Der weiße Mann

Zum ersten Mal in den Jahren meines kenianischen Privatlebens fuhren wir zur großen Familie von Winnies Mutter. Winnies Mutter hatte kaum Kontakt zu ihren Geschwistern gehabt, sie hatte ein Leben in Nairobi als Krankenschwester geführt und da man durch ehrliche Arbeit bekanntlich nicht reich werden kann ein kleines Lehmhäuschen in Kibera bewohnt. Ihre erste Tochter starb als junge Mutter von 3 kleinen Kindern und deren Ehemann kurz darauf an Herzstillstand. Eine glückliche Familie war plötzlich nicht mehr existent und Winnies Mutter kümmerte sich um die drei kleinen Kinder, die mittlerweile erwachsene Menschen sind. Seit 2 Jahren liegt Winnies Mutter nun in der heimatlichen Erde und wir besuchten das Grab um die Memorial-Messe zu feiern. Nach 10 Stunden Fahrt erreichten wir die Einfahrt zum Besitz der Familie, 3 Brüder hatten das Land der Eltern übernommen gehabt und leben nun als Farmer. Das Landstück ist sehr groß, die aktuelle Ernte durch die zu spät und zu lange niederprasselnde Regengüsse vernichtet. Die erste Ernte des Jahres fiel der Dürre zum Opfer, die zweite dem Regen. Durch die lange anhaltende Regenperiode war der Untergrund sehr weich und der Bus blieb stecken. Sofort waren zahlreiche Jugendliche zur Stelle: was früher die Trommelzeichen waren sind heute die Mobiltelefone. Für die Dorfjugendlichen sind diese Wetterkapriolen ein gutes Geschäft, da sie mindestens einmal täglich ein Auto aus dem Schlamm ziehen müssen. Aber da ein Weißer an Bord war wollten sie einen höheren Salär.

Da halfen keine Diskussionen, sie blieben neben dem Auto stehen und taten nichts. Also stiegen wir aus, schulterten unser Gepäck und gingen los. Wir stapften etwa eine halbe Stunde durch den schlammigen Boden, bis wir den weit sichtbaren hellen Ort erreichten: die Küche. Die Küche war eine große Fläche unter einem gigantischen Mangobaum mit mehreren Kochstellen. Viele Frauen waren eifrig am Kochen, die älteren Männer mit dem Feuer beschäftigt, die jüngeren Männer waren beim Bus geblieben. Einer der drei Farmer, der den Kindern beim Tragen geholfen hatte, ging mit einem soliden Geldbündel zurück, nach gut einer halben Stunde kam der Bus mit lauter Musik bei uns an. Ich rechnete: der Farmer ist ohne Gepäck schneller zum Bus zurück gegangen, sagen wir in knapp 20 Minuten, der Bus benötigte ungefähr 5 Minuten Fahrzeit, es hatte also keine 10 Minuten gedauert bis der Bus aus dem Schlamm war. 2000 Schilling (umgerechnet etwa 18 Euro) für 10 Minuten Arbeit. Das ist natürlich grundsätzlich nicht viel und es waren sicher 5 kräftige Kerle, die das Geld unter sich aufteilen würden. Wenn man aber bedenkt, dass ein junger Grundschullehrer am Land mit 8000 Schilling pro Monat startet und die Jungs ohne den Weißen 500 bekommen hätten dann war das eine Preissteigerung durch die Hautfarbe um 300% und ein Wochenlohn eines Grundschullehrers aus der Nachbarschaft.

Selbstverständlich wurde ich auch beim großen abendlichen Familienfest zu Ehren von Winnies Mutter von vielen Augen durchgescannt, immer wieder setzte sich eines der FamilienmitgliederInnen der wirklich sehr großen Familie neben mich und erzählte mir eine Geschichte. Ich wurde sozusagen getestet, war sehr freundlich, erzählte von meiner Arbeit und dem Leben als freischaffender Künstler in Europa. Ich hätte auch von Nilpferden reden können oder von Kaugummis, es war vollkommen uninteressant, das wesentliche Thema war: ist der Mann nett, kann man ihn gebrauchen und wie viel wird er da lassen. Nun kenne ich das seit mittlerweile 15 Jahren, auch bei meiner ersten Theaterarbeit in einem afrikanischen Land, im Mosambik, war das nicht anders. Aber jetzt bin ich sozusagen Familienmitglied und plötzlich ist die kleine Familie, deren Älteste nun Winnie selbst ist, wieder interessant. Ich habe mich an meine Hautfarbe und ihre Wirkung gewöhnt und versuche mich mit Klarheit, unsentimentaler (wenn auch oft sinnloser) Haltung und Verständnis zu verhalten. Denn natürlich verstehe ich die Menschen hier. Ich erlebe es ja, wie sich die Weißen nach wie vor benehmen und ich muss mich natürlich fragen, warum ich davon ausgehen sollte, dass man mich für anders hält als alle anderen. Das wäre vermessen. Die Weißen leben entweder in abgeschlossenen Siedlungen (weil sie zum Beispiel bei der UNO oder der EU arbeiten) und haben schwarze DienerInnen, die zuhause erzählen wie die Weißen leben, fahren mit großen Autos durch die Stadt und essen in den teuersten Restaurant. Oder sie sind Touristen, leben ebenfalls in abgeschlossenen Siedlungen, haben ebenso schwarze DienerInnen die zuhause erzählen wie die Weißen leben, machen Safaris, benehmen sich schlecht und geben ein gutes Trinkgeld. Was bitte soll man von den Weißen sonst denken als dass sie „rich and careless“ sind.

Machen wir einen kleinen Zeitsprung zurück: Mein Vater, der im selben Jahr gestorben ist wie Winnies Mutter, wurde 1927 in München geboren. Mit 17, also im letzten Kriegsjahr, wurde er zum Militär eingezogen und an die Front geschickt, sozusagen um seinen Vater, eine Institution in Schwabing, zu bestrafen, da er sich leise aber deutlich weigerte, die Nazis gut zu finden. Durch eine schwere Verletzung kurz nach Erreichen der Front blieb meinem Vater ein Großteil der Kriegserlebnisse oder eine wahrscheinliche Gefangenschaft erfreulicherweise erspart und er konnte nach der langwierigen Genesung in den berühmten „Vier Jahreszeiten“ in München eine Ausbildung zum Kellner machen. Das war ungefähr zu der Zeit, als man über Menschenrechte nachdachte und die NATO gegründet wurde. In dieser Zeit begann auch Deutschland, das sich langsam aus den Trümmern neu zusammensetzte und mit geschockten und zukunftswilligen Augen in die Welt blickte, über sich nachzudenken. Und Deutschland beschloss, sich neu zu erfinden. Schritt für Schritt wurde es das Land der Guten, arbeitete die Geschichte auf, verurteilte die Nazis, kümmerte sich um neue Partner und verlegte sich aufs Geldverdienten. Man verteilte sein Know How in der Welt, durfte mitreden, Hände schütteln und reich werden. Man hatte ein schönes Ziel, nämlich das Land wieder zu einem ganzen Land werden zu lassen, das Land zum Mittelpunkt eines großen guten Europas werden zu lassen, das Land zu einem großen, einflussreichen, vereinigten guten Land einer guten Welt werden zu lassen. Für dieses Ziel hatte man einen Feind, nämlich den Osten, und einen Freund, nämlich den Westen und man hatte ein neues Konzept: man entschloss sich, seine Ziele nicht mehr mordend zu erkämpfen, sondern in friedlicher Partnerschaft zu erwirtschaften. Deutschland erkannte, dass es etwas gibt, das viel schöner ist als brennende Häuser, kreischende Kinder, explodierende Bomben, zerstörte Familien, zertrümmerte Städte, zerfetze Menschen: reich sein.

Natürlich klappte das nicht von heute auf morgen, es dauerte, es gab immer noch die mit den Ideologien, es gab immer noch die mit den Themen, es gab einen hässlichen Zaun mitten im Land, und es gab zweifelnde Nachbarn, vor allem Frankreich. Aber mit dem Reichtum kam das Vertrauen und die Ruhe. Irgendwann fiel die Mauer, friedlich, und Deutschland war wieder ein ganzes Reich. Irgendwann fielen die Grenzen, unaufgeregt, und Deutschland war wieder das Zentrum. Irgendwann fiel die Angst vor der Deutschen Fahne und alle waren glücklich. Glücklich und reich. Irgendwo sah die Welt natürlich anders aus, irgendwo fielen Bomben, fielen Schüsse, fielen Menschen, irgendwo war der Deutsche Frieden noch nicht angekommen, das erklärte uns das Fernsehen. Da schüttelten die guten Menschen in den Parlamenten die Köpfe und waren sehr betroffen. Aber davon mal abgesehen war alles gut. Der gemeinsame Wohlstand lag auf Deutschland wie Zuckerwatte, duftend leicht und süß. Deutschland war so gut geworden, dass es gar kein Problem mehr war, von der Deutschen Einheit zu sprechen, es klang ganz anders als in den 30er-Jahren, nicht mehr forsch und national, sondern friedlich und weltoffen. Und das war das Friedliche Deutschland: offen für die Welt – denn Deutschland durfte überall hingehen und Deutschland ging überall hin. Und überall, wo Deutschland hinging war Deutschland: Deutsche Hotels, Deutsche Partner, Deutsche Wirtschaft, Deutsche Waffen, Deutsche Autos, Deutsche Kulturinstitute. Deutschland war überall zuhause und Deutschland war überall reich.

Und jetzt wundern wir uns, dass Menschen, die sich keinen Daimler leisten können und keine Maschinen für die Landwirtschaft und die keine Filteranlagen in den Fabriken haben und unsere alten stinkenden Schrottbusse benutzen müssen (die in Europa nicht mehr zugelassen sind) und die in Lehmhütten leben obwohl sie berufstätig sind und die für wenig Geld alles das herstellen was wir für unseren Luxus als selbstverständlich erachten, jetzt wundern wir uns, dass uns diese Menschen nicht unbedingt nur lieb haben und sich freuen, wenn wir da sind und sagen: kein Problem, lieber Weißer, weil Du es bist ziehen wir Dir das Auto kostenlos aus dem Dreck, weil Du hast es ja auch nicht leicht. Und wir wundern uns, dass diese Menschen, wenn sie versuchen, weil sie sich nicht mehr anständig ernähren können, langsam aber sicher dorthin zu gelangen wo das Geld ist und wo wir sie in Blechkontainern zusammenfassen, tatsächlich andere Sorgen haben, als sich mit unserer deutschen Leitkultur auseinanderzusetzen. Nein, diese Menschen wollten einfach nur satt werden und sich wenigstens ein bisschen was von dem kaufen können, das wir auch haben. Oder, um es mit den Worten einer kürzlich wenn auch kaum öffentlich wahrgenommenen türkischen Demonstration in Istanbul zu formulieren: Wir wollen Brot, Arbeit und Freiheit“. So wie ich die Menschen hier in in den vielen Armenvierteln in Kenia kennen lerne – und ich lebe gerne hier und habe viele sehr gute Erlebnisse – glaube ich nicht, dass sie sich in Europa so richtig wohl fühlen würden, weil sie erstens dort immer die Unterschicht sein werden (was nicht lustig ist), zweitens immer als die anderen offensichtlich sind (nämlich durch die Hautfarbe) und drittens in ihrer Lebensumgebung eigentlich durchaus glücklich sind, wenn sie sich ein halbwegs menschenwürdiges  Leben in ihrer Umgebung auch leisten könnten. Ein Zusammenleben im Sinne der Völkerverständigung auf Augenhöhe kann nur durch gegenseitiges Interesse funktionieren. Und wir müssen uns in Deutschland irgendwann einmal darüber im Klaren sein, dass es den Menschen nicht um unsere großartige Leitkultur geht, sondern um unserem Wohlstand, den wir uns auf dem Rücken der Menschen die jetzt zu uns wollen, aufgebaut haben. Aber dafür müssten wir aufhören, alle belehren zu wollen, sondern beginnen, uns auch für die anderen zu interessieren, Aber das Interesse an einer anderen Kultur hat ja nicht einmal bei den Ostdeutschen Brüdern und Schwestern funktioniert. Ich kann aber natürlich ebenso aus eigener Erfahrung bestätigen, dass es in Kenia auch nicht viel Interesse an anderen Kulturen gibt. Warum auch? Ich nehme es den europäischen Ländern nicht sonderlich übel, dass sie leben wollen wie sie wollen, ich nehme es den europäischen Ländern aber übel, dass sie kein Verständnis dafür haben, dass auch andere Länder gerne so leben sollen wie sie wollen.

Nein, die Deutschen sind keine Weltmeister in der Integration. Weder in der einen noch in der anderen Richtung. Sie integrieren sich kaum, wenn sie in anderen Ländern auftauchen. In Brasilien gibt es einen großen Bezirk, in dem nur Deutsch gesprochen wird. Auch in den USA haben wir Städte mit Deutscher Leitkultur, Deutschem Bier und Deutscher Sprache. Und andere sind da nicht anders. Malindi, eine Kleinstadt in Kenia, ist fest in italienischer Hand. Dort sprechen alle, die afrikanischen Menschen, die arabischen Menschen und die italienischen Menschen italienisch. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Afrikaner und Araber auch italienisch sprechen während die Italiener nur italienisch sprechen. Und im Hotel „The Sands at Nomads“ wo wir eine große Silvestershow durchgeführt hatten, waren die Touristen total begeistert, die Einheimischen aber nicht. Warum? Die „Einheimischen“ waren Italiener und die hatten die Schnauze voll von afrikanischer Musik und afrikanischer Tradition. Und diese afrikanischen oder muslimischen Menschen sollen sich nun auf die europäischen Werte, die europäischen Sprachen und die Europäischen Leitkulturen freuen? Und das alles soll man in Belchkontainern lernen mit großer Dankbarkeit? In Kenia gibt es eine Deutsche Schule. Ganz klar. Gibt es in Deutschland ein Schule für die Swahili-Sprechende Bevölkerung? Warum werden nicht mehr gut ausgebildete LehrerInnen eingestellt, die zum Beispiel arabische Sprachen kennen und Deutsch unterrichten? Das würde helfen. Aber das würde ja Geld kosten. Und man möchte bei der Integration ja lieber Geld verdienen. Man will gut ausgebildete Menschen ins Land holen die günstiger arbeiten und arme Menschen in ihre sicheren Heimatländer zurückführen. Und was sicher ist bestimmt Deutschland. Klar. Und darum nannte man 2006 das große Fußballfest, bei dem die Welt in Deutschland zu Gast war bei Freunden war, auch ehrlicherweise ein deutsches Sommermärchen. Weil das Glück in der Welt eben nur ein Märchen ist.

Am nächsten Tag war ich dann noch in der kleinen Kirche, wo die dörfliche Glaubensgemeinschaft für Winnies Mutter betete. Das war sehr berührend, weil der mehrstimmige Gesang für jeden die Herzen öffnete. Ich dachte an Fibi, wie Winnies Mutter gerufen wurde. Ich hatte sie noch regelmäßig im Krankenhaus besucht und sie auch noch auf ihren Wunsch nach hause gebracht. Sie saß auf ihrem Bett wie ein glückliches kleines Kind und wollte Coca Cola. Das war meine letzte Erinnerung. Eine Woche nachdem ich nach Österreich zurückgeflogen war, ist sie gestorben. Auf dem Rückweg von unserem Wochenend-Ausflug zu Finis Ehren machten wir kurz bei Java halt, ich brauchte einen guten afrikanischen Kaffee. Ich fragte den Busfahrer, ob er auch einen möchte, er bejahte. Wie ich später erfahren hatte, schmeckte ihm dieses starke schwarze Zeug überhaupt nicht. Aber er trank es bis zum letzten Tropfen, denn es war ein Geschenk vom weißen Mann. Nein, wir sind nicht alle gleich, ganz im Gegenteil. Und das ist gut so und richtig und spannend obendrein. Aber wir alle sind gleich an Würde und gleich an Rechten. Und daher sollten wir uns in unserem kleinen reichen Kontinent endlich wahrhaftig um Frieden in der Welt kümmern und nicht nur um den wirtschaftlichen Gewinn.

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