Traurig

Der Journalist Jamal Khashoggis ist also ermordet worden. In der Botschaft des Königreichs Saudi Arabien in Istanbul. Und alle sind sehr traurig. 18 Tage lang wusste niemand, wo sich der Journalist, der in die USA emigriert ist und seine türkische Lebensgefährtin heiraten wollte wofür er Dokumente aus der Botschaft seines Heimatlandes benötigte, aufhielt, on der die Botschaft wieder verlassen, oder noch immer in ihr anwesend oder als Geist auf dem Fenster genebelt war und plötzlich wusste man die Details und gab diese um 1 Uhr Nachts, zu einer Zeit also in der das Königreich schlief, in einem eher kurzen Statement offiziell bekannt. Der Bericht von Spiegel online vom 20. 10. 2018 liest sich wie ein Drehbuch eines neuen James Bond – Films und man ist doch immer wieder überrascht, dass die Wirklichkeit nicht wesentlich anders funktioniert als das Unterhaltungskino. Traurig ist das Saudische Königshaus, weil sie ein paar ihrer guten Männer zur Verantwortung ziehen müssen, das läuft dann ähnlich ab wie bei unserem Herrn Maaßen, traurig ist der Amerikanische Präsident, wiewohl er sofort mitteilte, dass die Waffenlieferungen ebenso unbeeindruckt bleiben würden wie das Ölgeschäft, traurig ist auch der Herr Erdogan, da er doch in seinem Lande Bitteschön selber entscheiden möchte, wer hier wie getötet, gefoltert oder eingesperrt wird und traurig ist natürlich auch unser Herr Maas, der gerade erst seinen Kniefall vor den Saudis absolviert hatte. Besonders aber ist man traurig, dass Saudi Arabien jetzt wieder in schlechtem Licht dasteht in der Öffentlichkeit, der Jemen-Krieg wieder diskutiert wird und das alles, wo man doch die Wirtschaft wieder ungestört und von der Öffentlichkeit im Wesentlichen unbemerkt, mit dem Königreich ankurbeln wollte.

Auch in NRW ist man sehr traurig. Hat man doch durch verschiedene Regierungskonstellationen hinweg intensiv mit der RWE zusammengearbeitet und am Braunkohleabbau festgehalten. Man weiß natürlich, dass die Braunkohle – Kraftwerke zu den schlimmsten Luftverpestern zählen, aber da man in der Regierungskoalition gleich formuliert hatte, dass die Klimaziele ohnehin nicht erreicht würden, stand dem forcierten Abbau nichts mehr im Wege. Und jetzt hat sich die Bevölkerung also gewehrt und das Gericht erstmal nein gesagt zu den bereits von der Politik zugesagten Fakten. Der deutsche Partnerverein des Hope Theatre Nairobi sitzt in Stuttgart, hier weiß man, dass sich die Bevölkerung nie durchsetzen wird, denn auch Stuttgart 21 wird gebaut, weil man auch in Freiburg und in Lauda über den Bahnhof abstimmen durfte und obwohl alles noch viel teurer und komplizierter und langwieriger wird als damals von den Gegnern (unter denen sich auch hochrangige Expertinnen befanden) vorausgesagt – Wurscht, gebaut wird. Und daher darf man auch davon ausgehen, dass sich RWE durchsetzen wird. Denn die Politik ist nicht mehr im Dienste der Bevölkerung unterwegs, sondern im Dienste der Konzerne. Wie man ja auch gut bei den Diesel-Gesprächen in Brüssel sehen konnte.

Dort wurde beschlossen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen von 2020 bis 2030 um 35% sinken soll. Deutschland war sehr traurig. Denn die Bundesregierung wollte nur 30% während viele europäische Länder 40% anstrebten. Die Umweltministerin hat „ihren Widerstand aufgegeben und damit eine einheitliche Position der Bundesregierung möglich gemacht, die eine ähnliche Linie wie die Autobranche vertritt.“ Diesem Satz aus der Zeit folgt im selben Artikel ein anderer: „Ein Großteil der deutschen Bevölkerung befürwortet strengere CO2_Grenzwerte, wie eine Studie darlegt…“ (Umweltministerin akzeptiert laschere CO2-Vorgaben für Autos, Zeit online, 26. 9. 2018) Das ist das wirklich Traurige, dass die Bevölkerung jetzt bereits überall mitreden will, sogar bei der Autoindustrie. Und dabei leben so viele vom Autobau. Das ist natürlich richtig, aber ein gesünderes Auto würde keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern nur die Atmungserkrankungen bei Kindern und älteren Menschen ein wenig reduzieren und vielleicht den Managern weniger Gewinne und damit weniger Dividende bringen. Und das wäre natürlich sehr traurig. Also sollte sich so wenig wie möglich ändern, vor allem nicht im Bereich der Aktiengewinne deutscher Topverdiener. Natürlich glaube ich nicht, dass wir aufhören sollten, Auto zu fahren, das wäre nicht durchsetzbar. Aber man könnte umdenken, wenn man wollte, aber man will nicht.

Dazu passt, wie ich finde, ein Auszug aus dem Bericht der Klimakonferenz: „Grundlage für Weltklimakonferenz

Der Weltklimarat wurde damit beauftragt, einen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel zu erstellen. Er analysierte daraufhin über 6000 Studien. Die Zusammenfassung des neuen Berichts wurde in der vergangenen Woche mit Vertretern von 195 Staaten abgestimmt, so dass diese nun ein politisches Gewicht hat. Die Daten sind auch Grundlage für die Weltklimakonferenz im Dezember im polnischen Kattowitz.

Der globale Ausstoß etwa von Kohlendioxid (CO2) müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 Null erreichen. Nach dem neuen IPCC-Bericht kann der Mensch im Vergleich zu älteren Berichten möglicherweise etwas mehr CO2 ausstoßen, um dennoch das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Hofreiter und Schulze fordern schnelles Handeln

Bundesumweltministerin Svenja Schulze setzte sich für schnelles Handeln ein. „Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren. Das ist die Kernbotschaft des Berichts“, sagte die SPD-Politikerin. „Die nächsten Jahre sind entscheidend, damit unser Planet nicht aus dem Gleichgewicht gerät.“ Man müsse den Abschied von Kohle, Öl und Gas hinbekommen.“

Da lesen Sie es. Und was passiert…?

Deutschland gehört zu den Meistern der Versprechungen. Man hat ein System entwickelt, uns ständig Glauben zu machen, das die Politik in unserem Sinne, also im Sinne der Bevölkerung, handelt. Dafür wurden Statistiken geschaffen, Arbeitsberichte, Tabellen und Statistiken. Und in diesem Dickicht der vielen Formulierungen passiert, was den Gewinn voranbringt. Denn der Gewinn ist neutral. Originellerweise war es ein CDU-Politiker, der eine andere Vision hatte, mi der man die Welt anders hätte organisieren können. Menschlicher. Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard war von 1929 – 1963 Bundesminister für Wirtschaft und galt in dieser Funktion als Vater des deutschen Wirtschaftswunders und der Sozialen Marktwirtschaft. Heute behauptet man, dass Angela Merkel die CDU mehr nach links geführt hatte, aber da stimmt bei genauerem Hinsehen gar nicht. In ihren Reden ja, in ihrem handeln nein. Und das ist dieser unangenehme Geschmack der Koalitionsregierung seit Merkel – diese extreme Diskrepanz zwischen Handeln und Reden. Vieles von dem was gesagt wird ist eigentlich zu begrüßen, nun erkennen wir aber langsam, dass davon kaum etwas umgesetzt wurde, oder nur unvollkommen und nur kurzfristig. Die großen Themen wurden ungeheuerlich viel öffentlich debattiert und damit wurde uns das Gefühl vermittelt, dass auch etwas passiert. Aber es passiert nichts. Und das hat der Wähler mittlerweile gemerkt. Sehr zum Groll der Regierenden, die überhaupt keinen Sinn darin sehen, an dem Prinzip „Wir haben die Macht und daher behalten wir sie auch“ etwas zu verändern. In den 12 Jahren der Ära Merkel haben sich viele Strukturen und Partnerschaften verfestigt, sehr zum Nutzen der Protagonisten und ihres Umfelds – und sehr zum Schaden der Bevölkerung.

Auch in Bayern war man über die Wahl sehr traurig. Aber auch hier hat man in wenigen Stunden bereits einen Weg gefunden, um nichts ändern zu müssen. Im Gegenteil, der Wahlverlust liest sich jetzt wie ein gemeinsamer Sieg, Söder wird bleiben was er war (in jeder Hinsicht) und Bayern ebenso. Auch wenn es in der Bevölkerung dramatisch rumort, aber das wird ausgesessen. Denn wenn wir etwas in den letzten 12 Jahren gelernt haben, dann die Fähigkeit des Aussitzens. Im 13ten Jahr wird das Aussitzen zunehmend schwieriger, da die Bevölkerung nicht mehr alles so einfach hinnehmen möchte. Plötzlich erinnert man sich, dass wir nur wegen Fukushima aus dem Atomzeitalter ausgestiegen sind, jedenfalls so halbwegs, nicht aus Überzeugung. Entscheidungen über unsere Gesundheit sind also Wahlzuckerl. Das wird bei der Braunkohle nicht anders, und beim Auto auch nicht. Aber die Bevölkerung regt sich. Nach der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung war es ruhig geworden in Deutschland, man hat sich einlullen lassen. Schröder hatte die SPD zertrümmert und Merkel die FDP, aber das Volk blieb insgesamt sehr ruhig. Nun reicht es. Nun will man wieder Resultate sehen und nicht nur Statistiken und Protokolle.

Wir waren wieder zu Gast in Jena, beim Eine-Welt-Netzwerk Thüringen. Wir trafen uns mit Kolleginnen und Kollegen des Chat-der-Welten-Programms um über Verbesserungen und Intensivierungen des Projekts zu sprechen, seit über 2 Jahren sind wir nun bereits in einem direkten Dialog zwischen Thüringen und Kenia. Dieser Chat ist – für alle, die es nicht wissen – ein Programm, das von Engagement-Global gefördert wird und bei dem SchülerInnen und Expertinnen per Internet live miteinander sprechen. Über Ernährung, Lebensgefühl, Schulweg, Politik, Umweltprobleme, Natur, Freundschaften und so weiter. Ein grandioses Programm, das leider viel zu wenig präsent ist und nur durch das große Engagement einiger weniger richtig am Leben erhalten wird. Das Besondere ist, dass in diesem Programm genau das passiert, was eigentlich passieren sollte, nämlich der direkte Kontakt auf Augenhöhe. Nicht wir reden über die Menschen woanders, wie das leider meistens der Fall ist, sondern die Menschen reden direkt miteinander. Betreut durch ExpertInnen auf beiden Seiten. Zwei Mal im Jahr, wenn die MitgliederInnen des Hope Theatre in Deutschland sind, treffen wir uns persönlich und tauschen uns aus. Natürlich hat das Projekt auch Probleme: es gibt kein Budget für die Schulen / Veranstalterinnen aus den anderen Ländern. Man benötigt einen Computer und einen Internetanschluss. Man muss sich vorbereiten und Interesse an den Menschen aus anderen Ländern entwickeln. Das ist in der deutschen Entwicklungspolitik noch etwas schwerfällig. Noch möchte man lieber seine Programme abspulen und über die Menschen dort sprechen als mit ihnen. Miteinander sprechen scheint überhaupt etwas zu sein, das mit Argwohn behandelt wird. Viel wichtiger sind Listen, übergeordnete Programme, Konzepte, Zielsetzungen und so weiter. Der Dialog auf Augenhöhe ist so ein Konzept-Titel, so ein Projekt. Dass der Dialog miteinander dazugehört und dass es durchaus sinnvoll ist, jungen Menschen aus Kenia, Mexiko, Brasilien, Südafrika etc. zuhören, zeigen die wunderbaren Ergebnisse des Chat der Welten mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen.

Auch in Bayern denkt man über die Menschenrechte nach. Karl-Heinz Rummenigge mahn Artikel 1 des Grundgesetzes an, weil die Medien ausnahmsweise den FC Bayern nicht in seinem Sinne berichterstattungsmäßig unterstützt haben. Das ist wirklich sehr mutig. Der FC Bayern, der regelmäßig Spieler aus anderen Vereinen rauskauft oder durch Angebote irritiert, um die Konkurrenz nicht stark werden zu lassen, deren beiden Bosse Karl-Heinz Rumginge und Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung – also Betrug an der Bevölkerung – rechtskräftig verurteilt wurden (Rummenigge ohne Gefängnisaufenthalt) und nichts desto trotz weiter gesellschaftliches Vorbild im Sport sein dürfen sind beleidigt, weil ihre Mannschaft kritisiert wird. Und sprechen von Menschenrechten. Also da gehört schon eine große Arroganz und Dreistigkeit dazu. Vor allem wenn man in Deutschland auf die Pressefreiheit verweist und gerne über andere redet. Herr Rummenigge hatte 2013 zwei goldene Rolex mitgebracht. Geschenke aus Katar im Wert etwa 100.000,- € für seine Sammlung. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um seine Menschenrechte und wünsche mir den FC Bayern in die 3. Liga. Die CSU und der FC Bayern waren mal ein Packerl. Es wird die Welt nicht retten, aber es tut gut, dass beide mal eine auf den selbstherrlichen Deckel bekommen haben. In anderen Ländern werden Journalisten ins Gefängnis geworfen, weil sie Betrug und Missstände aufzeigen, in Deutschland werden Journalisten beschimpft, weil sie schreiben, was jeder sehen konnte: das Bayern gerade nicht gewinnt. Zynischer geht’s kaum…

Ich bemühe mich, mit jährlicher privater Bezuschussung, den kontinuierlich für das Projekt arbeitenden Menschen in Kenia 200,- pro Monat zu zahlen, die Leute arbeiten das ganze Jahr, entwickeln Stücke zu relevanten Themen und spielen in Deutschland ausgebuchte Tourneen. Trotzdem rechnet sich das Projekt nicht, da afrikanisches Theater keine Lobby hat und der Sinn, Theater aus Afrika in Deutschland zu präsentieren, noch immer nicht wirklich verstanden wird. Fußball trägt offensichtlich mehr zur Völkerverständigung bei, vor allem zwischen Dakar und München. Auch das ist irgendwie traurig…

Der nächste Blog kommt aus den Beruflichen Schulen Heilbronn, die seit knapp 15 Jahren eine Austausch-Initiative mit einer kenianischen Schule haben…

viel Spaß beim Lesen wünscht das Hope Theatre Nairobi (ohne Rolex)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s