Die Katastrophe

In den letzten Tagen hat man wieder einmal bemerkt, wie schnell ein krisengebeuteltes Land endgültig in den Ausnahmezustand getrieben wird. Die Alpen waren immer wieder ein großes Problem, zum Beispiel weil sie oft topographisch zu kompliziert sind für die notwendigen Grenzzäune. Und nun haben sie dafür gesorgt, dass wir von der Flüchtlingskrise direkt in die Schneekatastrophe geschlittert sind. Haben die Urlauber bisher meistens darunter gelitten, dass es zu wenig Schnee gibt leiden sie jetzt unter der plötzlichen unverhältnismäßigen Überproduktion. Gut, vor 30 Jahren gab es solche Schneemassen jedes Jahr, damals hieß das einfach Winter. Damals waren Menschen, die sich nicht an die Wetterverhältnisse angepasst haben, selbst schuld, heute leiden wir mit den Autofahrern mit Sommerreifen mit und ärgern uns über die Vorhersagen, weil sie die cm-Angaben nicht korrekt vortragen. Menschen, die gewohnt sind, in der Früh mit dem Auto direkt vor die Eingangstüre der Bäckerei zu fahren, um Brötchen zu holen, haben plötzlich eine Schneewand vor sich und müssen einen Bogen gehen, vielleicht sogar einen größeren, an manchen Stellen ist es durch die Schneeberge sogar unmöglich, direkt am Gehweg zu halten, da es selbigen nicht mehr gibt. Menschen, die sich grundsätzlich nicht an Regeln halten, gefährden damit plötzlich sich und ihr Leben, nur weil die Schneekanonen überproduzieren oder die Pistenraupen nicht direkt eingreifen. Autos stehen stundenlang auf Autobahnen im Stau, nicht weil LKW-Fahrer fahrlässig unterwegs sind, sondern weil es unvorbereitet mitten im Januar schneit. Flüchtlingen merken endlich, wie hart das Leben in Deutschland oder Österreich in Wahrheit ist und wenn es so weitergeht, werden viele froh sein, dass sie endlich abgeschoben werden. Afghanistan hat leicht lachen, die haben keinen Wintersport, der jetzt zusammenbricht und keine Autobahnen, die Urlauberkolonnen transportieren müssen und keine Deutsche Bahn, die erst dann den Schneedienst anfordert, wenn sie die eigenen Büros nicht mehr erreichen kann. Oder Syrien. Gut informierte Leser wissen, dass es auch dort kalt sein kann, aber das ist etwas anderes, dort ist man das gewohnt. Wir waren das früher auch gewohnt. Aber das ist lange her. Mittlerweile haben wir der Klimaerwärmung vertraut und technische Hilfsmittel erschaffen um den Schnee so zu produzieren, wie wir ihn benötigen. Es reicht vollkommen, wenn die Pisten weiß sind. Rundherum, auf der Autobahn, auf dem Balkon, in der Stadt, da brauchen wir keinen Schnee, da haben wir andere Themen abzuarbeiten. Und außerdem sind wir eine mobile Gesellschaft und müssen uns bewegen. Schnell und von Tür zu Tür. Da braucht es keine Naturbeschneiung. Das schadet nur dem Gemeinwohl. Klar sieht es nett aus, aber nicht im Januar. Dafür war Weihnachten da – aber? Wo war denn da der Schnee? Jetzt ist es zu spät, jetzt sind die Winterferien vorbei, jetzt müssen wir arbeiten, jetzt ist der Schnee völlig überflüssig.

 

Der österreichische Journalist mit afghanischen Wurzeln Emran Feroz hat in einem Artikel bei Deutschlandfunk.de unter dem Titel „Die andauernde Katastrophe braucht unsere Aufmerksamkeit“  geschrieben, dass 2018 in Afghanistan über 45.000,- Menschen ermordet wurden. Durch Selbstmordattentäter, Kleinwaffen, Bomben, vor allem aber durch unbemannte Drohnen. Eine stolze Zahl. Und in dieses Land, das gegenwärtig zu den tödlichsten Ländern der Welt gehört, schiebt die Bundesregierung unter der Schirmherrschaft unseres bayerischen Terminator und Innenministers des Landes der Menschenrechte Menschen sicher ab. Klar, wenn wir weniger Probleme hätten würden wir bei manchen, die hier arbeiten und vielleicht sogar gerade für die Bahn den Schnee wegschaufeln, ein Auge zudrücken. Aber wir haben hier leider mit großen Themen zu tun und mit großen Probleme zu kämpfen: Frau Merkel muss einen Weg finden, wie sie ausgerechnet die Landwirtschaft in den direkten Zusammenhang mit dem Internet stellen kann, um einen nicht nachvollziehbaren Bogen vom Hackerangriff zur wirtschaftlich einwandfreien Ökologie zu schlagen; Nachdem die Steinkohle abgewickelt wurde muss man die Braunkohle irgendwie unmerklich retten; Marokko ist noch immer kein sicheres Herkunftsland; Die Grünen sind laut bayerischem Staatssekretär die größte Bedrohung überhaupt; Und dann noch diese Schneemassen…! Vielleicht wäre es interessant, herauszufinden, wie viele Menschen durch Krieg, Machtmissbrauch, Waffenhandel, Drogen und Terror in dieser einen Woche weltweit gestorben sind, in der wir hier unaufhörlich von der Katastrophe lesen und den winterlichen Schneefall meinen. Wer veranlasst die Menschen hier, so weltfremd über die nassen Schuhe in Verzweiflung zu geraten, während zigtausende Flüchtlinge in Zelten weit weg von unseren verzweifelten Alpenländern frieren oder erfrieren. Denn die meisten Flüchtlinge, nur um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, befinden sich nicht in unserer krisengebeutelten Alpenregion. Der Tod ist entsetzlich und macht betroffen, egal ob er durch einen Unfall, eine Lawine, einen Infarkt, eine Schusswaffe oder das Alter hervorgerufen wird, aber der Wintersport ist keine Zwangsveranstaltung und der Schneefall keine unvorhergesehene Katastrophe.

 

Seit dem Einmarsch von sowjetischen Truppen vor 40 Jahren befindet sich Afghanistan in kriegsähnlichen Zuständen mit wechselnden Machthabern und Partnern. Menschen, die zum Beispiel 20jährig nach Deutschland kommen, als Flüchtling, haben nicht ur einen weiten und gefährlichen Weg hinter sich, sondern auch nie etwas anderes erlebt als Angst, Schrecken, Armut und Tod. Menschen, die aus den gebirgigen Regionen vor Armut und der Taliban-Miliz flüchten kommen nach Deutschland, das sie aus dem Fernsehen kennen und sollen innerhalb weniger Wochen so denken und handeln und fühlen wie wir. Wir, das sind Menschen, die mehrheitlich gar nicht wissen, wo Afghanistan genau liegt, dass es dort schneit, dass es dort gefährlich ist, dass man dort besser gar nicht hinfliegen sollte (trotz möglicherweise hervorragender wintersportlicher Bedingungen) weil einem ganz schnell das Auto, in dem man sitzt, um die Ohren fliegen kann. Die Menschen dort haben nicht viel (außer Angst und Frustration, weil der Krieg überhaupt nichts mit ihnen zu tun hat und ihnen nur die Lebensgrundlage nimmt) und wissen nicht viel von Europa und Deutschland. Und weil sie nicht viel haben darf man ihnen Ihr Nichtwissen nicht über nehmen. Aber wir hätten, wenn wir nicht gerade unter der Schneekatastrophe leiden, Zeit und Möglichkeiten, und zum Beispiel mit Afghanistan auseinanderzusetzen. Und dann könnten wir den Herrn Innenminister fragen, ob er eigentlich noch ganz hell ist im Kopf, dass er die Leute dorthin abschiebt, im Namen der Menschlichkeit. Wie wäre die Alternative, wenn man für die Menschen aus Afghanistan – und da wir heuer den 40. Jahrestag der durchgehenden Lebenskatastrophe feiern muss man davon ausgehen, dass die Situation in diesem Land nicht in den nächsten Wochen deutliche besser werden wird, trotz der großen Bemühungen unserer Verteidigungsministerin – wie wäre es, wenn man sich mit diesen Menschen beschäftigen würde anstatt sie alleine zu lassen bis sie entweder von selbst einen Beruf finden, oder ohnehin abgeschoben werden, oder eine Straftat begehen. Wie wäre es, wenn man den Menschen durch Bildung, Dialog, Arbeitsgruppen und psychologische Betreuung zuerst einmal eine Chance gibt um dann vielleicht festzustellen, dass die meisten von ihnen ganz normale, willige, dankbare und uns irgendwie ganz ähnliche Zweibeiner und -innen sind von denen wir gar nichts zu befürchten haben.

 

Umgekehrt könnte man sich natürlich auch fragen, wie das wäre, wenn wir, also einer von uns, zum Beispiel ein CSU-Mitglied aus einem Bergbauernhof im verschneiten Niederbayern, plötzlich in Kabul sitzen würde, alleine und ohne Hilfe. Ohne die Sprache zu verstehen. Ohne die Kultur zu verstehen. Ohne die Religion zu verstehen. Und ohne auf Menschen zu treffen die sagen, schön dass Du da bist. Und dann könnten wir uns vielleicht fragen, ob unser Umgang mit den Menschen der Welt in Zusammenhang mit unserer Befindlichkeit eigentlich wirklich optimal ist. Zuerst kamen die Russen nach Afghanistan, dann die USA und die Saudis, dann die Taliban und die Deutschen und andere Europäische Interessen und alle unterstützten immer ein paar Männer, die sich wichtig fühlten und ihre große Chance sahen, noch viel wichtiger zu werden. Und diese wichtigen Männer hatten jeweils Handlanger und Unterstützer, weil die Menschen grundsätzlich hoffen, dass es stimmt, was ein Chef sagt und dass es weiterhilft wenn man für den Chef ist. So ungefähr hatte sich das auch in Deutschland zugetragen, in den 30ern. Und in Österreich und in einigen anderen Ländern auch. Ein Großteil der Bevölkerung in Afghanistan war weder für Russland, noch für die UA oder die Saudis oder die Taliban oder die Deutschen, sondern für den Bürgermeister in dem kleinen Dorf, und was der sagte war für viele die Wahrheit, weil ein Bürgermeister ja nicht sagt, wählt mich ich werde Euch schaden, sondern er sagt natürlich, wählt mich ich werde Euch nützen. Und weil wir in Deutschland und Österreich und anderen Ländern hier in Europa nicht nur ein gewaltiges Problem mit dem Schnee haben sondern auch ein Gedächtnis und ein Gehirn, erinnern wir uns vielleicht dran, dass auch hier in unserem Land Krieg war, an dem Menschen beteiligt gewesen waren. Und dann sind wir vielleicht ein bisschen weniger arrogant wenn es um Menschen geht, die sich hier erstmal nicht zurecht finden, weil alles sehr anders ist als in dem armen, kriegsgebeutelten Afghanistan. Und dann fragen wir uns natürlich, warum man nicht aufhört mit dem Wahnsinn, mit dem Kriegsirrsinn, der nichts anderes bewirkt als zerstörte Psychen. Seit Menschen auf dem Mond waren und die Welt als Kugel gesehen haben, seit es ständig Fotos von der Welt gibt sehen wir, dass die Grenzen der Länder etwas vollkommen Virtuelles sind, etwas Ausgedachtes, eine Fata Morgana die als „Wahrheit“ nur auf den Landkarten existiert und nichts mit der Wirklichkeit unserer Erde zutun hat. Niemand anderer ist für die Grenzen und die Konflikte verantwortlich, als wir selbst. Wir Menschen, die, egal von wo wir sind und wie wir aussehen, glauben, besser zu sein als andere und man fragt sich natürlich, mit welchem Recht? Es ist gut und wichtig, dass uns manche Menschen besser gefallen, optisch und von ihren Gewohnheiten, ihrem Geruch, ihrer Stimme, ihrem Geschmack. Manche mögen Blumen im Zimmer andere kahle Wände oder Bilder, manche lieben Bäume, andere Autos. Es ist ein schmerzlicher Irrtum, sich vorschreiben zu wollen, das nicht empfinden und sich das nicht erlauben zu dürfen. Es hilft uns nicht, wenn wir uns vorgaukeln, dass uns alle Menschen gleich gut gefallen. Aber dabei muss uns unbedingt bewusst sein, dass es sich bei unseren subjektiven Empfindungen und Beurteilungen um Geschmack handelt. Und Geschmack hat nichts mit Moral zu tun, mit Objektivität, mit Qualität oder anderen Grundsätzen. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Menschen, keinen grundsätzlichen. Das sollte sich eigentlich durch das Internet, durch die Technik, durch das globale Wissen endlich geklärt haben. Nicht vor Gott sind alle gleich, aber vor Apple.

 

Leider hat das Internet, die Revolution des Globalen Wissens, nicht zur Verbesserung unseres Miteinander geführt, obwohl  grundsätzlich jeder Mensch Zugang zu denselben Texten, Bildern. Inhalten und Themen hat, sondern zur Intensivierung des Hasses, der Zerstörung und der Vernichtung. Die Gier nach Macht, Reichtum und Befehlsgewalt hat sich seit tausenden von Jahren nicht verändert, es sind nur die Mittel andere geworden. Etwa 5000 Drohnen wurden 2018 von der USA gegen Afghanistan eingesetzt, ohne erkennbare Ergebnisse aber mit großem Gewinn für die Industrie und den Handel. Die Oberschicht profitiert so lange von der Unterdrückung und Zerstörung der Menschheit, bis sie selbst daran zugrunde geht. Die alles entscheidende Frage aber ist, warum wir, die wir das alles wissen oder jedenfalls wissen können, so weiter machen und so weiter machen lassen. Zu dieser Frage passt ein Zitat aus dem bemerkenswerten Buch „Ich habe es nicht gewusst“ des Österreichers Andreas Salcher: „In dem Roman Reise um die Welt in 80 Tagen von Jules Verne gibt es eine Szene, in der die Hauptfigur Phileas Fogg plötzlich erfährt, dass die Kohle für die Dampfkessel seines Schiffes nicht ausreichen wird, um damit Liverpool zu erreichen. Fogg trifft eine schnelle Entscheidung. Er kauft dem Kapitän das Schiff zu einem überhöhten Preis ab und gibt den Befehl, alle hölzernen Bestandteile des Schiffes, von den Kajüten über die Deckplanken bis zu den Masten zu zerschlagen und zu verbrennen, um mit Volldampf weiterfahren zu können. Als das Festland endlich erreicht wird, sind vom Schiff nur mehr der eiserne Rumpf und die Maschinen übrig. Der britische Gentleman Phileas Fogg hat durchaus rational gehandelt, weil es für ihn gilt, eine Wette zu gewinnen, für die er sein ganzes Vermögen riskiert hat. Wie würden wir aber das Verhalten einer Spezies beurteilen, die erkennt, dass ihre Ressourcen bald enden werden und trotzdem beginnt, die Oberfläche ihres Mutterschiffs Erde zu verfeuern, nur um nicht an Geschwindigkeit zu verlieren? Vor allem, wenn das einzige vernünftige Ziel ja nur das Überleben der Spezies und ihrer Nachkommen und nicht die Beibehaltung der Geschwindigkeit und das Aufrechterhalten der Antriebsmethode sein kann. Den Planeten wird es sicher noch lange geben. Es wird auch noch eine Zeit lang Menschen darauf geben. Die Frage ist nur, wie sie leben werden? Wie krank oder gesund werden sie sein? Werden sie täglich gegeneinander um das Überleben kämpfen müssen oder friedlich miteinander leben und sich gemeinsam weiterentwickeln? Heute sind wir sieben Milliarden Erdenbürger. Sie sind einer von ihnen. Eines verbindet uns alle miteinander: Das tiefe Bedürfnis, geliebt zu werden und die Hoffnung, dass unser Leben gelingen wird. Das erfordert das tägliche Bemühen in unserer kleinen Welt und ein Gefühl der Verantwortung für unsere große Welt.“

 

Ich ergänze das Zitat um eine Frage: wissen das unsere Machthaber? Sind unsere Könige, Präsidenten, Autokraten, Regierungen und Manager nicht eher ein Phileas Fogg? Hauptsache ich erreiche mein Ziel, was kümmern mich Schiff und Besatzung…?

 

Nachsatz: Taliban bekennen sich zu Anschlag in Kabul „Die radikalislamischen Taliban haben sich zu dem Autobombenanschlag in Kabul mit vier Toten und mehr als hundert Verletzten bekannt. Vier Attentäter hätten einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen zur Explosion gebracht, sagte ein Taliban-Sprecher. Mindestens 113 Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt – darunter zwei deutsche Polizisten, wie aus dem Auswärtigen Amt in Berlin verlautete.“ 14. Januar 2019, 17:59 Uhr Aktualisiert am 14. Januar 2019, 22:23 Uhr Quelle: ZEIT ONLINE, AFP, dpa (https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-01/afghanistan-kabul-anschlag-terror-autobombe-un)

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