Und es gibt sie doch…

Ich war in Karlsruhe im Staatstheater und habe Bestätigung gesehen. Zum zweiten Mal. Ein Monolog zum Thema Migration, Integration und nationalsozialistisches Gedankengut von Chris Thorpe. Ein Diskurs der mehr Fragen stellt als bestätigt, nämlich unser selbstverständliches Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Ein Abend bei dem man irgendwann beginnt, mit sich selbst zu diskutieren. Natürlich wissen wir was wir wissen… „Wie umgehen mit politischen Haltungen, die einem zuwider sind? Was haben wir toxischen Narrativen entgegenzusetzen, die Bedrohung aus allen Richtungen suggerieren? Der Optimismus, die „Neue Rechte“ sei eine kurzfristige Erscheinung, die über kurz oder lang wieder von allein verschwinde, hat sich allerspätestens seit der Bundestagswahl ins Gegenteil verkehrt. Demokratie verlangt, die Dinge auch aus dem Blickwinkel anderer zu betrachten. Sie verlangt gemeinsame Grundsätze. Wenn wir unsere eigene kleine Welt jedoch nie verlassen und gänzlich bequem in der eigenen, vom Internet gestützten Filterblase baden, lassen wir zunehmend getrennte Parallel-Universen entstehen. Lebensrealitäten, die sich kaum noch kreuzen. Meinungen, die nicht der eigenen entsprechen, generell von Debatten auszuschließen kann keine Lösung sein und käme lediglich der „Wir gegen die“-Logik des Populismus gleich.Bestätigung von Chris Thorpe beschäftigt sich intensiv mit genau diesem Gedankenkomplex: Ein nach eigener Aussage Linker sucht bewusst auf Augenhöhe das Gespräch mit jemandem, dessen Meinungen er absolut nicht teilt. Und er findet diesen Jemand in Glen, dem Betreiber einer beliebten Rassisten-Website. Dreh- und Angelpunkt des Monologs ist dabei das psychologische Phänomen des unbewussten Bestätigungsfehlers. Dieser besagt, dass wir unsere Umwelt stets als Bekräftigung bereits vorhandener Ansichten interpretieren…“ Soweit ein Auszug aus dem Programmheft des Staatstheater Karlsruhe.

Gehen wir mal davon aus, Sie, werter Leser oder werte Leserin, denken ähnlich wie ich, finden Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro ebenso bedrohlich wie das neue Wettrüsten und die AfD, sind wie ich der Meinung dass nicht jeder Moslem ein Terrorist ist und ein deutscher Mörder ebenso bestraft werden muss wie ein marokkanischer. Sie sehen Nachrichten und lesen aufgeklärte Presse. Gut. Und trotzdem erschleicht Sie manchmal ein mulmiges Gefühl. Warum? Wegen des Dieselskandals? Weil Sie betrogen wurden und nicht mehr sicher sein können, dass sich diese Form des subtilen Betrugs nicht wiederholt oder bereits wiederholt hat. Oder weil Ihnen langsam doch zu viele junge Männer mit dunkler Haut und Kapuze in der Gegend unterwegs sind und man so einiges liest. Oder bedrückt Sie die politische Unruhe in Deutschland? Was wird geschehen? Hält die Regierung? Und wenn ja, ist das gut? Und was kommt danach? Frau Merkel hat vor wenigen Tagen ein schönes Foto für die Welt gemacht, Sie mit Putin, Erdogan und Macron. 4 staatstragende Persönlichkeiten, die sich mit der Zukunft Syriens beschäftigen. Man stelle sich vor, Macron, Putin, Bolsonaro und May würden ein Foto um die Welt schicken, 4 staatstragende Persönlichkeiten, die sich mit der Zukunft Deutschlands beschäftigen. Ein Aufschrei würde durch die deutschen Medien und den Reichstag hallen.

Die Sache ist im Fall des Merkel – Fotos besonders delikat, als sie mit zwei Herren Händchen hält, die sich gerne in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen, durchaus auch mit Militäreinsatz. Während man bei Putin zurecht böse ist mit seinem Engagement in der Ukraine hat man bei Erdogan kein Problem. Er darf in Syrien einmarschieren. Ohne Mandat und ohne von Assad gerufen worden zu sein. Es gibt also offensichtlich unterschiedliche Maßstäbe in der europäischen Auffassung von Gleichheit. Deutschland ist unangenehmerweise auch nicht ganz inaktiv in Syrien, was diverse Kampfmittel betrifft. Und hat mit Erdogan einen Flüchtlingsdeal getroffen, der nun zu absurden Konsequenzen führen kann, dass sich nämlich die Türkei um die Flüchtlinge kümmern muss, die durch ihre illegalen Militäreinsätze in Syrien zur Flucht gezwungen werden. Das heißt dass die Türkei die Menschen schützen muss die sie bekämpft. Warum aber verteidigt Deutschland die Rechte der Ukrainer. Und die der Kurden nicht? Weil alle Kurden Terroristen sind. Von der USA aufgerüstet Terroristen, wohlgemerkt. Die USA unterstützt also Terroristen. Und die Türkei schützt uns vor ihnen. Dank Frau Merkel und Herrn Macron. Die Kurden sind also, das haben uns die letzten zwei Wochen gelehrt, Menschen die man je nach Bedarf einsetzen und wenn nötig unbehelligt töten darf.

Ich kann die Aussage von Herrn Erdogan bezüglich der Kurden natürlich nicht beurteilen, ich kenne nur zwei Kurden. Der eine betreibt einen Eissalon und hat nachweislich noch nie jemanden vergiftet. Und der andere ist Arzt und kam als Flüchtling nach Wien. Wenn es aber so ist, dass es Völker gibt die per se Terroristen sind, dann stellt sich natürlich die Frage, wer das beurteilt. Wie ist es möglich, dass die USA, die fast ausschließlich gegen Einwanderer und Terroristen vorgehen, genau diese Menschen bewaffnet, die von der Türkei, die sich neuerdings um Frieden in Syrien und sogar um Gerechtigkeit gegenüber ausländischer Journalisten kümmert, als Terroristen einstufen? Ist das nicht alles ein bisschen absurd? Welches Gen veranlasst Menschen zu glauben, dass sie über andere urteilen dürfen und vor allem, wie kommt es, dass so viele offensichtlich unbeeindruckt mitspielen? Eine Kollegin hat mir vor kurzem gesagt, dass Minister oder Manager, die in einer klimatisierten Villa mit ausrechend Grund drumrum leben, mit dem Dienstwagen zum Flughafen, von dort per Privatjet oder Dienstjet zu irgendeinem Kongress fliegen, der in großen Gebäuden mit klimatisierten Sälen durchgeführt wird um dann im klimatisierten Hotel mit Terrasse plus Palmen im Topf zu speisen und zu übernachten, gar keine Vorstellung von einem natürlichen Wald, oder vertrockneten Feldern oder hungernden Menschen haben, für die ist die Welt ein Glaspalast, in dem alles in Ordnung ist. Die werden es als letztes merken, wenn etwas schief läuft. Ich denke, so ist es auch mit unserer Bundesregierung, die sitzen im Reichspalast und kriegen nicht mit. Außer sich selbst.

Vor einiger Zeit habe ich ein Spiel gemacht und ich kann Ihnen nur empfehlen, das auch mal zu machen. Ich habe versucht die zehn Menschen aufzuschreiben, die ich liebe. Genau zehn. Das war gar nicht so einfach. Mal standen mehr auf dem Zettel, mal weniger. Je nach Kriterium von Liebe. Ganz besonders schwierig aber wurde es, als ich versucht habe sie zu ordnen. Das war ehrlich gesagt gar nicht möglich. Ich habe mir zwar überlegt dass an erster Stelle mein Sohn stehen würde. Aber an zweiter? Meine Eltern? Meine Frau? mein bester Freund? Doch halt!Eltern gilt nicht. Mutter oder Vater. Wer steht weiter vorne? Und liebe ich meine Frau mehr als mich, oder anders als alle anderen? Und liebe ich mehr wenn ich weg bin oder wenn ich da bin? Wie viel von Liebe ist Sehnsucht? Ja, fragen Sie sich das mal. Ganz ehrlich. Und sind solche Fragen der Anfang eines Weges? Oder das Ende einer Geschichte? Ist es besser die Wahrheit für sich zu behalten? Am Besten sosehr für sich, dass man sie selbst nicht erfährt? Wie viel Diplomatie ist in solchen Erörterungen, selbst wenn sie nur mit sich selbst stattfinden? Wie sehr sucht man sich mit solchen Listen zu beruhigen, dass man kein schlechter Mensch ist? Und wieso fällt mir keine zehnte Stelle ein? Warum fällt es mir leichter, die Menschen aufzuschreiben, die ich nicht mehr sehen will, als diejenigen, die ich liebe? Und warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass ich ganz dringend ganz weit weg sein will? Am besten in einem anderen Erdteil. Am Besten in einer anderen Zeit…

Interessant ist auch, dass Herr Minister Strache aus Österreich mit den Rechten aus Serbien zum Beispiel gut zusammenarbeitet. Auch mit Ungarn oder den Rechten aus den Niederlanden. Das wäre früher undenkbar gewesen, denn früher waren die Rechten ausländerfeindlich. Besonders gegenüber den Menschen aus dem Osten. Heute sind die Ausländerfeinde aus den Ausländern miteinander befreundet. Zum Beispiel auch mit der AfD. Oder der CSU. Wie geht das? Nach der Lektüre von Zeitungen und Wahlplakaten erkennt man, dass sich die Rechten in Europa nun alle irgendwie zusammen getan haben um das christliche Abendland zu retten. Vor den Islamisten. Klar, denn die wollen uns ja alle ausrotten, da wir alle ungläubige sind. Es gibt zwar Menschen, die sagen, nicht alle Menschen die an Allah glauben, also entsprechend des Islams leben, sind Islamisten, beziehungsweise Terroristen, viele snd auch einfach nur friedlich und wollen in Frieden leben, aber das ist natürlich nur ein Trick. Das wissen wir alle. Darum sagen wir auch nicht mehr Islam, sondern Islamist. Und vor denen müssen wir uns schützen, mit einer europäischen Armee. Die benötigen wir auch, wie Macron gestern sagte, gegen die Chinesen, die Russen und möglicherweise auch gegen die USA. Aha. Nicht gegen Erdogan. Nicht gegen den IS. Der IS ist plötzlich nicht mehr so dringend, denn der ist ja jetzt Teil der türkischen Friedenspolitik. Ich persönlich kenne mich mit dem Nahen Osten nicht aus. Aber ich weiß, dass in Nairobi, der Stadt, in der ich seit knapp 10 Jahren meine zweite Heimat habe, sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Religionen zusammen leben. Viele Christen, viele Muslime, viele archaisch Gläubige. Und alle leben eigentlich sehr friedlich beieinander. Kurz vor der Wahl gibt der amtierende Präsident aus, dass alle böse sind, die nicht ihn wählen sondern die Opposition, da wird es kurz hektisch, aber da Kenia sozusagen in Familienbesitz ist und sich niemand in der internationalen Politik daran stößt, da man ja ohnehin nur Geschäfte machen will, wird die Wahl dann ohnehin gewonnen und nach einiger Zeit beruhigt sich die Lage wieder. Die ärmeren und armen Menschen sind immer leicht zu beeinflussen, denn sie leiden und das Leid macht mürbe und braucht ein Ventil. Entweder bei Sportveranstaltungen oder eben 4 x im Jahr nach der Wahl. Aber danach verstehen sich alle wieder und das Leben geht weiter wie vorher auch. Die armen blieben arm und die reichen treffen sich wieder bei Brötchen und Sekt.

Ich habe mich dann entschlossen, das mit der Reihenfolge aufzugeben. Und es hat sich ganz von selbst die Frage aufgedrängt, wie es möglich ist, dass Menschen wirklich glauben, sie könnten die Welt ordnen. Sie könnten für die ganze Welt schlüssig sagen, was richtig und was falsch ist, wer wo steht oder stehen darf, wer verrecken soll oder abgewickelt wird. Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die genau wissen, wo die Guten und wo die Schlechten hinmüssen. So nach dem Motto: „Alle in einer Reihe aufstellen! Alle acht Milliarden Menschen in einer Reihe aufstellen! Dann stehen die da, dann kommt der eine, also der, der alles weiß, oder diejenigen, die alles wissen, und die teilen dann ein: gut – bös. ziemlich gut, ziemlich bös… Und ich schaffe es nicht einmal mit zehn? Weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen – weil es ja um Menschen geht, um Menschen über die ich urteile. Und wie ist das mit meinem Hund? Darf ich meinen Hund lieben, oder nur gern haben. Sind dann alle anderen böse und sagen, „also wenn du mich nur so liebst wie deinen Hund…“

Ich glaube, die Rassentheorie ist doch nicht ganz falsch. Es gibt zwei Rassen auf dieser Welt. Die Herrenrasse, als diejenigen, die oben sind, die Machthaber. Und die anderen. Der unwichtige Rest. Der Rest ist zwar ein überwiegender Großteil der Menschen, aber eben leider die falsche Rasse. Und daher nicht der Rede wert…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s