1 Uhr Nachts, zu einer Zeit also, in der das Königreich schlief, in einem eher kurzen Statement offiziell bekannt. Der Bericht von Spiegel online vom 20. 10. 2018 liest sich wie ein Drehbuch eines neuen James Bond – Films und man ist doch immer wieder überrascht, dass die Wirklichkeit nicht wesentlich anders funktioniert als das Unterhaltungskino. Traurig ist das Saudische Königshaus, weil sie ein paar ihrer guten Männer zur Verantwortung ziehen müssen, das läuft dann ähnlich ab wie bei unserem Herrn Maaßen, traurig ist der Amerikanische Präsident, wiewohl er sofort mitteilte, dass die Waffenlieferungen ebenso unbeeindruckt bleiben würden wie das Ölgeschäft, traurig ist auch der Herr Erdogan, da er doch in seinem Lande Bitteschön selber entscheiden möchte, wer hier wie getötet, gefoltert oder eingesperrt wird und traurig ist natürlich auch unser Herr Maas, der gerade erst seinen Kniefall vor den Saudis absolviert hatte. Besonders aber ist man traurig, dass Saudi Arabien jetzt wieder in schlechtem Licht dasteht in der Öffentlichkeit, der Jemen-Krieg wieder diskutiert wird und das alles, wo man doch die Wirtschaft wieder ungestört und von der Öffentlichkeit im Wesentlichen unbemerkt, mit dem Königreich ankurbeln wollte.

Auch in NRW ist man sehr traurig. Hat man doch viele Jahre durch verschiedene Regierungskonstellationen hinweg intensiv mit der RWE zusammengearbeitet und am Braunkohleabbau festgehalten. Man weiß natürlich, dass die Braunkohle – Kraftwerke zu den schlimmsten Luftverpestern zählen, aber da man in der Regierungskoalition gleich formuliert hatte, dass die Klimaziele ohnehin nicht erreicht würden, stand dem forcierten Abbau nichts mehr im Wege. Und jetzt hat sich die Bevölkerung also gewehrt und das Gericht erstmal nein gesagt zu den bereits von der Politik zugesagten Fakten. Der deutsche Partnerverein des Hope Theatre Nairobi sitzt in Stuttgart, hier weiß man, dass sich die Bevölkerung nie durchsetzen wird, denn auch Stuttgart 21 wird gebaut, weil man auch in Freiburg und in Lauda über den Bahnhof abstimmen durfte und obwohl alles noch viel teurer und komplizierter und langwieriger wird als damals von den Gegnern (unter denen sich auch hochrangige Expertinnen befanden) vorausgesagt – egal, gebaut wird. Und daher darf man auch davon ausgehen, dass sich auch hier das Geld, also die RWE durchsetzen wird. Denn die Politik ist nicht mehr im Dienste der Bevölkerung unterwegs, sondern im Dienste der Konzerne. Wie man ja auch gut bei den Diesel-Gesprächen in Brüssel sehen konnte.

Dort wurde beschlossen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen von 2020 bis 2030 um 35% sinken soll. Deutschland war sehr traurig. Denn die Bundesregierung wollte nur 30% reduzieren während viele europäische Länder 40% anstrebten. Die Umweltministerin hat „ihren Widerstand aufgegeben und damit eine einheitliche Position der Bundesregierung möglich gemacht, die eine ähnliche Linie wie die Autobranche vertritt.“ Diesem Satz aus der Zeit folgt im selben Artikel ein anderer: „Ein Großteil der deutschen Bevölkerung befürwortet strengere CO2-Grenzwerte, wie eine Studie darlegt…“ (Umweltministerin akzeptiert laschere CO2-Vorgaben für Autos, Zeit online, 26. 9. 2018) Das ist das wirklich Traurige, dass die Bevölkerung jetzt bereits überall mitreden will, sogar bei der Autoindustrie. Und dabei leben so viele vom Autobau. Das ist natürlich richtig, aber ein gesünderes Auto würde keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern nur die Atmungserkrankungen bei Kindern und älteren Menschen ein wenig reduzieren und vielleicht den Managern weniger Gewinne und damit weniger Dividende bringen. Und das wäre natürlich extrem traurig. Also sollte sich so wenig wie möglich ändern, vor allem nicht im Bereich der Aktiengewinne deutscher Topverdiener. Natürlich glaube ich nicht, dass wir aufhören sollten, Auto zu fahren, das wäre nicht durchsetzbar. Aber man könnte umdenken, wenn man wollte, aber man will nicht.

Dazu passt, wie ich finde, ein Auszug aus dem Bericht der Klimakonferenz:

Der Weltklimarat wurde damit beauftragt, einen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel zu erstellen. Er analysierte daraufhin über 6000 Studien. Die Zusammenfassung des neuen Berichts wurde in der vergangenen Woche mit Vertretern von 195 Staaten abgestimmt, so dass diese nun ein politisches Gewicht hat. Die Daten sind auch Grundlage für die Weltklimakonferenz im Dezember im polnischen Katowice.

Der globale Ausstoß etwa von Kohlendioxid (CO2) müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 Null erreichen. Nach dem neuen IPCC-Bericht kann der Mensch im Vergleich zu älteren Berichten möglicherweise etwas mehr CO2 ausstoßen, um dennoch das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Darauf folgte ein Statement deutscher PolitikerInnen: Hofreiter und Schulze fordern schnelles Handeln.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze setzte sich für schnelles Handeln ein. „Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren. Das ist die Kernbotschaft des Berichts“, sagte die SPD-Politikerin. „Die nächsten Jahre sind entscheidend, damit unser Planet nicht aus dem Gleichgewicht gerät.“ Man müsse den Abschied von Kohle, Öl und Gas hinbekommen.“

Da lesen Sie es. Und was passiert…?

Deutschland gehört zu den Meistern der Versprechungen. Man hat ein System entwickelt, uns ständig Glauben zu machen, das die Politik in unserem Sinne, also im Sinne der Bevölkerung, handelt. Dafür wurden Statistiken geschaffen, Arbeitsberichte, Tabellen und Evaluierungen. Und in diesem Dickicht der vielen Formulierungen passiert, was den Gewinn voranbringt. Denn der Gewinn ist neutral. Originellerweise war es ein CDU-Politiker, der eine andere Vision hatte, mit der man die Welt anders hätte organisieren können. Menschlicher. Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard war von 1929 – 1963 Bundesminister für Wirtschaft und galt in dieser Funktion als Vater des deutschen Wirtschaftswunders und der Sozialen Marktwirtschaft. Heute behauptet man, dass Angela Merkel die CDU mehr nach links geführt hatte, aber da stimmt bei genauerem Hinsehen gar nicht. In ihren Reden ja, in ihrem Handeln nein. Und das ist dieser unangenehme Geschmack der Koalitionsregierung seit Merkel – diese extreme Diskrepanz zwischen Handeln und Reden. Vieles von dem was gesagt wird ist eigentlich zu begrüßen, nun erkennen wir aber langsam, dass davon kaum etwas umgesetzt wurde, oder nur unvollkommen und nur kurzfristig. Die großen Themen wurden ungeheuerlich viel öffentlich debattiert und damit wurde uns das Gefühl vermittelt, dass auch etwas passiert. Aber es passiert nichts. Und das hat der Wähler mittlerweile gemerkt. Sehr zum Groll der Regierenden, die überhaupt keinen Sinn darin sehen, an dem Prinzip „Wir haben die Macht und daher behalten wir sie auch“ etwas zu verändern. In den 12 Jahren der Ära Merkel haben sich viele Strukturen und Partnerschaften verfestigt, sehr zum Nutzen der Protagonisten und ihres Umfelds – und sehr zum Schaden der Bevölkerung.

Auch in Bayern war man über die Wahl sehr traurig. Aber auch hier hat man in wenigen Stunden bereits einen Weg gefunden, um nichts ändern zu müssen. Im Gegenteil, der Wahlverlust liest sich jetzt wie ein gemeinsamer Sieg, Söder wird bleiben was er war (in jeder Hinsicht) und Bayern ebenso. Auch wenn es in der Bevölkerung dramatisch rumort, aber das wird ausgesessen. Denn wenn wir etwas in den letzten 12 Jahren gelernt haben, dann die Fähigkeit des Aussitzens. Im 13ten Jahr wird das Aussitzen zunehmend schwieriger, da die Bevölkerung nicht mehr alles so einfach hinnehmen möchte. Plötzlich erinnert man sich, dass wir nur wegen Fukushima aus dem Atomzeitalter ausgestiegen sind, jedenfalls so halbwegs, nicht aus Überzeugung. Entscheidungen über unsere Gesundheit sind also Wahlzuckerl. Das wird bei der Braunkohle nicht anders, und beim Auto auch nicht. Aber die Bevölkerung regt sich. Nach der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung war es ruhig geworden in Deutschland, man hat sich einlullen lassen. Schröder hatte die SPD zertrümmert und Merkel die FDP und jetzt sägt sie an der CDU. Aber das Volk blieb insgesamt sehr ruhig. Nun reicht es. Nun will man wieder Resultate sehen und nicht nur Statistiken und Protokolle.

Wir waren wieder zu Gast in Jena, beim Eine-Welt-Netzwerk Thüringen. Wir trafen uns mit Kolleginnen und Kollegen des Chat-der-Welten-Programms um über Verbesserungen und Intensivierungen des Projekts zu sprechen, seit über 2 Jahren sind wir nun bereits in einem direkten Dialog zwischen Thüringen und Kenia. Dieser Chat ist – für alle, die es nicht wissen – ein Programm, das von Engagement-Global gefördert wird und bei dem SchülerInnen und ExpertInnen per Internet live miteinander sprechen. Über Ernährung, Lebensgefühl, Schulweg, Politik, Umweltprobleme, Natur, Freundschaften und so weiter. Ein grandioses Programm, das leider viel zu wenig präsent ist und nur durch das große Engagement einiger weniger richtig am Leben erhalten wird. Das Besondere ist, dass in diesem Programm genau das passiert, was eigentlich passieren sollte, nämlich der direkte Kontakt auf Augenhöhe. Nicht wir reden über die Menschen woanders, wie das leider meistens der Fall ist, sondern die Menschen reden direkt miteinander. Betreut durch ExpertInnen auf beiden Seiten. Zwei Mal im Jahr, wenn die MitgliederInnen des Hope Theatre in Deutschland sind, treffen wir uns persönlich und tauschen uns aus. Natürlich hat das Projekt auch Probleme: es gibt kein Budget für die Schulen und die Veranstalterinnen aus den anderen Ländern. Man benötigt einen Computer und einen Internetanschluss. Man muss sich vorbereiten und Interesse an den Menschen aus anderen Ländern entwickeln. Das ist in der deutschen Entwicklungspolitik noch etwas schwerfällig. Noch möchte man lieber seine Programme abspulen und über die Menschen dort sprechen als mit ihnen. Miteinander sprechen scheint überhaupt etwas zu sein, das mit Argwohn behandelt wird. Viel wichtiger sind Listen, übergeordnete Programme, Konzepte, Zielsetzungen und so weiter. Der Dialog auf Augenhöhe ist so ein Konzept-Titel, so ein Projekt. Dass der Dialog miteinander dazugehört und dass es durchaus sinnvoll ist, jungen Menschen aus Kenia, Mexiko, Brasilien, Südafrika etc. zuhören, zeigen die wunderbaren Ergebnisse des Chat der Welten mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen.

Auch in Bayern denkt man über die Menschenrechte nach. Karl-Heinz Rummenigge mahnt Artikel 1 des Grundgesetzes an, weil die Medien ausnahmsweise den FC Bayern nicht in seinem Sinne berichterstattungsmäßig unterstützt haben. Das ist wirklich sehr mutig. Der FC Bayern, der regelmäßig Spieler aus anderen Vereinen rauskauft oder durch Angebote irritiert, um die Konkurrenz nicht stark werden zu lassen, deren beiden Bosse Karl-Heinz Rumginge und Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung – also Betrug an der Bevölkerung – rechtskräftig verurteilt wurden (Karl-Heinz Rummenigge ohne Gefängnisaufenthalt) und nichts desto trotz weiter gesellschaftliches Vorbild im Sport sein dürfen sind beleidigt, weil ihre Mannschaft kritisiert wird. Und sprechen von Menschenrechten. Also da gehört schon eine große Arroganz und Dreistigkeit dazu. Vor allem, weil man doch in Deutschland gerne auf die eigene Pressefreiheit verweist und gerne über andere redet, die gerne die Journalisten korrigieren oder angreifen oder ausmerzen. Herr Rummenigge hatte 2013 zwei goldene Rolex mitgebracht. Geschenke aus Katar im Wert etwa 100.000,- € für seine Sammlung. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um seine Menschenrechte und wünsche mir den FC Bayern in die 3. Liga. Die CSU und der FC Bayern waren mal ein Packerl. Es wird die Welt nicht retten, aber es tut gut, dass beide mal eine auf den selbstherrlichen Deckel bekommen haben. In anderen Ländern werden Journalisten ins Gefängnis geworfen, weil sie Betrug und Missstände aufzeigen, in Deutschland werden Journalisten beschimpft, weil sie schreiben, was jeder sehen konnte: das Bayern gerade nicht gewinnt. Zynischer geht’s kaum…

Ich bemühe mich, mit jährlicher privater Bezuschussung, den kontinuierlich für das Projekt arbeitenden Menschen in Kenia 200,- pro Monat zu zahlen, die Leute arbeiten das ganze Jahr, entwickeln Stücke zu relevanten Themen und spielen in Deutschland ausgebuchte Tourneen. Trotzdem rechnet sich das Projekt nicht, da afrikanisches Theater keine Lobby hat und der Sinn, Theater aus Afrika in Deutschland zu präsentieren, noch immer nicht wirklich verstanden wird. Fußball trägt offensichtlich mehr zur Völkerverständigung bei, vor allem zwischen Dakar und München. Auch das ist irgendwie traurig…

Der nächste Blog kommt aus den Beruflichen Schulen Heilbronn, die seit knapp 15 Jahren eine Austausch-Initiative mit einer kenianischen Schule haben…

viel Spaß beim Lesen wünscht das Hope Theatre Nairobi (ohne Rolex)

Trommeln für alle… !

Gestern, 6. Oktober, sind wir bei der langen Nacht der Kultur Heilbronn im Deutschhofkeller aufgetreten. Es war ein kurzer, schöner und übervoll besuchter Auftritt, wir spielten 2 Szenen, zeigten einen traditionellen Tanz und einen HipHop und gaben, sehr zur Freude des Publikums, einen kurzen Tanzworkshop. Nach einer halben Stunde war die Aufführung vorbei und es wurde schon für die nächste Gruppe aufgebaut. Im Innenhof trafen wir dann SchülerInnen, LehrerInnen und kenianische AustauschschülerInnen der Christiane-Herzog-Schule Heilbronn und hatten sehr viel Spaß zusammen. Wir werden sie in einer Woche bei einem gemeinsamen Theaterprojekt unterstützen, manchmal finden gute Dinge eben ganz spontan statt. Vor unserem Auftritt hatten wir, organisiert von unserem engagierten Mitstreiter und Freund Christoph Schulz, ein Treffen mit LehrerInnen und ElternvertreterInnen mehrere Schulen aus dem Landkreis Heilbronn, um über die Projekte auf unserer Tournee 2019 zu sprechen, der Kreis der Schulen in der Region wächst und wir werden wahrscheinlich ingesamt 2 Wochen mit Schulen im Landkreis und der Stadt Heilbronn zusammenarbeiten. Das ist sehr erfreulich. Bevor wir dann zu späterer Stunde noch etwas essen gingen sahen und hörten wir einer deutschen Trommelgruppe zu. Im Programm stand dazu: „Die Musik Afrikas ist Ausdruck von Kraft und Lebensfreude. Die Trommel ist auf jedem Erdteil und bei allen Kulturen bekannt. (…) Die Gruppe Hakuna Matata aus Löwenstein besteht seit 2003.“ Wir erlebten großartige Musik, dargeboten von mehreren Männern, alle aus der Region, alle weißhäufig, alle deutschsprachig. Ich habe damit überhaupt kein Problem, im Gegenteil, ich freue mich, wenn Menschen hier die Musik, die Rhythmen und die Kultur des Afrikanischen Kontinents toll finden und sich mit ihr beschäftigen und sie interpretieren. Womit ich aber ein Problem habe ist die Tatsache, dass man dem Hope Theatre Nairobi, einer Gruppe von Menschen, die in Nairobi leben und in Kenia geboren sind, unterstellen möchte, dass sie ihre Musik als Folklore für uns Deutsche spielen. Soll heißen, wir hier in Deutschland dürfen afrikanische Musik machen, aber die Menschen aus einem afrikanischen Land nicht, weil das – Originalzitat – „ein falsches Afrikabild präsentiert“. Wir haben dazu eine Szene geschrieben mit dem Titel „Second Hand People“ Der moderne Afrikaner soll aussehen wie ein Europäer, aber natürlich etwas abgetragen. Das ist eine der vielen absurden Weltsichten eines Landes, das sich vor allem mit sich selbst beschäftigt. Gestatten Sie mir einen Sprung nach Nairobi, seit 2013 meine zweite Heimat. Dort saß ich bei einem Geschäftstermin mit 4 Männern und 3 Frauen an einem Tisch, es ging um Regionalwahlen, nicht um Kultur, die Personen waren folgendermaßen gekleidet: die Politikerin hatte ein in Kenia genähtes Kleid im europäischen Stil mit einer kenianischen Kopfbedeckung, eine zweite Frau trug ein traditionelles Kleid aus kenianischem Stoff, die 3. Frau ein schwarzes Business-Dress, ein Herr war im Anzug, einer im Kaftan, einer in Hose und afrikanischem Hemd und einer mit Jeans und einem T-Shirt vom FC Barcelona. Eine bunte Mischung, niemand hat sich gewundert oder irgendwas thematisiert. Diese Gespräche finden immer nur hier in Deutschland statt, wer wie aussehen soll und warum und was man davon hält. Da ist Nairobi viel moderner, aufgeschlossener und weltoffener.

Nein, wir sind keine afrikanische Trommelgruppe, ja, wir sind eine kenianische Theatergruppe, die auch Tanz- und Musikszenen hat, auch HipHop (selbst geschrieben) und auch traditionelle – nein nicht afrikanische – sondern kenianische Musik. Eine der beiden Szenen war aus unserem Stück zum Klimawandel – Herr Ökonomie und Frau Ökologie treffen sich zufällig und haben ein Streitgespräch. Eigentlich eine Art Trennungsgespräch. Die Ökonomie hat sich von der Ökologie getrennt und geht nun ihren eigenen Weg. Nach der Szene konnte ich noch kurz meiner Freude Ausdruck verleihen, (privat, nicht als Figur verständlicherweise), dass RWE eine Niederlage erlitten hatte, der Rechtsstaat hat die Politik in die Schranken gewiesen. Dazu ein (gekürzter) Auszug  aus der Zeit online 6. Oktober 2018: „Am späten Freitagvormittag verschickte das Oberverwaltungsgericht Münster ein Urteil, das sowohl Braunkohlegegner als auch RWE überraschte. Die Richter verhängten nach Beschwerde des BUND per Eilbeschluss ein vorübergehendes Rodungsverbot. (…) Die Justiz hatte den Konzern in die Schranken gewiesen und die schwarz-gelbe Landesregierung blamiert, die mit einem für Nordrhein-Westfalen historischen Großaufgebot der Polizei ein paar Dutzend Baumbewohner vertreiben ließ. (…) Beseelt steht nun Hubert Weiger vor dem Infopoint des BUND. Der Bundesvorsitzende des Umweltverbands ist begeistert von der Stimmung, die von einer neuen Umweltbewegung künde. „Es ist eine neue Bewegung, die von der Jugend dominiert wird und die nicht gewillt ist, weiter hinzunehmen, wie ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird“, sagt er. „Das ist ein großes Zeichen, auch an die Demokratie.“Die Demo am Hambacher Forst soll der Beginn von etwas Größerem sein, da sind sich die Menschen hier einig. Es gehe nicht mehr allein um die Energiewende, sondern vielmehr um das Bedürfnis der Menschen nach Wiederbelebung einer träge gewordenen Demokratie. „Ob dieses kleine Stück Wald nun bleibt oder nicht, ist mir eigentlich nicht so wichtig“, sagt Demonstrant Junge. „Ich bin gekommen, um zu zeigen, dass ich es nicht mehr hinnehmen will, dass Konzerne für die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen das Geschehen diktieren und die Politik sie gegen den mehrheitlichen Willen des Volkes dabei unterstützt.“ Die Autohersteller und der Dieselskandal, RWE und der Hambacher Forst, all das seien die jüngsten Beispiele dafür, wie die Politik an den Menschen vorbeiregiere und den Radikalen auf diese Weise die Wähler in die Arme treibe. „So kann es doch nicht weitergehen.“

Das macht Mut. Und gleichzeitig natürlich auch wieder nicht, denn auch in Stuttgart hatten die BürgerInnen mit allen ihren Argumenten recht, wie sich jetzt herausstellt, der Bahnhof wird trotzdem gebaut. Für jemanden wie mich, der erfolgreich an der Rettung der Hainburg Au in den frühen 80er Jahren beteiligt war, der erfolgreich gegen das Österreichische Atomkraftwerk mitgekämpft hat und der 1978 als Landesschulsprecher eine Ausstellung zum Buch „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome organisiert hatte stellt sich die Frage, ob sich eigentlich irgendetwas seit damals geändert hat. Im Weltdurchschnitt. Unser Stück „Stop breathing, it can damage your health“ von den KlimaexpertInnen Hannes Lauer und Natalia Roizzenzon-Sipple, das wir im Frühjahr 2018 auf unserer Deutschlandtournee sehr erfolgreich gespielt hatten und am 26. Oktober auch im Museum im Deutschhof spielen werden, hat mich nachdenklich und resigniert gemacht. Ja, es haben sich in Deutschland ein paar Faktoren gegenüber 1968, dem Jahr der Erstveröffentlichung des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ verbessert, nein, weltweit ist die Gesamtsituation nicht besser geworden sondern schlechter. Es nützt nichts, hier über Diesel zu diskutieren, wenn die Ozeanriesen und die Kreuzfahrtschiffe ungeniert den Dreck in die Luft pusten und die Autos, die in Deutschland nicht mehr fahren dürfen, in ein anderes, vielleicht weit entferntes Land verschickt werden. Irgendwann haben wir den Dreck gleichmäßig verteilt auch wieder bei uns. „Wir haben nur eine Luft“ heißt es in unserem Stück. Und da will uns 2018 ein Energiekonzern weiß machen, dass wir ohne Braunkohle untergehen. Auf der Website erklärt RWE die Braunkohle als alternativlos. Dabei wissen wir, dass Deutschland Stromüberschuss exportieren muss. Ebenso Lebensmittelüberschuss… Wir leiden keine Not, auch nicht im Energiebereich. Aber wir haben zunehmend Klima- und Gesundheitsprobleme. Die Bundesregierung verkauft uns den Dieseldeal als politischen Erfolg. Und vergisst dabei zu erwähnen, dass die Automobilindustrie nicht zur Kasse gebeten wird sondern wir, die Steuerzahler.

Vor 3 Tagen saßen wir bei fairtrade Deutschland im Headquarter in Köln. 2 x im Jahr treffen wir unseren Partner Dieter Overath zum inhaltlichen Update. Wo hat der Faire Handel Fortschritte gemacht und wo nicht, und warum. Wo können wir bei unseren Auftritten in Schulen helfen, was müssen wir intensiv thematisieren, wo sind fairtrade Grenzen gesetzt und so weiter… Die Geschichte mit dem Fairen Handel ist, wie vieles das gerecht und fair sein will, nicht unkompliziert. Es ist interessant, dass bei fairtrade viele irgendeinen Verdacht haben, dass irgendwas nicht ganz so hundertprozentig ist wie vorgegeben. Bei Nestle fragt seltsamerweise niemand nach. Bei Coca Cola und McDonald’s auch nicht. Im Bereich des fairen Handels gibt es auch Kritiker, die es nicht gut finden, dass sich fairtrade dem Discounter geöffnet hat, da es ja per se nicht erfreulich ist, dass der deutsche Lebensmittelhandel zu über 80% in der Hand von 4 großen Playern ist. Die sollte man nicht auch noch mit fairem Image unterstützen. Das stimmt. Andererseits würde man ihnen dann das ganze Feld überlassen und der faire Handel blieb eine Nische für wenige wirklich intensiv Interessierte. Um aber vielen Menschen im armen Süden eine Chance zu geben, müssen viele faire Produkte verkauft werden und es ist nunmal eine Tatsache, dass die meisten Menschen eher im Discounter einkaufen und da ein paar faire Produkte kaufen, als dass sie für Kaffee oder Schokolade extra in den Weltladen gehen. Umgekehrt ist im Weltladen das Angebot aus speziellen Produkten, Kunsthandwerk, einem breiten Sortiment aus fair gehandelten Süßwaren und Geschenkartikel zu erwerben, das man im Discounter nicht findet. Die Zusammenarbeit wäre also sicher für alle Beteiligten gut, Zusammenarbeit für die gute Sache ist aber oft schwierig, weil alles immer gleich grundsätzlich wird. Wahrscheinlich ist das ein wesentliches Problem der Menschen, die sich für etwas engagieren, dass es ihnen nicht egal ist, wie genau die Idee umgesetzt werden soll. Da haben es die Manager einfacher. Denen ist alles egal, Hauptsache es bringt Gewinn. Dieter hat uns jedenfalls zwei bemerkenswerte Zahlen genannt: zum einen werden mittlerweile fast ein Drittel aller in Deutschland verkaufen Bananen fair gehandelt. Und zweitens hat der fair gehandelte Kaffee in Deutschland noch immer nicht die 5% erreicht. 96% des Kaffees ist also das Ergebnis von miesen Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, ungebremstem Gifteinsatz, Fehlen jeglicher Frauen- und ArbeiterInnenrechte, Preisdumping und Lebensraumzerstörung. Ob unsere Bayerischen „mir san mir“ – Politiker vor der Wahl besonders viel unmenschlichen Kaffee trinken? – Da ihnen die Menschen außerhalb des schönen Landes wesentlich unwichtiger sind als das Weltall ist es sehr wahrscheinlich, dass sie bei fairem Kaffee glauben, dass es ein bayerisches Produkt ist und sie den größten Gewinn machen, weil es Fairness ja nur für den bayerischen Konsumenten geben darf. Und für die Bayerische Staatskasse… Übrigens engagiert sie der BVB für den fairen Handel, der FC Bayern nicht.

In Brasilien kann man von einer Wende ausgehen. Jair Messias Bolsonaro wird wohl die Stichwahl gewinnen, der Erfolg des Rechtsextremen in der ersten Runde zeigt, dass die Sehnsucht nach einfachen Parolen, nach Radikalität und nach unhaltbaren Heilsversprechen immer mehr Menschen erfasst. Der Ex-Militär versteht sich als Retter Brasiliens, hetzt gegen Homosexuelle und Schwarze, verspricht keine Gnade für Verbrecher, für Indogene und für den Regenwald und wird von den Streitkräften, einem großen Teil der Wirtschaft und den Evangelikalen unterstützt. Er verspricht Steuererleichterung für die Reichen und Vereinfachung der Bewaffnung. „Das Problem der Diktatur war, dass sie nur gefoltert und nicht getötet haben“ sagte er auf einer Wahlkampfveranstaltung. Was treibt die Menschen an, jemanden zu wählen, der sexistisch und rassistisch ist? Was haben wir aus der Geschichte gelernt? Arm will reich werden und reich will reich bleiben. Das ist eigentlich alles. Und da einfache Parolen den Armen gefallen und Steuersenkung für Reiche den Reichen ist man schnell über 40%. Bei einem Treffen mit der Jungen Union hat Bundeskanzlerin angemahnt, dass ihr geschäftsführender Vorstand schön männlich sei, aber 50 Prozent des Volkes fehlen würden. „Frauen bereichern das Leben, glauben Sie mir: nicht nur privat, sondern auch politisch.“ Auch das Kabinett von Innenminister Horst Seehofer ist rein männlich. Das Bild zu Seehofers Männerministerium wurde nach heftiger Kritik durch ein Foto des Gebäudes ersetzt, die Männer aber blieben. Wir befinden uns 50 Jahre nach der Studentenrevolution, in einem Land der Frauenrechte, der gleichgeschlechtlichen Ehe, der Gleichstellungsanwaltschaft, mit einer Frau an der Regierungsspitze seit mehr als 12 Jahren, was ist hier eigentlich passiert? Seit 1968 wird geredet – und zum Jubiläum wird erkannt: dass alles soweit beim alten ist oder nach einer Irritation der Geschichte durch Freiheits- Umweltschutz- und Menschlichkeitsgedanken alles wieder dort angekommen ist, wo es hingehört: im konservativen männlichen Weltbild.

Ein Bild aber ist anders: während wir in Brasilien, den USA, Kanada und vielen anderen Ländern des amerikanischen Kontinents weiße Eroberer-Nachfahren als Staatschefs haben sind es in Afrika Einheimische. Nicht alle sind gut, manche sind sogar richtig schlecht, aber sie sind Menschen ihrer Heimat, keine Besatzer, keine Fremden, die sich anmaßen, ein Land regieren zu können, in dem sie die Urbevölkerung ignorieren oder diskriminieren, oder ausrotten. Die afrikanischen Länder haben es schwer, sind großteils jünger als die durchschnittliche Lebenserwartung und waren fremdbesetzt. Aber sie haben sich durchgesetzt – mühsam, ungeschult, traditionsverbunden, aufbegehrend, wild, diplomatisch, missbraucht – und sind ihre eigenen Verwalter. Und trotzdem maßen wir uns an, „den Afrikaner“ aufklären zu müssen? Warum? Weil er sich uns widersetzt? Weil er sich nicht erobern und vernichten ließ? Wollen wir deswegen, dass „der Afrikaner“ wenigstens europäisch aussieht und Cello spielt anstatt zu trommeln, damit wir nicht ganz und gar zugeben müssen, dass diese Menschen alles ausgehalten, alle Schmach und Erniedrigung ertragen und sich selbst dabei nicht verloren haben? Obwohl der sogenannte Westen alles versucht (hat), den Schwarzen Menschen zu diskriminieren, zu diskreditieren und zu ruinieren. Bayern first, America first, Brasilien first, Energiekonzerne first, Autokonzerne first, Chemielandwirtschaft first und so weiter… Die weiße Geldmachmaschine gräbt sich weiter ins humane Erdreich. Aber die Menschen, die weggeschafft werden sollen wie das Unterholz, beginnen sich wieder einmal zu wehren. Man muss wieder an etwas glauben und dafür eintreten. Das ist primär die Notwendigkeit um einer Politik entgegenzutreten, die jegliche moralische Hemmschwelle verloren hat. Frau Kanzlerin Merkel hat gesagt, man muss sich mehr um Afrika kümmern. Dazu darf ich abschließend für heute ein Magazin zitieren: Unter dem Titel „Marshallplan mit Afrika – Guter Plan oder schlechter Witz“ ist u.a. zu lesen: Die Bundesregierung hat kürzlich entschieden, sich nicht direkt an den UN-Gesprächen für ein Menschenrechtsabkommen (mit Afrika) zu beteiligen und führt damit die gesamte Rhetorik des Marshallplans mit Afrika einmal mehr ad absurdum. Hier der Link zum ganzen, ausgesprochen lesenswerten Artikel: https://www.medico.de/guter-plan-oder-schlechter-witz-17078/

Seit 50 Jahren wird für Umweltschutz, Frieden, Abrüstung, Gleichstellung, Menschenrechte, wird gegen Diskriminierung, Kinderhandel und Kinderarbeit, Unterdrückung von Minderheiten, Chemiewaffen, Abholzung und Ausbeutung von Rohstoffen und so weiter demonstriert – und wie am Sandstrand ist am nächsten Morgen wieder alles wie es war.

Wie jedes Jahr ist es eine große Überraschung, dass nach mehreren Spiel-Wochen der Bundesliga nicht alle Vereine unter den ersten 3 sind. Das sind die wahren Probleme…

Bis nächste Woche,

poa sana

Informationen zum Projekt unter: http://www.hope-theatre.info

Buchungen für unsere Jubiläumstournee unter: lroth.htn@web.de

Das Problem mit den Menschenrechten

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe nicht vor, in diesem Blog jede Woche meinen persönlichen Pressespiegel zu veröffentlichen, aber diese Woche war so voll von aufschlussreichen und zusammenpassenden Informationen, dass es kaum möglich ist, diesen Thriller noch durch persönliche Gedanken zu toppen. Eigentlich steckte in dieser Woche das ganze Dilemma, mit dem wir uns in unseren Texten und Collagen auseinandersetzen.

Außenminister Maas hat gegenüber Saudi Arabien sein Bedauern über Missverständnisse in der Vergangenheit ausgedrückt und die diplomatischen Beziehungen wieder hergestellt. Im Focus kann der Artikel unter dem Titel „ Kniefall in New York: Maas entschuldigt sich bei Saudis für Sigmar Gabriel“ nachgelesen werden. Nach Lektüre wird schnell offensichtlich, dass es vornehmlich um wirtschaftliche Beweggründe geht. Sigmar Gabriel hatte als Außenminister Kritik an der (kriegerischen) Außenpolitik im Jemen geübt, womit sofort die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurde. Klar, ein Land, in dem Frauen ähnlich gehalten werden wie Hunde in Deutschland ist nicht geschult, mit Kritik umzugehen. Dabei sollte bedacht werden, dass Sigmar Gabriel zum Beispiel im Zusammenhang mit der Türkei vor einem moralischen Rigorismus in der Deutschen Politik gewarnt hat. „Wenn wir nur noch die Staaten respektvoll behandeln, die unsere Vorstellungen von Demokratie teilen, sind wir bald ziemlich einsam und einflusslos auf der Welt.“ (Ex-Außenminister warnt Berlin und EU vor türkischer Atombombe – Focus online). Wenn selbst der (sagen wir es höflich) extrem wirtschaftsliberale Gabriel ein politisches Problem mit Saudi Arabien hat, dann kann man sich ungefähr das Ausmaß der undemokratischen Strukturen vorstellen, die Herr Maas nun locker lächelnd in Kauf nimmt. Im Internet findet man zahlreiche Artikel über die Verhaftung von Frauenrechtlerinnen in Saudi-Arabien im Mai 2018. Das Hope Theatre hat eine Szene recherchiert und geschrieben zu Arbeitssklaven in demselben Land. Wenn das kenianische Ensemble fähig ist, zu recherchieren, dann sollten das deutsche Politiker eigentlich auch sein, solle man meinen. Aber unliebsame Artikel werden von unseren Politikern offensichtlich entweder nicht gelesen oder ignoriert. Wirtschaftsexperten rechnen jedenfalls seit dem Kniefall mit einem spürbaren Exportanstieg. Und genau darum geht es. Wahrscheinlich ausschließlich…

Dazu passt natürlich der Empfang eines Autokraten mit militärischen Ehren, dessen Wendehals – Politik eigentlich  jegliches Vertrauen zerstören muss. Manche Deutsche Politiker haben ihre Haltung sehr deutlich gemacht, das ist das Positive der Wochenend-Veranstaltung. Ob das etwas bewegen wird bleibt fraglich, schließlich möchte man erstens Geld verdienen und zweitens die Flüchtlinge weiterhin weit weg und für uns zumeist unsichtbar parken, und dafür benötigt man eben die Türkei. Wir, das Hope Theatre Nairobi, hatten uns vor 3 Jahren bereits gefragt, warum Europa, wenn das Thema Flucht laut Bundesregierung ein europäisches Thema sein soll, nicht auch von Europäischen Ländern getragen werden soll – also in diesem Fall vor allem durch die Unterstützung von Spanien, Italien und Griechenland. Warum ausgerechnet von einer politisch wankelmütigen Türkei. Der Deutsche Außenminister hat zu den Fragen der Opposition und auch zahlreicher Regierungsmitglieder bloß verlauten lassen, dass Kritik eben Teil der Demokratie in Deutschland ist und damit war die Sache dann vom Tisch. Dass es in der Türkei Willkür gibt im Umgang mit Kritikern, Journalisten und Minderheiten ist nebensächlich. Ob es da moralisch wirklich ausreichend ist wenn als Gegenleistung zum Beispiel für das Milliardenprojekt einer türkischen Bahnaufrüstung ein paar Deutsche aus der türkischen Haft entlassen werden, ist fraglich.

Fast möchte man meinen, dass manche Herrn Erdogan für seinen politischen Stil ein bisschen neidisch sind. Wir müssen in Deutschland immer noch so tun, als ginge es nicht nur ums Geld Verdienen sondern auch um politische Moral. Das ist anstrengend. Da geht es anderen Ländern in Europa bereits wesentlich besser. Österreich zum Beispiel, mein Heimatland, das ich 1994 aus beruflichen Gründen verlassen habe, ist offensichtlich und unverblümt rechtspopulistisch und demokratiefeindlich geworden. Die Bundesregierung tut gleich gar nicht so, als ging es ihr um hehre Ziele. Erstaunlicherweise aber ohne nennenswerte Probleme in der (über)regionalen Öffentlichkeit. Im Jahr 2000 sprach die EU Sanktionen gegenüber Österreich aus, als es das erste Mal die rechtspopulistische FPÖ in die Regierung geschafft hatte. Damals war der rechte Teil der Partei schnell zum Schweigen gebracht. 2017 hat es die rechtspopulistische FPÖ wieder in die Regierung geschafft, mit wesentlich schärferem Nationalbewusstsein und einem durchaus rechtsverliebten Kanzler – und niemand hat etwas dagegen. In Deutschland hat diese Woche erstmals ein CDU-Politiker eine Koalition mit der AfD für möglich gehalten. Europa ist kälter geworden. Man ist wieder zu vielem bereit, was vor 20 Jahren noch undenkbar war. In Österreich gab es in der vergangenen Woche einen klaren Auftrag des Innenministeriums, die Presse gezielter mit den „richtigen“ Nachrichten zu versorgen. Pressefreiheit ade – dazu gibt es ein sehr kluges und aufschlussreiches Interview mit Florian Klenk, dem Chefredakteur des Falter. „Pressefreiheit in Österreich: ‚Eine Karotte für die Braven, einen Stock für die Kritischen“ vom 25. 9. 2018 in der Zeit Online. Da muss man es der Kanzlerin, die vieles falsch gemacht hat, hoch anrechnen, dass sie zu den Vorbereitungen des Tags der Deutschen Einheit vor wenigen Tagen folgendes formulierte:

„Nein, es gibt keine Entschuldigung und Begründung für Hetze, zum Teil Anwendung von Gewalt, Naziparolen, Anfeindungen von Menschen, die anders aussehen, die ein jüdisches Restaurant besitzen, Angriffe auf Polizisten. Und begriffliche Auseinandersetzungen darüber, ob es nun Hetze oder Hetzjagd ist, helfen uns dabei wirklich nicht weiter, meine Damen und Herren. Das kann doch nur eines heißen: Dem stellen wir uns entschieden entgegen, und zwar ganz im Geiste von Artikel 1 unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Artikel 1 gilt für jeden Menschen, und wer dagegen verstößt, der legt die Axt an die Wurzel unseres Zusammenlebens…“

Und in einem anderen Zusammenhang sagte sie: „Aber auch da müssen wir einen klaren Schlussstrich ziehen, dort, wo Hass ist, wo generelle Verdächtigungen sind, wo Minderheiten ausgegrenzt werden. Da muss man sich absolut abgrenzen…“

Aber wenn die Kanzlerin dieses Statement abgibt, warum ist dann unsere Politik so anders? Warum konnten in den letzten Jahren Begriffe wie Wirtschaftsflüchtling oder Sicheres Herkunftsland erfunden werden, rigorose Abschiebegesetze durchgesetzt, ein unwürdiger Deal mit der Türkei durchgeführt und intensive Beziehungen zu Diktaturen oder demokratiefeindlichen Systemen weiterhin oder wieder geführt werden?  Alles aus Gründen des Schutzes der Menschenrechte? Aber welcher Rechte welcher Menschen? Der Rechte von Politikern, globalen Wirtschaftstreibenden, einer reichen Elite und konservativen Inländern. Die entscheidende Frage ist doch: wenn wir uns schon dazu überwinden, dass wir mit Regierungen Geschäfte machen, die kein großes Verständnis für die Existenz ihrer Bürgerinnen und Bürger haben, warum sind dann die Menschen in unserem geliebten Deutschland nicht alle sehr reich? Für irgendwen muss sich dieser ganze beschämende Irrsinn doch lohnen. Oder? Unsere Schulen brechen zusammen, es gibt zu wenig Lehrpersonal, zu wenig Krankenhaus- und Pflegepersonal, viele Menschen benötigen 3 Jobs um über die Runden zu kommen, weil es zu wenig seriös bezahlte Arbeit gibt und so weiter… Wie past denn das alles zusammen?

Bemerkenswert ist dazu der Satz des deutsch-äthiopischen Autors Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate bei seinem Einführungsvortrag beim Wirtschaftsgipfel Afrika 2018 des Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg am 20. 9. 2018: „Es waren die europäischen Länder, die Jahrzehntelang die korrupten Machthaber in Afrikanischen Ländern unterstützt und mit ihrer selbstsüchtigen Wirtschafts- und Agrarpolitik die extreme Armut in Afrika vorangetrieben haben. Der Reichtum des Westens beruht auf wirtschaftlicher Ausbeutung. Aber nur wenn der Westen Afrika als Partner behandelt und diejenigen Staaten unterstützt, die demokratische Strukturen aufbauen und in ihre Jugend investieren, kann verhindert werden, dass die fluchtbereiten Menschen zu Millionen ihre Heimat Richtung Europa verlassen…“ Das Beispiel mit den Hühnern ist wohl bekannt: Europa exportiert Hühnerklein zu subventionierten Dumpingpreisen nach Afrika und zerstört auf diese Weise das Einkommen der einheimischen Bauern. Afrikanische Flüchtlinge arbeiten schlecht bezahlt in europäischen Hühnerfarmen…

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht naiv. Weltpolitik ist kein Kindergeburtstag. Aber irgendeine ethische Linie muss es doch geben, eine Linie, die man nicht überschreitet. Weil man sich daran erinnert, dass für die Grundrechte des Menschen gekämpft wurde und dass es eine Konvention der Vereinten Nationen gibt, die (fast) alle Nationen dieser Erde unterzeichnet haben… „Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren…“ (1948) Werden wir uns mit unserer politischen Collage „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“ der Lächerlichkeit preisgeben, weil wir uns noch immer darum bemühen, die Menschenrechte ernst zu nehmen und zu vertreten…?

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss: Hans-Georg Maaßen verdient bald doch mehr Geld. (t-online.de)

Kein Kommentar.

Wünsche eine schöne Woche,

kwa heri,

Stephan

http://www.hope-theatre.info

KICK OFF

Liebe Leserin, lieber Leser,

herzlich Willkommen auf meinem Blog zur Vorbereitung der Jubiläumstournee „10 Jahre Hope Theatre Nairobi – 10 years for peace and equality“

Ich werde ab jetzt jede Woche einen Beitrag posten – Erinnerungen an die gemeinsamen 10 Jahre, Überlegungen zum Thema „Afrika und Europa“, Stationen der Vorbereitungen zur Tournee, Einblicke in die Sorgen, Nöte, Freuden und Erfolge des Hope Theatre Nairobi, Kommentare zur Politik im Zusammenhang mit der Frage, ob das Bedürfnis nach Frieden ein unrealistischer romantischer Kitsch einiger ewig Naiver ist oder das einzige Ziel für das sich Engagement und persönlicher Aufwand überhaupt lohnt.

Gemeinsam mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich überlegen, was man tun kann, was man tun sollte und ob es noch sinnvoll ist, sich darüber Gedanken zu machen. Es wird eine politische und assoziative Seite werden, ein Tagebuch der Gedanken über das Menschsein in einer Welt der globalen Kommunikation ohne Dialog. Ob das Ergebnis kritisch, resignativ oder hoffnungsvoll sein wird kann ich jetzt noch nicht beantworten, da ich selber zwischen diesen Emotionen schwanke. Wenn ich die Zeitungsartikel der letzten Tage zusammenfasse ist der Ansatz eher resignativ, aber es kann sich ja noch vieles ändern…

Im Herbst 2015 begannen wir das Thema „Flucht“ zu bearbeiten, der konkrete Anlass war die Reise der Deutschen Bundeskanzlerin in die Türkei, um mit dem Autokraten Erdogan einen Deal auszuhandeln, in diesem Fall aber nicht über wirtschaftliche Zusammenarbeit sondern über das Ablagern von Menschen. Die Premiere des Stücks fand 2016 statt, in dem Jahr also, das als „Jahr ohne Sommer“ im Internet gefunden werden kann und als eine der größten Fluchtbewegungen des heutigen Baden-Württembergs in die Geschichte einging, über 4,5 Millionen Wirtschaftsflüchtlingen verließen in den darauffolgenden Jahren ihre süddeutsche Heimat.

2018 hatten wir mit unserer politischen Revue „Stop breathing, it can damage your health“ Premiere – das Stück von Natalia Roizzenzon-Sipple und Hannes Lauer thematisiert mit großer Sachkenntnis den Klimawandel – das Premierenjahr 2018 war auch das 50-jährige Jubiläum des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. Dieses Wochenende konnte man wieder über Forstgebiete in Deutschland lesen, die wegen weiterer Braunkohlengewinnung gerodet werden sollen. Wie bei der Atomkraft versuchen Bürgerinnen und Bürger Einhalt zu gebieten, wie damals werden sie kriminalisiert, wie damals wird die Geldvermehrung für Konzernstrategen an oberster Stelle stehen.

Im Juli dieses Jahres hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, das Stück „Allein unter Schwaben“ der Bestsellerautorin Elisabeth Kabatek im Theater der Altstatt in Stuttgart zu inszenieren. Das Stück handelt von einem Flüchtling, der versucht, in Stuttgart heimisch zu werden, der Deutsch lernt, fleißig ist, sich verliebt und zuletzt wieder nach Ghana zurückkehrt, da er hier keine Chance sieht, sein Leben zu ermöglicht. Ein komödiantisches und am Ende traurig realistisches Stück, fast durchgehend ausverkauft und hervorragend kritisiert. Den Flüchtling spielte Erick Fundi Marigu, ein Kenianer, der seit 2013 Mitglied des Hope Theatre Nairobi ist, mittlerweile in der Nähe von Stuttgart lebt, als Vater eines Kindes und nicht als Flüchtling, die Deutschkurse besucht und erfolgreich abgeschlossen hat und nun mit der Realität eines Lebens mit dunkler Haut in Deutschland konfrontiert wird. Sein Bild auf dem Jahresplakat des Theaters wurde mit schwarzem Spay übersprüht und somit aus dem deutschen Alltag entfernt. Dazu möchte ich auch auf den Blog von Elisabeth Kabatek verweisen (https://ekabatek.wordpress.com/2018/09/19/stuttgart-ist-nicht-chemnitz-aber/)

Dieses ereignisreiche Wochenende, in dem die Bundesregierung einen leitenden Beamten, der in die Kritik geraten ist, gleichzeitig entlassen und nicht entlassen möchte und mal wieder einen Deal erarbeitet, der an Absurdität und gesellschaftlicher Ignoranz kaum noch zu überbieten ist, war und ist der Kick Off für unsere Jubiläumstournee. Die Leiterinnen der NGO sind in Deutschland und hatten sowohl am Wirtschaftsgipfel Afrika des Wirtschaftsministeriums teilgenommen, als auch am Intensivseminar von Manager ohne Grenzen. Die Hope Art Theatre Nairobi NGO muss sich, da Förderungen in Deutschland absurderweise deswegen kaum möglich sind, weil wir alles so machen wie es von der Entwicklungszusammenarbeit eingefordert wird, in einer Weise organisieren, dass sie wirtschaftlich und unternehmerisch denken und handeln lernt, ihren Betrieb breiter auffächert und damit Einnahmen schafft, die das Theater selbst fördern können. Über den laufenden Fortgang der Gespräche der NGO-Leiterinnen mit ExpertInnen und KollegInnen werde ich ebenso berichten wie über den Verlauf der Buchungen, das Treffen mit unseren PartnerInnen von fairtrade Deutschland, der SEZ, dem Welthaus Stuttgart, dem Eine-Welt-Netzwerk Thüringen, kifafa, kikuna, den SchulleiterInnen im Heilbronner Land und so weiter…

Ich wünsche Ihnen viel Freude und inspirierende Minuten mit dem Tagebuch zum Jubiläum des Hope Theatre Nairobi – einer Gruppe aus den Armenvierteln einer ebenso großartigen wie problematischen afrikanischen Weltstadt.

Bis nächstes Wochenende grüße ich herzlich,

Stephan

Hope Theatre Nairobi Website:

http://www.hope-theatre.info

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