Arbeitsplätze sichern sozialen Frieden

Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen. Das sozialistische Wien der 70er – Jahre entwickelte gemeinsam mit der bürgerlichen Fraktion ein Konzept für die Stadt, das bis heute bewundert wird: lebenswerte Infrastruktur und Vollbeschäftigung. Das war natürlich nicht immer so, denn ende der 60er und Anfang der 70er wollte man Stadtautobahnen durch die City und den Grüngürtel schlagen, nach dem Vorbild Hannovers und Stuttgarts, aber Geldnot und die ersten Bürgerinitiativen könnten diesen Irrsinn verhindern und heute ist man froh darum. Ein hervorragendes U- und S-Bahnnetz, Parkhäuser, Fußgängerzonen, Einkaufsmeilen und intensiver Tourismus lassen die Stadt blühen und ziehen immer mehr Touristen und Arbeitsfelder nach Wien und Umgebung. Ich kam 1972 nach Wien ins Gymnasium und habe die ganze Entwicklung von der rußgeschwärzten, abgasgeschwängerten, altmodischen Hauptstadt weit im Osten zur modernen, innovativen, multinationalen Metropole im Herzen Europas, miterlebt.

Szenenwechsel:

Seit 2009 verbringe ich einen wichtigen Teil meines Privatlebens in Nairobi, ebenso wie Wien beherbergt Nairobi die UNO, hat mit Wangari Maatei eine namhafte Umweltschützerin und ebenso wie Wien zentrale Parkanlagen und Grüngürtel erhalten, beherbergt viele internationale Organisationen und erlebt BürgerInnenbewegungen. Die freie und unabhängige Republik ist nur 9 Jahre jünger als die freie und unabhängige Republik Österreich. Die Metropole ist multinational, im Verhältnis zu anderen Metropolen ziemlich aufgeschlossen und in vielen Bereichen recht modern. Vor allem in der Architektur zeigt sich Nairobi als innovative Großstadt und macht deutlich, was in Afrika möglich wäre. Wenn man es denn zuließe. Denn, im Gegensatz zu Wien gibt es vor allem ein großes Problem: Arbeit. Von Vollbeschäftigung gar keine Rede. Es gibt viele Schulen, großteils sehr gute, viele junge Menschen haben einen Schulabschluss und das war es dann. Die Zukunft heißt jobben, abhängen, dealen und NGO-hopping. So nennen die jungen Menschen die Tätigkeiten bei den unterschiedlichen Nicht-Regierungs-Organisationen (oder auf englisch eben Non-Government-Organisation). Und damit kommen wir zum Problem: unsere Förderstrukturen für Projekte in Afrika sind mit überwiegender Mehrheit kurzfristig angelegt, also maximal 2 – 3 Jahre. Das macht Sinn. Für uns hier. Denn zum einen können wir immer wieder neue Projekte anstoßen und zum anderen können wir sehr viele Projekte dokumentieren. Aber für die Menschen vor Ort ist das vollkommen kontraproduktiv. Denn wirkliche Veränderungen hin zu sozialen Strukturen und Planungssicherheit brauchen einen langen Atem und der wird durch ständig neue Projekte nicht erreicht. Klar, die große Anzahl an Projekten klingt toll und da Entwicklungszusammenarbeit leider sehr oft ebenso dem eurozentrierten Blick folgt wie Wirtschaftspolitik ist das langfristige Ergebnis in Afrika nebensächlich.

Die Lüge des Freihandelsabkommens mit den Ostafrikanischen Ländern kommt genau aus demselben Geist wie die Zollbestimmungen gegen die afrikanischen Länder. Es geht um uns. Und die Projektarbeit und Projektförderung in Deutschland und der EU denkt da selten anders. Es muss sich für uns rechnen und zwar kurzfristig. Selten habe ich erlebt, dass zuerst die Menschen in Kenia gefragt werden, was sie benötigen, bevor man hier überlegt, was man tun kann. Die Kriterien werden hier überlegt und geschaffen und die Menschen dort müssen sich freuen. Von daher kann ich eine Studentin gut verstehen, die in Jena bei einer Diskussion angemahnt hat, dass die Zusammenarbeit mit den Ländern des Südens doch wieder nur eine Bestimmerpolitik. Richtig. Und deshalb gebe ich nicht auf, das Hope Theatre Nairobi regelmäßig nach Deutschland zu holen. Denn erstens soll man hier mit den Menschen reden, die in einem afrikanischen Land leben und zweitens sollen wenigstens 10 Menschen durch meine Initiative Planungssicherheit haben. Denn auch wenn das Projekt hier in Deutschland oft belächelt wird, es wurden 10 kontinuierliche und mehr als 30 temporär unterstützende Arbeitsplätze geschaffen. Und da ist es primär egal, ob es sich um Schreiner, Maurer, Künstler oder Busfahrer handelt.

Zum gemeinsamen Projekt an den beruflichen Schulen Heilbronn schreibt die Initiatorin des Schulaustauschs mit Kenia, Frau Silke Fischer, einen Gastbeitrag:

Globales Lernen mit dem Hope-Theater Nairobi an der Christiane-Herzog-Schule Heilbronn

Im Rahmen des Partnerschaftsprojektes „Connecting Youth – Jugend in Eurafrika“ der CHS Heilbronn mit der Bishop-Sulumeti-Girls-High-School Kakamega und der NGO Mathare Children Fund panairobi (MCFp)Nairobi / Kenia, war in den ersten drei Oktoberwochen eine Gruppe von 5 Schülerinnen unserer Partnerschule zusammen mit ihrer stellvertretenden Schulleiterin Mrs. Doris Onginjo und Mr. Augustine Waziru, einem Sozialarbeiter des MCFp zu Besuch an unserer Schule. Für die jährlichen Begegnungen – in den ungeraden Jahren fährt eine deutsche Schülergruppe nach Kenia, in den geraden Jahren kommt eine kenianische Gruppe zu uns – wählt sich die Gruppe jeweils ein globales Thema, welches in einem gemeinsamen Projekt bearbeitet wird.

Diskriminierung und Rassismus, ein Thema das aufgrund weltweit zunehmender nationalistischer Strömungen bei gleichzeitig immer stärkerer wechselseitiger Abhängigkeit aller Länder der Erde voneinander, in den Fokus der Gruppe geriet und damit zum diesjährigen Projektthema gewählt wurde. Kein leichtes Thema für junge Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten, aber wie sich zeigte ein Thema, das schnell zu einem größeren Verständnis füreinander führen kann.

Das angestrebte Projektziel, ein Tanztheaterstück zum Thema Diskriminierung und Rassismus auf die Bühne zu bringen,  drohte aufgrund der Erkrankung der kenianischen Tanz- und Theaterpädagogin Veronika Mbaya zu scheitern, bis uns ein glücklicher Zufall bei der langen Nacht der Kultur in Heilbronn in Kontakt mit dem Hope-Theater Nairobi brachte. In einer selbstlosen und mitreißenden Aktion gelang es den Profis aus Nairobi in nur vier Tagen die Ideen unserer Gruppe aufzunehmen und mit uns in ein pantomimisches Tanztheater zu verschiedenen Arten der Diskriminierung umzusetzen. Für unsere Gruppe ein in verschiedener Hinsicht aufwühlendes Erlebnis. Denn zum einen ist es gar nicht so einfach Dinge die man vermitteln möchte mit dem eigenen Körper auszudrücken und das auch noch so, dass es gut aussieht und zur Musik passt. Da musste dann doch der eine oder andere innere Schweinehund überwunden werden.

Zum anderen stellten die Proben die im globalen Norden doch sehr weit verbreitete Ansicht, dass „wir im Norden“ „denen da im Süden“ überlegen sind und in erster Linie helfen müssen, radikal auf den Kopf. Stattdessen haben wir gelernt dass…

…wir zwar alle verschieden sind, es aber ein „wir hier“ und „die dort“ nicht gibt und jede und jeder in der Gruppe bestimmte Dinge gut kann und damit ihren oder seinen ganz besonderen Platz in der Gruppe hat.

…wir alle viel mehr können als wir dachten, wenn wir uns auf Neues und Unbekanntes wirklich einlassen.

…Herkunft und Aussehen völlig unwichtig sind, wenn man zusammen an einem Ziel arbeitet

…alle gewinnen, wenn jede und jeder offen dafür ist von anderen zu lernen.

Unser ganz besonderer Dank geht daher an:

Pauline und Monica, die in unglaublicher Geschwindigkeit erfasst haben, was wir gerne machen und was wir ausdrücken wollten und was in den vier Tagen machbar sein wird. Mit ihrer großen Erfahrung in der Arbeit an Tanz und sozial-politischem Theater mit Schülerinnen und Schülern aller Altersstufen haben sie es geschafft mehr aus jedem Mitglied der Gruppe herauszuholen als wir geahnt hätten.

Moffat, der mit viel Geduld und seinen Trommeln die passende Musik zu unserem Stück gefunden und gespielt hat, eine Probe geleitet und uns auch bei der Aufführung begleitet hat.

Winfred (Winnie), bei den letzten Proben nochmal jede und jeden im Auge hatte und dem Ganzen den Feinschliff verpasst hat.

Stephan, der an der langen Nacht der Kultur in Heilbronn sofort und ohne Wenn und Aber gesagt hat: tolles Projekt, wir helfen euch und der mit seiner unermüdlichen Schaffenskraft Unglaubliches auf die Beine stellt.

Ganz bestimmt war dies zwar unser erstes, aber nicht unser letztes gemeinsames Projekt mit dem Hope-Theater Nairobi.  Nächstes Jahr an der CHS und spätestens wenn wir zu unserer International Students Academy wieder in Kenia unterwegs sind geht die Geschichte weiter…

Silke Fischer

 

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