Aus dem Flugzeug

Ich sitze im Flieger nach Nairobi. Ich fliege mit Qatar Airways und frage mich, ob das gut ist. Soll man arabische Ölscheichbetriebe unterstützen? Wenige Auserwählte, die der Zufall und das Glück zu einem Zeitpunkt auf unwirtliche Gebiete gesetzt hat, als man Öl brauchte und genau unter diesen Wüsten das Geld sprudelt. Wäre ich mit einer Fluggesellschaft von Ludwig XIV. geflogen? Eine Studentin hat mich bei einem Symposium in Jena bezüglich meines Afrikaprojekts als Kulturimperialist angegriffen und es hat eine Zeit gedauert, bis wir uns jenseits der Phrasen – die natürlich teilweise durchaus richtig, aber situationsabhängig sind – konkret unterhalten konnten. Ich habe ihr gesagt, dass ich genau so viel von den Menschen in Afrika lerne wie umgekehrt, dass wir ein gemeinsames Projekt entwickeln, nicht anders, als zum Beispiel ein zeitgenössisches Musiktheater mit KünstlerInnen aus den Niederlanden, Indien und Deutschland, bei dem ich die Ehre hatte, dabei sein zu dürfen. Die Proben fanden 2007 in Stuttgart statt, die Damen und Herren kamen aus 3 Ländern, niemand sprach von Kulturimperialismus. Aber bei Afrika ist gleich wieder alles ein bisschen anders. Ich bemühte mich, begreiflich zu machen, dass es mir neben der gemeinsamen künstlerischen Arbeit vor allem darum geht, Menschen aus einem afrikanischen Land die Möglichkeit zu geben, in Deutschland mit Deutschen engagiert, authentisch und live zu sprechen. Das kostet sehr viel Geld, aber es ist wichtig gerade in Zeiten wie diesen, dass man nicht nur über die Afrikaner redet und sie nicht nur als Flüchtlinge aus einem kleinen Teil des Kontinents wahrnimmt sondern sie vor allem als Menschen sieht, die genau so Fähigkeiten, Träume, Wünsche, Arbeitsmoral, Wut, Spaß und eine Lebensberechtigung haben wie wir. Nur so kann man sich mit der Welt auseinandersetzen, wenn man die Welt auch zulässt und ihr zuhört. Und dann habe ich sie gefragt, weil sie ja sehr über die Probleme in Afrika Bescheid wusste, in welchem Land sie war – ich dachte nämlich, dass sie ein Soziales Jahr hinter sich hatte und deswegen so intensiv, nicht falsch aber doch übertrieben und extrem moralisch argumentiert hat. Die Antwort war verblüffend: in keinem. Ich fliege nicht. Aha. Fliegen ist schlecht für die Umwelt. So kamen wir also vom Kulturimperialismus zum Umweltschutz. Auch hier war das Argument grundsätzlich richtig. Fliegen schadet der Umwelt. Aber im Zusammenhang mit dem Auftreten als Afrikaexpertin passte das dann überhaupt nicht mehr zusammen. Die Deutschen, das muss ich jetzt als halbdeutscher Gastbewohner sagen, erklären und belehren gerne. Und man kann es sich mit einer Anzahl grundsätzlich richtiger Feststellungen sehr häuslich einrichten und gemütlich machen im „ich bin gut – Wohnzimmer“ – aber was heißt das konkret?

Konkret heißt das, dass bald nur mehr die skrupellosen Touristen und die Umwelt- und Lebensraumzerstörer nach Afrika fliegen und ungehindert machen können was sie wollen, weil ihnen niemand mehr widerspricht – weil die, die widersprechen würden, nämlich zuhause sitzen und sich gut fühlen. Der ganze falsche Quatsch über die Deutsche Flüchtlingskrise war doch nur deshalb möglich, weil 1. ein Großteil der deutschen Bevölkerung keine Ahnung vom Großteil der anderen Welt hat, 2. die Boulevardpresse nicht differenziert geschrieben und aufgeklärt hat sondern mit der Angstmache und den Allgemeinplätzen ihre Auflagenzahl erhöhen wollte und weil 3. das Thema nur und ausschließlich aus Deutscher Sicht dargestellt wurde, weil es nämlich gar keine andere Sicht gibt. Weil sich viele nicht auskennen. Und sich nicht auskennen wollen. Weil das eigene Wohnzimmer nämlich sehr bequem ist. Und das ist in Kenia nicht anders. Es ist viel einfacher, sich einzureden, dass alle Weißen Millionäre sind und dass Gott heuer eben mehr Regen schicken wollte, als dass man sich mal mit der eigenen Politik auseinander setzen würde. Denn die kenianische Politik ist natürlich an dem Desaster des Landes sehr wohl mitschuldig. Wenn man MP wird – also Member of Parlament – dann hat man es eigentlich schon geschafft. Die kenianischen Parlamentarier sind extrem reich, teilen sich das Land, das Geld und die Ressourcen untereinander auf und ein großer Rest der Bevölkerung schaut zu. Die Mitglieder des Hope Theatre haben mittlerweile eine andere Sicht auf ihr Land, denn sie haben gesehen, dass die Menschen in Deutschland nicht leben wie im Urlaub sondern hart und viel arbeiten, dass es Bettler gibt die auf der Straße leben, dass der weiße Mann bei der Müllabfuhr arbeitet, im Schlachthof, oder in der Bäckerei. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis für die jungen schwarzen Frauen aus den Slums von Nairobi, dass ihnen ein weißer Mann freundlich Brötchen verkauft hat. Diese Situation am Ankunftstag der ersten Tournee 2012 hat das Weltbild und das Leben verändert. Die vielen Gespräche mit Deutschen haben das Wissen und die Kenntnisse verändert und vergrößert. Das wiederum hat Einfluss auf das Leben in Kenia. Und umgekehrt geht es den SchülerInnen in Deutschland ebenso, nachdem sie mit den Leuten aus Afrika gesprochen, getanzt, diskutiert und gelacht haben. Denn die MitgliederInnen des Hope Theatre Nairobi sind cool, kommen aus einer Großstadt mit mehr Hochhäusern als Frankfurt, können Englisch obwohl sie im Slum leben und haben viel zu erzählen. Man darf sie angreifen und man muss kein Schulgefühl mitschwingen lassen. Man kann darüber reden, dass die Menschen auf der ganzen Welt gut zusammen leben würden, wenn man sie ließe und sie nicht gegeneinander aufbringen würde. Ich glaube ganz fest daran, dass dieser Austausch wesentlich ist. Und solange Touristen, Politiker und Waffenhändler durch die gegen fliegen, müssen auch wir unterwegs sein, um ein Gegengewicht zu schaffen.

Aber mit welcher Fluglinie soll man fliegen? Kann man in der heutigen Zeit überhaupt noch von guten und schlechten Unternehmen sprechen? Aktienmehrheiten bestimmen die Geschicke. Englische Fußballvereine gehören arabischen Konzernen, deutsche Konzerne gehören amerikanischen Mehrheiten, in europäischen Kooperationen finden sich chinesische Partner und so weiter. Afrikanische Länder haben kaum wirtschaftliche Anteile, schon gar keine Mehrheiten. Warum? Weil nur die reichen Länder und Konzerne Mehrheiten kaufen und besitzen können. Und bei internationalen Aktienmehrheiten gibt es keine Landesgrenzen und keine Moral. Ich fliege meistens mit Emirates, Türkish Airlines, oder Äthiopien Airlines. Höchst ungern fliege ich mir KLM – warum? Weil ich dann 4 – 5 Stunden länger in der Luft bin als nötig, also mehr Treibstoff verbrauche als nötig. Regelmäßige LeserInnen werden sich wundern, dass ich mit der türkischen Fluglinie unterwegs bin, wo ich doch so viel und nicht unbedingt positiv über die Türkei schreibe. Dazu folgendes: ich schreibe nicht über die Türkei und schon gar nicht über die Menschen in der Türkei, denn ich kenne sie nicht, ich war noch nie in der Türkei (außer am Flughafen). Ich schreibe über die deutsche Politik am Beispiel der Türkei. Da sie gerade sehr deutlich zeigt, wie sie funktioniert. Und weil ich sie seit dem Flüchtlingsdeal der deutschen Bundeskanzlerin mit dem türkischen Autokraten vor 3 Jahren intensiv beobachte. Über türkische BürgerInnen kann ich nur schreiben, wenn ich über die in Deutschland lebenden schreibe die ich kenne. Ich kenne einige und habe bisher nur positive Erfahrungen mit ihnen gemacht. Ich würde mich nicht einmal trauen, über den türkischen Autokraten Erdogan zu schreiben, das können andere viel besser. Aber ich kann und ich will und ich muss darüber schreiben, dass sich die Deutsche Bundesregierung mit diesem Abkommen schuldig gemacht hat und dass diese Schuld noch viele Menschenleben kosten und viele politische Lügen hervorrufen wird. Und genau darüber schreibe ich auch im Zusammenhang mit Kenia. Über die Moral und die Wahrheit dahinter. Ich schreibe darüber, weil ich als Österreicher in Deutschland lebe und als Deutscher in Kenia und weil ich Österreich und Deutschland (und ein bisschen Europa und die Welt) aus Kenia heraus betrachte. Daher fliege ich zwischen diesen Ländern hin und her und kann anhand der Erfahrungen und der Spiegelperspektive einiges erleben, erfahren und beschreiben. Und manchmal auch aufs große Ganze schließen.

Ein wesentliches Thema unserer Stücke ist der Faire Handel. Alleine dieser Begriff macht ja bereits deutlich, dass der normale Handel nicht unbedingt fair ist. Und das ist das Problem. Ich nenne die deutsche Moral die Bananenmoral. Im deutschen Supermarkt wird man feststellen, dass Äpfel aus der Region teurer sind als Bananen von weit weg. Obwohl die Bananen mit Schiffen weit über den Ozean transportiert werden. Die Erklärung ist ebenso einfach wie beschämend: wir wissen nichts über die Bananenbauern weit weg, und wenn wir mal was erfahren dann verdrängen wir es ganz schnell wieder. Die Bananenbauern weit weg haben – im Gegensatz zu den Obstbauern ganz nah – keine Lobby und keine Rechte. Und das macht die Bananen so billig. Und das war die Idee von Frau Merkel und ihren Beraterinnen und Beratern: wir hier in Deutschland wir machen uns die Hände nicht schmutzig, wir zahlen einem Land, das Geld braucht, vieles dafür, dass sie die Flüchtlinge weit weg parken. Dass Herr Erdogan nicht so dumm ist wie Frau Merkel und ihre Beraterinnen und Berater, Koalitionskolleginnen und Kollegen dachten, sondern den Spieß umgedreht hat und jetzt sagt: wisst Ihr was, Ihr lieben Deutschen, Ihr wolltet mal wieder über uns alle bestimmen, und jetzt bestimme ich über Euch. Denn ich habe Euch in der Hand. Und Deutschland schweigt und staunt. Und wäre Herr Seehofer nicht so unangenehm vorlaut gewesen, weil er in Bayern eine Wahl gewinnen wollte, dann wäre der ganze Deal sogar aufgegangen, denn dann hätte man bald nicht mehr genauer hingeschaut, sondern wäre mit den Zahlen zufrieden gewesen. Kaum noch Flüchtlinge. Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu hat übrigens auch die Österreichische Bundesregierung geleistet. So unangenehm diese Regierung agiert, hat sie Deutschland doch die Flüchtlinge sehr bald vom Hals gehalten. Und darüber denke ich in einer arabischen Fluglinie nach auf dem Weg nach Nairobi, wo wir am kommenden Sonntag beim Green Space Festival der Europäischen Union in Kenia zum 70jährigen Jubiläum der Unterzeichnung der Charta der Menschenrechte auftreten werden.

Die Menschenrechte gehören zu den elementaren, grundlegenden Rechten, ohne die ein geordnetes “menschliches” Miteinander nicht möglich ist. Mit der “Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte” haben die Vereinten Nationen ein Resolution verfasst, die als Absichtserklärung die darin enthaltenen Menschenrechte in möglichst allen Staaten durchsetzen und schützen will. In vielen Verfassungen sind die Menschenrechte mit aufgenommen worden. So sind auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Menschenrechte enthalten. In der UN-Menschenrechtscharta haben sich die Vereinten Nationen zu den allgemeinen Grundsätzen der Menschenrechte bekannt. Auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 ist die Charta verkündet worden. Bereits 1946 wurde eine Fachkommission gegründet, deren Aufgabe darin bestand, einen internationalen Menschenrechtskodex zu entwickeln. Die Kommission unter Leitung der Witwe des ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Eleanor Roosevelt, bestand aus 18 Experten, die unter dem Druck des immer stärker gärenden Ost-West-Konflikts den Plan eines völkerrechtlichen Vertrages aufgeben mussten. Letztendlich einigte man sich auf eine allgemeine unverbindliche Erklärung der Menschenrechte. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde von 48 (vor allem westlich orientierten) Ländern unterzeichnet. 8 Länder haben sich enthalten: Jugoslawien, Polen, Saudi-Arabien, Sowjetunion, Südafrika, Tschechoslowakei, Ukraine und Weißrussland. Es gab keine Gegenstimmen. Da noch viele Länder Kolonien waren bestand die Versammlung aus 56 stimmberechtigten UN-Mitgliedsstaaten. Der Artikel 1 ist die Basis eines neuen Weltbildes: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Am Flughafen von Nairobi empfing mich ein lauer Sommerregen. Nach der Visakontrolle setzte ich mich ins Café und trank meinen ersten Java Housecoffee white strong. Ich war zuhause. Um 9 Uhr wurde ich abgeholt und in die Wohnung gefahren. Dort schlief ich lange und tief.

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