Siegen

Liebe Leserin, lieber Leser,

obwohl es in dieser Woche wieder bemerkenswerte Pressezitate gibt, möchte ich heute vor allem über ein wunderschönes Wochenende schreiben. Denn meine persönliche Sekundärliteratur zum Jubiläumsstück PEACE und die Verzweiflung über den moralischen Niedergang der Weltpolitik darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch sehr viel Positives zu berichten gibt. Wobei die Beobachtung eines moralischen Niedergangs nicht aus dem Glauben kommt, dass früher alles besser war, sondern aus dem Wissen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg vieles unternommen wurde, die menschenverachtende Brutalität aus dem weltweiten Zusammenleben zu verbannen. 70 Jahre Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen: am 10. Dezember 1948 verabschiedetet die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Dieses Jubiläum klingt schön und bezieht sich auf das Bedürfnis, mehr für friedliches und respektvolles Zusammenleben zu tun. Man darf davon ausgehen, dass auch die politisch Verantwortlichen dieser Welt schonmal etwas von den Vereinten Nationen und ihren Aufgaben gehört haben, jedenfalls essen sie da gelegentlich zusammen. Und genau die Ignoranz dieser Bemühungen macht die aktuelle Politik der Welt, die im Jubiläumsjahr 2018 eine neue Dimension der gegenseitigen Brutalität in Wort und Tun erreicht hat, so besonders unerträglich und hoffnungslos. Das Hope Theatre nimmt am 8. 12. an einem Festival zum Jubiläum teil, veranstaltet von der EU in Kenya in Zusammenarbeit mit Botschaften und Organisationen, und wird Szenen aus unserem Programm „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“ zeigen. Wir werden darüber berichten und uns am 9. 12. ausführlich dem Thema Menschenrechte – Traum und Realität – widmen. Heute aber freuen wir uns über ein schönes Wochenende in Siegen.

„Das Hope Theatre Nairobi, das am Mittwoch zu Gast im Apollo-Theater in Siegen war, möchte mit seinem Stück „The Fair Trade Play“ das Thema Fairness besprechen und sich kritisch mit dem Handel zwischen Europa und Afrika auseinandersetzen. Eingeladen hatte es das Peter-Paul-Rubens- Gymnasium (PPR) im Rahmen seiner Bewerbung für den Titel der Fair-Trade-Schule. Das Ensemble unter der Leitung von Stephan Bruckmeier bot zu diesem Thema eine tolle multimediale Bühnenshow. Mit Schauspiel, Musik, Tanz, dreisprachigem Gesang, eigenen Erfahrungsberichten, Videoprojektionen und Monologen war das Theater nicht nur unterhaltsam und ausdrucksstark, sondern machte auch ernsthaft auf Missstände aufmerksam. Höhepunkt des Abends war die Verleihung der Urkunde an das PPR von Fairtrade Deutschlands Geschäftsführer Dieter Overath. Das Gymnasium ist ab sofort die erste Siegener Fair-Trade-Schule und die 47. faire Schule in Deutschland. Das Gymnasium hatte außerdem das Bewerbungsverfahren von Fairtrade schneller als alle bisherigen Schulen durchlaufen.“

So hieß es in der Siegener Zeitung am 27. März 2014.

Mit von der Partie war die damals 11 Jahre junge Katrina Gobrecht. Sie war mir bei der dem Event vorausgegangenen Pressekonferenz durch ihre besondere Ausstrahlung aufgefallen und ich hatte sie gefragt, ob sie Lust hätte, einen Monolog zu spielen. Der Monolog hieß „Die Schneiderin“ und handelte von Kinderarbeit. Sie hatte Lust. Am 27. März spielte sie die kleine Schneiderin auf der großen Bühne des Apollo Theater und berührte die Menschen  nachhaltig. Wir alle kennen natürlich das Dilemma der Kinderarbeit, aber von weit weg, kurzen Bildern aus dem Fernsehen, Foto in Magazinen oder Kirchenzeitungen. Und wie in vielen Bereichen des Miteinander auf dieser Welt haben wir das Gefühl, dass Armut vor allem ein afrikanisches Problem ist. Armut hat dunkle Hautfarbe, große Kinderaugen und eine Fliege auf dem Gesicht. Aber plötzlich stand da ein deutsches Mädchen und erzählte, mit positivem Grundton, von ihrer Arbeit und von ihrem Leben, so als wäre der Bürgerkrieg zwischen dem Siegen links vom Fluss und dem Siegen rechts vom Fluss. Plötzlich war das Thema real und konkret und nicht als Hochglanzposter sondern in Form einer Tochter und Enkelin aus der Stadt. An diesem Abend konnten wir besonders deutlich machen, worum es uns, dem Hope Theatre Nairobi, geht: Theater als Vermittler, als Life-Act zu politischen Themen, als direkte Umsetzung von Problemen der gegenseitigen Betrachtungsweise, als kritischer Kommunikator, als Plattform für Menschen, die in einem afrikanischen Land, in einem Großstadt-Slum einer internationalen Metropole in Ostafrika leben und sich und ihre Geschichte zum Thema machen. Theater als Kulturbrücke, nicht als ästhetische Forschung. Katharina hat damals, als wir das 5-jährige Jubiläum feierten, ein Zeichen gesetzt, wie wirkungsvoll Theater sein kann.

Hier der Text: DIE SCHNEIDERIN

Hallo – Mein Name ist Marie Mörgele. Das heißt: die in der Morgensonne Geborene Ich bin 10 Jahre alt, fast schon elf. Ich bin Schneiderin, genau so wie meine Mama. Wie es dazu kam erzähle ich Ihnen gerne. Bitte entspannen Sie Sich – Willkommen!

Ich lebe hier mit meiner Mama, meinem Bruder und meiner kleinen Schwester. Mein Vater lebt leider nicht mehr. Er wurde erschossen. Aus Versehen. Ich kann mich nicht mehr sehr gut an ihn erinnern. Ich war erst fünf. Meine Mama sagt, „es war, weil die Wahlen nicht fair waren.“ Darum wurde gekämpft. Zwischen den Stadtvierteln. Mein Papa ist am Montagmorgen in die Stadt gefahren. Mit dem Bus. Er arbeitete als Kassierer im Supermarkt. Und da hat er schon gehört dass geschossen wurde. Am Abend wollt er schnell nachhause, damit uns nichts passiert, aber im Bus wurde er erschossen. Meine Mama sagt, dass er hinter dem Fahrer stand und durch das Fenster hat es ihn erwischt. Die wollten den Fahrer treffen. Haben sie dann auch. Das war das Beste für eine Straßenblockade. Einfach die Busfahrer erschießen

Jetzt muss ich mithelfen. Mein Bruder verkauft Obst, meine Schwester ist noch zu klein, und ich bin Schneiderin, wie meine Mama. Wir nähen Hemden. Meine Mama näht die Hemden mit der Nähmaschine, und ich nähe die Knöpfe an, mit der Hand. Für die Nähmaschine bin ich noch zu klein. Weil ich komme mit den Füßen nicht zum Boden. Mein Rücken tut mir ganz doll weh – vom immer gebückt sein. „Aber von irgendwas muss man ja leben,“ sagt meine Mama Und das ist ja auch klar. Wir müssen alle arbeiten. So ist die Welt

Am Samstag bringen wir die Hemden zu Mister Idaki. Er sagt: „Wir sollen froh sein, dass wir Arbeit haben!“ Sind wir ja auch! Aber stöhnen wird man ja noch dürfen. Denn viel Geld ist es nicht. Wir müssen 100 Hemden abliefern, mindestens. „Sonst brauchen wir gar nicht erst kommen“ sagt Idaki. Dann haben wir Geld, das für eine Woche reicht . Und neuen Stoff

Das ist meine Tasse. Auf die muss ich sehr aufpassen. Da kommt mein Essen hinein. Weil aus den Händen kann man ja nicht essen. Das ist ja klar Und eine neue Tasse können wir uns nicht leisten „Wer auf seine Tasse nicht aufpasst bekommt kein Essen“, sagt meine Mama In der Früh gibt es Porridge, und am Abend essen wir Gemüse: Sukuma Wiki oder Bohnen mit Mais. Am Sonntag wird die Tasse voll gemacht mit Ugali. Und oben drauf dann Fleisch. Oder ein Ei

Manchmal, auf dem Kleidermarkt sehe ich unsere Hemden. „Die meisten Frauen und Mädchen hier nähen für Europa“, sagt meine Mama. Manchmal kommen die Hemden zurück zu uns. Aber da sind sie dann schon alt und gebraucht. Komisch ist, dass die Hemden am Second Hand Markt teurer sind, als was wir bekommen wenn wir sie machen. Meine Mama sagt: „Das ist der Markt.“ Aber was das jetzt genau heißt weiß ich eigentlich nicht. Manchmal sagt meine Mama, dass wir einfach woanders hingehen sollten wo es besser ist. Aber ich glaube das sagt sie nur so wenn sie traurig ist. Denn wo soll es denn besser sein? Vielleicht im Himmel?

Das war meine Geschichte – Asante sana“

Auch für Dieter Overath hatte ich damals zum 5-jährigen Jubiläum eine Szene geschrieben. Als Herr Deutschmann saß er mit kenianischer Gattin im Zuschauerraum und wurde von unserer „Pressesprecherin“ als Blog-Bekanntschaft auf die Bühne geholt. Dort outete sich Herr Deutschmann als fragwürdiger Afrikaversteher mit Sätzen, die das Publikum durchaus gelegentlich zu Buh-Rufen herausforderte. Das Traurige an der Sache ist, dass die schlimmsten Aussprüche Zitate waren aus Gesprächen mit Menschen aus dem Bereich, mit dem wir zutun haben. Also mit Menschen, die es eigentlich gut meinen mit Afrika, aber eben aus dem Gefühl, überlegen zu sein. Und genau dagegen kämpfen wir an. Manchmal sogar mit Erfolg. Oft aber auch mit einem gewissen Unverständnis. Denn noch immer ist nicht allen Menschen aus dem reichen Kontinent klar, warum man mit den Menschen aus dem armen Kontinent sprechen muss. Warum man sie fragen sollte, was sie wollen, bevor man ihnen etwas geben möchte.

An diesem Wochenende war ich also wieder in Siegen, um Freunde zu besuchen. Freunde, die uns seit diesem ersten Auftritt begleiten und unterstützen. Die Familie Gobrecht mit Katrina, die mittlerweile 15 ist, in der Theater-AG, in der Ballettausbildung und nach wie vor in der fairtrade-Steuerungsgruppe aktiv ist und mit uns u.a. im Staatstheater Karlsruhe, in den Hamburger Kammerspielen und im Theater im Bauturm Köln auf der Bühne gestanden hatte. Robin Schneider, der uns als Lehrer und Leiter der fairtrade-Innitiative des P.P.Rubens-Gymnasiums geholt und seither jedes Jahr nach Siegen eingeladen und dort großzügig bewirtet hatte. Und Mareike Haas, die mit einer Kölner Theaterproduktion in Siegen zu Gast war. Es gehört fast schon zur Tradition, dass ich im Herbst einmal privat nach Siegen fahre, um meine Freunde dort zu treffen. Von Simone Gobrecht bekomme ich immer Salben und Tropfen aus eigener Herstellung und herrliches Essen für mindestens eine Woche… Und zu später Stunde kommen wir immer wieder zum wichtigen Ergebnis, dass man bei aller Tragik dieser Welt achtsam sein muss auf das uns unmittelbar Umgebende, auf die Menschen, die wir erreichen können, auf die eigene Gesundheit ohne die man nicht für Würde und Frieden kämpfen kann, auf die Gesundheit der Kinder und der Familie, auf das Positive dieser Welt, das es natürlich auch gibt. Und so fuhr ich nach einem großartigen Wochenende wieder nach Stuttgart zurück, dachte an meine Gruppe in Kenia und daran, dass das alles schon irgendwie einen Sinn macht.

Ich muss nicht extra erwähnen, dass ich nicht pünktlich ankam in Stuttgart sondern mit fast 2-stündiger Verspätung. Dass ich mir bei den langen Wartezeiten auf verschiedenen Bahnsteigen eine saftige Erkältung geht habe. Und dass ich den Montag im Bett verbracht und verschiedene Zeitungen gelesen habe, mit bemerkenswerten Erkenntnissen. Unter dem Titel: Altmaier hofft auf engere Zusammenarbeit“ schreibt Carla Neuhaus im Tagesspiegel Mobil.

„Man muss schon Optimist sein, wenn man derzeit mit der Türkei Geschäfte macht. So wie Johannes Teyssen. Am Freitagmorgen steht der Eon-Chef in einem fensterlosen Konferenzraum in Ankara am Rednerpult, im Publikum sitzen deutsche und türkische Unternehmer und Politiker. „Jetzt darüber zu diskutieren, ob die Türkei noch ein gutes Investitionsziel ist, wäre falsch“, sagt Teyssen. Und verspricht: Eon werde innerhalb seiner Möglichkeiten weiter im Land investieren. Für den Chef des Energiekonzerns steht viel auf dem Spiel. Die Türkei ist für Eon der wichtigste Auslandsmarkt. Elf Milliarden Euro hat der Konzern zusammen mit der türkischen Industriellenfamilie Sabinci in den letzten sechs Jahren im Land investiert. Zusammen gehört ihnen der türkische Energieversorger Enerjisa Enerji, der Millionen Türken mit Strom versorgt. Erst im Februar haben Eon und die Sabincis ihn zum Teil an die Börse gebracht. Deshalb hat Teyssen ein starkes Interesse daran, dass die Türkei ihre wirtschaftliche Krise überwindet: Das Land leidet seit Monaten unter einer hohen Inflation und der starken Abwertung der Lira. Deshalb springt der Eon-Chef auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zur Seite. Der ist in Ankara unterwegs, um für die deutschtürkischen Wirtschaftsbeziehungen zu werben. Wie wichtig ihm das ist, betont Altmaier an den zwei Tagen in der türkischen Hauptstadt immer wieder. Seine Ausführungen gipfeln am Donnerstagabend in einer Rede bei einem Empfang mit deutschen und türkischen Unternehmen: „Ich bin sicherlich nicht der wichtigste Minister in der Bundesregierung“, sagt Altmaier da, „aber ich werde am stärksten an der Zusammenarbeit mit der Türkei arbeiten.“ Es sind neue Töne, die der Bundeswirtschaftsminister damit anschlägt. Schließlich war das Verhältnis der Deutschen zur Türkei lange angespannt. Nach dem Putschversuch 2016 hat die Türkei auch deutsche Staatsbürger verhaften lassen, ihnen Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Noch immer sitzen mindestens fünf Deutsche in der Türkei in Haft. Altmaier will das nicht schön reden. „Wir müssen darüber weiter diskutieren“, sagt er. Gleichzeitig dürfe man die deutsch-türkischen Beziehungen „nicht rein auf diese Frage reduzieren“. (…) „Es ist von großer Bedeutung, dass sich die wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei wieder normalisieren“, sagt Altmaier. Dabei geht es ihm allerdings längst nicht nur um die deutschen Firmen, die in der Türkei aktiv sind. Er verfolgt auch geopolitische Interessen. Im Syrienkrieg und der Flüchtlingskrise spielt das Land eine wichtige Rolle. „Wir sind dankbar dafür, dass die Türkei den Waffenstillstand in Idlib ausgehandelt hat“, sagt Altmaier. Gleichzeitig harren aktuell etwa drei Millionen Syrer in der Türkei aus: Viele von ihnen werden nur durch die strengen Grenzkontrollen im Land gehalten. Sollte sich die Wirtschaftskrise in der Türkei ausweiten, könnte das einen neuen Flüchtlingsstrom gen Deutschland auslösen.“

Aha. Darum geht es also. So unverblümt hat das noch selten jemand aus der deutschen Bundesregierung formuliert, obwohl es natürlich jeder weiß. Erdogan darf gegen das Völkerrecht verstoßen und gegen die Demostrations- und Pressefreiheit, Zigtausende inhaftieren und unterdrücken, darf sich mit Nato-Partnern anlegen und mit Putin kooperieren, alles vollkommen ohne deutsche Kritik. Warum? Nun, erstens will man Geschäfte machen und zweitens hält er uns die Flüchtlinge vom Leib (beziehungsweise von der Grenze). Und was, bitteschön, ist jetzt der Unterschied zu Trump und Co?

Gut, dass ich von Simone auch etwas gegen Magenprobleme bekommen habe, denn irgendwie ist mir gerade ziemlich schlecht…

Der nächste Blog kommt aus dem Flugzeug nach Kenia. Alles Gute für die Woche,

Stephan

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s