Tuonane baadaye Hope Theatre Nairobi

Heute sind die Leiterinnen der Hope Art Theatre Nairobi NGO zurückgeflogen. Die letzte Woche war noch sehr arbeitsintensiv. Von Montag bis Mittwoch standen Proben für unseren Auftritt in den Städtischen Museen Heilbronn auf der Tagesordnung, während ich am Dienstag nach Mönchengladbach fuhr, um Christine Link von Exile, einer unserer frühesten Partnerorganisationen zu besuchen. Wir arbeiten seit 2014 zusammen und treffen uns einmal pro Jahr im Vorfeld der Tournee, um die Kooperation vorzubereiten, aber auch um uns über die aktuellen Themen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit auszutauschen. Die Gespräche sind immer sehr intensiv und motivierend, auch wenn wir natürlich immer wieder ins Schimpfen kommen. Denn es ist nicht einzusehen, warum wir alle, also ein überwiegender Großteil der Bevölkerung darunter leiden müssen, dass sich die Politik nur mehr in von der Bevölkerung ziemlich abgekoppelten Machtkämpfen und Selbstzerfleischungsoperationen verzettelt. Das Geflecht der Regierungen in der Landes- Bundes- EU- und Weltpolitik sowie der verschiedenen Lobbies wirtschaftlicher Interessen hat sich lange in immer kleineren Maschen zu einem stabilen Netz verfestigt, das jetzt rasant Risse bekommt. Auslöser waren die Wahl von Trump zum US-Präsidenten, der Brexit, das Erstarken des IS und der dreckige Deal von Merkel mit Erdogan. Der ganze Wahnsinn der Politik, die immer mehrfache und sich widersprechende Interessen vertreten muss war und ist im Syrienkrieg wie durch ein Brennglas zu sehen. Haben wir bisher in der Öffentlichkeit Brandherde und humanitäre Katastrophen immer weit weg halten können (die Unterdrückung der Tibeter, der Palästinenser, verschiedener afrikanischer Minderheiten, der Kurden, der indigenen Bevölkerung Amerikas, der arabischen Bevölkerung in den Öl-Nationen, um nur ein paar Langzeit-Probleme zu nennen) kam der Syrienkrieg durch die Massenflucht direkt zu uns nach Deutschland. Wobei das Problem vor allem darin bestanden hatte, dass man den Krieg 4 Jahre ebenso ignoriert hat wie alle anderen Kriege dieser Welt auch. Die deutsche Bundesregierung war mit Ausgleichen im Sinne des Geschäftemachers gut gefahren und plötzlich brach alles auf. Und jetzt merken wir plötzlich, dass auch sonst vieles nicht stimmt, die Korruption bei den deutschen Großbaustellen, der Nicht-Zusammenhalt in der EU, die überzogenen Mietpreise, der Klimawandel, die ganze Beschwichtigungspolitik. Und da wir uns bei den bildungspolitischen Themen der Einen Welt eben auch mit dieser ganzen einen Weltgeschäftigen, kommt man immer wieder ins (Ver)zweifeln… Nach meinem Treffen mit Christine besuchte ich noch Wynnie Kangwana in Saarbrücken und brachte ihr eine große Kiste von Laptops der Hilfsorganisation Labdoo, die ich vor ein paar Woche aus Mühlheim an der Ruhr geholt hatte und die nun von einer Delegation der fairtrade-Innitiative Saarbrücken nach Kenia gebracht werden. Über Labdoo werde ich in einem anderen Blog noch ausführlicher berichten. Wynnie Kangwana ist eine der Hauptakteurinnen des fairen Handels in Saarbrücken, das Bundesland, das anstrebt, das erste fairtrade – Bundesland zu werden. Dort werden wir mit dem Hope Theatre auch 2019 wieder auftreten.

Am Mittwoch Abend waren wir dann bei Hannes Lauer und seiner Frau zu essen eingeladen. Er ist einer der beiden Autoren des Stücks „Stop breathing, it can damage your health“ mit dem wir im Frühjahr 2018 Premiere hatten und das auch im Museum in Heilbronn auf dem Spielplan stand. Es war ein sehr netter Abend, der darin endetet, dass wir uns gegenseitig HipHop und Popmusik aus unseren Heimatländern vorspielten. Von Attwenger aus Österreich über Söhne Mannheims bis zu Nyachakunga aus Kenya. Das Hope Theatre schreibt seine eigenen politischen Pop-Songs zu den jeweiligen Themen und ist in der modernen Musikszene sehr bewandert. Am Donnerstag hatten wir einen Chat „in eigener Sache“ mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen. Wir waren mit Lehrerinnen und Lehrern verbunden und konnten unser Programm für 2019 vorstellen, vor allem das Stück „Menschenrechte und andere Kleinigkeiten“. In Thüringen sind wir zwar in sehr gutem und produktivem Kontakt mit verschiedenen Schulen durch den Chat der Welten, aber wir haben kaum Vorstellungen in Schulen, da reicht das Geld nicht. Denn obwohl die SPD Bildung immer zu einem ihrer zentralen Themen im Wahlkampf macht wird an der Schulbildung gespart und gespart und gespart und die kontinuierlichen Sparmaßnahmen werden uns dann als Bildungsinnovationen verkauft. Ich habe es mir in meiner mittlerweile doch recht langen beruflichen Laufbahn zum Prinzip gemacht, nur dann öffentlich zu jammern, wenn ein Problem nicht nur mich betrifft, sondern viele. Wenn ich in meiner Arbeit kritisiert werde so ist das legitim und das muss ich verkraften, das gehört zu meinem Beruf. Wenn ich aber sehe, dass ich ein (kleiner) Teil eines allgemeinen Problems bin, dann schreibe oder spreche ich darüber. Das Hope Theatre wird von so vielen Schulen jedes Jahr wieder eingeladen und hat so viel gute Presse und Feedback, dass ich es mir erlauben kann über die Probleme der deutschen Schulpolitik zu schreiben, diese waren auch Thema mit Christine Link.

Mein geschätzter Kollege Erick Fund Marigu, der seit 2013 Mitglied beim Hope Theatre Nairobi ist, in Kenia eine eigene Theatergruppe hatte, seit 2017 in Deutschland lebt und im Juli eine gefeierte Premiere im Theater der Altstadt spielte hatte bei seinem (verpflichtenden!) Deutschkurs für die B1 – Prüfung hintereinander 7 verschiedene Lehrerinnen und Lehrer, einige davon gar nicht als Deutschlehrer ausgebildet. Erick hat die Prüfung bestanden, als einer von wenigen, aber vor allem durch die Hilfe meiner Regieassistentin am Theater der Altstadt, einer pensionierten Deutschlehrerin. Bei den Proben erzählte er immer, dass es Wahnsinn sei, was sich da abspiele. Und genau das ist das Problem: es gibt kein Geld für Schulen, kein Geld für Bildung, kein Bedürfnis nach einem breit gefächerten Angebot für eine immer differenziertere Gesellschaft. Deutschland hat so viel Geld, aber nicht für die jungen Menschen, nicht für die Begabten, oder die Randgruppen, oder die Flüchtlinge, oder die Musischen, oder die naturwissenschaftlich Orientierten etc. Alles, was Fantasie und Budget benötigt wird vergessen. Und das macht aggressiv, und genau das erleben wir jetzt. Wenn man zum Beispiel liest, dass Audi in der Dieselaffäre ein Bußgeld in Höhe von 800 Millionen Euro akzeptiert, weil sich „die Audi AG zu ihrer Verantwortung für die vorgefallenen Aufsichtspflichtverletzungen bekennt“ so wird sich ein junger Mann aus Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund berechtigter weise fragen, warum warum es in seine Schule hineinregnet und es keinen Lehrer gibt für Deutsch, wo er schwach ist und für Physik, wo er stark ist. Und wenn man dann noch darüber informiert wird, dass die mit 30,8 Prozent an VW beteiligte Porsche SE durch den Manipulationsskandal bei Audi in Mitleidenschaft gezogen wird und für 2018 nur mit einem Nettogewinn von 2,5 bis 3,5 Milliarden Euro rechnet, dann möchte man wissen, warum in einem Ort, indem niemand etwas manipuliert hat, kein Geld für das Hallenbad übrig ist und das Jugendhaus geschlossen wird und kein Geld für Theateraufführungen zur Verfügung ist. Und wenn man darauf keine Antwort bekommt, dann bekommt man stattdessen eine Wut. Die jungen Menschen saufen und fahren mit dem Auto zu schnell durchs Dorf, oder sie schlagen sich beim Fußball die Köpfe ein, oder sie vergewaltigen ein Mädchen, oder sie schließen sich einer radikalen Gruppe an und so weiter. Das ist zwar nicht hilfreich und ändert am Problem nichts, und doch weiß man schon sehr lange, dass sich Frustration in Gewalt umwandelt. Das ist im Gazastreifen nicht anders and in Thüringen oder in Sachsen.

Am Freitag spielten wir dann unser Stück zum Klimawandel im Städtischen Museum im Deutschhof in Heilbronn. Vor etwa 120 begeisterten Schülerinnen und Schülern, mit anschließender Diskussion und anschließenden leckeren Linsen mit Spätzle. Es war eine wunderschöne Vorstellung zum Abschluss der kleinen Herbsttournee und wir fuhren glücklich und müde mit dem Regionalzug nach Stuttgart zurück. Zu diesem Abend möchte ich folgendes ergänzen: zum einen kann man über das Klimastück „Stop Beratung, it can damage your health“ zur Frühjahrstournee 2018 einen ausführlichen Blog der Gruppe lesen (link siehe website http://www.hop-theatre.info), zum zweiten sind Heilbronn und das Heilbronner Land mittlerweile ein Zentrum des Hope Theatre Nairobi mit mehr als 10 Schulbuchungen und mehreren sehr unterschiedlichen Workshop-Programmen und zum dritten ist es immer wieder verwunderlich, was für alte Züge auf schlechter Strecke in einem der reichsten Gebiete der Welt unterwegs sind. Dass der Stuttgarter Hauptbahnhof während des unendlichen Umbaus nicht mehr renoviert wird ist klar, aber dass Städteverbindungen zu Würzburg, Schwäbisch-Hall, Karlsruhe oder Tübingen in derart marodem Zustand sind ist jedenfalls befremdlich. Mit ähnlich klapprigen Zügen aus dem Altertum fuhren wir dann am Samstag nach Appenweier um von dort zur GV des kifafa e.V. abgeholt zu werden. Kifafa ist das Swahili – Wort für Epilepsie, womit das Hauptgeschäft des Vereins hinlänglich erklärt ist. Neben Aufklärung, Therapie und Medikament -Support betreibt kifafa ein Waisenhaus für Mädchen in Kendubay am Viktoriasee. Dort arbeitet das Hope Theatre regelmäßig mit den Mädchen. Auch in der Region Kehl – Appenweier werden wir wieder mehrere Auftritte haben. Diese kontinuierlich gewachsenen Partnerschaften wie mit kifafa, dem Landkreis Heilbronn, kikuna Dornstadt oder Exile sind die Säulen unserer Tournee. Schulen, die uns jedes Jahr buchen, Kooperationen auf die wir uns verlassen können, machen die Kalkulation einer Tournee mittlerweile sehr realistisch. Das hat natürlich ein paar Jahre gedauert, aber wenn man beendigt, dass wir unsere erste Tournee durch Schulen in Deutschland überhaupt erst 2014 durchgeführt haben, dann sind wir ganz gut im Rennen.

Zur Wahl in Hessen gibt es einen hervorragenden Kommentar, den ich hier auszugsweise zitieren möchte. Er passt auf die gesagte weltpolitische Entwicklung. Denn auch in Brasilien wurde gewählt und mit Bolsonaro ein nächster Hardliner in die Weltpolitik berufen.

„Einen Plural von Zeitgeist gibt es laut Duden in der deutschen Sprache nicht. In Bayern, in Hessen, in der politischen Realität ist das anders. Es gibt derzeit zwei Zeitgeiste, einen Zeitgeist I und einen Zeitgeist II, die sich an Wahltagen materialisieren. Zeitgeist I ist schon länger bei der AfD zu Hause, Zeitgeist II wohnt neuerdings wohlig bei den Grünen.

Zeitgeist I ist nationalistisch, fremdenfeindlich und europafeindlich; er ist dem autoritären Denken zugeneigt und hat manchmal braune Tupfen. Zeitgeist II ist europafreundlich, liberal und ökologisch; er ist grundrechtsbewusst auch dann, wenn es um Minderheiten geht. Zeitgeist I ist einer, der Abschließung und Ausschluss propagiert. Zeitgeist II propagiert Aufgeschlossenheit und Öffnung. Der Zeitgeist I und der Zeitgeist II stehen für die gespaltene Mentalität des Zeitalters.

Aus: Süddeutsche Zeitung, Kommentar von Heribert Prantl, 28. 10. 2018

Natürlich freue ich mich, dass 50 Jahre nach dem Erscheinen des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome mittlerweile durchschnittlich 20% ökologische Bedürfnisse und Themen wählen, das entspricht unseren Themen, unserer Hoffnung ebenso wie unserem kritischen Blick und man kann nur hoffen, dass de Grünen, wenn sie jetzt mehr Einfluss haben, nicht ähnlich wie in Österreich die ökologischen Themen vergessen, aber es zeit auch, dass die Welt immer mehr polarisiert wird und die Menschen offenbar genug haben von der gemütlichen Beschwichtigungspolitik. Diese Destabilität ist den großen internationalen Playern durchaus angenehm, denn so können sie ungestört ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik betreiben. Eine breite politische Verantwortung ist zwar nur durch die Kooperation mit den Multis denkbar, kann sie aber auch in der Spur halten. Das wird nun mehr und mehr unmöglich. Was die Grünen einem brasilianischen Ausverkauf von Umwelt- und Menschenrechten entgegensetzen kann bleibt fraglich.

Alle Gute für den Novemberbeginn,

Stephan und das Hope Theatre

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